Hexenprozesse in Ingolstadt

Edmund Hausfelder

In Bayern reichen die Hexenprozesse bis ins letzte Jahr der Regierung Herzog Albrechts V. zurück. 1578 wurde „ein Unhuldt“ namens Barbara Beyerl in der Münchener Schergenstube gefangen gehalten. Über ihr weiteres Schicksal liegen keine gesicherten Erkenntnisse vor. Im selben Jahr wurde eine Margaretha Schilher aus Bozen, die unter der Folter gestanden hatte, eine Hexe zu sein, auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Der in der älteren Literatur manchmal erwähnte Fall des Bürgers Wolf Breymüller von Aufkirchen bei Wolfratshausen, der etwa 1583 hingerichtet wurde, dürfte andere Hintergründe gehabt haben (Giftmischerei und Mord). 1584 wurde in Ingolstadt eine Predigt über die Erledigung einer von 12.652 Teufeln besessenen Jungfrau gehalten und sogar gedruckt. Schon zehn Jahre zuvor hatte der Ingolstädter Pfarrer Hektor Wegmann an der Universität 95 theologische Thesen über Zauberei verteidigt. 1587 wurde in Schongau eine Bäuerin namens Geiger festgenommen, die laut Gutachten eines Wasenmeisters mehrere Pferde verhext haben sollte. Der Propst des Stiftes Steingaden wollte das Verfahren eingestellt haben, der zuständige Stadtrichter aber sandte die Untersuchungsakten an den Hofrat nach München. Auf dessen Urteil befahl Herzog Ferdinand, der Bruder Wilhelms V., in dessen Besitz sich Schongau damals befand, die Angeklagte mit Daumenschrauben foltern zu lassen. Die Frau war jedoch stark genug, die Folter ohne Geständnis zu überstehen und musste danach entlassen werden. Der Fall endete für die Angeklagte zwar verhältnismäßig günstig, doch nistete sich gleichzeitig in den Köpfen der Menschen der Hexenglaube immer stärker ein. Ab 1589 wurde Schongau und seine Umgebung ein Zentrum der Hexenverfolgung.

Die erste Hexenepidemie 1589 – 1592

Im selben Jahr begannen auch in Ingolstadt die ersten Verhöre einiger der Hexerei verdächtiger Personen. Barbara Müller und Margaretha Lüdl, beide aus Eichstätt, waren die ersten Frauen, von denen eine Urgicht vorhanden ist. Warum diese armen Geschöpfe zum Verhör nach Ingolstadt gebracht wurden, kann nur vermutet werden. Merkwürdigerweise wurden sie zur Exekution wieder nach Eichstätt zurückgeschafft.

