Schöner Schein

Schmuck des 19. Jahrhunderts

Titelbild der Ausstellung „Schöner Schein“

28. Oktober 2007 – 3. Februar 2008

(Stadtmuseum im Kavalier Hepp)

1767 ist das Geburtsjahr der Pforzheimer Traditionsindustrien. Mitte des 19. Jahrhunderts stieg Pforzheim zum Zentrum der deutschen Schmuckindustrie auf. Die Ausstellung beleuchtet das Schmuckschaffen in dieser Zeit bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.
Damals nahmen Fabrikanten erfolgreich an den großen Weltausstellungen teil. Mit ihrem zeittypischen Dekor und der für den Historismus typischen Vielfalt an Stilelementen trafen sie den Geschmack der internationalen Kundschaft.

Zahlreiche Exponate sind im archäologisch-historisierenden Stil. Darüber hinaus umfasst das Spektrum unter anderem auch Stücke aus dem zweiten und dritten Rokoko oder der Neorenaissance.

Der Herstellung des Schmucks, vielmehr der Art seiner Herstellung, waren seit dem späten 18. Jahrhundert wesentliche Neuerungen vorausgegangen. Serielle und damit preisgünstigere Produktion war möglich geworden. Hinzu kam die oft sparsame Verwendung wertvoller Materialien, so dass Schmuck auch den „kleinen Leuten“ zur Verfügung stand. Zudem waren Privilegien gebrochen, es gab keine einschränkenden Vorschriften oder Kleider- und Schmuckordnungen mehr. Infolgedessen trug, wer es sich leisten konnte, den Schmuck, der ihm gefiel.

Bildergalerie

Kreuzfibel Bernsteincollier Schmuckstück aus der archäologischen Sammlung Schmuckstück aus der archäologischen Sammlung Schmuckstück aus der archäologischen Sammlung
Schmuckstück aus der archäologischen Sammlung Schmuckstück aus der archäologischen Sammlung Schmuckstück aus der archäologischen Sammlung Schmuckstück aus der archäologischen Sammlung Schmuckstück aus der archäologischen Sammlung
Schmuckstück, 19. Jahrhundert Schmuckstück, 19. Jahrhundert Trachtenschmuck Trachtenschmuck Schmuckstück, 19. Jahrhundert
Schmuckstück, 19. Jahrhundert Schmuckstück, 19. Jahrhundert Schmuckstück, 19. Jahrhundert Schmuckstück, 19. Jahrhundert Schmuckstück, 19. Jahrhundert
Schmuckstück, 19. Jahrhundert Schmuckstück, 19. Jahrhundert Schmuckstück, 19. Jahrhundert Schmuckstück, 19. Jahrhundert Schmuckstück, 19. Jahrhundert
Schmuckstück, 19. Jahrhundert Schmuckstück, 19. Jahrhundert Schmuckstück, 19. Jahrhundert Schmuckstück, 19. Jahrhundert Schmuckstück, 19. Jahrhundert
Schmuckstück, 19. Jahrhundert Ausstellungsraum Ausstellungsraum Ausstellungsraum Ausstellungsraum

Wie alles begann

Bereits in den Anfängen der Menschheit ist die Verwendung von Muscheln als Schmuck nachweisbar, nach neuesten Forschungen bereits vor 100.000.

In der Altsteinzeit ist Halsschmuck in Form von einfachen wie mehrgliedrigen Halsketten belegt. Gefertigt wurden sie aus Muschel- und Schneckengehäusen, Tierzähnen, Fischwirbeln und Perlen. Anhänger waren aus Knochen, Steinen und auch bereits aus Bernstein gearbeitet.

Kreuzfibel von Ingolstadt, 8. Jahrhundert

Die Verarbeitungsmöglichkeiten von Kupfer und Bronze verbreiterten die „Produktpalette“ um unzählige Varianten: Spiralröllchen, Plättchen, Metallperlen, Ringe und Scheiben wurden verarbeitet.

Die Verwendung von organischen Stoffen wie Tierzähne oder auch Bernstein ging dabei zurück. In der vorchristlichen Zeit war Schmuck neben anderen Gegenständen auch Grabbeigabe.

