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Aus der medizinischen Fakultät der Universität Ingolstadt in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts - Spitze in Forschung und Lehre
von Gerd Treffer

Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 15 - Ausgabe Nr.195 vom 15.10.2025

Keiner soll sagen, dass die medizinische Fakultät der Landesuniversität Ingolstadt in den Jahren vor ihrer Verlegung nach Landshut anno 1800 nicht auf der Höhe der Zeit war.

Als die Ideen der Aufklärung Rationalität befördert und der Empirie den Boden bereitet hatten, als die medizinische Wissenschaft auf dem Weg zu bedeutenden Fortschritten war, kam es zu neuem Forschungs- und Lehransätzen.

Im Rahmen der Reform der medizinischen Fakultät 1754 beauftragte Johann Anton von Wolter den Ingolstädter Apotheker (und Mitglied des Äußeren Rates der Stadt) Georg Ludwig Claudius, Vorschläge für den chemischen Experimentalunterricht zu erarbeiten. Das Zauberwort heißt hier „experimentell“. Rousseau bot sich selbst als Demonstrator an (und richtete in seinem Haus ein eigenes Labor ein). Von Wolter protegiert wurde er 1760 von Kurfürst Maximilian III. Joseph als chemischer Demonstrator an der Universität angestellt.
Anfangs war er noch Joseph Anton Carl unterstellt – von dem gleich noch zu reden sein wird –, der chemische Theorie las, übernahm Rousseau dann von ihm die Vorlesung, die er in deutscher Sprache hielt. 1773 zum Ordinarius für Chemie und Naturgeschichte an der philosophischen Fakultät berufen, kehrte er 1776 unter Verleihung des Doktorgrades der Medizin in die medizinische Fakultät zurück und wurde als Ordinarius für Chemie, Experimentalphysik und Arzneimittellehre bestätigt.

„Rousseau betonte die Bedeutung chemischer Kenntnisse für die ‚Wohlfahrt des Staates‘ und propagierte das junge Fach 1774 in einer‚ Verteidigungsrede wider die Vorurteile unserer Zeiten.“ (Christa Habrich in: Biographisches Lexikon der Ludwig-Maximiliansuniversität).

Praktisch ist festzuhalten:

  • Mit Rousseau, Wolter und ihren Unterstützern entstand der erste naturwissenschaftliche Lehrstuhl (nämlich für Chemie) in Bayern und zwar in Ingolstadt.
  • Er entstand aus dem Geist des neuen Verständnisses für Wissenschaft mit dem Ziel Forschung müsse Anwendungen hervorbringen, die nicht nur der (humanistischen) Mehrung von Wissen und Kenntnissen dienen, sondern einen praktischen Nutzen für die Menschen zeitigen. In dieselbe Richtung zielt die Arbeit seines Kommilitonen Anton Joseph Will (s. Gerd Treffer; Anton Joseph Will – Vater der akademischen Tiermedizin in Bayern; in: Ins Maul geschaut. Episoden der Tiermedizin in Bayern (hrsgb. von der Stadt Ingolstadt, Zentrum Stadtgeschichte; Ingolstadt, 2023)), der zum Begründer der Tiermedizin in Bayern wurde, der 1781 den Auftrag erhielt, ein Veterinärinstitut für Bayern aufzubauen: wodurch der Schutz des Bauernstandes vor existenzvernichtenden Epidemien gewährleistet wurde – und worausletztlich – „Wohlfahrt des Staates“ – die Sicherung der Nahrungsversorgung im Lande erwuchs.
  • Auffällig: Rousseau war Apotheker, wurde universitärer Demonstrator; Will war Famulus, Prosector des großen Arztes Heinrich Palmatius Leveling; bewies „großen Fertigkeiten im Präparieren, auf denen sich dann sein späterer Ruhm als hervorragender Anatom, geübter Diagnostiker sowie sicherer Operateur und Therapeut begründet“ (Johann Schäffer im Biographischen Lexikon der Ludwig-Maximiliansuniversität). Mit anderen Worten: Sie waren beide Handwerker, Praktiker, dann erst Wissenschaftler, damit Leute des neuen Geistes: War Wissenschaft lange papierene Debatte gewesen, geht es nun um die Praxis – und um das Bemühen der Professoren, ihre Studenten an die Praxis, das handwerkliche Können zusätzlich zum theoretischen Hintergrund heranzuführen.

