Kriegsgefahr und Hexenwahn – Das Jahr 1704 in Ingolstadt

Edmund Hausfelder

Bisher ging man immer davon aus, dass unter der Regierungszeit Kurfürst Maximilians I. von Bayern in Ingolstadt die letzte Frau als Hexe verbrannt wurde. Dies muss jedoch aufgrund eines Zufallsfundes revidiert werden. Franz Xaver Ostermair, der Gründer und langjährige Vorstand des Historischen Vereins Ingolstadt, erwähnt in einer seiner zahlreichen Veröffentlichungen, dass am 20. September 1704, also gut ein halbes Jahrhundert nach Maximilians Tod, eine „Anna Dietrichin infanticidii causa et congressus cum diabolo“ hier mit dem Schwert hingerichtet und verbrannt worden sei.

Dieser kurze Hinweis entspricht tatsächlich der Wahrheit und hält einer Überprüfung durch die Originalquellen stand. Diese sind allerdings nur sehr spärlich vorhanden und besagen zunächst, dass am 20. Juni 1704 der Ingolstädter Rat zu einer Sitzung zusammentrat. Vermutlich wusste keiner der damals anwesenden Herren, dass dies für knapp drei Monate die letzte Zusammenkunft sein sollte. Schuld daran waren allem Anschein nach die unsicheren Zeiten, die sich aus der Großmachtpolitik des bayerischen Kurfürsten Max Emanuel ergeben hatten. Nach beachtlichen Anfangserfolgen im wenige Jahre zuvor entbrannten Spanischen Erbfolgekrieg wendete sich nun das Kriegsglück und Max Emanuel musste am 2. Juli 1704 in der Schlacht auf dem Schellenberg bei Donauwörth erstmals eine Niederlage hinnehmen. Nach der darauf folgenden schweren Niederlage in der Schlacht bei Höchstädt am 13. August war er sogar gezwungen, sein Land zu verlassen. Er verbrachte zunächst einige Jahre in der damaligen Spanischen Niederlande, deren Statthalter er war, und musste später ins Exil nach Frankreich ausweichen.

Bereits am 27. Juli 1704 hatten die Alliierten Kriegsrat gehalten und beschlossen, die Festung Ingolstadt zu belagern, am 6. August waren von Schrobenhausen etwa 14.000 Mann feindlicher Soldaten unter Markgraf Ludwig von Baden hierher aufgebrochen und hatten am 12. August mit der Belagerung der Stadt begonnen. In der Nacht zum 17. August erreichte die Truppen jedoch der Befehl ihrer beiden Oberbefehlshaber, des Prinzen Eugen von Savoyen und des Herzogs von Marlborough, die Belagerung abzubrechen. Bereits tags darauf zog sich die Infanterie nach Neuburg zurück, fünf Kavallerieregimenter blieben jedoch hier, um die Festung weiter zu beobachten und mögliche Ausfälle der Besatzung zu verhindern.

Nachdem sich die Situation in der Stadt ein wenig entspannt hatte, trafen sich am 11. September 1704 die Ratsherren erstmals wieder zu einer Sitzung. In der darauf folgenden Versammlung am 15. September wurde unter anderem auch über einen Kriminalfall beraten. Eine aus Ingolstadt gebürtige, ledige junge Frau namens Barbara (!) Dietrich hatte man wahrscheinlich bald nach dem 20. Juni „in causa infanticidii et congressus diabolici“ inhaftiert und ihr den Prozess gemacht. An diesem 15. September referierte Stadtoberrichter Johann Wilhelm Maier über den Stand des Verfahrens und stellte den Antrag, die Delinquentin mit einer glühenden Zange einmal in der Stadt und ein weiteres Mal auf der Richtstätte in den Arm zwicken zu lassen, danach zu enthaupten und schließlich den Leichnam zu verbrennen. Der Rat sprach sich allerdings gegen das Zwicken mit der glühenden Zange aus, „quia non constat de corpore delicti“, stimmte jedoch der Enthauptung und der Verbrennung zu. Bei Hexendelikten war es in der Regel so, dass beim Prozess nicht nach der Beweislage sondern aufgrund von Denunzierungen, die oftmals sogar anonym erfolgt waren, verfahren wurde. Folterzangen

Von der Angeklagten Barbara Dietrich und ihren Verfehlungen weiß man nicht viel. Sie war am 9. April 1680 als jüngstes Kind des Tagwerkers Konrad Dietrich und seiner Ehefrau Maria in Ingolstadt geboren. Vermutlich lautete ihr voller Name Maria Anna Barbara. Sie hatte fünf ältere Geschwister, vier Brüder und eine Schwester. Worin ihre Schuld genau bestand, lässt sich aus dem kaum rekonstruierbaren Prozessverlauf nicht feststellen. Man lastete ihr die Ermordung eines Kindes und eine Verbindung mit dem Teufel an. Sicher scheint lediglich, dass sie ein Kind getötet hatte. Ob es ihr eigenes war, liegt vielleicht nahe, entzieht sich jedoch ebenfalls unserer Kenntnis.

