Konrad Kyeser – ein bayerischer Leonardo da Vinci

Eine Ausstellung des Stadtarchivs Ingolstadt in Zusammenarbeit mit Herrn Helmut Mahr

Konrad Kyeser „in schlichter Hausbluse“

13. September – 30. November 2003

Öffnungszeiten:
Di. – Fr. 9.00 – 17.00 Uhr
Sa. 10.00 – 17.00 Uhr
So. 10.00 – 17.00 Uhr

Konrad Kyeser, 1366 in Eichstätt geboren, war der erste namhafte Autor, der nördlich der Alpen die überlieferte technische Tradition vor allem militärischer Nutzanwendungen mit lateinischen Texten handbuchartig zusammenfasste und möglicherweise auch um eigene Erfindungen und utopische Vorschläge bereicherte.
Mit seinem Bellifortis hat Konrad Kyeser die wohl bekannteste militärwissenschaftliche Bilderhandschrift des Spätmittelalters vorgelegt, die nicht nur vielfach abgeschrieben und nachgeahmt wurde, sondern auch spätere gleichartige Werke stark beeinflusst hat.

Die Ausstellung widmet sich Leben und vor allen den Erfindungen dieses „bayerischen da Vinci“.

Wer kennt bei uns schon Konrad Kyeser?

Der römische Gott Janus hatte zwei Gesichter. Als Schützer des Übergangs von einem Zustand zum anderen blickte er mit einem Gesicht in die Vergangenheit, mit dem anderen in die Zukunft. Genau so könnte man auch das Wirken Kyesers beschreiben. Wir wissen wenig über sein Leben, vieles ist noch unbekannt.
Er wurde am 28. August 1366 in Eichstätt geboren. Aus seinem Werk erschließt sich eine klassische Bildung. Das Fundament dazu legte er wohl in einer Lateinschule in Eichstätt. Latein war damals Voraussetzung für ein Studium, für ihn wohl das der Medizin, wahrscheinlich an einer Universität in Italien. Vermutlich war er dort auch in diplomatischen Diensten tätig. 1396 nahm er an der Schlacht von Nikopol gegen die Türken teil. Zwischen 1402 und 1405 stellte er sein Werk „Bellifortis“ („Der Kriegsstarke“) zusammen, das er am 23. Juni 1405 König Ruprecht von der Pfalz widmete. Als erste technische und kriegstechnische Handschrift in Deutschland wurde es im Laufe der Zeit ein europäischer Bestseller mit vielen Abschriften, die sich aber zum Teil in Aufbau, Text und Bebilderung durch zeitgenössische Erweiterung von Kyesers ursprünglicher Fassung unterschieden, seinen zugkräftigen Titel jedoch beibehielten. Die Auswirkungen dieses Werkes reichen weit. Kyesers Spuren finden sich noch in technischen und kriegstechnischen Werken des 17. und 18. Jahrhunderts. Sein Werk zeigt zwar nicht das technische Wissen seiner Zeit, denn Kyeser war kein Techniker. Er übernahm aber selektiv Kenntnisse aus der Vorzeit bis hin zu Vitruvs „De architectura“ aus der Zeit des Kaisers Augustus und zeigte in verschiedenen Bereichen eine bemerkenswerte Weitsicht für die Zukunft. So nimmt er z.B. einen Taucher- und Kampfschwimmeranzug unserer Zeit vorweg, den er lange vor Leonardo da Vinci beschreibt, der bis heute aber als dessen Erfindung gilt.

Dampfbadeanstalt gegen Krankheiten

Dampfbadeanstalt gegen Krankheiten
Keuschheitsgürtel „Dies ist ein Schurz florentinischer Damen, eisern und hart, von innen her sei er aufschließbar“ Schneereifen Luftschwimmgürtel Aufzug mit Windradantrieb
Hebebühne („hebbare Ebenhöhe“)

