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Josef Würdinger:
Ingolstädter Musikmeister des 19. und 20. Jahrhunderts

 

Allgemeines

„Unter die vornehmsten Züge im Charakter der Bayern", so schrieb der Historiker Lorenz Westenrieder (1748-1829), „gehört sein ausgezeichneter Hang zur Musik..."(1) Trommler, Pfeifer, Trompeter und Posaunisten sind uns als Musikanten an fürstlichen Höfen überliefert. Auch die wittelsbachische Haupt- und Residenzstadt Ingolstadt brauchte auf das Vergnügen weltlicher Hofmusik nicht zu verzichten, sie zählte zu den vertrauten Begleiterscheinungen des mittelalterlichen Kulturlebens unserer Stadt. (2) Schon 1450 bemerkte Enea Silvio Piccolomini (1405-1464) – der spätere Papst Pius II. – dass Spielleute und Sänger „ vast gut zu Hofe erfunden werden, dann sie den Fürsten mer denn die gelert Leut gefallen", und zu Ende des 16. Jahrhunderts hieß es, „dass das Vorhandensein von Trompetern und Paukern erst die Vollkommenheit des Hofstaats ausmache". (3) Das Volk der Altbayern, Franken und Schwaben mit ihrer angeborenen musikantischen Eignung (4) hatte eben Freude am Instrumentenspiel, pflegte Gesang und Tanz. Dabei erwarben sich Klöster, Abteien, Stifte sowie gräfliche und fürstliche Residenzen große Verdienste um die Pflege und den Erhalt einer durch Jahrhunderte bis in unsere heutige Zeit reichenden Musikkultur.

Die im 19. Jahrhundert gegründeten Musik- und Gesangvereine sowie die Militärkapellen spielten auch in Ingolstadt eine entscheidende musikkulturelle Rolle. (5) Die damals in der Bevölkerung vorherrschende Meinung, dass ein militärisches Blasorchester nur für Marschmusik prädestiniert sei, war schlichtweg falsch, die Militärmusik – gerade seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts – war weitaus mehr; denn damals begann ja erst ihre hohe Kunst des Musizierens, als zur Blasmusik die Streichmusik dazukam (6) und dabei bei gutem Zusammenspiel ein sinfonischer Sound entstand, der bei bürgerlichen und gesellschaftlichen Ereignissen sehr gefragt war. Selbstverständlich erfuhr bei Konzerten auch der Marsch gleichsam als „Schlager" (7) eine Hochkonjunktur, ein Militärkonzert – auch in unserer heutigen Zeit – ist einfach ohne Marsch undenkbar. So beherrschte die bayerische Militärmusik bis zum Beginn des 1. Weltkrieges die Instrumentalmusik in unserer Stadt. Das Aufziehen der Wachen, die sonntäglichen Platzkonzerte sowie immer wieder die vielen, von den Ingolstädtern ganz besonders geschätzten Saalkonzerte im Schäffbräukeller waren nicht mehr wegzudenken. Gerade die Militärmusiker waren für die Kirchenmusik nach dem Weggang der Universität und dem damit verbundenen Wegzug der musikalisch gebildeten Studenten ein wichtiger und gefragter Ersatz geworden. Die Musiker, meist von hohem musikalischem Niveau, verschönerten oft in ihrer Freizeit Gottesdienste und Kirchenfeste und machten dabei diese Veranstaltungen nicht selten zu einem musikalischen Erlebnis. Schon 1825 lobte der Chorregent der Liebfrauenkirche, F. X. Schmid,"die vielen Musikfreunde vom Militär, an die man hinsichtlich der Beherrschung ihrer Saiten- und Blasinstrumente hohe kirchenmusikalische Ansprüche stellen könne." (8 ) Das Kulturleben der Stadt – bis weit hinein ins 20. Jahrhundert – wäre somit ohne die vielen Musikveranstaltungen der in Ingolstadt lebenden Militärmusiker viel ärmer gewesen, die Militärkapellen waren somit zu einem wichtigen Kulturträger geworden. Peter Streck, einer der bekanntesten bayerischen Militärmusiker, charakterisiert die Wirkung der Militärmusik im Vorwort seiner „Anleitung zur Militärmusik": „Musik im allgemeinen ist die Kunst, Empfindungen im Bewusstsein in Tönen darzustellen und dadurch ähnliche Regungen in der Seele der Zuhörer hervorzurufen... Nie werde sie zu hohler Spielerei, zu leeren Geklingel herabgewürdigt. Sie sey der seelenvolle Ausdruck alles dessen, was in den verschiedensten Momenten des menschlichen Lebens die innerste Tiefe des Gemüthes bewegt. Nur so wird diese herrliche Kunst ihre hohe Bestimmung erfüllen, nur so wird sie insbesondere in der Brust des Kriegers dasjenige Gefühl erwecken, das ihn treibt, wenn einmal der Ruf an sein Ohr schlägt, freudig seinem Berufe zu folgen."(9)

