Zeugnisse einer Begegnung

Neues aus dem Nachlass Fleißer

Franz Xaver Lindl in den 30er Jahren

28. Mai 2006 – 29. Oktober 2006

(Fleißerhaus)

In der Begegnung mit einem bildenden Künstler und einem kunstbegabten Lehrer, die sie umwerben, erfährt eine vereinsamte Frau das Scheitern ihrer Hoffnungen auf ein ihre Vorstellungen erfüllendes Leben.

Marieluise Fleißer in den 30er Jahren

Diese Erfahrung macht die Protagonistin von Marieluise Fleißers Schlagschatten Kleist im Landhaus, das einem der Verehrer, „einem Kirchenmaler und Holzschnitzer gehörte, der es aus verschiedenen Altarbildern, Madonnen und Madönnchen erbaut hatte, aus dem Erlös dafür nämlich, und das in einem abgeschiedenen Städtchen frei auf einem Berg stand“.

Diese fiktive Künstlerfigur gestaltete Marieluise Fleißer nach einer realen Person, der sie im August 1934 tatsächlich begegnet war: Franz Xaver Lindl (1897 – 1970) aus Berching. Seine eigenen Werke sind es, die die Schriftstellerin in ihrer Erzählung dessen literarisches Alter Ego vorführen läßt:

„Er schleppte Zeichnungen und Bilder herbei, rannte im Atelier hin und wieder, nahm die gegen die Stühle gestellten Bilder weg und rückte andere ins Licht […] Mit einer Kerze leuchtete er die Wand hinauf, wo die kleine Holzmaske einer gefühlswarmen Frau hing, liebliche Güte im alten abgeschafften Gesicht“.

Diese Plastik ebenso wie andere Skulpturen, Ölbilder, Holzschnitte, Aquarelle von Lindl werden im Fleißerhaus erstmals zugänglich gemacht.

Die in den 20er und 30er Jahren entstandenen Werke demonstrieren nicht nur die künstlerische Bandbreite des gelernten Schreiners, der seine bildhauerischen und malerischen Begabungen als Student an der Kunstakademie Nürnberg ausbildete und dann als Meisterschüler an der Kunstakademie Düsseldorf perfektionierte.

Vielmehr ermöglicht die Ausstellung zu erkennen, wie Lindl in kreativer Auseinandersetzung mit älteren Traditionen und zeitgenössischen Kunstrichtungen seine persönliche Ausdrucksweise entwickelte.

Ihre Charakteristika erschließen sich aus den Exponaten, die teils in rhythmisch fließender Bewegung, teils in streng gebändigter Unbewegtheit Lindls stilistisches und thematisches Interesse repräsentieren.

Denn die Arbeiten im Detail und in ihrer Gesamtkomposition zeichnen sich aus durch eine auf hellsichtiger Beobachtungsgabe beruhende und auf das Wesentliche konzentrierte Prägnanz der Darstellung, die durch Restriktion der Formen und durch Schlichtheit der Motive die Verdichtung ihrer Wirkung erzielt.

Diese auf unmittelbare Ansprache der Betrachter angelegte Kunstauffassung als Bildhauer und Maler konsequent zu realisieren und ingeniös zu vervollkommnen, ist lebenslang die Basis des Schaffens von Franz Xaver Lindl.

Aus seiner Fähigkeit, die Spannung zwischen kunsthandwerklicher Vielseitigkeit und künstlerischer Prinzipienstrenge für seine Schöpfungen fruchtbar zu machen, entfaltet er sein reich facettiertes, daher der Entdeckung wertes Oeuvre.

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