Ad Exemplum: Die universitäre Medizin war bislang zumeist eine gelehrte Debatte auf Papier gewesen. Die Arbeit am Kranken oblag den Bädern und Feldschern; Aderlass und Knochensägen überließen ihnen die Herrn Professoren gern.

Der nun wiederholt genannte Heinrich Palmaz von Leveling, eine Kapazität der Universität und medizinische Berühmtheit in ganz Bayern (1742-1798), verfasst eine 1797 in der Offizin von Aloys Attenkofer herausgegebene „medizinische Ortsbeschreibung von Ingolstadt in Bayern“ – zugegeben wieder eine „Papier-Arbeit“, aber immerhin eine „stadtgeographische Arbeit“ (Siegfried Hofmann; Stadt- und Landkreis Ingolstadt, München 1963, S. 75 ff.), die sich mit dem „gemeinen Ingolstädter“ („von mittelmäßiger Statur, stark und zur Dicke geneigt… Aderlaß zwey bis dreymal ist sozusagen Nationalgebrauch und für die Bader… eine Gute Aerndte. Das weibliche Geschlecht ist nicht auffallend schön, aber gesund…“),. Aber auch die Gewerbestruktur, die Konsumgewohnheiten, die Wasserversorgung, die Wein-Vorlieben und die Freizeitvergnügen schildert er eingehend und kenntnisreich.

Man nähert sich der Befassung mit den einfachen Leuten, der „Volkswohlfahrt“. Und den Überlegungen, wie man die Ausbildung der jungen Mediziner gestalten sollte, um sie in Stand zu versetzen, selbst den Patienten zu helfen, sie zu „behandeln“.

Leveling unterbreitet (namens der medizinischen Fakultät am 26. November 1784) dem Ingolstädter Rat, der Verwalter des (1319 von Kaiser-Ludwig dem Bayern gegründeten) Heilig-Geist-Spitals ist, den Vorschlag, in dieser zweifellos bedeutendsten Einrichtung der Sozial- und Krankenpflege in der Stadt ein von der Universität betriebenes „klinisches Institut“ einzurichten.
Die Stadt müßte dazu (lediglich) einem Arzt „ein Zimmer mit drei Betten bereitstellen und ihm Gelegenheit gegeben werden, zwei drei Kranke aus der armen Bevölkerung aufzunehmen, sie mit Nahrung und nötigen Arzneien zu versorgen und sie morgens und abends mit den Kandidaten des Dritten Jahres zu besuchen“ (Siegfried Hofmann; Aus der Geschichte des Ingolstädter Heilig-Geist-Spitals; hrsgb. von der Stadt Ingolstadt, Pressestelle; Ingolstadt, 1978) und ihnen so „den ganzen Verlauf der Krankheit mit Anwendung der bis hierher erlernte Theorien (und so) wahre gründliche praktischen Kenntnisse beyzubringen“. (ebenda)

Als Personalbedarf wird eine Krankenwärterin angegeben, die zugleich in der Küche die verordneten Speisen zubereiten kann.

Natürlich wissen die Professoren, dass die Universität nicht bereit sein wird, die Kosten dafür zu tragen. Leveling empfiehlt, dass „der hiesige löbliche Stadtmagistrat“ einspringe, zumal damit ja armen und kranken Bürgern aus Ingolstadt geholfen werde, zumal ferner bei einer solch innovativen Medizinerausbildung mehr medizinische Studenten in die Stadt kämen, weiter das Ansehen der Stadt nach Außen gewinnen und letztlich die Ratsherrn ihre freundliche Einstellung der medizinischen Fakultät gegenüber beweisen könnten. Der Rat allerdings fühlt sie durch die Ratschläge keineswegs geehrt (Siegfried Hofmann; Aus der Geschichte des Heilig-Geist-Spitals), poltert die Mediziner schwärzten die Stadt beim Kurfürsten an, nichts für die Universität zu tun und „entzieht sich der drohenden Belastung mit dem Anschein der Bereitwilligkeit“. Hofmann schreibt: „Das Projekt hatte sich damit zerschlagen.“

Allerdings: aus Levelings Initiative entstand 1789 die Errichtung des ersten Ingolstädter Klinikums in Form eines Zimmers mit sechs Betten im Militärspital – sozusagen die erste Universitätsklinik in Bayern - und damit die Einführung eines planmäßigen Unterrichts am Krankenbett.

