Fleißer – Etwas zwischen Männern und Frauen

Perspektiven von Alma Larsen (Gedichte) und Samuel Rachl (Zeichnungen)

Zeichnung von Samuel Rachl

19. November 2006 – 29. April 2007

(Fleißerhaus)

Die Zeichungen von Samuel Rachl, die in der Ausstellung gezeigt werden, und die Lyrik von Alma Larsen, die während der Vernissage zu hören ist, sind erwachsen aus der kreativen Auseinandersetzung mit den Fleißerschen Erzählungen. Indem die Künstler Impulse aus deren Erzählprosa eigenwillig in ihr Medium übernehmen und sie mit dessen genuinen Kunstmitteln souverän weiterentfalten, eröffnen ihre Arbeiten originelle Perspektiven auf die Erzählerin Marieluise Fleißer.

Mit einer Erzählung, Meine Zwillingsschwester Olga (1923), begann sie ihre Karriere. Mit Prosastücken behauptete sie sich als Autorin in den schweren Zeiten der NS-Diktatur und der Nachkriegsjahre. Mit einer Erzählung, Das Pferd und die Jungfer (1949), bewirkte sie ihr Comeback. Die eigene Wertschätzung ihres Erzählschaffens, “Die guten unter meinen Geschichten halte ich für Meisterwerke”, teilten Schriftstellerkollegen und Literaturkritiker. Denn sie erkannte für die Moderne typische Entwicklungen und konkretisierte ihre Problematik in Konstellationen und Figuren ihrer Prosa. Ihr komplexes Grundthema, die Kollision von individueller Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Fremdbestimmung, veranschaulichte sie in scheinbar naiver Sprache. Der Ton der Naivität gelang Fleißer mit ihrer durch die kunstfertige Verknüpfung von Lakonik, bildhafter Konkretheit, Anspielungsfülle wie Kinderzeichnungen anmutenden Sprachgestaltung.

Zeichnung von Samuel Rachl
Zeichnung von Samuel Rachl

Fleißers Art der Versprachlichung findet kongeniale Entsprechungen in dem minimalistischen, zugleich konkreten und assoziationsoffenen Zeichenstil von Samuel Rachl. Mit Fleißers Charakteristikum, Themen in Variation aufzufächern, korrespondiert der Gedichtzyklus von Alma Larsen, in dem sie wenige autobiographische Elemente, literarische Sujets, typische Worte aus Das Pferd und die Jungfer der Erzählerin aufgreift und überraschend variiert.

Rachls dynamische Spontannotate und Larsens lyrische Montagen befördern neue, unkonventionelle Blicke auf Fleißers erzähltes “Etwas zwischen Männern und Frauen”, die einzuholen und weiterschweifen zu lassen, die Ausstellung anregt. (Dr. Martina Neumeyer)

Zeichnung von Samuel Rachl Zeichnung von Samuel Rachl

hinterlassenschaft einer dichterin

was
muss die nachwelt dringend von ihr wissen
wer sie geboren wann und wo gelebt
womit sie wie sich quälte ob mit worten
mit männern oder wonach sie gestrebt
ob
sie den text vom leben abgeschrieben
ob jener freund der ihr talent entdeckt
zuerst nur inspiriert war von der größe
der füße, die er lustvoll abgeleckt

einer zeigte ihr die richtung
wo es langgeht, und
als sie den glaspalast erreichte
hielt der nächste ihr die tür auf
doch als sie den fahrstuhl nahm
nach oben
fiel der strom aus
jeder sah sie schweben
zwischen drittem stock und himmel

Zeichnung von Samuel Rachl Zeichnung von Samuel Rachl Zeichnung von Samuel Rachl Zeichnung von Samuel Rachl

äpfel orangen und gute luise
naheliegend war es nicht
die früchte beschreiben
ohne zu essen
der hunger war groß genug
er reichte für viele wünsche:
glück und erfolg und liebe
die gute luise mit der schönsten
birnenform mitteleuropas
begehrt und vermessen
der männliche blick
auf gerundetes fleisch

solche füße lassen einen kippen
aus der spur der weg
ist gangbar nur für schnelle
amazonen ohne rechten busen
unbeliebt bei kriegerischen reitern.
fehlt ein vorbild für die kolossale
spannung ihres bogens
glaubt sie nicht an das was eigen
wenn kein ER die hand will
hat sie zweifel an der zahl der finger

war sie denn schön
war sie nicht schlau
war sie halb mann
war sie halb frau
war haargenau

nabelschau
trümmerfrau
überbau
himmelblau

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