Pietro Combi an Simon Mayr, Civica Biblioteca Angelo Mai Bergamo

Pietro Combi an Simon Mayr,
Civica Biblioteca Angelo Mai Bergamo

„Mayr-Telegramm“

Klingende Musikgeschichten im Stadtmuseum

Flyer Konzertantes Museum (PDF, 538 KB)

Der 250. Geburtstag des Komponisten Simon Mayr wurde 2013 gebührend mit drei wissenschaftlichen Symposien gewürdigt. Am Anfang stand, wie in seinem Leben, seine bayerische Heimat. Die Tagung an der Hochschule für Musik und Theater in München am 3. März 2013 drehte sich um die Oper Adelasia ed Aleramo. Von München erhoffte sich Mayr mit der Widmung des Oratoriums Sisara einst, Ende des 18. Jahrhunderts wie zuvor sein Vorbild Mozart, eine aussichtsreiche Zukunft. Die zweite Tagung vom 13. bis 15. Juni 2013 am Ort seiner umfassenden universitären Ausbildung in Ingolstadt war ihm direkt zum Geburtstag gewidmet (Mayrs Tauftag war der 14. Juni 1763)

Aussichtsreich und überaus fruchtbar für sein Komponieren wie für sein kulturelles und musikpädagogisches Engagement erwies sich letztendlich für ihn die Wahlheimat Bergamo.
Die Tagung in Bergamo am 30. November 2013 wurde von der Fondazione Donizetti in Bergamo vorbereitet.
Kurze Zusammenfassungen der italienischen Beiträge zu Mayrs Musikpädagogik, im Original von Livio Aragona herausgegeben, hat Iris Winkler für Simon Mayr mal drei eigens erstellt.

Die reichhaltige Ausbeute der schriftlich eingereichten und nun publiziert vorliegenden thematisch weit gespannten Aufsätze zu Mayrs Werken, seinem Leben und Wirken ist für die internationale Musikforschung richtungsweisend für eine kultur- und musikgeschichtliche Neuinterpretation des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Zudem zeigt sich hier nicht zuletzt der kulturelle Einsatz der Stadt Ingolstadt in der kontinuierlichen Pflege, Aufarbeitung und Aufbereitung der vergessenen Werke des Mendorfer Komponisten, dessen musikdramatisches Oeuvre in seiner Zeit europaweit gespielt wurde.

Simon Mayr mal drei beim Münchner Allitera-Verlag als Band 9 der Mayr-Studien in der Reihe Musikwissenschaftlichen Schriften der Hochschule für Musik und Theater München erschienen, spiegelt in der Vereinigung der drei Tagungen die aktuelle internationale Forschungslandschaft wider.

Herausgegeben wurde der Band von Claus Bockmaier, Dorothea Hofmann und Iris Winkler. Neben den überaus verdienstvollen musikalischen Wiederentdeckungen und Erstaufführungen von Franz Hauk, den Bemühungen der Internationalen Simon Mayr-Gesellschaft, genießt Iris Winkler als Mayr-Forscherin internationale Anerkennung. Sie hat die Leitung der Simon-Mayr-Forschungsstelle im Stadtmuseum Ingolstadt inne.

Lithographie von Heinrich E. Wintter, Stadt Ingolstadt, Simon-Mayr-Bestand

Johann Simon Mayr - Giovanni Simone Mayr (1763-1845)

Ein Beitrag von Iris Winkler

1763 wurde Johann Simon Mayr in Mendorf/Altmannstein geboren, getauft am 14. Juni 1763 in der Mendorfer Kirche St. Leodegar. Die Mutter, Maria Anna, geborene Prantmayr, entstammte einer schwäbischen Brauereifamilie aus Friedberg bei Augsburg.
Durch den Vater Joseph Mayr, den Organisten und Schullehrer des Dorfes, war Simon Mayr schon sehr früh mit der Musik in Kontakt gekommen.

