Marieluise Fleißer: Eine Chronik 1901 – 1974

1901

Marieluise Fleißer wird am 22. (23., so ihre Selbstauskunft) November in Ingolstadt geboren. Sie ist die zweite Tochter des Zeugschmieds und Eisenwarenhändlers Heinrich Fleißer und seiner Frau Anna, geb. Schmidt. Sie wächst mit drei Schwestern und einem Bruder auf.
1923 kommt eine Stiefschwester hinzu.

1907

Eintritt in die Volksschule. Vier Jahre später Übertritt in die Töchterschule des Klosters St. Johann im Gnadenthal. Beide Schulen liegen wie Elternhaus und Werkstatt in der Kupferstraße

1914

Übersiedelung ins Klösterliche Internat nach Regensburg zum Besuch des Realgymnasiums der Englischen Fräulein, da Mädchen in Ingolstadt noch nicht Abitur machen dürfen.

1918

Tod der Mutter

1920

Abitur, anschließend Immatrikulation an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Studienfächer sind Deutsche Philologie, mit Schwerpunkt Dramaturgie. Sie belegt Veranstaltungen bei Artur Kutscher, Franz Muncker und Heinrich Wölfflin. Freundschaft mit dem Luxemburger Kommilitonen, Weltenbummler und Schriftsteller Alexander Weicker, genannt Jappes.

1922

Bekanntschaft mit Lion Feuchtwanger.

1923

Am 3. März erscheint ihre erste Publikation, die Erzählung Meine Zwillingsschwester Olga in der Zeitschrift Das Tagebuch von Stefan Grossmann (spätere Fassung unter dem Titel: Die Dreizehnjährigen)

1924

März: Nachhaltiger Eindruck durch den Besuch der Generalprobe von Brecht/Feuchtwangers Bearbeitung von Christopher Marlowes
Leben Eduards des Zweiten in den Münchner Kammerspielen.
Sommer: Rückkehr nach Ingolstadt ohne Studienabschluss. Arbeit am ersten Stück Die Fußwaschung

1925

Anfang: Kontakt mit Alfred Kerr vom Berliner Tageblatt, im Sommer mit Bernard Guillemin von der Magdeburgischen Zeitung. Seither rege Publikationstätigkeit in diesen Feuilletons.

25. April: durch Vermittlung von Bertolt Brecht Uraufführung von Fegefeuer in Ingolstadt (früherer Titel: Die Fußwaschung) als Sonntagsmatinée der Jungen Bühne von Moriz Seeler am Deutschen Theater Berlin. Rentenvertrag mit dem Ullstein Verlag.

Im Herbst Besuch(e?) bei Brecht in Augsburg, Gespräche über das Lustspiel Pioniere in Ingolstadt. Ende des Jahres Abschluss des Stückes. Zunehmende Aufmerksamkeit durch Lesungen und Würdigungen im Rundfunk und im Feuilleton. Häufige Teilnahme an Feuilleton-Umfragen.

1927

Im Frühjahr einige Wochen in Berlin.
17. April: Abenteuer aus dem Englischen Garten in der Osterbeilage des Berliner Tageblatt. Freundschaft mit Hannes Küpper. Juni bis September Aufenthalt in Kolberg, danach in München und Ingolstadt.
Geplante Aufführugen der Pioniere in München, Essen und Kassel kommen nicht zustande.

1928

30. März: Premiere der Pioniere in Ingolstadt am Theater am Schiffbauerdamm in Berlin unter maßgeblicher Regiebeteiligung von Brecht. Zustimmende bis begeisterte Reaktion der anspruchsvollen Feuilletons, Verrisse durch konservative, rechtslastige und berlinfeindliche Zeitungen.
Zensureingriffe durch Polizeibehörden. Protest des Oberbürgermeisters von Ingolstadt gegen die Verunglimpfung der Stadt. Im anschließenden Prozess gewinnt Fleißer eine Beleidigungsklage gegen den Ingolstädter Oberbürgermeister.
Erhöhung des Rentenvertrages, große Nachfrage nach Geschichten und neuen Stücken. Verstimmung mit Brecht, Bekanntschaft mit dem rechtskonservativen Publizisten Hellmut Draws-Tychsen. Durch ihn radikaler Bruch mit Brecht und dem alten Freundeskreis.

Juni: Das erste Buch Ein Pfund Orangen und neun andere Geschichten der Marieluise Fleißer aus Ingolstadt erscheint bei Gustav Kiepenheuer in Berlin. Lösung der Verlobung mit Bepp Haindl, im August: Reise mit Draws-Tychsen nach Schweden. Von dort Bekanntgabe ihrer Verlobung. Arbeit an einem neuen Stück Der Tiefseefisch.

Mitte September Pioniere in Ingolstadt am Schillertheater in Altona.

1930

Lesungen aus Der Tiefseefisch im Rundfunk und in literarischen Gesellschaften. Teildruck im Berliner Börsen-Courier. Dreimonatige Reise mit Draws-Tychsen nach Andorra. Reisebericht in Feuilletons.
September: Ablehnung des Stückes durch den Bühnenvertrieb Arcadia (Ullstein).
Rentenvertrag für ein Jahr mit dem Kiepenheuer Verlag. Sie schreibt die Mehlreisende Frieda Geier.

1931

November: Mehlreisende Frieda Geier. Ronan vom Rauchen, Sporteln, Lieben und Verkaufen erscheint bei Gustav Kiepenheuer in Berlin.

1932

Wirtschaftliche Not durch ausbeuterische Praktiken Draws-Tychsens. Unerträgliche Spannungen in der Beziehung, Nervenkrise. Rückkehr nach Ingolstadt.

