Die Stadt in der Steppe

Eine Ausstellung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Ägyptischen Staatssammlungen Berlin und München und des Stadtmuseums Ingolstadt

Karte des Sudans

9. April 1999 – 18. Juli 1999

(Stadtmuseum Ingolstadt)

Seit 1995 gräbt das Ägyptische Museum Berlin im Sudan die antike Stadt Naga aus. Sie war zeitgleich mit dem Ptolemäerreich und mit den römischen Kaisern ein halbes Jahrtausend eines der Zentren des Königreichs von Meroe, dem als südlichen Nachbarn Ägyptens eine Brückenfunktion zwischen Mittelmeerwelt und Afrika zukommt.

Vor dem Hintergrund eines Überblicks über fünf Jahrtausende antiker Geschichte des nubisch-sudanesischen Niltals, veranschaulicht durch Originale des Ägyptischen Museums Berlin, wird die aktuelle Grabungsarbeit dargestellt und gleichzeitig an den Berliner Ägyptologen Richard Lepsius erinnert, der vor 150 Jahren mit der Preußischen Ägypten-Sudan-Expedition den Anstoß zur Erforschung der terra incognita zwischen Assuan und Khartum gab.

Neolithikum 5. – 4. Jahrtausend v. Chr.

Die Geschichte des Sudan reicht bis ins 5. Jahrtausend vor Christus zurück. Lange Zeit galt das Hauptaugenmerk der Forschung der glanzvollen ägyptischen Geschichte. Erst in jüngster Zeit wurden Keramiken entdeckt, die eine hoch entwickelte Kultur voraussetzen und ein halbes Jahrtausend vor Ägypten datiert wird.

Kelchgefäß aus gebranntem Ton

Kelchgefäß aus gebranntem Ton, gefunden im Friedhof el-Kadada (Khartum, Nationalmuseum)

A-Gruppen-Kultur 3500 – 2800 v. Chr.

Der amerikanische Ägyptologe George Reisner prägte die Bezeichnung A-, B- und C-Gruppe für die frühen Etappen der Geschichte des Sudan. Anläßlich der Erhöhung des Assuan-Staudammes führte er Untersuchungen durch und benannte die von ihm entdeckten Kulturstufen in dieser heute noch gültigen Reihenfolge. Reisner war der Initiator des neuen Interesses an der sudanesischen Geschichte.

Hinter der A-Gruppe verbergen sich kleine Stammesgemeinschaften oder Fürstentümer, die eine wichtige Mittlerrolle zwischen Ägypten im Norden und den südlichen Kulturen. Diese Kultur lag nämlich an dem bedeutendem Handelsweg, auf dem kostbare Waren von Norden nach Süden transportiert wurden.

Keramik-Gruppe

Diese Keramik-Gruppe datiert aus der C-Gruppen Kultur (2300 –1600 v. Chr.), hergestellt aus gebranntem Ton, gefunden im Friedhof von Aniba (Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung)

C-Gruppen-Kultur 2300 – 1600 v. Chr.

Die C-Gruppe schließt sich an die A-Gruppen-Kultur an, eine B-Gruppe ließ sich nicht nachweisen. Entlang des oberen Niltales, zwischen dem 1. und 2. Katarakt, liegen die Fundstätten. Frühe Siedlungsplätze sind Sayala und Aniba (siehe Karte), die Häuser sind auf rundem Grundriß errichtet. Um 1600 v. Chr. entstehen große Dörfer mit teilweise Festungscharakter. Man nimmt an, daß die C-Gruppe enge Handelsverbindungen zu Ägypten hatte. Herausragende Qualität erreichte die Produktion von Keramik. Die typischen halbkugeligen Näpfe und Schüsseln mit ihrer linearen Ornamentik gehören zu den schönsten Arbeiten nubischen Kunsthandwerks.

Ägypten in Nubien, das Alte und Mittlere Reich 2600 – 1650 v. Chr.

Nubien, das Niltal südlich des Ersten Kataraktes, wird ab 2600 v. Chr. (Altes Reich) immer häufiger von ägyptischen Expeditionen heimgesucht. Spätestens mit der Etablierung einer starken, kriegerischen nubischen Kultur um die Stadt Kerma (siehe Karte) an der südlichen Grenze des ägyptischen Reiches änderte sich die Politik der Pharaonen. Das „Reich von Kusch“ gefährdete, so nannten es die Ägypter, die Grenze Ägyptens. Unter Sesostris I. (1970 – 1925 v. Chr.) entstehen zahlreiche Grenzfestungen, der Maginot-Linie vergleichbar, die sich durch die Wüste zogen. Es waren gigantische Bollwerke. In den Stromschnellen des 2. Kataraktes entstehen zwei weitere große Festungen: Semna und Kumma.