Folterstätte Taschenturm Schon am 16. September traf sich der Rat erneut. Dazu wurde Barbara Dietrich aus dem Gefängnis auf die Anklagebank in das Rathaus geführt. Dort verlas Stadtunterrichter Johann Baptist Diepold alle Punkte ihres Geständnisses, wobei die Angeklagte immer mit Ja zu antworten hatte. Nachdem sie abschließend nochmals gefragt wurde und auch diesmal wieder die Anklageschrift bestätigte, wurde sie in den Turm zurückgebracht. Dann wurde offiziell das Todesurteil gegen sie ausgesprochen. Da sie darum gebeten hatte, dass das Urteil an einem Samstag vollstreckt werde, entsprach man ihrem Wunsch mit der Begründung, dass sie ihre Missetaten meistens auch an einem Samstag begangen habe. Außerdem wurde der Stadtpfarrprediger der Oberen Pfarr, ein Priester aus dem Jesuitenorden, beauftragt, der Delinquentin während ihrer letzten Tage geistlichen Beistand zu leisten und sie auf den Tod vorzubereiten.

Am 20. September 1704, es war tatsächlich ein Samstag, wurde in der Angelegenheit Barbara Dietrich der so genannte Malefiztag abgehalten. Unter der Leitung des Amtsbürgermeisters und kurfürstlichen Rats Dr. Franz Ignaz Crollolanza versammelten sich die Mitglieder des Inneren und des Äußeren Rats mit Ausnahme von Bürgermeister Mathias Seitz und der Inneren Räte Benedikt Hinklmann und Ignaz Frank, die erkrankt waren, in Mantel und Degen im Rathaus. Dort erläuterte Stadtoberrichter Maier die Gründe für die Zusammenkunft. Anschließend verlas Stadtunterrichter Diepold zunächst das landesherrliche Privileg, mit dem der Stadt die hohe Gerichtsbarkeit verliehen worden war, sodann die beiden einschlägigen Artikel aus der so genannten Peinlichen Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V. (Constitutio Criminalis Carolina) und schließlich das Urteil.

Titelblatt der Halsgerichtsordnung

Daraufhin ließ der Stadtoberrichter die Angeklagte aus dem Gefängnis holen. Unterdessen mussten alle Anwesenden, beginnend mit Amtsbürgermeister Crollolanza und Bürgermeister Johann Siebenhärl, das Urteil beschwören. Danach wurde es durch den Stadtoberrichter nochmals bestätigt, der schließlich an seinem rot gedeckten Tisch über die Delinquentin den Stab brach und anordnete, die Sterbe- oder Malefizglocke zu läuten, bis das Urteil öffentlich verkündet werde.

Stadtansicht mit Richtstätte (17. Jhdt.) Als dann Scharfrichter Ignaz Pflügler gerufen wurde, seines Amtes zu walten, begann das letzte Kapitel des grausamen Schauspiels. Dem Henker wurde befohlen, die zum Tod Verurteilte mit dem Schwert hinzurichten und danach zu verbrennen. Nachdem der Scharfrichter hierzu um sicheres Geleit gebeten hatte, wurde der Stadtamtmann beauftragt, dasselbe auszurufen und zu gewährleisten. Schließlich brachte man die Delinquentin zur Richtstätte südlich der Stadt, wo an ihr das Todesurteil vollstreckt wurde. Dies war die letzte Hinrichtung einer als Hexe verleumdeten Frau in Ingolstadt.

Aufgrund der fehlenden Ratsprotokolle ist nicht ersichtlich, welcher Verfehlungen sich Barbara Dietrich tatsächlich schuldig gemacht hatte und wie lange sich ihr Prozess insgesamt hinzog. Es ist anzunehmen, dass zumindest ein Teil des Rates immer wieder zusammen kam, um die wichtigsten anstehenden Entscheidungen zu treffen und die laufenden Amtsgeschäfte mehr oder weniger provisorisch weiterzuführen. Da nach dem Protokoll der Sitzung vom 20. Juni 1704 im Band eine Reihe von Seiten frei gehalten wurde, hätten darauf wohl diese Entscheidungen Platz finden sollen. Dies unterblieb jedoch aus unerklärlichen Gründen. Trotz der dürftigen Einträge meint man eine gewisse Eile zu verspüren, mit der man das Verfahren möglichst rasch zu Ende bringen wollte. Fürchtete man etwa die bevorstehende Übergabe der Festung an die Österreicher, die den Prozess vielleicht neu aufgerollt hätten?