Schiff mit Radantrieb

Allgemeiner Nutzungsbereich

Eine Reihe von Hinweisen, dazu ärztliche Rezepte gegen verschiedene Leiden, lassen auf fundierte medizinische Kenntnisse Kyesers schließen. Die im Bellifortis dargestellten Badehäuser beispielsweise wurden aber nicht nur der Gesundheitsvorsorge oder Leidenslinderung wegen, sondern darüber hinaus auch als mannigfaltige allgemeine Vergnügungsstätten genutzt.
Ende des 15. Jhs. machte die aus Amerika eingeschleppte Syphilis dieser üppigen Badekultur ein Ende.
Neben mancherlei praktischen Dingen wie Schwimmwesten oder Schneeschuhen finden sich in Kyesers Werk auch einige Kuriositäten wie etwa ein Spielbrunnen, ein Aufzug mit Windradantrieb oder die Abbildung eines Keuschheitsgürtels.
Als Beispiele für durchaus weitsichtige praktische Anwendungen kann man die Darstellungen eines Radschiffes und einer Hebebühne nennen.
Der Gedanke und der Wunsch, mit Schiffen gegen den Wind und die Strömung fahren zu können, bestand schon lange vor der Zeit Kyesers und wurde von diesem erneut aufgegriffen.
Mit der Technik einer Spindel, nach dem Prinzip einer auf den Kopf gestellten Traubenpresse, beschreibt Kyeser auch eine Art Hebebühne, die einen Turm der Höhe nach verstellbar machen soll.

Militärischer Nutzungsbereich

Schleudern, obwohl zur Entstehungszeit der Handschrift kaum noch in Gebrauch, werden im Bellifortis genauso überliefert wie die furchterregende und mauerbrechende „Wunderwaffe“ des Mittelalters, die Wurfmaschine (Blide).
Zukunftsweisend sind dem gegenüber aber auch Gerätschaften und Fahrzeuge, wie etwa Kampfwägen, Feuerwaffen und Raketen dargestellt, deren tatsächliche Realisierung teilweise erst Jahrhunderte später mit der Erfindung und Entwicklung von Motoren und Triebwerken möglich wurde. Der Einsatz und die Wirkung von Feuer und Licht bilden einen weiteren Schwerpunkt in den Aufzeichnungen.

Feuerwaffen: Abfeuern eines Handrohres

Wurfmaschine („große Blide“)
Königin von Saba, Kostümbild Beispiel der Planetenbilder

Kyesers „Bellifortis“ als kostümgeschichtliche Quelle

Das Werk präsentiert sich auch als eine ergiebige Fundgrube für die Kostümkunde.
Zahlreiche Illustrationen wie „Königin von Saba“ oder die Planetenbilder zeigen eine Fülle von Details der Kleidung ihrer Zeit, wie sie wohl in höfischer Gesellschaft getragen wurde.

Weitere Forschung nötig

Konrad Kyeser war ein Mann, der zu seiner Zeit in vielen europäischen Ländern großes Ansehen hatte. In Frankreich z.B. erinnert im Museum der Burg Castelnaud an der Dordogne eine Inschrift an ihn.
„Konrad Kyeser, 1366 in Eichstätt im Süden Deutschlands geboren, zwischen München und Nürnberg, hat uns ein bedeutendes Werk über die Kriegs- und Belagerungskunst hinterlassen, das während des 15. Jahrhunderts häufig abgeschrieben wurde. …“
Hierzulande hingegen ist Kyeser kaum bekannt. Eine tiefergehende Forschung zur Person, seinem Werk und die davon ausgehende Wirkung steht bei uns bisher leider noch aus.
Allein die Existenz verschiedener Ausgaben und die teilweise erheblich voneinander abweichenden Interpretationen, beginnend schon beim lateinischen Originaltext, machen dies deutlich.

Erst die modernen Antriebsmittel ließen viele weitere Ideen Kyesers zur Wirklichkeit werden. Seine Rezepte aus Medizin und Chemie sind in ihrer Herkunft und Brauchbarkeit noch kaum erforscht, wie auch sonst seine Quellen und Nachwirkungen trotz einiger Ansätze noch weitgehend im Dunkeln liegen.
Die „Bellifortis“ genannte und 1405 entstandene Handschrift umfasst 10 Kapitel:

  • die Wagen
  • die Belagerungsgeräte
  • die hydraulischen Maschinen
  • die Hebemaschinen
  • die Feuerwaffen
  • die Verteidigungswaffen
  • die wunderbaren Geheimnisse
  • das Feuerwerk für den Krieg
  • Lustfeuerwerk
  • Hilfsmittel und Geräte für die Arbeit

Viele der beschriebenen und dargestellten Gerätschaften, Fahrzeuge, Maschinen und Hilfsmittel gehen über die militärtechnischen Nutzungsmöglichkeiten weit hinaus oder sind gar ausschließlich für eine zivile Anwendung ausgelegt. Eigene Erfindungen, Kuriositäten, prunkvolle Illustrationen und auch utopisch zu nennende Vorschläge bereichern das Werk.

Ein Ziel der Ausstellung ist es, die Vielfältigkeit dieses Werkes herauszustellen.

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