Als der oberste Chef der US-Verwaltung Bayern Ingolstadt besuchte
von Gerd Treffer
Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 15 - Ausgabe Nr.192 vom 01.10.2025
I.
Der oberste Chef der US-Zivilverwaltung in der amerikanischen Zone, der Landeskommissar Professor Dr. Shuster kommt in August 1950 zu einem offiziellen Besuch nach Ingolstadt. Das Ereignis wird groß gefeiert.
Es zeigt übrigens den Wechsel in der amerikanischen Politik gegenüber Deutschland, wenn man die Abfolge der Männer betrachtet, die die höchsten Repräsentanten der Vereinigten Staaten in Bayern waren: Zunächst waren dies die Militärs: der legendäre General Patton, dann General Walter J. Müller. Es folgte nach dem Übergang zur Zivilverwaltung mit van Wagner ein Politiker. Der nächste Landeskommissar war ein Gewerkschaftler, Bolds.
Mit ihm nimmt diese Geschichte ihren Anlauf.
II.
In den späten 1940er gab es in der US-Besatzungszone eine durchaus Kontrovers geführte Debatte zur Schulpolitik. Die Besatzungsmächte und verschiedene deutsche Gruppen favorisierte ein Gesamtschulsystem, während konservative Politiker für das aus der Tradition erwachsene gegliederte Schulwesen eintraten, in dem der Zugang zu Universitäten über das Gymnasium führte. In einem von Reeducation und Entnazifizierung geprägten Klima sahen US-Verantwortliche in dem als hierarchisch empfundenen System eine der Mitursachen für die Entwicklung zu Militarismus und Faschismus. Nach einem Beschluss des Alliierten Kontrollrats von 1947 soll ein umfassendes System entstehen, das der „Umerziehung“ und der „Demokratisierung“ der bayerischen Gesellschaft gewachsen wäre. Dem widersetzte sich, voran, Alois Hundhammer (CSU), der das Ministerium für Unterricht und Kultus übernommen hatte.
„Er widerstand den immer dringlicher und bestimmter werdenden Anweisungen der amerikanischen Militärs zur Umstrukturierung des bayerischen Schulwesens unter Hinweis auf die wichtigere Wiederherstellung geordneter Unterrichtsbedingungen…“
Letztlich scheitern die Versuche der Militärregierung, stärkere Reformen des Schulwesens durchzusetzen nach einer scharfen Beschwerde Kardinal Faulhabers beim amerikanischen Oberkommissar. Der „progressive“ Landeskommissar Bold wird abberufen und John McCloy gewinnt (persönlich) den von Papst Pius XI. (der zur Zeit des Ersten Weltkriegs Nuntius in München gewesen war) gewünschten deutsch-amerikanischen Historiker und Präsidenten des New Yorker Hunter College Shuster, „der München schon aus der Weimarer Zeit kannte und gute Beziehungen zu den Bischöfen pflegte“ für das Amt.
Nun lässt sich das Wirken Shusters in Bayern nicht auf die Schulpolitik reduzieren. Sie ist aber bezeichnend – und dient insofern als Einstieg in die vorliegende Berichterstattung.
III.
Dass Professor Shuster Ingolstadt am 24. August 1950 einen Besuch abstattet wird als großes Ereignis zelebriert. Zum Empfang im Sitzungssaal des Rathaus sind neben Oberbürgermeister Dr. Weber und Landrat Dr. Kramer, Bürgermeister Strobl und Landtagsabgeordneter Schäfer, dem Resident Officer Berg eine Reihe von Stadträten, Vertreter der Geistlichkeit, der Gewerkschaften, der Industrie, des Handwerks, des Industrie- und Handelsgremiums, des Verkehrsvereins und die Spitzen der Behörden erschienen. Vor dem Empfang trägt sich der Landeskommissar im Amtszimmer des Oberbürgermeisters in das Goldene Buch der Stadt ein. In seiner Begrüßungsrede weist Dr. Weber auf die Restaurierung der Asamkirche hin, die Shuster aus der Zeit, da er 1930 bis 1963 in Deutschland studierte, bereits kannte und bat den Landeskommissar die Stadt in dem Bemühen zu unterstützen, für diesen Zweck Mittel aus dem McCloy-Fonds zu erhalten. Dann schildert er die heftige Fehde, die durch den Beschluss des Stadtrats entstanden sei, ein eigenes Gaswerk zu bauen, während die Landesplanung versuche, die Stadt zu zwingen, sich an das geplante Ferngasnetz anzuschließen und kündigt an, den Landeskommissar oder den Hohen Kommissar ggf. mit dieser Frage zu befassen. Ingolstadt rechnen mit Mitteln aus dem ERP-Programm.