Stadtansicht mit Richtstätte um 1590

Aus dem Jahr 1590 haben sich vier weitere Urgichten erhalten, diesmal von den Ingolstädterinnen Margaretha Rem, Barbara Kräl, Barbara Kreus und Ursula Steffani. Eine Urgicht war das Geständnis der Delinquentin. Diese Urgicht gab es in jedem Fall, denn wer konnte schon einer dreistufigen Folter mit ihren furchtbaren Qualen widerstehen? Auch diese vier verurteilten Frauen wurden zur Hinrichtung nach Eichstätt geführt.
Ebenfalls aus dem Jahr 1590 existieren weitere Urgichten von drei Manchingerinnen, von Barbara Wolffart, der so genannten „Pfeif-Ullin“, von Apollonia Sauerbeck und von Margaretha Stimpfl, vulgo „Geiß-Henslin.“ Sie wurden am 21. August 1590 zuständigkeitshalber in Reichertshofen stranguliert und danach verbrannt. Nun noch einmal zurück zu den auffallend vielen Verhören in Ingolstadt. Warum wurden Personen aus Eichstätt und Manching zur peinlichen Befragung hierher gebracht? Sowohl Eichstätt als auch Manching galten nach der damaligen Auffassung als Ausland. Eichstätt war nicht nur Diözese sondern auch Hochstift mit landesherrlichen Aufgaben für den Bischof. Manching gehörte zum Pfleggericht Reichertshofen und damit zum Herzogtum Pfalz-Neuburg. Waren etwa Ingolstadts Folterknechte besonders erfolgreich bei der Erpressung von Geständnissen, also auch besonders grausam? Man könnte umgekehrt fragen, ob Ingolstadts Scharfrichter ein Stümper war, nachdem Ingolstädterinnen in Eichstätt hingerichtet wurden. Wollte man nicht vielmehr gerade in dieser Frühzeit der Hexenprozesse gegen etwaige juristische Anfechtungen gewappnet sein und verlegte deshalb die Verhöre an den Sitz der bayerischen Landesuniversität, die auch eine juristische Fakultät besaß? Vermutlich ist der Grund darin zu suchen, da während dieser ersten Prozesse die Professoren der Fakultät durch den Landesherrn selbst, bei Fortdauer der Verhöre jedoch immer öfter auch von den städtischen Amtsträgern um Rat angegangen wurden.
Im Frühjahr 1590 wurde in Ingolstadt eine Frau ergriffen, die im Verdacht stand, eine Hexe zu sein, und eingekerkert. Am 11. Mai wurde dieser Fall erstmals im Rat behandelt. Das Besondere war, dass dieser Sitzung sogar der junge Herzog Maximilian, der seinerzeit an der Universität studierte, beiwohnte. Deshalb fand die Sitzung auch nicht, wie sonst üblich, im Rathaus statt sondern im Neuen Schloss. Ein Bub namens Melcher, der Sohn der Angeklagten, behauptete von ihr: „Es komme ein Mendle in einem grünen Röckl zu ihr, dantz mit ihr, lege sich alsdann zu ihr …“ usw. Wegen dieser Anschuldigungen kam man überein, die Frau und den Buben zu verhören, jedoch getrennt „um zu erfahren, obs ein Unhold sey.“
In einer der folgenden Ratssitzungen am 23. Mai wurde offenkundig, dass noch weitere Frauen wegen der unseligen Anschuldigung festgehalten wurden, eine Hexe zu sein: „Des Andres auf dem Strigelsturm (Gefängnis) Weib sagt, sie, die Abentheurerin, die Höring Einspennigin und noch ein Weib, haben von der … Böckhin gehört, ihr Mann hab einen Wahrsager lassen holen …“ usw. Am 13. Juli wurde berichtet: „… hat … ausgesagt, wie die Marthi Einspennigin ihren Mann aus österreich gebracht ….“
In der Sitzung am 9. August 1590 war auch Maximilian wieder anwesend. Dabei stellte sich heraus, dass der Striglturm als Gefängnis für die Hexen nicht ausreichte. Dort waren die sogenannte Franz-Schäfflerin Walburga Dieboldt, ihre Tochter und Rosina Dintzl inhaftiert. Im Neuen Schloss aber lagen die „Zimmermannin“ und die schon mehrfach erwähnte „Einspennigin“. Seine Eindrücke schilderte Maximilian in regelmäßigen Briefen an seinen Vater nach München. Schon am 1. März 1590 schrieb er, dass gestern ein Weib gefangen genommen wurde, das nach dem Urteil vieler für eine Hexe gehalten wird. Ob dieser Verdacht begründet ist, wird morgen vielleicht die Erfahrung zeigen, da sie durch die Folter gezwungen wird, die Wahrheit zu sagen.
Am 14. Mai meldete er, dass man bisher weder in Güte noch mit Tortur aus ihr ein Wort herausbringen konnte. Der Vorgang gewinnt nunmehr völlig makabre Züge, da Maximilian sogar bei der Folter des armen Geschöpfs anwesend war. Er berichtete, dass sie zweimal aufgezogen und einmal gebrannt wurde. Ferner geht aus seinem Brief hervor, dass man am „letzten Freitag“ wieder eine andere Frau eingekerkert habe. „Ihr Sohn … hat viele erbare schöne Bossen von seiner Mutter gesagt“ (sicher der oben erwähnte Fall mit dem Buben Melcher). Weiter führte er an, dass man „bald die Tortur für die Hand nehmen“ werde, wiewohl der hiesige Rat „nit viel Lust dazu hat.“ In einem Schreiben am 12. August stellte er lapidar fest: „Mit den leidigen Unhulden fährt man flugs fort und … sind schon fünf zum Feuer bereit.“
Die ersten drei dieser Frauen führte man am 5. September 1590 zum Scheiterhaufen: Walburga Dieboldt, eine Schäfflersfrau, ihre Tochter Margaretha und Rosina Dintzl. Die nächste, die den Feuertod erlitt, war Margaretha Bemel, Frau des Boten Hans Bemel, am 11. Februar 1591. Es folgten am 9. September 1591 Anna Berl vulgo Einspennigin, Frau des Marthe Berl, und Katharina Herz, Frau des Zimmermanns und Quardiknechts Lorenz Herz, am 16. Dezember 1591 die so genannte Kue-Matheissin Barbara Mantler und Anna Hueber vulgo Grollin sowie am 31. Januar 1592 Ursula Sibenburger, Frau des Schäffers Mathes Sibenburger.Dies waren innerhalb relativ kurzer Zeit neun unschuldige Menschen, die auf tragische Weise ihr Leben lassen mussten. Hinzu kamen noch die vier Frauen, die in Eichstätt hingerichtet wurden.
Die weitesten Kreise zog zweifellos der Fall der unglücklichen Anna Berl. Bereits im April 1590 (nicht 1591) verhaftet, hatte sie nach Anlegung der Daumenschrauben auch andere Frauen der Hexerei bezichtigt, danach aber alles widerrufen. Eine der von ihr Denunzierten war Magdalena Lichtenauer, eine Frau von tadellosem Ruf, die außerdem sehr fromm und über jeden Verdacht erhaben war. In ihrem Bericht an den Herzog schilderten die Räte am 9. Juni 1591, einige von der Berlin verübte Teufelskünste seien für wahr befunden worden. Diese habe erklärt, auf der Folter als Märtyrerin sterben zu wollen. In Anbetracht dessen werde die erneute Anwendung der Tortur „etwas gefährlich sein.“ Aus München erging am 6. Juli der Befehl, die Richter sollten gegen die Delinquentin „mit der strengen Frage“ vorgehen, die von ihr Beschuldigten zunächst aber nur einer sorgfältigen Beobachtung unterziehen.
Danach ebbte der Hexenwahn allmählich ab. In der Sitzung am 3. September 1593 wurde gar ein herzoglicher Befehl verlesen, wonach die Gefangennahme von Hexen vorübergehend einzustellen sei. Am 5. Dezember 1594 allerdings präsentierte Dr. Veit Schober einen Befehl Herzog Wilhelms V., aufgrund dessen acht Hexen aus Vohburg in den Taschenturm gesperrt und „darinnen examinirt werden“ sollten. Die Ingolstädter Räte waren zwar einverstanden, das Gefängnis für den Vohburger Landrichter zur Verfügung zu stellen, mit den entstehenden Kosten jedoch wollten sie nichts zu tun haben. Der Landrichter musste für die Unkosten selbst aufkommen. Die Hexen waren mindestens bis 3. Juli 1595 hier inhaftiert, ehe sie wieder nach Vohburg abgeführt wurden. Ob die Frauen anschließend freigelassen wurden oder doch noch ihr Leben lassen mussten, ist nicht sicher.
Am 2. April 1590 forderte Wilhelm V. von seinem Hofrat und von der theologischen und der juristischen Fakultät der Universität Ingolstadt Gutachten über die Ausrottung der Hexerei. Wohl nicht zuletzt unter dem Einfluss der Jesuiten fiel das Gutachten ganz im Sinne der Hexenverfolger aus. Die umfangreiche Stellungnahme vom 28. April wurde unterzeichnet von den Professoren Albert Hunger, Matthias Mayrhofer SJ, Gregor von Valencia SJ und Peter Stevart, Moritzpfarrer (Theologen) und Veit Schober, Kaspar Lagus, Andreas Fachineus und Leonhard Zindecker (Juristen). An diesen acht Namen verdeutlichen sich die verschiedenen Tendenzen im Bereich der Hexenverfolgung. Gregor von Valencia ist wohl einer der eifrigsten Befürworter der Verfolgungen, Kaspar Lagus einer der entschiedensten Gegner. Dennoch fällt das Gutachten, wie schon erwähnt, zugunsten der Verfolgungen aus. Allerdings scheint dieses Verhalten nicht die Regel zu sein. Oft genug lässt sich bereits im 16., erst recht aber im beginnenden 17. Jahrhundert feststellen, dass die Juristen der Ingolstädter Universität deutlich gegen die Hexenprozesse Stellung bezogen oder doch wenigstens gegen ihre Ausbreitung Front machten. „Von wenigen Einzelfällen abgesehen“ lässt sich nachweisen, dass die Professoren „dem Hexenwahn Einhalt geboten haben.“ In Ihrem Gutachten vom 28. April 1590 sprachen sich die Professoren dafür aus, dass sich unter den Richtern auch ein Doktor der Hl. Schrift befinden solle. Der Besitz verdächtiger Gegenstände oder die Denunzierung durch eine bereits angeklagte Person reiche für die Einleitung eines Verfahrens aus. Stellt sich heraus, dass eine Angeklagte unschuldig sei, müsse sie rehabilitiert werden. Hat sie einen Vermögensschaden erlitten, so müsse ihr dieser ersetzt werden. Schließlich wurde darauf hingewiesen, dass den Angeklagten das Recht auf Verteidigung zustehe und die Advokaten angehört werden müssten.