Privatsammlung Baronin Margarete de Bassus. 
Mit freundlicher Genehmigung von Baronin Margarete de Bassus
Foto: Helmut Bauer

Im Herbst 1769 (zum Schuljahr 1769/1770) kam Mayr zur schulischen Ausbildung für drei Jahre ins Kloster Weltenburg. Der dortige Abt Gregor Werner bezeugte Mayrs frühe musikalische, insbesondere pianistische Fähigkeiten. Der bedeutende Mayrbiograph Girolamo Calvi berichtete, auch auf der Grundlage von Mayrs eigener Autobiographie, von dem großzügigen Angebot eines Unbekannten, Mayr mit nach Wien zu nehmen. Aber dieses Angebot wurde von den besorgten Eltern nicht wahrgenommen.

Foto: Iris Winkler
Foto: Helmut Bauer Thomas Franz Maria Freiherr von Bassus.Privatsammlung Baronin Margarete de Bassus. Mit freundlicher Genehmigung von Baronin Margarete de Bassus Foto: Helmut Bauer

Nach seiner Schulzeit in Weltenburg erhielt Mayr einen Freiplatz im Jesuitenkolleg Ingolstadt. 1777 begann Mayr sein Studium an der dortigen Universität. Der junge Mayr studierte Theologie und Jurisprudenz, wohl gleichfalls Medizin. Diesem Fach galt durchaus sein Interesse, was der Biograph Calvi bestätigt. Um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wirkte Simon Mayr in Ingolstadt als Organist bei den Augustinern und in St. Moritz, der unteren, ältesten Pfarrkirche der Stadt.
Größere musikalische Aufführungen hat Mayr im damaligen Ingolstadt nicht erleben können, nur kleinere „Operetten“ wurden im „Tuchhause“ aufgeführt. Vielleicht hat Mayr dort die drei bis vier Operetten von Hiller – an die er sich selbst erinnert – durch das fahrende Volk kennen gelernt. Im Stil der Strophenlieder des 18. Jahrhunderts, etwa denen von Johann Adam Hiller, sind Mayrs erste gedruckte Kompositionen gehalten: Lieder beim Klavier zu singen, Regensburg 1786. Bei der damaligen Musikkritik – Cramers Magazin der Musik – kam dieser Erstling allerdings nicht gerade gut weg: „Überhaupt fehlt es Herrn Mayr nicht an Gesang, aber sehr an warmen Ausdruck.“
Ab etwa 1787 begann Freiherr Thomas von Bassus Mayrs weiteren Lebensweg wesentlich zu bestimmen. Thomas Franz Maria Freiherr von Bassus, geboren 1742 in Poschiavo, studierte in Ingolstadt Rechtswissenschaften. Bassus erbte 1780 Titel und Güter seiner deutschen Verwandten. 1786 wurde er kurfürstlicher Kämmerer in München. Er hielt sich auf Schloss Sandersdorf bei Altmannstein, aber zumeist in Poschiavo in Graubünden in der Schweiz auf. Dort wurde auch sein Sohn Johann Maria geboren. 1777 kam er achtjährig nach Ingolstadt zur weiteren Ausbildung, im selben Jahr hatte sich auch Johann Simon Mayr an der dortigen Universität immatrikuliert. Mayr hatte Johann Maria in die Anfangsgründe der Musik und die Grundlagen der Komposition unterwiesen.
Freiherr Thomas von Bassus wurde von Adam Weishaupt, Professor für Natur- und Kirchenrecht an der Universität Ingolstadt, 1778 als Mitglied des Illuminatenordens geworben. Diesen Orden hatte Weishaupt 1776 gegründet. Nach eigenen Angaben zählte von Bassus zu den Areopagiten, der höchsten Klasse der Illuminaten. Hannibal war sein Ordensname. Weishaupt heiratete, nachdem 1780 seine erste Frau gestorben war, im Jahre 1783 deren Schwester. Die Kontakte zu Adam Weishaupt und den Illuminaten gerieten dem Aufklärer Thomas Franz Maria von Bassus zum Verhängnis; in den Jahren 1787/1788 wurde das „Illuminaten-Nest“ Sandersdorf ausgehoben und der Freiherr gezwungen, sein Amt als Kämmerer niederzulegen.

