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Andreas Tillmann:
Neolithikum

 
Mangels Fundstellen aus dieser Zeit im südlichen Mitteleuropa sind etliche Details, die zum Übergang von der aneignenden zur produzierenden Wirtschaftsweise führten, noch nicht in allen Einzelheiten geklärt.
"Derzeit spricht alles dafür, daß die späten Mesolithiker im Verlauf des 6. Jahrtausends einen kulturellen Standard erreicht hatten, der es ihnen ermöglichte, binnen einer ungemein kurzen Zeitspanne und unter Umsetzung neolithischer Elemente aus dem nordöstlichen Balkangebiet eine eigenständige Kultur zu entwickeln. Dieser eminent bedeutsame Vorgang, der Schritt vom Jagen und Sammeln hin zum Anbau von Getreide und Viehzucht, zählt zu den größten ökonomischen Umwälzungen in der Menschheitsgeschichte überhaupt".
Die älteste Phase dieser frühesten Bauernkultur Mitteleuropas benötigte nahezu 200 Jahre für ihre ökonomische und soziologische Konsolidierung.

Linearbandkeramik

LBK-Dorf, Zeichnung: Anton Reigl
LBK-Dorf, Zeichnung: Anton Reigl

"Diese erste bäuerliche Kultur, die während ihrer fast 600jährigen Dauer mehrere Entwicklungsphasen durchlief, bevorzugte als Siedlungslagen Höhen unter 400 m ü NN und nutzte ausschließlich fruchtbare Lößböden."
Funde sind vom Gradhof bei Kösching, von Bergheim und Attenfeld bekannt.
"Siedlungsstellen der jüngeren Bandkeramik kennen wir aus Irgertsheim, Gerolfing, Demling und wiederum Kösching."
Im Verlauf des 6. und beginnenden 5. Jts wurde die Region um Ingolstadt kontinuierlich durch Ackerbau und Viehzucht treibende Menschen aufgesiedelt.

Mittelneolithikum

Stichbandkeramik und Gruppe Oberlauterbach, etwa im 49./48. Jh. v.Chr.
"Beide sind direkte Nachfolgekulturen der Linearbandkeramik, und ihre Verbreitung im südlichen Bayern ist trotz unterschiedlicher Entstehungsgebiete im großen und ganzen deckungsgleich. Mehrheitlich kommen sie auch auf denselben Fundstellen und dann häufig sogar in den Siedlungsgruben gemeinsam vor."

Münchshöfener Kultur

"Am Ende dieses Abschnittes, der um etwa 4200/4100 v.Chr. angesetzt werden kann, zersplitterte das mittelneolithische Kulturgefüge überall in Mitteleuropa in kleinregionale Gruppierungen, und im südbayerischen Siedlungsgebiet nahm die sogenannte Münchshöfener Kultur in etwa das Areal der vorgenannten Kulturen ein."
Es veränderten sich Hausbau, Keramik- und Silextechnologie, Totenbrauchtum und das Siedlungsverhalten. Die agrarischen Fähigkeiten sind "nun so weit entwickelt, daß auch Landschaften mit weniger fruchtbaren Böden die Ernährung sicherstellen konnten." Das Siedlungsgebiet dehnte sich nun bis weit in den Süden Bayerns aus.

Keramikgefäße mit doppelkonischem Aufbau und geradem Boden, Schalen mit hohem Standring und flächendeckender Verzierung. In der Spätphase erste Henkelkrüge und Tassen. Dies ist leicht auf Einflüsse aus dem westlichen Balkangebiet zurückzuführen.
Nun trat auch Kupfer "für einige hundert Jahre in den Vordergrund und bildete das kulturelle Bindeglied zwischen allen kleinregionalen Gruppen im Voralpengebiet."
s. a.: Riekofen

Altheimer Kultur

Diese Veränderungen markieren in ganz Europa die Wende zum Jungneolithikum.
Im ersten Viertel des 4. Jts. entstand dann in Südbayern die Altheimer Kultur mit Kupferabbau in den Alpen und einem großräumigen Handelsnetz zur Verteilung dieses Materials.
Spätestens ab dem 36. Jh. v.Chr. verlief auch ein Handelsweg nach Oberitalien. Es tauchen Samen mediterraner Kulturpflanzen wie Hartweizen, Winterlein, Dill und die Zitronenmelisse nördlich der Alpen auf.
"Ungefähr zu diesem Zeitpunkt brach dann auch die frühe Phase der Kupferverarbeitung im nördlichen Alpenvorland unvermittelt für einige Jahrhunderte ab."
Zwei Kupferflachbeile aus dem Neuburger Raum.