Auch der musikalische Geschmack der Bürger hatte sich verfeinert, die Militärmusiker wagten sich an immer schwierigere Bearbeitungen und Arrangements klassischer Kompositionen, die ehemals häufig gespielten sogenannten Schlachtenmusiken waren nicht mehr gefragt. Dafür wollte das Publikum Melodien aus bekannten Opern, beliebte Märsche und schöne Walzer hören. Es ist ein Verdienst der Militärkonzerte jener Zeit, den Bürgern alle Geschmacksrichtungen der guten Musik geboten und somit ihr Interesse auch auf „moderne" Musiker gelenkt zu haben. (10) Es war eine Zeit, als Richard Wagners (1813-1883) Musik bei fast jedem Platzkonzert in München zu hören war; somit war er in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts der populärste und beliebteste „moderne" Komponist (11) und seine Musik brachte Max Schott Jahre später virtuos in Ingolstadt zur Aufführung. Vielleicht haben damals die Militärkapellen zu Richard Wagners Ruhm und zeitweiser Popularität in Bayern mehr beigetragen als das Königliche Hoftheater. (12) Gegen diese Entwicklung hatte sich 1859 König Maximilian II. (Regentschaft von 1848-1864) in einem Brief an den bayerischen Kriegsminister gewandt und ihn aufgefordert, die Tradition der „besseren alten Märsche" und der „deutschen Volks- und Soldatenlieder" zu pflegen. König Maximilian schrieb: „Schon öfters habe ich darüber klagen gehört, dass die Militärmusikbanden auf Paraden und dgl. so viele werthlose oder geschmacklose Arien von Verdi, Donizetti u.a.m. aufspielen, anstatt sich z. B. wirkliche Volkslieder zur Grundlage zu wählen, an denen namentlich Südbayern so reich ist. Da die Wirkung der Militärmusik auf die Massen tief und weitverzweigt ist, so wäre es wohl der Mühe wert, diese Frage in Erwägung zu nehmen, da die Staatsregierung auch das verhältnismäßig Geringfügige nicht außer Acht lassen darf, wenn es sich um Belebung nationaler Bildung auf irgendeinem Gebiethe handelt." (13)

Die Männer, denen die ganze Musik gehorchte, waren die Militärkapellmeister, seit Anfang des 19. Jahrhunderts wurden sie „Musikmeister" genannt. Ihre Hauptaufgabe war die Leitung ihres Musikcorps sowie die Ausbildung der Militärmusiker: „Soll ein Musikcorps zu einem hohen Grade der Tüchtigkeit und Ausbildung gebracht werden, so kann dieses lediglich nur durch unermüdeten Eifer und Beharrlichkeit von Seite des Musikmeisters geschehen, und ein gutes Beispiel von Oben gegeben, wird stets auch Nachahmung bei den Untergebenen finden und den günstigen Erfolg herbeiführen." (14) Die Musikmeister hatten meist den Rang eines Feldwebels inne und waren die Vorgesetzten aller Hoboisten. (Hoboist ist der Sammelbegriff für die Angehörigen eines Musikcorps) Dass sie in der Öffentlichkeit großes Ansehen genossen und in ihren Garnisonstädten stadtbekannte Persönlichkeiten waren, versteht sich von selbst.

Als die Musikmeister Max Schott, Rudolf Kropp sowie Georg Bernklau nach Ingolstadt kamen, stand der königliche Hofrat und rechtskundige Bürgermeister Mathias Doll an der Spitze des Stadtmagistrats. Sie kamen in eine Stadt, die seit dem Entstehen einer regulären Garnison im 18. Jahrhundert nicht nur auf eine rein militärische, sondern auch auf eine lange militärisch-musikalische Tradition zurückblicken konnte, in der kein geringerer als der in Ingolstadt wohlbekannte Musikmeister und Schöpfer des bayerischen Defiliermarsches, Adolph Scherzer, bis zu seinem Tod im Jahre 1864 diente. In der „Schanz", wie unsere Stadt damals genannt wurde und wie sie auch heute noch manchmal ältere Bürger gerne nennen, war es schöner Brauch geworden, die Militärmusik nicht nur innerhalb der Abgeschiedenheit der Kasernenmauern zu pflegen, sondern in besonderem Maße auch die Bürgerschaft an dem mittlerweile großen musikalischen Können der musizierenden Soldaten teilnehmen zu lassen. Wie viele andere Musikmeister der Bayerischen Armee haben auch die in Ingolstadt tätig gewesenen Musikmeister und Dirigenten Schott, Kropp und Bernklau in hohem Maße dazu beigetragen, dass die Militärmusik in Ingolstadt gerne gehört wurde.

Josef Würdinger, Ingolstadt, im September 2005


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