Folterszene

In einem Gutachten vom 2. April 1601 kommt die Juristenfakultät zu dem Ergebnis, dass Denunzierungen anderer Hexen ein ausreichendes Indiz seien, bei unbescholtenen Personen sogar die Folter anzuwenden. Doch schon in einem neuen Gutachten vom 25. September 1601 weicht man von dieser Ansicht wieder ab und gibt zu bedenken, dass Aussagen von Hexen mit Vorsicht zu gebrauchen seien, denn die meisten seien durch die Qualen der Folter abgestumpft und sagten kaum die Wahrheit. Einige könnten sich sogar dem Glauben hingeben, dass sie durch viele Denunzierungen eher freigelassen würden. Dennoch ließ die Fakultät in diesem Gutachten die Folter an fünf Frauen zu, weil sie schon seit vielen Jahren als Hexen verschrien waren.

Betrachten wir einige Mitglieder der Ingolstädter Juristenfakultät, so fällt zunächst ein Professor als besonderer Hexenverfolger auf, Georg Everhard. Er entstammte der bedeutenden Ingolstädter Juristenfamilie, starb aber bereits im November 1585, noch vor Ausbruch der großen Hexenverfolgungen. In seiner zweibändigen Sammlung von Gutachten, die erst 1618 von seinem Neffen Nikolaus in Augsburg herausgegeben wurde, heißt es z. B., dass kein Zweifel daran bestehe, wer der schwarze Hahn gewesen sei, der vor dem Hexengefängnis hin und her geflattert sei.
Zu den eifrigen Verfolgern zählte auch Wolfgang Kolb. Dieser war allerdings kein Mitglied der Juristenfakultät, sondern tat sich bei Hexenprozessen in Ingolstadt und in Wemding besonders hervor. Schließlich trat er in die Dienste des Grafen von Öttingen-Wallerstein. Kolb galt als sehr eifrig; es heißt, dass er nicht weniger als 274 Hexen examiniert habe, „welche äußerlichen Scheins nach wohl gestorben seien.“ Kein Wunder also, wenn die Richter in Ingolstadt nicht gut auf ihn zu sprechen waren. In Eichstätt glaubte man gar, die Ursache für die Zurückhaltung der Ingolstädter Doktoren gefunden zu haben, nämlich die Furcht vor ihren Ehefrauen. Bevor dieser interessanten Behauptung näher nachgegangen werden kann, noch ein Blick auf drei Vertreter der Gegner von Hexenprozessen, Kaspar Lagus, seinen Schwiegersohn Joachim Denich und seinen Enkel Kaspar Denich.
Lagus hatte 1590 das Gutachten der Fakultät mit unterzeichnet. Da seine Meinung über Hexenprozesse hinreichend bekannt war, hatte er sich doch kritisch und sogar warnend dazu geäußert, war er hier wohl von seinen Kollegen überstimmt worden. Da er zeitweise auch als Mitglied des Hofrats fungierte und in einem Schongauer Fall einen „Generalpardon“ vorgeschlagen hatte, musste er sich auch hier der Mehrheit fügen. Lagus hatte sogar die Befürchtung gehegt, dass sich die Hexenprozesse „ins Unendliche“ ausdehnen könnten.
Joachim Denich verfasste 1601 zusammen mit seinem Kollegen Kaspar Hell das bereits zitierte Grundsatzgutachten zu den Prozessen. Hell, ein brillanter Jurist, kann als Wortführer der Ingolstädter Hexenprozessgegner bezeichnet werden. Leider verhinderte sein fragwürdiger Lebenswandel eine bemerkenswerte Karriere. Denich trat den Ansichten der Hexenverfolger besonders in der Frage der Denunzierung entschieden entgegen.
Sein Sohn Kaspar schließlich äußerte sich stets sehr freimütig und vertrat konsequent seine Meinung. Er besaß für die damalige Zeit ein erstaunlich klares Urteil. Von ihm heißt es sogar, dass wegen seiner „frechen Rede … (d. h. mutigen Rede) jedermann erschrocken“ sei. Einmal sprang er während einer Sitzung auf und erklärte, er halte „auf die 25 Denunziationen durchaus nichts.“ Denich hatte die furchtbaren Folgen dieser Denunzierungen in der eigenen Familie erfahren müssen, war doch seine Schwiegermutter selbst unter dem Verdacht der Hexerei gefangen genommen worden. Glücklicherweise war ihr aber die Flucht nach Österreich gelungen, wo sie vor den Nachstellungen der Verfolger sicher sein konnte.
Allmählich begann auch der Ingolstädter Rat, auf die Linie der Juristenfakultät einzuschwenken. Wenn dennoch immer wieder Hexen gefangen und vor Gericht gestellt wurden, so nur, weil der Pöbel auf neue Sensationen drängte. Oft konnte das Ratskollegium nicht umhin, denunzierte Personen einzukerkern, da sonst auf die Mitglieder selbst ein Verdacht fiel. In einer Hetzschrift aus dem Jahr 1629, einem wahrhaft üblen Pamphlet, konnte man tatsächlich lesen, dass alle in den letzten zwölf Jahren gefangenen „Unholden“ nur deshalb festgenommen wurden, weil die Richter nicht mehr anders konnten. Die Unholden seien samt und sonders wieder auf freiem Fuß, einige Waisenkinder sogar nach Österreich geschickt worden. Selbst der Stadtoberrichter (Sebald Müllner von Zweiraden) sei befangen, weil seine Frau vor etwa 16 Jahren öffentlich als Unholdin bezeichnet worden war. Darüber hinaus sei auch Professor Ferdinand Waizenegger den Verführungen seiner Frau erlegen, die mit der Gattin des Oberrichters befreundet sei. Katharina Waizenegger war ebenfalls in der Vergangenheit als Hexe denunziert worden, doch nahm ihr Mann in dieser Frage eine undefinierbare Haltung ein. Infolge dieser Umstände glaubten die fürstlichen Räte in Eichstätt, ihre Ingolstädter Kollegen würden „sich vor ihren Weibern fürchten.“
Die Ingolstädter Juristen hatten im Schriftwechsel mit ihrem Landesherrn immer wieder vorgegeben, mit anderen Arbeiten derart beansprucht zu sein, so dass sie keine Zeit für Hexenprozesse mehr fänden, ein gewagtes Unterfangen. In den Briefen des Rats kam stets zum Ausdruck, dass diejenigen Mitglieder, die zu einem Prozess „am tauglichsten und qualifiziertesten“ wären, schon sehr überlastet seien und sich deshalb nicht genügend damit befassen könnten. Der Stadtschreiber (Johann Bauhoff) sei zwar Doktor Juris, aber ganz und gar unerfahren in solchen Dingen. Interessanterweise stieg dieser „unerfahrene Mann“ wenige Jahre später zum Stadtoberrichter auf. Für die Hexenprozesse könne man doch eigene Richter bestimmen. Dies geschah tatsächlich, doch zeigte sich einer von ihnen, Dr. Georg Fasold, alles andere als begeistert. Er habe gehofft, berichtete er am 10. Oktober 1629 an Kurfürst Maximilian, wegen seines fortgeschrittenen Alters von solch gefährlichen und schwierigen Aufgaben verschont zu bleiben. Wenn er denn zustimmen würde, könne er aber unmöglich vor Martini in seinem neuen Aufgabengebiet tätig werden. Möglicherweise trugen die geschilderten Umstände auch mit dazu bei, dass bei Maximilian ab etwa 1630 eine leichte Milderung im Bereich der Hexenverfolgungen festzustellen ist.
Es ist fast eine Ironie der Geschichte, dass Bayerns bedeutendster Herrscher mit seinem erstaunlichen politischen Weitblick, seinen hervorragenden Verwaltungsreformen, seiner eisernen Sparpolitik und seinem unbeugsamen Willen auf diesem Gebiet wie im finstersten Mittelalter handelte.
Gewiss, seine Erziehung musste bereits diesen Weg erahnen lassen. Der Vater, Herzog Wilhelm V., stand dem Hexenwahn völlig ohne Argwohn gegenüber, ja unterstützte ihn nach Kräften. Sein wichtigster Mentor, Johann Baptist Fickler, der in seinem früheren Wirkungsort Salzburg wohl eine große Mitschuld an zahlreichen Prozessen trug, konnte sich von dieser Einstellung auch später nicht lösen. Wegen der anhaltenden Kinderlosigkeit seiner ersten Frau ließ Maximilian sogar an ihr 1604 die Hexenprobe vornehmen.
1612 und 1619 dienten der Ingolstädter Taschenturm bzw. das Stockhaus nochmals als Gefängnis für auswärtige Übeltäter. Im November 1612 wurde der Schneider Hanns Thonhauser von Mailing wegen verübter „Sortilegien, Zaubereien unnd Schazgrabens“ in den Taschenturm verbracht. Seine beiden Komplizen, der Schulmeister Jakob Pfisterer und der Mesner Lienhard Scherhauff, die aus Großmehring stammten, wurden im Bereich des Landgerichts Vohburg verwahrt. Während letztere noch im April 1613 inhaftiert waren, scheint Thonhauser bereits vorher aus dem Gefängnis entlassen worden zu sein.
Im Juni 1619 wurde das Mädchen Richilla Triller aus Neustadt zusammen mit ihrer Großmutter Anna Frech wegen Hexerei im Stockhaus gefangen gesetzt und verhört. Bereits zwei Monate zuvor waren sie in Neustadt verhaftet und dort verhört worden. Als Richilla nun gestand, es sei alles nur Angeberei gewesen, beschloss man im August sie wegen ihres „verstockhten Lebens … mit Ruetten woll zichtigen“ zu lassen, sie ernstlich zu ermahnen, einen besseren Lebenswandel zu führen und danach auf freien Fuß zu setzen. Auch ihre Großmutter sollte freigelassen werden.