Das Ende der ägyptischen Herrschaft in Nubien kam, als die „Hirtenkönige“ aus Vorderasien die Herrschaft der Pharaonen entscheidend schwächten. „Kusch“, das Königreich von Kerma, nutzte den Rückzug Ägyptens. Funde aus und um Kerma belegen, daß nach der ägyptischen Besatzung eine Anpassung an die Kultur der ehemaligen Eroberer stattgefunden hat.

Stele des Königs Sesostris III. aus Semna

Stele des Königs Sesostris III. aus Semna

Tulpenbecher aus gebranntem Ton

Der Tulpenbecher aus gebranntem Ton stammt aus Kerma. Die rundbogige steilwandige Formen zeigen eine heruntergezogene schwarze Schmauchung. (Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung).

Königreich von Kerma 2500 – 1500 v. Chr.

Kerma ist bis heute die einzige große Stadt dieses Königreiches, die systematisch ausgegraben wurde. Die zutagetretende Struktur legt den Schluß nahe, daß es die Hauptstadt einer größeren, selbständigen Herrschaft war. Die ägyptischen Quellen nennen es „Kusch“. Die Fundstätten liegen zwischen drittem und viertem Katarakt.

Die Herrscher von Kusch blieben ein ganzes Jahrtausend und brachten ihr Reich zu großem Wohlstand. Als Beispiel sind hier die Keramiken genannt: Sie zeigen formale und herstellungstechnische Perfektion.

Kerma wurde vor allem im 19. Jahrhundert Mittelpunkt zahlreicher Nil-Reisen. Berühmt sind die großen Ruinenberge aus Nilschlamm, die Deffufas.

Ägypten in Nubien, das Neue Reich 1540 – 1075 v. Chr.

Das Neue Reich unter König Amosis kann sich der bedrohlichen Umklammerung durch die Hirtenkönige (Hyksos) im Norden und das Königreich von Kerma im Süden befreien. Nubien wird unterworfen, entlang des Nils, zwischen 1. und 5. Katarakt entstehen ägyptische Festungen, Siedlungen und Tempel, der berühmteste ist in Abusimbel (Tempel der Nefertari, der Lieblingsfrau von Ramses II.).

Die Quellen berichten von unsäglichem Kriegsgreuel anläßlich der Eroberung Ober- und Unternubiens. Wichtigstes Ergebnis dieser Eroberung: die Goldminen im Wadi Allaki. Die mörderischen Arbeitsbedingungen spiegeln sich in einem ägyptischen Sprichwort wieder: „Wenn ich lüge, schneide mir Nase und Ohren ab oder schicke mich nach Kusch.“ Nubien erfüllte für Ägypten wirtschaftliche Interessen, manifest im sogenannten Tribut: Gold, Elfenbein, edle Hölzer, Pantherfelle, Straußeneier, exotische Tiere.

Nach König Ramses II. zerfällt die ägyptische Oberhoheit über Nubien. Wieder sind es die innerpolitischen Probleme, die es den ägyptischen Königen unmöglich machen, den Süden des Reiches dauerhaft zu halten. Kuschitische Söldner waren immer wieder in Aufstände verwickelt, die schließlich das Neue Reich beendeten, die ägyptische Herrschaft über Nubien beendeten.

Tempelrelief aus Kalkstein

Das Tempelrelief aus Kalkstein stammt von Deir el-Bahari, dem Tempel der Hatschepsut. Er datiert um 1480 v. Chr. (Neues Reich, 18. Dynastie). Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung

In den Zusammenhang einer Festprozession, die auf den Wänden der oberen Terrasse des Hatschepsut-Tempels dargestellt war, gehört der Aufmarsch der Elitetruppen. Die Soldaten sind mit Pfeil und Bogen in der Rechten sowie mit einer Streitaxt in der Linken bewaffnet. Sie tragen eine kugelige, über dem Nacken gebauschte Perücke. Frisur, Hautfarbe und Waffen zeigen, daß sie Nubier sind.

Tempelrelief aus Sandstein

Das Tempelrelief aus Sandstein stammt aus Karnak und datiert 698 – 690 v. Chr. (Berlin, Ägyptische Staatssammlung und Papryrussammlung).

Es ist der Reliefblock der Königs Schebitqu. An der eng anliegenden Kuschitenkappe sitzen über der Stirn zwei Uräusschlangen, deren Leiber über dem Scheitel zum Hinterkopf laufen. Ein großer Ohrring hat die Form eines Widderkopfes. Einer der beiden Uräen ist nach dem Ende der Kuschitenzeit abgearbeitet worden, um die Darstellung wieder mit der traditionellen ägyptischen Königstracht in Einklang zu bringen. Der kuschitische Stil des Gesichts blieb von dieser Korrektur unberührt.

