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Zur Lepanto-Monstranz in der Kirche Maria de Victoria
Was hat eine Seeschlacht auf einer Monstranz zu suchen?

 

Die Seeschlacht bei Lepanto

Im 14. Jh. eroberten die Osmanen größere Teile des Balkans. 1453 fiel Konstantinopel. Im frühen 16. Jh. wurde der vordere Orient unterworfen. 1529 belagerten die Türken Wien. Als 1571 auch das venezianische Cypern eingenommen wurde, beherrschte das osmanische Reich den gesamten östlichen Mittelmeerraum. Mit Kreta war nun auch der letzte Stützpunkt des Orienthandels von Venedig gefährdet, und der Papst sah nicht nur Italien, sondern auch die Christenheit bedroht.
Pius V. gelang es, Venezianer und Spanier zu einem Abwehrbündnis zu vereinen. Viele abendländische Fürsten entsandten Söldner - so auch der bayerische Herzog.

Anfang Oktober 1571 trafen sich die beiden Flotten bei Lepanto an der griechischen Westküste. Fast 500 Schiffe und etwa 200.000 Mann standen sich gegenüber. Die zahlenmäßige Überlegenheit der Orientalen und deren größere Geschicklichkeit wurde kaum durch die technischen Verbesserungen seitens der abendländischen Flotte ausgeglichen. Große Hoffnungen setzten die Europäer auf ihre sechs Galeassen - schwere Segelschiffe mit Hilfsrudern - die aber so schwer manövrierbar waren, daß sie nur bei günstigem Rückenwind - welcher zu Beginn der Seeschlacht auch aufgekommen war - ihre weitreichenden, nach vorne gerichteten Geschütze einsetzen konnten. So stark deren zerstörerische Wirkung dann auch war, die Türken taktierten und kämpften besser und enterten das Flaggschiff Don Juans. Erst als der osmanische Oberkommandierende Ali Pascha in die Hände der Spanier gefallen und von diesen enthauptet worden war, ergriffen seine Männer die Flucht und retteten sich teilweise schwimmend an Land. Insgesammt starben an diesem Tag etwa 40.000 Menschen.

Was nun hat Maria mit diesem schrecklichen Ereignis zu tun? Hat sie tatsächlich in die Schlacht eingegriffen und zunächst den günstigen Rückenwind und später die glückliche Wende bewirkt? Es wäre verständlich, wenn Teilnehmer des Kampfes derartiges angenommen hätten. Es erscheint diese Vermutung aber etwas zu vordergründig.

Gerade am Tag der Schlacht hatte die römische Rosenkranz-Bruderschaft ihre Bittgänge abgehalten und Papst Pius V., der sich so sehr für die christliche Allianz eingesetzt hatte, meinte an diesem Tag in einer Art von Entzücken den Sieg zu sehen. 1572 bestimmte er, daß am Jahrestag der Schlacht ein Dankfest als "Gedächtnis unserer lieben Frau vom Sieg" gehalten werde. Dieser Titel ist nicht verwunderlich, denn bereits seit der Spätantike wurde Maria, die Mutter Gottes, als "Hilfe der Christen" und als "Vorkämpferin" - der man Siegeslieder widmete - gepriesen.

Die Bürgerkongregation Maria de Victoria

1563 entstand in Rom eine Marianische Kongregation, die 1569 den Namen Mariä Verkündigung erhielt. Im Zuge der Gegenreformation gründeten die Jesuiten auch in Bayern Marianische Kongregationen; so 1577 in Ingolstadt die Akademische Marianische Kongregation der Universität, die 1583 in die Congregatio maior und die Congregatio minor geteilt wurde. Später wurden hierin auch die Bürger der Stadt aufgenommen, die aber 1612 eine eigene "Bruederschafft unßer Lieben Frauen Mariae de Viktoria" gründeten und sich 1617-19 ein Oratorium gegenüber der Südseite des Münsters erbauten.

Großen Zulauf brachten die Bedrohungen des 30-jährigen Krieges. Sogar General Tilly schrieb alle seine Siege der Ingolstädter Maria de Victoria zu. Im Jahrbuch der Ingolstädter Jesuiten von 1632 - im April lagen die Schweden vor der Stadt - wird berichtet: "Aus der städtischen Kongregation sind 150 Sodalen rühmend hervorgehoben worden. Einen großen Anreiz für andere bildete gleichsam die in einem Bündnis vereinigte Liebe, so daß sich viele in das Stammbuch der Sodalen eintragen lassen wollten."

Im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts war mit der Kongregation eine für das Ingolstädter Bürgertum repräsentative Vereinigung erwachsen. Es gehörte gleichsam zum guten Ton, ihr anzugehören.