Die zweite Periode des Hexenwahns 1618 – 1624

Im März 1618 brandete das unselige Hexenwesen in Ingolstadt erneut auf. Durch die Denunziation dreier Kinder waren zwei der Hexerei verdächtige Frauen festgenommen, verhört und schließlich gefoltert worden. Am 19. November berichtete Statthalter Marquard Freiherr von Königseck nach München, dass dieser Fall eigentlich nicht für die Folter ausreiche, nachdem die Denunzierung durch Kinder erfolgt sei. Am 10. Dezember kam man innerhalb des Rats überein, den Knaben Philipp Maurer in den Taschenturm zu stecken, die Geschwister Alexander und Helena Lorenz jedoch im Blatternhaus unterzubringen. Bei einer Freilassung der Kinder müsse man befürchten, dass noch mehr Personen denunziert würden.
Im Frühjahr 1619 wurde ein Bub namens Hans Kneiffel aus (Groß-)Mehring aufgegriffen, der noch keine 10 Jahre zählte und mehrere Personen der Hexerei bezichtigte. Er wurde sogar gefoltert und wiederholte dabei seine Anschuldigungen. Danach widerrief er jedoch und behauptete, den Leuten Unrecht getan zu haben. Dies wurde am 8. April offenkundig. In dieser Ratssitzung kam die Sprache auch auf die gefangene und der Hexerei angeklagte Gertraud Aichlinger, die nachts im Zimmer eines Soldaten festgenommen worden war und von fünf Zeugen beschuldigt wurde. Die Folter brachte kein Ergebnis zutage sondern nur die fast resignierende Feststellung „als wan sie nit bei irem Verstand were und gar khein memoriam hette.“
Der Fall des knapp 10jährigen Hans Kneiffel war an Dr. Denich verwiesen worden, da sich Stadtoberrichter Sebald Müllner von Zweiraden über den Buben geärgert hatte, der „nichts als lauter Schelmerey“ von sich gegeben habe. Dr. Denich hatte geraten, den Buben nochmals peinlich zu befragen und danach mit dem Versprechen freizulassen „hinfüran von dergleichen Reden zu schweigen.“
Im Mai verweigerte der Ingolstädter Mautner dem Rat die Mittel, um den verhafteten Personen die Verpflegung geben zu können. Daraufhin erging eine Beschwerde an den Kurfürsten. Erst im Sommer geht aus den Protokollen hervor, welche Personen schon geraume Zeit wegen des Verdachts der Hexerei im Gefängnis lagen, es waren die 72jährige Margaretha Schwarz, genannt „die schartet Matthesin“, der bereits erwähnte Knabe Philipp Maurer, Anna Niklas, die Frau des Quardi-Soldaten Lorenz Niklas, und ihre ebenfalls schon genannten Stiefkinder Alexander und Helena Lorenz. Am 24. Juli berieten sich die Ratsherren, wie man weiter mit ihnen verfahren solle. Die Akten wurden dem Stadtoberrichter zugestellt „und anderen zu dergleichen Sachen verordneten Herren.“ Danach wurde es still um die armen Geschöpfe. Man versuchte im Rat Zeit zu gewinnen. Am 3. Januar 1620, nach fast einem halben Jahr, sollte der von Dr. Denich verfasste Bericht an den Kurfürsten weitergeleitet werden.