Chamer Kultur

Die Chamer Kultur dauerte etwa vom 34. bis zu 28./27. Jh. v.Chr.
In ihr kam die Kupferverarbeitung fast zum Erliegen.
"In Dietfurt wie auch unter dem Eichstätter Dom lagen die Siedlungen in der Talaue im Bogen einer Flußschlinge."
Am Ende der Chamer Kultur fanden sich in einigen Erdwerken ausgeprägte Spuren von Brandkatastrophen.
(s.a.: Pförring, Hausgrundriss)

Schnurkeramische Kultur

Die Schnurkeramische Kultur ging im mitteldeutschen Raum wohl aus der Kugelamphorenkultur hervor und zerbrach binnen weniger Jahrzehnte das in Nord- und Mitteleuropa bestehende Kulturgefüge und schuf einen einheitlichen Horizont.
Es wurde "wieder vermehrt Kupfer verarbeitet, als Transportmittel das Pferd nun regelmäßig eingesetzt und der transalpine Verkehrsweg mit der älteren Schnurkeramik nicht mehr weiter aufrechterhalten".
Von der Chamer Kultur wurden teilweise Dolch sowie Pfeil und Bogen übernommen.
Die Ernährung beruhte mehr auf Viehhaltung mit Rind, Schaf, Ziege und Pferd, weniger auf Ackerbau. Daher konnten auch weniger fruchtbare Böden besiedelt werden.

Grabritus:
Kösching, Vierfachbestattung
Charakteristisch "ist die Hockerbestattung in Rückenlage, wobei Männer und Frauen unterschiedlich orientiert sind. Als Beigaben finden sich nicht selten schnur- und stichverzierte Becher sowie Äxte, Beile, Knochen- und Silexgeräte."
Ost-West-Ausrichtung, "die Männer mit dem Kopf im Westen und Blick nach Süden, die Frauen mit dem Kopf im Osten und Blick nach Süden".
Mehrfachbestattung von Kösching mit einem Kupfermesser.
Zwei Brandgräber bei Weichering.

Glockenbecherkultur

"Etwa um das 25./24. Jh. löste die Glockenbecherkultur in West- und Mitteleuropa die Schnurkeramik ab, wobei es in manchen Gebieten natürlich auch zu gegenseitigen Beeinflussungen kam.
Es scheint allerdings, als wäre die schnurkeramische Bevölkerung mehr und mehr assimiliert worden, bis am Ende dann schließlich das Glockenbechersubstrat überwog, aus dem dann um das 23./22. Jh. die frühesten Kulturen der Bronzezeit hervorgingen."
Die Träger der Glockenbecherkultur waren aus anthropologischer Sicht ein völlig anderer Menschentyp als die Schnurkeramiker.

Grabbeigaben waren fast regelhaft mindestens zwei Becher, Krüge, Tassen oder in der Spätphase auch Schalen.
In der älteren Glockenbecherkultur zonenverzierte Glockenbecher, auch als Maritime Becher bezeichnet. Diese Phase war zumindest teilweise der jüngeren Schnurkeramik parallel.
In der mittleren Phase metopierte, teilweise auch rotbemalte Glockenbecher.
Am Ende völlig unverzierte Keramik mit kleinen Henkelbechern und Tassen sowie großen Schalen mit T-förmigem Rand. Diese Phase könnte der ältesten Frühbronzezeit gleichzeitig sein.

Zuchering: getriebener Kupfer-Dolch
Typisch ist der trianguläre Kupferdolch mit abgesetzter Griffzunge, der auch durch einen kleinen Silexdolch ersetzt wurde. Diese Nahkampfwaffe "dürfte aber mehr als echtes Prestigeobjekt aufzufassen sein. Die Hauptwaffe der Glockenbecherzeit war dagegen mit Pfeil und Bogen eine echte Fernwaffe, die wahrscheinlich sogar auch von Reitern benutzt wurde".

Grabbeigaben: Armschutzplatten aus Stein, Perlen aus Gagat, halbmondförmige Knebel aus Hirschgeweih oder Eberzahnhauern, Knöpfe mit V-förmiger Durchbohrung aus verschiedenen Rohstoffen.

Die Gräber sind "mehrheitlich Nord-Süd orientiert, das Gesicht ist der aufgehenden Sonne zugewandt." Die Männer haben den Kopf im Norden, die Frauen im Süden. Hockerbestattung in Seitenlage mit angewinkelten Armen, »Schlafhaltung«.
Alles dies sind auch die wesentlichen Merkmale der Bestattungssitten in der frühen Bronzezeit. Auch die triangulären Dolche aus Bronze stehen in einer Tradition mit den Kupferdolchen der Glockenbecherkultur.


Dr. Andreas Tillmann
in: Archäologie um Ingolstadt. Kipfenberg 1995. S. 35-52.

siehe auch:
  • Schnurkeramische Neufunde aus dem nördlichen Oberbayern
  • Weichering
  • Das Glockenbecher-Phänomen (Link)

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