Herbst: Der Novellenband Andorranische Abenteuer erscheint als vorerst letztes Buch (bis 1963). Die Lösung von Draws-Tychsen gelingt nicht.

1933

Juni: vorrübergehende Rückkehr nach Berlin. Aus diesem Jahr sind nur die Erzählungen Frigid und eine erste Fassung von Schlagschatten Kleist erhalten.

1934

In Ingolstadt, mit Abschreibearbeiten für Draws-Tychsen überlastet.

Juni bis Dezember: Bekanntschaft mit dem Lehrer und Zeichner Georg Hetzelein aus Regelsbach (Franken), der auf Fleißers Briefe mit Zeichnungen, überwiegend wortlosen erotischen Bildbriefen, antwortet. Die Beziehung endet für Marieluise Fleißer enttäuschend.
Literarische Verarbeitung in Die Lawine und Die Versuchung des Neptun.
Endgültige Trennung von Draws-Tychsen. Distanz zum bisherigen Werk. Verlust der eigenen Stilsicherheit.

1935

Heirat mit Bepp Haindl. Letzte Publikationen für viele Jahre.

1937

Erste Fassung des Dramas Karl Stuart.

1938

Da Marieluise Fleißer als Hauptberuf Geschäftsfrau angibt, wird sie aus der Pflichtmitgliedschaft der Reichsschrifttumskammer entlassen, mit der Option, jederzeit für Publikationen einen Befreiungsschein zu erhalten. Erster Befreiungsschein für das Drama Karl Stuar.
August: Nervenzusammenbruch und Klinikaufenthalt. Permanente Weiterarbeit an Karl Stuar.
Der Befreiungsschein wird 1942 und 1944 erneuert.

1943

Kriegseinsatz als Hilfsarbeiterin im Heereszeugamt in Ingolstadt. Infolge der Überlastung treten wieder nervöse Störungen auf. Es gelingt ihrem Mann, sie vom Kriegseinsatz zu befreien.

1944

Vertrag mit dem Zinnen-Verlag, München über Karl Stuar, 5. Fassung.

1945

Sommer: kurzfristige Verhaftung durch die Militärbehörden wegen angeblichen Schwarzhandels mit Zigaretten.
Heimkehr Bepp Haindls aus dem Krieg. Volksstück Der starke Stamm. In den folgenden Jahren abschlägige Antworten Fleißers auf zahlreiche Anfragen nach Beiträgen von Feuilletons und Verlagen.

1947

Reise nach Berlin zum gesamtdeutschen Schriftstellerkongress. Wiederbegegnung u. a. mit Richard Friedenthal und Herbert Ihering.

1949

Erzählungen Er hätte besser alles verschlafen, Das Pferd und die Jungfer, Des Staates gute Bürgerin

1950

Wiederbegegnung mit Bertolt Brecht bei den Proben zur Mutter Courage-Aufführung an den Münchner Kammerspielen München. Brecht macht sie mit Therese Giehse bekannt und empfiehlt Hans Schweikart den Starken Stamm als nächste Inszenierung.

1951

Preis des Kuratoriums der Stiftung zur Förderung des Schrifttums.

1952

Erster Preis im Erzählwettbewerb es Süddeutschen Rundfunks für Das Pferd und die Jungfer

1953

Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste

1954

Wiederaufnahme des Briefkontaktes zu Lion Feuchtwanger in den USA. Klagen über ihr verfehltes Leben.

1956

Januar: Letzte Begegnung mit Brecht in Ostberlin beim Schrifstellerkongress.
Ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Arbeit im Lektorat des Bayerischen Rundfunks.

1958

15. Januar: Tod Bepp Haindls. Eigene schwere Herzerkrankung. Auflösung des Geschäftes.

1961

23. Dezember: erste Verleihung des neueingerichteten Kunstförderungspreises (heute: Kunstpreis) der Stadt Ingolstadt an
Marieluise Fleißer

1962

Umzug aus der Roseneckstr. 4 in die Eigentumswohnung in der Hoffmillerstraße 33.

1963

erscheint die Erzählung Avantgarde bei Hanser in München.

1964

Erzählung: Der Rauch.

1965

Erzählung Die im Dunkeln.
Förderungspreis des Kulturkreises im Bundesverband der Deutschen Industrie

1966

Aufführung von Der starke Stamm an der Schaubühne am Halleschen Ufer in Berlin.
März / April: Ehrengast der Villa Massimo in Rom. Sizilienreise.
Erzählung Der Venusberg.

1967
1968

Verstimmung über Rainer Werner Fassbinders unautorisierte Pioniere-Adaption Zum Beispiel Ingolstadt.
Sie beginnt wieder an den Pionieren in Ingolstadt zu arbeiten. Verleihung des Poetentalers (Bayern).

1970

1. März: Uraufführung der neuen Fassung Pioniere in Ingolstadt am Residenztheater München.

1971

30. April: Uraufführung der neuen Fleißerschen Fassung Fegefeuer in Ingolstadt an den Wuppertaler Bühnen. Rainer Werner Fassbinder bearbeitet die Pioniere in Ingolstadt für das Fernsehen.

1972

Alle meine Söhne, Aufsatz über Martin Sperr, Rainer Werner Fassbinder und Franz Xaver Kroetz in Theater heute.
Aufführungen von Fegefeuer in Ingolstadt in Ingolstadt und Zürich.
Gesammelte Werke, Herausgegeben von Günther Rühle. Drei Bände. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

1973

Verleihung des Bayerischen Verdienstordens durch den damaligen Kultusminister Professor Hans Maier

1974

2. Februar: Marieluise Fleißer stirbt in Ingolstadt.

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