Am 2. März kam der Befehl aus München, besonders die gefangene Margaretha Schwarz zu foltern. Am 5. März wurde aber nicht sie sondern ihre Mitgefangene Anna Lorenz bzw. Niklas der Folter unterworfen. Diese überstand den ersten und auch den zweiten Grad der peinlichen Befragung, ohne etwas zu gestehen. Beim dritten und grausamsten Grad allerdings – hierbei wurde die Delinquentin mit auf dem Rücken gefesselten Armen hochgezogen, wobei an ihren Füßen ein schwerer Stein befestigt war – gab sie zu, eine Hexe zu sein. Nach Beendigung der Folter widerrief sie ihr Geständnis. „Weil die Lorenzin also variiere“, sollte erneut Dr. Denich um Rat gefragt werden. Wenige Tage später musste Anna dieselbe grausame Prozedur wieder über sich ergehen lassen, diesmal auf den Rat Denichs hin. Erneut gestand sie unter der Folter, erneut widerrief sie im Anschluss daran.

Vorbereitung zur peinlichen Befragung

Kurze Zeit darauf ein ähnlich schreckliches Schauspiel. Diesmal wurde Anna mit Ruten geschlagen, auf die Streckbank gebunden und auseinander gezogen. Wieder bekannte sie sich als Hexe. Diesmal hatten ihre Richter das Gefühl, dass „sie ires Verstands beraubt“ sei. Vermutlich war sie infolge der ungeheuren Schmerzen dem Wahnsinn verfallen. Schon wieder sollte nunmehr Dr. Denich um seine Meinung angegangen werden. Nachdem sich dieser jedoch in Schweigen hüllte, berichtete der Stadtoberrichter am 17. Mai dem Rat, dass der Bericht an Denich zugestellt worden sei. Offenbar unternahm Denich in dieser Angelegenheit keine weiteren Schritte, da am 20. Juli ein Befehl aus München verlesen wurde, wonach Anna Lorenz bzw. Niklas weiterhin im Gefängnis verbleiben solle und sorgfältiger Beobachtung zu unterziehen sei. Darüber hinaus solle man solche Personen zu ihr schicken, die ihr durch Zureden womöglich doch noch ein Geständnis entlocken könnten. Sofern alle Bemühungen keinen Erfolg hätten, sollte sie zu lebenslänglichem Kerker verurteilt werden. Margaretha Schwarz sollte auf freien Fuß gesetzt werden, ebenso die Kinder, die „an unterschidliche … örter ausgeteilt …, zu Gottesforcht auferzogen“, dabei aber auch stets sorgsam überwacht werden sollten.
Am 3. August kam man schließlich überein, Margaretha Schwarz sofort aus dem Gefängnis zu entlassen und Anna Niklas noch bis Ende September in Haft zu behalten. Man hatte die Hoffnung immer noch nicht aufgegeben, dass sie sich vielleicht bei Gesprächen mit vertrauten Personen „etwa mit Reden verschnappete.“
Bei Philipp Maurer wurde überlegt, ob er nicht dem Amtsknecht Georg Bader „in die Zucht gegeben werden“ könne. Wegen der Geschwister Alexander und Helena Lorenz sollte der Statthalter gebeten werden, den Vater anzuhalten, „ob er … seine Kinder selbst wölle … in die Zucht nehmen.“
Ende August traf aus München der herzogliche Befehl ein, die beiden Kinder „solang aus Mitleid im Spital … zu unterhalten“, bis sie erwachsen seien und „ihr Brot selbst suechen“ könnten.
Am 4. September wurde beschlossen, dem Rat Dr. Denichs zu folgen und die 12jährige Helena Lorenz der Spitalküche zur Arbeit zu zuteilen. Die Köchin musste das Kind nachts bei sich in der Kammer haben und sie auch sonst sorgfältig beobachten. Alexander Lorenz bzw. sein Vater sollte gefragt werden, zu welchem Beruf er Lust habe. Bei unschlüssigem Verhalten sollte er „zu einem Schneider oder anderm geringen Handwerk“ gebracht werden. Zwei Wochen später war der richtige Lehrmeister gefunden. Alexander sollte bei Schneidermeister Leonhard Weiher verdingt und das Lehrgeld aus der Kasse des Reichen Almosens bezahlt werden.
Am 22. Januar 1621 erging ein Bericht an den Herzog wegen der künftigen Verpflegungskosten für Anna Niklas, die nun bereits länger als zwei Jahre inhaftiert war. Im März 1621 schließlich sollte sich das Schicksal der beiden Frauen entscheiden. Die so genannte „schartet Matthesin“ erhielt pro Jahr 30 fl. bewilligt, damit sie weiterhin im Spital unterhalten werden konnte. Auch Anna Niklas sollte ursprünglich aus dem Gefängnis ins Spital verlegt werden. Einem herzoglichen Befehl zufolge sollte sie ebenfalls 30 fl. erhalten, um verköstigt werden zu können. Außerdem stand noch ein Betrag von 33 fl. 36 kr. 1 hl. für bereits erfolgte Verpflegung offen. Am 16. April 1621 wurde beschlossen, Anna Niklas aus dem Gefängnis in das Spitalketterl zu überführen. Allem Anschein nach war sie also tatsächlich dem Wahnsinn verfallen.
Danach schweigen die Quellen wieder für zwei Jahre. Man darf annehmen, dass dem Hexenunwesen in dieser Zeit Einhalt geboten war. Am 10. Juli 1623 hatte sich der Rat aber erneut mit dem Thema auseinanderzusetzten, „daß der böse Feindt in dem Waisenhaus regieren … soll.“ Drei Mitglieder des Gremiums wurden beauftragt, dort nach dem Rechten zu sehen. Zwei Tage später bereits erstatteten die Herren Bericht. Drei Kinder namens Walburga Schwarz, Maria Hitner und Simon Ettmiller hatten erklärt, „vom bösen Feindt … angefochten“ worden zu sein. Aus dem Protokoll geht hervor, dass Walburga Schwarz eine Enkelin der vor Jahren der Hexerei verdächtigen so genannten „schartet Matthesin“ war. Die Angelegenheit wurde dem unbestrittenen Fachmann in Hexenfragen, Dr. Denich, übergeben. Der Fall weitete sich in den folgenden Monaten aus.