Jesuitenkolleg Ingolstadt, Stadtmuseum Ingolstadt Hohe Schule, Stadtmuseum Ingolstadt Schloss Sandersdorf, Privatsammlung Baronin Margarete de Bassus. Mit freundlicher Genehmigung von Baronin Margarete de Bassus, Foto: Helmut Bauer
Foto: Iris Winkler

Diese einschneidenden Ereignisse geschahen vor dem politischen Hintergrund der Illuminatenverfolgungen in Bayern, die in Ingolstadt kulminierten. Der Illuminatenorden war bereits 1784/1785 verboten worden.
Durch den durch seine Druckerei in Graubünden in ganz Oberitalien bekannten Thomas von Bassus kam Mayr 1787 nach Poschiavo. Mayr erwarb sich nicht nur erste Italienischkenntnisse, sondern erkannte seine musikalische Berufung: die Musik wurde ihm Hauptbeschäftigung. Thomas de Bassus brachte Mayr erstmals nach Bergamo. Mayr lernte dort Carlo Lenzi kennen. Lenzi wirkte in Bergamo als maestro di cappella der Basilika Santa Maria Maggiore.

Foto: Iris Winkler

Mayr war jedoch mit Lenzis Unterricht, der wohl nur wenige Monate andauerte, keineswegs zufrieden. Der junge, aufstrebende Komponist trug sich, nicht zuletzt aus finanziellen Nöten heraus, mit dem Gedanken, nach Bayern zurückkehren. Da lernte er einen weiteren musikliebenden Mäzen kennen, der seine musikalische Laufbahn entscheidend lenkte: Conte Canonico Vincenzo Pesenti. Pesenti bahnte dem fünfundzwanzigjährigen Mayr den Weg nach Venedig.
Der Venezianer Advokat, Archivar und Librettist Giuseppe Maria Foppa berichtet von einem Adeligen, der sich für den Komponisten Mayr einsetzte: Francesco Martinengo. Francesco Martinengo förderte beispielsweise finanziell großzügig das Teatro Balbi, das in Mestre an der Piazza Barche neben dem Canal Salso errichtet worden war. Die Familie Martinengo unterstützte zudem die Accademia degli Erranti in Brescia, dem Herkunftsort der Familie Martinengo di Padernello. Durch die Mithilfe von Foppa und Martinengo kam ein für Mayr weiterer wichtiger Kontakt zustande: die Bekanntschaft mit Kapellmeister Ferdinando Bertoni.

Foto: Iris Winkler

Ferdinando Bertoni war ein Schüler des berühmten Padre Martini in Bologna. In Venedig wirkte Bertoni als Organist an der Kirche S. Moisè, unterrichtete das Cembalospiel in zahlreichen Adelsfamilien, schrieb damals weit bekannte Opern für die venezianischen Theater, Oratorien für S. Maria della Consolazione detto della Fava. Er bewarb sich zunächst erfolglos als Maestro di Coro am Ospedaletto, dieses Amt hatte er dann aber äußerst erfolgreich am Ospedale dei Mendicanti inne. Er wurde Organist und später, nach dem Tod von Baldassare Galuppi, erster Kapellmeister an San Marco.

Foto: Iris Winkler

Die Vielzahl der Vokalwerke Bertonis werden Mayr für seine eigenen Kompositionen inspiriert haben, außerdem wurde er mit der gängigen musikalischen Praxis vertraut: das zeitübliche Vorgehen der Entlehnung und Wiederverwendung musikalischen Materials. Bertonis wesentliche Wertschätzung dürfte dem noch unbekannten fremden Komponisten weitere Tore in Venedig geöffnet haben: zunächst beim Ospedale dei Mendicanti, einem der vier Hospize (Ospedali) die insbesondere als musikalische Ausbildungsstätten für Mädchen und Frauen über Venedig hinaus Bedeutung erlangten. Mayr wurde für den dortigen Chor tätig.