Die zahlreiche Anhängerschaft und die großen Spenden ermöglichten auch die kostbare Ausstattung des Innenraumes des Oratoriums (Barockisierung 1713, neuer Hochaltar 1717, Schiffskanzel 1756), von der nur noch das im Stadtmuseum ausgestellte Altarbild und die Lepantomonstranz von 1708 vorhanden sind.

Die akademische Kongregation (für die Professoren und Studenten der Universität) erbaute 1732-36 die heutige Kirche Maria de Victoria.
1803 wurde dieser Saal von der Universität nach ihrem Wegzug aus Ingolstadt "... zu einer Gesellen- u. Dienstbothen Congregation und zum Gebrauch bey Schulfeyerlichkeiten ... der Stadt überlassen". Da eine derartige Vereinigung nicht gegründet wurde, erhielt die Bürgerkongregation seit 1804 den Saal zur Nutzung.

Die Lepantomonstranz

Kennzeichnend für viele Kirchen der Zeit um 1700 ist eine Dreigliederung, und zwar in einen weltlichen Bereich für die Besucher des Gottesdienstes, in einen heiligen Bereich für die Geistlichkeit und in einen heiligsten Bereich für den Priester am Altar mit der Anwesenheit Gottes. Jedes einzelne Gotteshaus steht somit stellvertretend für die gesamte Kirche.

Eine entsprechende Unterteilung zeigen auch viele Monstranzen aus dieser Zeit: Der Fuß als Teil der irdischen Welt, darüber werden oft Heilige dargestellt, über ihnen als Krönung die Mutter Gottes, die gleichzeitig auch die Verbindung zur Dreifaltigkeit darstellt. Letztere erscheint jedoch meist nur als Gottvater und Heiliger Geist, denn Jesus ist ja in der Hostie schon persönlich anwesend und braucht nicht mehr abgebildet zu werden. (Monstranz von Buxheim, frühes 17. Jh.; Weinstockmonstranz im Münster, 1678; Bettbrunn, 1757. Abbildungen im Ausstellungskatalog des Stadtmuseums: Goldschmiedearbeiten in und aus Ingolstadt, 1988.)

Unsere Lepantomonstranz in der Kirche Maria de Victoria weist eine ähnliche Dreiteilung auf, die ein Spiegelbild sowohl der Kirche als auch jedes einzelnen Menschen liefert.
Der Fuß, der ursprünglich die Gestalt eines knienden Türken aufwies und nach der Säkularisation eingeschmolzen wurde, entspricht zum einen den Anfeindungen, welchen die Kirche ständig ausgesetzt ist, zum anderen unserer eigenen ungläubigen, also zweifelnden und sündhaften Natur.
Der Aufsatz mit der Seeschlacht zeigt den Kampf zwischen Glaube und Unglaube, Tugend und Laster, Gut und Böse. In diesem Kampf müssen wir uns alle tagtäglich bewähren.
Helfend schwebt Maria in den Wolken über der Schlacht und erhält vom Erzengel Michael den Lorbeerkranz des Sieges überreicht. Rufen wir sie um Fürbitte an, so wird auch uns der Sieg über die Versuchungen des Alltags gelingen.
In der höchsten Ebene unter dem krönenden Kreuz schwebt in einem Wolkenkranz die Taube des Heiligen Geistes; vertrauen wir auf die Lehren, welche uns Jesus Christus überbracht hat und hören wir auf die vom Heiligen Geist beseelten Worte des Priesters, so können wir uns - im Sakrament der Beichte - von unseren schwer lastenden Sünden (der ursprüngliche Fuß der Monstranz war aus massivem Gold gegossen) befreien.

Ein mahnendes und tröstendes Bild also, das in seiner Anschaulichkeit und Volkstümlichkeit so ganz den Gepflogenheiten der Jesuiten entspricht. Sie wollen mit allen Sinnen auf den Menschen einwirken, um ihn für Gott zu begeistern.

 

Diese Deutung unserer Monstranz ist meine eigene, persönliche. Es gibt leider keine Hinweise aus früherer Zeit, auf die ich meine obigen Ausführungen stützen könnte. Bei den Führungen durch die Goldschmiedeausstellung 1988, inmitten unserer Ingolstädter Monstranzen, hat sich mir diese Erklärungsmöglichkeit geradezu aufgedrängt und auch breite Zustimmung bei den Besuchern gefunden. Die Erfahrungen während der Jesuitenausstellung 1991 konnten mich hierin nur bestärken. Und somit stelle ich meine Interpretation der Lepantomonstranz öffentlich zur Diskussion.


Kurt Scheuerer, 1992


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