Funde aus Etting bei Ingolstadt

Die Metallverarbeitung in der Bronzezeit und die Kenntnis der Glasherstellung führten zu entscheidenden Weiterentwicklungen und Veränderungen der Lebensweise. Schmuck und seine Symbolik wurde zum Zeichen von Rang und Würde, kennzeichnete Stammes- und Standeszugehörigkeit.

Die Verarbeitung von kostbaren Materialien definierte den Schmuck als einen Wertgegenstand, der bei Tauschgeschäft verwendet wurde.

Die Methoden der Verarbeitung reichten von den einfachen wie Ausglühen, Prägen und Treiben von Goldblechen bis hin zu den heute noch gebräuchlichen Techniken wie Gravur, Filigrantechnik, Granulation, Gieß-, Zellentechnik und Emaillierung.

1996 fanden die bayerischen Archäologen bei Ingolstadt an der Donau ein Gefäß mit frühmittelbronzezeitlichen Beinspiralen aus Bronzeblech und dazu etwa 2800 Bernsteinperlen. Es waren meist kleine scheibenförmige und zylindrische Stücke, darunter über 400 Fragmente. Dazu kamen über 80 Perlen zwischen 1 und 4 cm Größe. Ein Einzelstück hatte 5 cm Durchmesser. Das Gefäß war am Rande eines morastigen Bachüberganges vergraben worden. An eine bewusste Deponierung ist durchaus zu denken.

Bernsteincollier Bernsteincollier

Schmuckgeschichte

Die Germanen entwickelten im 4. und 5. Jahrhundert aus ihrer eigenen und der byzantinischen Tradition Formen und Techniken zu einer neuen eigenständigen Schmuckkunst. Sie verwendeten Almandin, Sardonyx und Glaspaste. Die nordgermanischen und ostgotischen Fibeln wurden an den Schultern getragen, die alamannischen dienten zum Schließen des Rockes. Die fränkischen Goldscheibenfibeln waren filigran gearbeitet und mit Perlmutt und Glaspaste verziert.

Das hohe Mittelalter war wenig schmuckfreudig. Nur Fingerringe hatten eine gewisse Bedeutung. Die Goldschmiedkunst des Mittelalters widmete sich vornehmlich den kirchlichen Aufträgen Dienste. Repräsentativen weltlichen Schmuck besaßen nur wenige hohe und höchste Persönlichkeiten. Im späten 14. Jahrhundert. blühte in Italien und Burgund eine neue Luxusgesellschaft und mit ihr auch eine neue Schmuckkultur auf.

Im 14. Jahrhundert begann das Bürgertum angesichts seiner wachsenden Bedeutung im Wirtschaftsgefüge eine Vorliebe für Schönheit und Luxus zu entwickeln. In der Hoch- und Spätgotik spielten figürliche und glasüberschmolzene Motive (émail en ronde bosse) eine hervorragende Rolle. Goldschmiede gewannen als Künstler an Ansehen und bildeten eigene Zünfte. Bis zum 16. Jahrhundert sind dünne Halsbänder aus Golddraht und Perlen, später zumeist mit Anhänger, kunstvoll ausgestaltete Gürtelschließen, massige, überall mit Inschriften bedeckte Ringe bzw. Ringbroschen und Hutbatzel mit Broschen die charakteristischen Kompositionen.

In der Renaissance wurden klassische Kunstformen und Denkmethoden, die Antike wiederentdeckt. Goldschmiede bedienten neben ihren fürstlichen Auftraggeber auch andere Gesellschaftsschichten. Seit der Antike zeigten sich Kleidung und Schmuck erstmals wieder in lebhafter Wechselwirkung. Kupferstiche dienten der Verbreitung von Entwürfen bedeutender Künstler wie Dürer und Holbein als Muster oder Anregung. Zeitgenössische Künstler errangen erstmalig hohes Ansehen.

Venedig war in der Renaissance das Zentrum des Handels mit Perlen und Edelsteinen und führte auf dem Sektor der Glasherstellung. Im späten 16. Jahrhundert nahm der Trend zum pompösen und übertriebenen Luxus zu, Imitate gewannen an Popularität. Es folgte eine Blütezeit des gesamten Kunstgewerbes, bei steigendem Wohlstand stieg die Nachfrage nach solchen Erzeugnissen.