Ganz so sehr hätte man sich freilich nicht beeilen müssen, da die Übergabe Bayerns an die österreichische Besatzungsmacht durch Kurfürstin Theresia Kunigunde erst durch den Vertrag von Ilbesheim am 7. November 1704 erfolgte. Gemäß Punkt 3 dieser Übereinkunft sollten die Festungen Ingolstadt und Kufstein sowie Schloss Neuburg am Inn am 18. November den kaiserlichen Truppen übergeben werden. Am 19. November wurden Bürgermeister und Rat von Ingolstadt in das Schloss gerufen, wo man ihnen die einzelnen Punkte des Vertrags eröffnete. Die Festung sollte von österreichischen Truppen besetzt werden, die Stadt selbst aber bayerisch bleiben. Hierauf ergingen sich die Offiziere und Soldaten in wüsten Beschimpfungen über die Kurfürstin und erklärten, den Gehorsam zu verweigern. Unverzüglich besetzten sie die Festungswerke und bemächtigten sich des Zeughauses. Die Soldaten drohten, eher die Festung in die Luft zu sprengen als sie den Österreichern zu übergeben und verlangten nachdrücklich die Bezahlung ihres rückständigen Solds. Am 21. November setzten sie ein Ultimatum: Wenn sie nicht am nächsten Tag bis 12 Uhr mittags wenigstens ein Monatsgeld erhielten, würden sie die Stadt ohne weitere Vorwarnung plündern.

Am 22. November richtete die Kurfürstin einen Brief an Generalwachtmeister Johann Wilhelm Freiherrn von Lützelburg, in dem sie ihr Missfallen über die entstandenen Unruhen zum Ausdruck brachte und darauf hinwies, dass der dem Statthalter Anton Graf von Montfort bereits erteilte Übergabebefehl unverändert bestehen bleibe. Außerdem sollte Lützelburg den ausstehenden Sold auftreiben und mit den Truppenkommandeuren wegen der Auszahlung verhandeln. Lützelburg konnte die Stadt und die Universität vom Ernst der Lage überzeugen, so dass innerhalb kürzester Zeit die Summe von 18.000 Gulden aufgebracht wurde. Am 2. Dezember langten weitere 40.000 Gulden in Ingolstadt an, die die Kurfürstin aus München geschickt hatte. Doch auch nachdem der Sold ausbezahlt worden war, konnten die Soldaten nicht zur Übergabe der Festung bewegt werden. Erst nach der Drohung des Prinzen Eugen, die Stadt München dem Erdboden gleich zu machen, wenn Ingolstadt nicht spätestens am 7. Dezember seine Tore öffne, gaben die Soldaten nach und verließen die Stadt. Als die bayerischen Truppen abgezogen waren, traf noch am 7. Dezember Prinz Eugen mit einer kaiserlichen Besatzung von 4.000 Mann in Ingolstadt ein. Als neuer Festungskommandant wurde der kaiserliche Oberst Hubert Dominik Freiherr von Arnau eingesetzt. Er führte sein Amt bis zum Friedensschluss von Rastatt. Dieser Friede konnte zwar am 6. März 1714 geschlossen werden, doch dauerte es nochmals zehn Monate, bis die Österreicher aus Ingolstadt abrückten und wieder bayerisches Militär einziehen konnte. Erst eine am 8. Januar 1715 in Straßburg geschlossene Konvention besagte, dass die beiden Festungen Breisach und Ingolstadt gegenseitig geräumt und aus ganz Bayern die kaiserlichen Truppen abgezogen werden sollten. Gemäß dieser Übereinkunft verließen die Österreicher am 25. Januar um 10 Uhr vormittags Ingolstadt und das bayerische Regiment Kurprinz zog ein. Gleichzeitig wurde Generalwachtmeister Maximilian Joseph Graf von Taufkirchen zum neuen Statthalter ernannt und konnte bereits wenige Tage später in der Stadt begrüßt werden. Am 10. Februar hielt man in den Kirchen von Ingolstadt als Dank für den erlangten Frieden das „Te Deum laudamus“ ab, außerdem gab es „Feuerwerk, Stadtbeleuchtung und Ball“, im April schließlich kehrte Kurfürst Max Emanuel aus dem französischen Exil in sein Land zurück.