Ansicht vom Taschenturm

Am 6. September wurde bekannt, dass drei Waisenkinder im Taschenturm gefangengesetzt waren, während drei weitere sich noch im Waisenhaus befanden. Der Bub Simon Ettmiller hatte bei einem Verhör immer wieder erklärt, dass das „Katherlin, so zuvor auch im Waisenhaus gewesen“, ihm geschildert habe, wie sie die Tochter des Amtsknechts während der Mittagspredigt „bei den Mönchen“ angeblasen habe. Als das Mädchen heimkam, sei es ganz blau im Gesicht gewesen, als ob es geschlagen worden wäre. Man kam überein, dieses „Katherlin“, das mit Familiennamen Prandtl hieß, einzuvernehmen. Die drei im Taschenturm liegenden Kinder hatten ein weiteres Mädchen denunziert, Eva Glück mit Namen. Dieses Mädchen, das zuvor ebenfalls im Waisenhaus gewesen war, anschließend einige Zeit bei „der vorigen Waisenmuetter“ verbracht hatte und jetzt bei einem Soldaten im Dienst stand, wurde sogar von ihrem leiblichen Bruder, dem 10jährigen Martin Glück, der Hexerei bezichtigt. Eva widersprach diesen Anschuldigungen energisch. Die im Taschenturm inhaftierten Kinder belasteten sie nicht mit Ausnahme der Walburga Schwarz, die anfänglich Eva Glück ebenfalls als Hexe denunzierte, danach jedoch widerrief und gestand, dies nur „aus Neid“ angegeben zu haben, da sie sich im Waisenhaus früher einmal geschlagen hatten.

Allmählich stellte sich heraus, dass die Redereien der Kinder nur eines zum Ziel haben sollten, nämlich „die jetzige ziemlich suspecte Waisenmuetter“ zum Rücktritt zu bewegen. Deshalb sollten die drei Buben aus dem Waisenhaus für drei bis vier Wochen an „unverdechtige Örter“ gebracht werden, z. B. zu den Schergen, wo sie unter ständiger Aufsicht stünden. Die anderen drei Kinder sollten vorerst im Taschenturm bleiben. Im Dezember beklagte sich der Amtsknecht, dass er kein Holz für die Waisenkinder bekomme und man ihm auch kein Geld geben wolle. Er bat um beschleunigte Entscheidung in dieser Angelegenheit, damit die Kinder nicht erfrieren oder verhungern müssten. Vermutlich wurde dieser Tagesordnungspunkt zur Zufriedenheit des Amtsknechts erledigt, zumindest was das Holz betraf, da die Kinder im Januar 1624 immer noch inhaftiert waren. Die Kinder wurden erneut verhört und sagten aus, dass sie mit einigen von ihnen mit Namen genannten Frauen „ausfahren“, besonders in den Losnächten. Schließlich hatten sie alles widerrufen und zugegeben, dass alles nur „aus Forcht geschechen sei.“ Wieder wurde der Rat Dr. Denichs eingeholt. Dieser gab den Fall offenbar an die Juristenfakultät der Universität Ingolstadt weiter, die am 11. April zu dem Ergebnis gelangte, dass die Kinder „der Hexerei halber nit allerdings unschuldig“ seien. Gleichzeitig musste man jedoch zugeben, dass sich die Kinder fast in allen Punkten widersprochen und geradezu unmögliche Sachen von sich gegeben hätten. Man müsse das Alter der Kinder berücksichtigen, von denen das älteste elf, das jüngste aber noch nicht einmal vier Jahre zähle. Man kam zu dem Schluss, dass die Kinder freizulassen seien und „unverdächtigen Personen“ übergeben werden müssten, die sie zur Gottesfurcht und zur Arbeit anhalten sollten. Der Rat schloss sich am 12. April dem Gutachten der Professoren an, wollte aber wegen einer Aussage von Simon Ettmiller unverzüglich den Amtsknecht und seine Tochter verhören. Am 7. Juni wurden dem Waisenhaus anstatt der üblichen zwölf Klafter nur sechs Klafter Holz bewilligt, „da keine Kinder darin.“ Demnach waren die Kinder tatsächlich freigelassen worden. Dass die Knaben an bestimmte Erwachsene zur Erziehung gegeben wurden, geht aus dem Protokoll vom 19. Juli hervor. Die beiden Richtersknechte namens Georg und Thomas sowie der Zwack namens Markus erhielten bis auf weiteres von Almosenverwalter Hofmann Geld zum Unterhalt der Kinder. Maria Hitner, die bisher noch im Striglturm inhaftiert war, wurde im August in die Obhut der „alten Stadtpöttin“ Barbara Bauer gegeben. Ende August bot sich der Kürschner Michael Bayr an, dem Waisenkind Martin Glück vier Jahre lang das Kürschnerhandwerk zu vermitteln, und verlangte dafür 10 fl., wovon der Rat 8 fl. bewilligte. Damit scheint Meister Bayr nicht einverstanden gewesen zu sein, denn aus dem Ratsprotokoll vom 2. Oktober 1624 ist zu ersehen, dass Michael Glück schließlich bei Meister Michael Piler unterkam, bei dem er auf drei Jahre das Schusterhandwerk erlernte. Piler forderte sogar 12 fl. für sich und einen weiteren Gulden für seine Frau, die ihm aber anstandslos ausbezahlt wurden. Die Kosten sollten aus der Almosenkasse entrichtet werden. Verwalter Hofmann wurde angewiesen, die Hälfte des Betrags sofort und die andere Hälfte nach Beendigung der Lehre an Michael Piler auszuzahlen. Danach scheint in der Stadt wieder Ruhe eingekehrt zu sein. Auch ein kurfürstlicher Befehl vom 16. April 1625 über „die Hexerey und andere abergläubische Sachen“ fand allem Anschein nach in Ingolstadt zunächst wenig Beachtung.