Foto: Iris Winkler

Nach Mayrs eigenen Angaben arbeitete er „gratis“, bekam kein Honorar für die vier venezianischen Oratorien, was hinsichtlich der finanziellen Nöte der Mendicanti in diesen Jahren plausibel erscheint. Allerdings konnte der Komponist durchaus mit einer respektablen Aufführung seiner Werke rechnen, die seine Leistung publik werden ließ. Zu einer herausragenden Interpretin der Mendicanti im 18. Jahrhundert zählte Bianca Sacchetti, sie wirkte als bedeutende Oratoriensängerin des Ospedale dei Mendicanti von 1783 bis 1797. Mayr komponierte in Venedig auch für den kulturell interessierten Adel: für die Familien Widmann, Miari und Pesenti. Geistliche wie weltliche Werke entstanden. Mit seinen Opern eroberte er die Musikstadt Venedig. Er prägte insbesondere die Anfangszeit des neuerbauten großen Theaters La Fenice.

Foto: Iris Winkler

Mayrs Wirken als Musiklehrer führte den Fremden in adelige Paläste, aber auch in das Haus der wohlhabenden und kulturell aufgeschlossenen, gebildeten Kaufmannsfamilie Venturali. Mayr unterrichtete die Tochter Angela im Klavierspiel. Angela Venturali und Giovanni Simone Mayr heirateten am 24. November 1796 in der Kirche San Cassiano, der Pfarrei der Familie Venturali. Ein Jahr nach der Heirat brachte Angela einen Sohn, Giuseppe Angelo, zur Welt. Kurz nach der Geburt starb die Mutter am 30. November 1797. Schon am 7. Januar 1798 folgte ihr Giuseppe Angelo nach. Doch Mayr blieb der Familie Venturali verbunden. Am 25. Oktober 1804 heiratete er Lucrezia Venturali, Angelas Schwester, ebenfalls in Venedig.

Foto: Iris Winkler

1802 hatte Mayr die Nachfolge Carlo Lenzis in Bergamo angetreten und wurde Kapellmeister an der Basilika Santa Maria Maggiore. Nach wie vor war er einer der führenden Opernkomponisten der Zeit. Erst mit der Oper Demetrio setzte er dieser Karriere selbst ein Ende. Mayr widmete sich in Bergamo vermehrt seiner Kapellmeistertätigkeit und Komposition kirchenmusikalischer Werke. Eine Musikschule, die 1806 eröffnet wurde leitete er selbst und unterrichtete Komposition und Musiktheorie. Gaetano Donizetti wurde sein berühmtester Schüler.

Verantwortlich war Mayr für die Gründung des Pio Istituto Musicale 1809, einer sozialen Einrichtung, die alten Musikern und ihren Familien in Not und Krankheit beiseite stand. 1823 entstand durch Mayrs Verdienst die Unione filarmonica, eine Musikakademie und Orchestervereinigung. Durch Mayrs Initiativen wurden die „Wiener Klassiker“ in Bergamo gespielt. Händels Messias, Mozarts Requiem und Haydns Schöpfung brachte Mayr zur Aufführung: Ein Komponist, der herausragende Kulturarbeit leistete.

Foto: Iris Winkler

Mayr war Mitglied und Ehrenmitglied bedeutender Gesellschaften, die für die humanistischen, wissenschaftlichen Neigungen des Komponisten Zeugnis ablegen (1817, Mitglied des Ateneo delle scienze, lettere de arti di Bergamo, 1822-1825 Präsident). Man hatte Mayr viele Angebote gemacht, doch keine besser besoldete Stellung, ob in Paris, Wien, Neapel, Mailand, Rom, Dresden oder Petersburg, konnte ihn locken. Er blieb seiner Wahlheimat Bergamo treu. Ein Augenleiden, das ihn seit 1826 quälte und fast erblinden ließ, hielt ihn nicht ab von seinem stetigen Komponieren. 82 Jahre alt, starb er am 2. Dezember 1845 in Bergamo.

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