Im Kunsthandwerk kennzeichnet der Barock den Übergang von der strengen Ordnung zur Gelöstheit, von der architektonischen Formgebung der Renaissance zur eher malerisch großzügigen Verarbeitung des Materials. Silber beginnt sich als Material für Gebrauchsgegenstände durchzusetzen. Die Formen werden schlichter und zeitloser, der Repräsentationszweck tritt bei diesen Geräten in den Hintergrund.
Die Schmuckherstellung wurde sehr stark von Frankreich beeinflusst und löste damit die spanische Mode ab.
In der napoleonischen Zeit um 1800 entstand im Rahmen klassizistischer Wert- und Formvorstellungen ein neuer Schmuckluxus. Einfache und doch wirkungsvolle Formen wurden bevorzugt. In Italien erlebte die Steinschneidekunst eine neue Blüte.
Trauer- und Gedenkschmuck, der bereits im 18. Jahrhundert in England üblich war, findet sich auch in anderen Ländern Europas.

Musterbuch-Blatt: „Moderne Skizzen für montierten und couranten Gold- und Silberschmuck“

Schmuckformen des Historismus

Historismus ist eine Sammelbezeichnung für die im 19. Jahrhundert weit verbreitete Nachahmung früherer, historischer, Stile. Vor dem Hintergrund der gewaltigen politischen Umwälzungen des ausgehenden 18. Jahrhunderts, Französische Revolution, Napoleonische Kriege oder Victorianische Ära, begann ein wirtschaftlicher Wettkampf in einem freigewordenen Welthandel, setzte die industrielle Revolution und die Kolonialisierungsbestrebungen völlig neue Akzente im künstlerischen wie kreativen Bereich.

Der Schmuck des Historismus besitzt viele Facetten: Am Anfang des 19. Jahrhunderts beherrschte die griechische Kunst Mode und Schmuck. Es folgte der gotische Stil vor, parallel werden das Rokoko und die Renaissance modern.

Die Eröffnung des Suezkanals im Jahr 1869 führt die ägyptische Kunst wieder ins Bewusstsein: in der Musik, der Mode, der Literatur, der Kunst und im Schmuck.

Der Hang zu mittelalterliche Lebensformen ließ Farben wieder en vogue erscheinen. Kopierte Halbedelsteine fanden sich auf naturalistischen Motiven wie Weinranken, Trauben, Blumen, Käfer und Vögelchen.

Musterbuch-Blatt: „Moderne Skizzen für montierten und couranten Gold- und Silberschmuck“

Die Mode wurde vor allem vom Pariser Hof Napoleons III. und der Kaisern Eugénie nachhaltig geprägt. Prunk und Pracht kennzeichnen diese Zeit. Der Juwelier Louis Francois Cartier lieferte der französischen Kaiserin Schmuck im Stile des Louis XVI.
Der Kundenkreis der Juweliere hatte sich erweitert: Adel, wohlhabendes Bürgertum, reiche Industrielle verlangten nach repräsentativen Objekten: Schmuck, Hausrat, Tischdekorationen wie Tischaufsätze, Becher, Pokale und Kannen.

Die Hersteller wetteiferten um neue Ideen. Sie suchten nach neuen Werkstoffen und Techniken und produzierten Schmuck in maschineller Herstellung. Die Präge- und Pressverfahren wurden deutlich verbessert, seit 1850  große Mengen an Schmuckstücken in kürzester Zeit ausgestanzt. Elkington und Wright verfeinerten die Galvanotechnik, die alle Unterschiede zwischen Goldfilm und echtem Goldblech verwischte. Der Mittelstand profitierte von dieser Entwicklung und gehörte zum Kundenkreis zeitgenössischer Schmuckstücke.

In dieser Zeit produzierte die Berliner Gußeisenfabrik feingearbeitete, mattschwarze Schmuckstücke. Diese Produkte erlebten eine ungeahnte Blütezeit, als es auf dem Höhepunkt der Freiheitskrieg 1813 für deutsche Patrioten selbstverständlich war, ihre kostbaren Juwelen zu spenden und im Gegenzug dunkle Kameen und Medaillen zu erhalten. Der Stahlschmuck wurde ab 1830 größtenteils maschinell gefertigt.