Die dritte und letzte Ära der Hexenverfolgungen 1628 – 1630

Weite Kreise zog allerdings einige Jahre später ein anderer Fall. Nachdem Maximilian zu Ohren gekommen war, dass einige im Hochstift Eichstätt als Hexen hingerichtete Frauen auch bayerische Untertanen beschuldigt hätten, bat er Bischof Johann Christoph von Westerstetten am 18. Oktober 1628, ihm deren Aussagen zukommen zu lassen, „da er solches heilloses Gesindel in seinen Landen keineswegs gestatten könne.“ Der Stadtrichter und die Räte von Eichstätt übermittelten daraufhin die einschlägigen Protokolle, aus denen hervorging, dass auch eine Katharina Nickl (Niggl), die man als „alte Hofschneiderin von Eichstätt“ bezeichnete, als Hexe bezichtigt worden war. Sie war aus Furcht vor einer Verfolgung aus Eichstätt geflohen und hatte bei ihrem Schwiegersohn, dem Buchdrucker Wilhelm Eder, in Ingolstadt Unterschlupf gefunden. Hier erfolgte nun ihre Verhaftung. Das Hochstift Eichstätt wurde während der Regierungszeit Bischof Johann Christophs von Westerstetten, der zuvor Fürstpropst von Ellwangen war, ab 1612 zu einem Zentrum der Hexenverfolgungen. So war z. B. auch eine Vorgängerin von Katharina Nickl, die Hofschneiderin Anna Schatz, am 15. Dezember 1622 als Hexe hingerichtet worden. Damals war ein beschuldigter Bürger, der Bäcker „Dolln Liendl“, von Eichstätt nach Gerolfing geflohen.
Katharina Nickl wurde zunächst im Stockhaus und später im Taschenturm eingekerkert, mehrmals gütlich und peinlich verhört und schließlich zum Tode verurteilt. In seiner Sitzung am 7. März 1629 hatte sich der Ingolstädter Rat erstmals näher mit dem Fall Nickl zu befassen. Man kam überein, die Gefangene umgehend in den Taschenturm zu verlegen, weil „das Stockhaus gar zu klein“ sei. In einem kurfürstlichen Schreiben vom 6. Juli findet sich bereits die Ankündigung, dass es nunmehr an der Zeit sei, Katharina Nickl hinzurichten. Gleichzeitig beauftragte Maximilian Bürgermeister und Rat, die notwendigen Schritte einzuleiten, und ordnete an, vom Statthalter und der kurfürstlichen Kommission die Akten einzufordern, sich zu informieren und „ein peinliches Urthel darauß zu schöpffen.“ Sofern die Delinquentin nicht genügend Mittel hinterlasse, solle das Todesurteil auf Kosten der Hofkammer vollstreckt werden. In einem Brief vom 26. Juli wies auch Statthalter Werner Graf von Tilly den Rat noch einmal auf das Schreiben des Kurfürsten vom 6. Juli hin. In ihrer Sitzung gelangten Bürgermeister und Räte am selben Tag zu dem Ergebnis, den Fall an die Juristenfakultät zu übergeben mit der Bitte um ihr Gutachten, welche Strafe bei der alten Hofschneiderin zur Anwendung kommen solle. Vermutlich wollte man nicht die alleinige Verantwortung für das Urteil übernehmen. Am nächsten Tag wandten sich die Räte schriftlich mit der Frage an die Fakultät, „mit was Peen unnd Straff“ die Nicklin zu belegen sei, da „in so hochwichtigen Sachen, sonderlich dem verborgnen Laster der Hexerey ohne Rath der Rechtsgelerten fir unnß selbst etwaß zeschliessen, zue schwer unnd bedenkhlich fallen will.“ Somit hatten sich wieder dieselben Personen mit dieser Angelegenheit auseinanderzusetzen, allein mit dem Unterschied, dass die Herren in der beauftragten Kommission als kurfürstliche Räte urteilten und in der Juristenfakultät in ihrer Eigenschaft als Professoren ihre Einstellung zum Hexenunwesen offenbarten.
Schon am 30. Juli legte die Fakultät in ihrem Gutachten dar, dass Katharina Nickl wegen ihres „mit dem beßen Feindt getroffenen Pundts und fleischlicher unnatürlicher Vermischung, Absagung unnd Verlaignuß Gottes des Allmechtigen, vieler den Leuthen unnd Vich zugefiegter Schäden unnd verbrachten Umbringens, auch großer Unehrung der Heyligisten Hostia unnd anderer … einkhommener Übelthaten halber … auf dem Scheitterhauffen an ein Saul gebundten, daran mit dem Strang vom Leben zum Todt gebracht, alsdan ihr todter Cörpor vom Feur zum Aschen verbrennt werden“ solle. In der Sitzung am 3. August wurde Meister Jakob, der Scharfrichter, vom Rat angewiesen, beim herzoglichen Kastner um Holz, Stroh und Läden nachzusuchen, weil die Exekution „auf nechstkhonfftigen Montag“ vorgenommen werde. Tags darauf erstatteten der Ober- und der Unterrichter den versammelten Räten Bericht, wie sich Katharina Nickl „auf getane Vorhaltung ihrer güet- unnd peinlichen Aussag“ verhalten habe.

Am 6. August 1629 schließlich verlas der Stadtoberrichter vor dem fast vollzählig versammelten Rat die Urgicht der Katharina Nickl, ferner das eingeholte Urteil der Juristenfakultät und den Wortlaut von Artikel 109 der peinlichen Halsgerichtsordnung. Abwesend waren lediglich die beiden Räte Georg Demel und Johann Bayer. Demel musste wegen der Teilnahme am Seelengottesdienst für seinen verstorbenen Schwager fernbleiben, Bayer blieb als Schwager von Katharina Nickl ausgeschlossen. Danach übergab der Oberrichter die beiden verurteilten Frauen – neben Katharina auch die wegen Ermordung ihres Kindes verurteilte Helena Balauff von Lenting – dem Scharfrichter zur Vollstreckung des Todesurteils. Als man Katharina Nickl die Kleider vom Leibe riss, ihr stattdessen ein grobes Leinengewand anlegte und ihr die Haare vom Kopf schnitt, kam es zu einem unvorhergesehenen Zwischenfall. Das umstehende Volk begann plötzlich zu murren, „daß man so mit alten Leuten umgehe.“ Somit war nicht nur in den gebildeten Bevölkerungsschichten sondern auch beim einfachen Volk durchaus ein Widerstand gegen die Hexenprozesse erkennbar. Dies sollte der letzte Ingolstädter Prozess gewesen sein, der einen tragischen Ausgang nahm.