Professor Shuster erinnert in seiner Erwiderung zunächst an seine Verbundenheit mit Ingolstadt aus seiner Studentenzeit und die seit langen bestehenden Verbindungen zwischen Bayern und den Vereinigten Staaten. Zum heutigen Ingolstadt sagt er: „Jeder sieht, dass in Ingolstadt gearbeitet wird, um den Menschen wieder aus seinem Elend zu heben.“ Auf Dr. Webers Bemerkungen, der mit Bezug auf ein Dostojewski- Zitat ein „Christentum der Tat“ gefordert hatte, erwidert Shuster, ebenfalls mit einem Dostojewski- Zitat: Nachdem ohne Gott keine Weltordnung und keine Hoffnung denkbar sei, gelte es zusammenzuarbeiten, damit Angst und Furcht aus der Welt verschwinden, unter der die Menschheit heute leiden.
Nachdem Shuster die Despag. Ihr Direktor auf die dem Unternehmen zugsagten ERP-Kredite in Höhe von einer Million DM eingeht, die teilweise bereits geflossen sind: 600.000 DM für den Bau einer neuen Montagehalle, 100.000 DM für eine weitere Halle und 300.000 DM für Werkzeugmaschinen.
Als „sehr eindrucksvoll“ empfindet der Landeskommissar den Rundgang durch die Auto-Union-Anlagen in Begleitung von Direktor Schüler. Auch für dieses Unternehmen wurden ERP-Kredite zugesagt. Professor Shuster kommentiert das Geschehene mit dem Satz: „Das alles kommt mir vor, wie der Anfang bei Studebaker.“
Nach den Industriebesichtigungen hat die Stadt im Neuen Schloss für den Gast „eine kleine Schau erlesener historischer Kostbarkeiten arrangierte. Sie zeigt das Privilegienbuch, päpstliche und kaiserliche Urkunden, die Lepanto-Monstranz, den Schwedenschimmel, eine alte Waffensammlung und zahlreiche Gemälde. Dr. Weber ist die Vorliebe des Gastes für solche Dinge bekannt.
Im folgenden Jahr lässt er daher durch das Stadtarchiv ein besonderes Geschenk für Dr. Shuster fertigen: eine handgeschriebene illustrierte Ingolstädter Geschichte, auf Bütten geschrieben, in Pergament gebunden anfertigen. Der Maler Vinzenz Markstorfer hat einen Text von Dr. Josef Reichart mit kolorierten Federzeichnungen illustriert. Die Chronik wird (im März 1951) Dr. Shuster überreicht. (In seinem Dankschreiben für das Unikat schreibt er: „Es ist von einer so reizenden, pikanten Schönheit, dass ich ganz ergriffen bin von dieser wundervollen Gabe. Es wird eines unserer wertvollsten Andenken an Bayern bleiben.“)
Bei seinem Ingolstadtbesuch, der mit einem Essen im Wittelsbacher Hof endete kommen die tagsüber angesprochenen Themen des Gaswerksbau und der ERP-Kredite zur Sprache und der mit angereiste Wirtschaftsfachmann des US-Landeskommissariat Fred C. Mehnert bestätigt, dass es dazu bereits eine Stellungnahme an das Hohe Kommissariat gibt.
Das Resümee des Chefs der amerikanischen Verwaltung in Bayern lautet, dass sich in Ingolstadt mit Ausnahme der Zerstörungen durch Bomben kaum verändert habe, dass jedoch am Rande der Stadt doch die Industrialisierung erstaunlich und Neues entstanden sei. Er sei von dieser Aufwärtsentwicklung Ingolstadts ebenso stark beeindruckt wie von seinen kulturellen Schätzen.
Quellen:
Donau Kurier, 26. August 1950: „Die aufstrebende Industriestadt hinterließ starken Eindruck. Der Besuch des US-Landeskommissars Prof. Dr. Shuster in Ingolstadt“ – Donau Kurier, 11. Januar 1951: „Ingolstädter Geschichte – auf Bullen handgeschrieben. Ein Geschenk der Stadt an Landeskommissar Shuster“ – Donau Kurier, 15.März 1951: „Eines der wertvollsten Andenken an Bayern“
Bildunterschriften:
- Professor Dr. Shuster bei der Begrüßung in Rathaus: (v.l.n.r.): Mr. Mehnert, Landrat Dr. Kramer, Professor Shuster, Oberbürgermeister Dr. Weber und der Resident Officer Mr, Berg.
- Auszug aus der für den Landeskommissar gefertigten Ingolstadt-Chronik.