Kuschitische Dynastie

Die Könige vom Heiligen Berg eroberten im Sturm ein riesiges Gebiet um die Hauptstadt Napata unterhalb des vierten Kataraktes. Sie beherrschen das Niltal vom Zusammenfluß des Weißen und Blauen Nils (Nähe Khartum) bis zum Mittelmeer. Kein Staatswesen am mittleren Nil tritt so unerwartet ins Rampenlicht der Geschichte wie das Königreich von Napata. Wieder bezeichnen die ägyptischen Quellen dieses Staatswesen als Reich Kusch. Griechen nennen es Äthiopien, das Königreich der sonnenverbrannten Gesichter. Ursprung und Aufstieg aus einem unbekannten nubischen Stammesverband heraus zu einer hochentwickelten Herrschaft ägyptischen Zuschnittes bleiben ein Geheimnis.

Die napatanische Dynastie 650 – 310 v. Chr.

Dieses Reich zählt zu den rein nubisch-sudanesischen Herrschaften unter Ausschluß Ägyptens. Die Pyramiden der schwarzen Pharaonen ähneln den ägyptischen Vorbildern von Aniba (siehe Karte). Mehrere Stelen berichten von den Herrschaftsstrukturen der napatanischen Dynastie, darunter die Stele König Nastasens.

Stele des Königs Nastasen

Die Stele des Königs Nastasen, datiert 335 – 315 v. Chr., stammt ursprünglich wohl vom Gebel Barkal (Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung).

Die beidseitig beschriftete monumentale Stele Nastasens ist die letzte der großen napatanischen Königsstelen, auf denen die Herrscher in ägyptischer Sprache ihre Tätigkeitsberichte aufschreiben ließen.

Sprachgeschichtlich ist die Stele des Nastasen der letzte längere Text in ägyptischer Schrift und Sprache im napatanischen Reich, bevor das Meroitische zur Schriftsprache wurde.

Tempelfries

Tempelfries

Das Königreich von Meroe 310 v. Chr. – 350 n. Chr.

Das Königreich von Meroe schließt sich mehr oder weniger nahtlos an das napatanische an. Bereits vor 310 v. Chr. wurden Nekropolen um die künftige Hauptstadt Meroe angelegt. Das Reich hatte eine Längenausdehnung von 2000 Kilometern. Die Herrscher waren gezwungen, die „Stützpunkte“ seines Reiches nacheinander aufzusuchen. Auf der Krönungsreise wurden die Tempel des Landes besucht. Diese hatten neben religiöser Funktion die Aufgabe, die staatliche Allmacht zu repräsentieren. Mit der Verlagerung der Residenz von Napata nilaufwärts nach Meroe war keine Verringerung des Reiches verbunden, im Gegenteil. Meroe wird zum unmittelbaren Nachbarn des Ptolemäerreiches und des römischen Reiches.

Goldschatz der Königin Amanischacheto

Die Pyramiden des Friedhofes von Meroe bargen eine Sensation: der Goldschmuck der Königin Amanischacheto.

Siegelring

Siegelring

Relieffragment aus bemaltem Stuck

Relieffragment aus bemaltem Stuck und vergoldet aus Wad ben Naga, Khartum Nationalmuseum.

Die Darstellung der Königin Amanischacheto zeigt sie als Herrscherin. Über der Stirn ist neben den Geierkopf die Uräusschlange gesetzt. Die Königin hält mit beiden Händen einen Schmuckkragen.

Die Stadt in der Steppe: NAGA

Der Feldzug Napoleons nach Ägypten bewirkte eine wahre Renaissance des Interesses an der ägyptischen Geschichte. Das indirekte Ergebnis der militärischen Eroberung des Sudan durch Ismail Pascha. Manche Europäer quittierten den Militärdienst und widmeten sich den Altertümern. Adolphe Linant de Bellefonds entdeckte als erster 1822 in der Butana-Steppe östlich des Nils die antike Stadt Naga. Fürst Hermann von Pückler Muskau beschreibt seinen Aufenthalt in Naga sehr drastisch: „Tödliche Ermüdung, 35 Grad im Schatten des Tempels und brennender Kopfschmerz … dazu statt stärkender Nahrung nicht mehr als schwarzes Wasser aus den stinkenden Schläuchen“.

Lepsius: Die Stadt Naga

Lepsius: Die Stadt Naga

Widderallee vor dem Tempel des Amun

Widderallee vor dem Tempel des Amun

Eine wissenschaftliche Erforschung erfährt die Stadt Naga durch Richard Lepsius, der im Jahre 1844 in Naga eintrifft. Die politische Lage im Sudan verhinderte eine kontinuierliche Arbeit für ein halbes Jahrhundert.

1994 beginnt erneut – 150 Jahre nach Richard Lespius – eine wissenschaftliche Delegation aus Berlin mit der flächendeckenden Ausgrabung in Naga.

Löwentempel, Römischer Kiosk und Amun-Tempel mit seiner imposanten Widder-Allee stehen im Mittelpunkt der Ausstellung in Ingolstadt.

Weitere Informationen:

Externer LinkKurt Scheuerer – Die Stadt in der Steppe

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