Darstellung aus der Halsgerichtsordnung

Um die Jahreswende 1629/30 wurde die 60jährige Taglöhnersfrau Anna Mayr aus Unterstall, die so genannte Wurst-Anna, verhaftet und am 5. Januar in Ingolstadt verhört. Ihr wurde Wahrsagerei zur Last gelegt. Anna Mayr, die sich mit dem Sammeln von Kräutern ein geringes Zubrot verdiente, gab an, über 100 verschiedene Arten zu kennen und von ihrer Heilkraft zu wissen. Nach etlichen Zeugenaussagen wurde sie am 12. Januar erneut examiniert. Weitere Verhöre folgten am 26. Februar, am 7. März und am 16. März. Die letzte Befragung erfolgte durch eigens mit der Führung von Hexenprozessen beauftragte „Commissarien“ im Taschenturm.
Am 25. März jedoch gelang der beherzten Frau die Flucht aus dem Gefängnis. Sie konnte sich bis nach Niederösterreich durchschlagen und fand im nördlich von St. Pölten gelegenen Markt Herzogenburg bei ihrem dort lebenden Sohn Unterschlupf. Wie sich später herausstellte, hatte Anna Mayr aufgrund der Unachtsamkeit des Amtsknechts Hans Schueler, seiner Frau und des Wächters Georg Schlaginhauffen aus dem Taschenturm entweichen können. Dies stellte man in einer Untersuchung am 23. April fest. Am 6. Mai wurde Schlaginhauffen wegen seiner „sonderbaren Nachlessigkeit“ aus Bayern verwiesen, Schueler mit Ungnaden aus dem Dienst entlassen und aus seiner Dienstwohnung entfernt.
Am 15. Mai erging seitens des Kurfürsten eine Aufforderung an Bürgermeister und Rat der Stadt, einen Boten mit einem Brief nach Österreich zu schicken, um der Angelegenheit nachzugehen. Am 10. Juni wurde ein Schreiben verfasst, in dem man die Kollegen in Herzogenburg um Amtshilfe bat. Eine Woche später antwortete der Marktrichter Paulus Rechberger von Herzogenburg, dass Anna Mayr heute früh verhaftet worden sei, aber nur höchstens drei Tage hier behalten werden könne und danach in das zuständige Landgericht gebracht werden müsse. Diesem Brief folgte am 20. Juni ein Schreiben des Pflegverwalters von Walpersdorf, Nikolaus Klainer. Darin teilte dieser mit, dass die Verhaftete gestern an das hiesige Herrschaftsgericht überstellt worden sei. Er könne derzeit zum Fall selbst nichts sagen, da sich sein Herr als Hauptmann beim Kaiser im Feldlager befinde. Nach seiner Auffassung würde die Angelegenheit ohnehin von der niederösterreichischen Regierung oder vom Kaiser selbst entschieden. Ausgeschlossen sei, dass Anna Mayr nach Ingolstadt zurückgebracht werde.
Am 28. Juni baten Bürgermeister und Räte von Ingolstadt den Pflegsverwalter, die Mayrin im sicheren Gewahrsam zu belassen. Die entstehenden Kosten würde die Stadt übernehmen. Am 5. Juli versprach Klainer, die Gefangene in der Haft zu behalten. Am 4. Oktober jedoch berichtete man aus Ingolstadt nach Österreich, dass man soeben ein Schreiben des Kurfürsten erhalten habe, in Walpersdorf solle man mit der Gefangenen verfahren, wie man es für richtig halte. Man nehme deshalb auch von einer Überstellung nach Ingolstadt Abstand.
Am 4. November wurde Anna Mayr in Walpersdorf verhört. Auf die Frage, warum sie aus Ingolstadt geflohen sei, antwortete sie, dass sie befürchtet habe, mit ihr werde man „auch so unchristlich“ umgehen wie mit dem Wirt von Gerolfing, der wegen Zauberei „unmenschlich seye torquirt und doch unschuldig erfunden worden.“ Am 10. Januar 1631 wurde ein Schreiben aus Walpersdorf nach Ingolstadt abgeschickt, in dem man um Aufschluss bat, was künftig zu tun sei, nachdem sich die Räte nochmals melden wollten, was bisher aber nicht geschehen sei. Man fügte auch eine Aufstellung der Kosten bei, die bis jetzt im Zusammenhang mit der Verhaftung der Anna Mayr entstanden waren, und bat, das Versprechen einzulösen und die Rechnung zu begleichen. Die Kosten beliefen sich auf insgesamt etwas mehr als 262 Gulden. Doch Bürgermeister und Rat von Ingolstadt reagierten darauf nicht.
Erst am 1. September 1636 kam Theodorus Hartmann von Clarstein, kaiserlicher Rat, Oberhofküchenmeister und Inhaber der Herrschaft Walpersdorf, in einem Schreiben wieder auf diesen Fall zurück. Er bedauerte, dass der Rat von Ingolstadt auf die seinerzeitigen Briefe keine Reaktion gezeigt habe. Nachdem zwischenzeitlich zwar „der gemaine Ruin“ das Reich heimgesucht habe, nun aber wieder ruhigere Zeiten angebrochen seien, bat er die Herren erneut um Begleichung der entstandenen Unkosten. Am 19. September schrieb Hartmann aus Regensburg, dass er sich in der bewussten Angelegenheit nunmehr beim Kaiser beschwert habe, da er seine Aufwendungen „nicht verloren haben“ wolle. Dem Brief war ein Schreiben des Kurfürsten beigefügt, der die Stadt aufforderte, dem Hartmann die Kosten unverzüglich zu erstatten oder, sofern „rechtmessige Einreden und Bedenkhen“ dagegen bestünden, diese innerhalb von drei Wochen dem Hofrat mitzuteilen. Hartmann ließ den Rat außerdem wissen, dass Anna Mayr lange Zeit im Gefängnis festgehalten worden war, darüber „erkhrumpt unnd aller ungesundt worden“ sei. Da man jedoch in Walpersdorf keine Veranlassung gesehen habe, sie zum Tod zu verurteilen, sei sie schließlich auf freien Fuß gesetzt worden. Sie halte sich noch heute hier auf und gebe zu keinerlei Klage Anlass.
Am 30. September versuchten sich Bürgermeister und Rat in ihrem Antwortschreiben zu rechtfertigen, dass einige Briefe aus Österreich nie in Ingolstadt angekommen und darüber hinaus die damals mit dem Fall betrauten Personen, Dr. Georg Fasold, Dr. Wolfgang Kolb und Stadtoberrichter Sebald Müllner von Zweiraden, inzwischen gestorben seien und deshalb die Angelegenheit in Vergessenheit geraten sei. Man machte sich aber verbindlich, die Unkosten zu begleichen. Am 21. Oktober forderte der Kurfürst den Ingolstädter Rat auf, sich mit Hartmann wegen der entstandenen Kosten zu vergleichen und sie ihm anteilig bis 4. Oktober 1630 zu erstatten. Nachdem seitens des Walpersdorfer Pflegsverwalters ursprünglich die Aufwendungen vom 18. Juni 1630 bis 18. Januar 1631 in Rechnung gestellt worden waren, zielte dieser Vorschlag auf eine Halbierung der Kosten ab. Wie man sich schließlich geeinigt hat, geht aus den Akten nicht hervor. Der Fall der letzten in Ingolstadt als Hexe angeklagten Frau ging jedenfalls für die betroffene Anna Mayr glücklicherweise glimpflich zu Ende. Bayerns Kurfürst schwenkte ohnehin seit der zweiten Jahreshälfte 1630 bei den Hexenprozessen auf eine gemäßigte Linie ein, als er während des Regensburger Kurfürstentags gemeinsam mit dem Kaiser sogar auf ein Verbot des Treibens vor allem der fränkischen Hexenverfolger hinwirkte.