Der Schmuck zeigte im 19. Jahrhundert jene eigene Individualität, die sich in flüchtigen Modeerscheinungen zeigte. In immer kürzer werden Abständen kamen und gingen Stilrichtungen, suchte die Schmuckindustrie nach neuen Materialien und Herstellungsverfahren, reagierte auf Trends schnell. Imitate von Echtschmuck waren beliebt, ebenso einfache Materialien wie Jett oder Koralle.

Tragebeispiel: Schmuck im Historismus Tragebeispiel: Schmuck im Historismus

Neu war zudem der dritte Zweig, die Massenproduktionen von z. B. billigen Blechbroschen aus dünnem Blech. Modeschmuck wurde in den Juwelierläden akzeptiert, die Innovationen des 18. und 19. Jahrhunderts ebneten neuen Bijouterien den Weg hin zum Fantasie- und Designerschmuck. Neue Materialien wie Kunststoff (seit 1855), Gummi (seit 1826) und Aluminium (seit 1827) erweiterten das Spektrum der Formen.

Schmuckproduktion in Pforzheim

Nach Beginn der Schmuckfertigung hatten in Pforzheim bis 1848 Großbetriebe vorgeherrscht, denen Heimarbeiter zulieferten. Sie erhielten für ihre Erzeugnisse einen bestimmten Preis, und der Betrieb regelte den Absatz. Mit Aufkommen des Kreditwesens entstanden danach zunehmend Klein- und Mittelbetriebe, die frei untereinander konkurrierten. Sie erhielten einerseits Unterstützung durch neue Großhändler und Exporteure, die Sortimente zusammenstellten und die Absatzchancen erkundeten. Bereits in den 1860er Jahren florierte der Handel innerhalb Europas, außerdem waren Länder wie Mexiko, Südafrika oder der Orient als Absatzgebiete hinzugekommen. Durch den Ausbau der Bahn gelangten andererseits mehr Käufer in die Stadt, an die man direkt verkaufen konnte. Hinzu kamen Verbesserung und Differenzierung der Produktion. Es entstanden zahlreiche Betriebe, die sich auf die Herstellung eines oder nur weniger Artikel spezialisierten, beispielsweise Email- und Etuifabriken, Fasser- und Juwelierbetriebe oder Scheideanstalten. Durch Erfindungen in der Maschinentechnik und vermehrten Einsatz von Maschinen wurden zudem neue Produktionstechniken möglich. Das spiegelt sich auch in den Zahlen wieder. Gab es 1850 erst 22 Betriebe mit 1.157 Arbeitern, waren es 1873 trotz wiederholter Rückschläge bereits 425 mit 7.841 Beschäftigten.

Der Börsenkrach in Wien setzte dem 1873 zunächst ein Ende. Danach entwickelte sich Pforzheim jedoch bis zur Jahrhundertwende zum Lieferanten für die ganze Welt. Man knüpfte an die begonnenen Entwicklungen an, war im künstlerischen Bereich kreativ und stellte sowohl Massen- und Maschinenschmuck als auch individuellen, manuell gefertigten Einzelschmuck her. In Bezug auf die maschinelle Fertigung hatte die Doubléherstellung eine enorme Bedeutung. Hatte Paris zuvor Pforzheim darin überholt, waren die Schwarzwälder nun wiederum auf dem Vormarsch. Sie stellten kurzerhand besseres, feineres Doublé her. Statt Bronze oder Tombak als Träger für Gold nahmen sie Silber. Diese mancherorts so genannte „vergoldete Silberware“, von der ebenfalls Stücke in der Ausstellung zu sehen sind, nahm die Kundschaft begeistert auf. Ab den 1890er Jahren kam außerdem die Fertigung von Doublédraht hinzu.

Allerdings ist in dieser Zeit kaum Kontinuität einzelner Unternehmen zu verzeichnen. Vielmehr war es ein ständiger Wechsel von Schließungen und Neugründungen.

Eine Ausstellung des Stadtmuseums Ingolstadt in Zusammenarbeit mit dem Schmuckmuseum Pforzheim im Reuchlinhaus und dem Förderverein des Stadtmuseums e. V.

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