Und überdies: als Leveling (1784) anregte, im Heilig-Geist-Spital ein „Klinisches Institut“ einzurichten, schloß sich sein Professorenkollege Joseph Anton Carl (1725-1799) an und warb für eine geburtshilfliche Abteilung in Form einer „Kinderbetter- oder Hebammenstube“ in einem Zimmer im oberen Stockwerk des Spitalgebäudes. Er dachte an vier Betten und eine Belegung mit drei Schwangeren.

Beide „Institute“ – Levelings Studentenbildungswerk am Krankenbett und Carls geburtshilfliche Station – hätten sehr wohl den Nucleus einer Städtischen Krankenstation bilden können (im Rahmen des Spitals, das die Aufgabe einer Sozialstation, eines Altenheimes, der Altersversorgung für Mitglieder von Zünften, einer Durchwanderer- und Pilgerunterkunft, teilweise wohl auch einer Irrenanstalt vereinte) und damit, zukunftsweisend, Perspektiven für eine integrierte Volks- und Wohlfahrtsfürsorge weisen können. Dazu aber war es (gedanklich) wohl um fast hundert Jahre zu früh. Die Projekte verliefen im Sande.

Dennoch: auch Joseph Anton Carl spielte eine herausragende Rolle bei der Reform der medizinischen Fakultät. Er wurde 1754 als Professor für Chemie nach Ingolstadt berufen – und damit, wie oben behauptet, der erste naturwissenschaftliche Lehrstuhl in Bayern eröffnet. Carl bot zusätzlich Experimental-Naturlehre an, erweiterte die physikalisch-chemische Sammlung. Christa Habrich, die langjährige Direktorin des Deutschen Medizinischen Museums Ingolstadt und anerkannt als herausragende Medizinhistorikerin schreibt über Carl: „Er repräsentierte den Typus des nach dem Ideal der Enzyklopädisten vielseitig gebildeten modernen Mediziners…“ Schon 1749 war er (in Ingolstadt) zum Doktor der Medizin geworden – zog nach Straßburg, um seine Kenntnisse in Chemie, Arzneimittellehre und Geburtshilfe zu erweitern, zog weiter nach Paris und sammelte klinische Erfahrungen an der Charité und dem Hôtel de Dieu, ehe er nach Ingolstadt zurückkehrte. Auf seine speziellen Verdienste in Sachen botanischer Arzneimittelgarten (sein Lehrbuch von 1770 „Botanisch-medizinischer Garten“ und die für die Studenten organisierten Exkursionen – Stichwort praktischer Unterricht am Studienobjekt) sollen hier nicht weiter geschildert werden.

Wohl aber die Tatsache: Carl war der erste Professor, der in Ingolstadt Geburtshilfe theoretisch und am Phantom vermittelte.
Dies alles zeigt: Die medizinische Fakultät der Bayerischen Landesuniversität Ingolstadt stand in der letzten zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durchaus in Kontakt und Konkurrenz mit den Universitäten Europas. Eine Vielzahl ihrer Professoren hatten dort studiert.

  • Leveling hatte in Pont-à-Mousson seinen Magister erworben, seinen Doktor in Straßburg, war in Trier mehrjährig Professor;
  • Carl ging, als von Ingolstadt promovierter Doktor der Medizin 1750 nach Straßburg und Jahrs darauf nach Paris;
  • Will, in Ingolstadt 1781 zum Professor der Medizin promoviert, ging (demnach) zum „Winterstudium“ an die medizinische Fakultät der Universität Straßburg, weiter an die französische Veterinärschule Lyon und (diese verlegt) an die berühmte Ecole Vétérinaire von Charenton (Alfort), unterrichtete dort Anatomie und studierte zugleich Tiermedizin. Will stand dort in hohem Ansehen. Den ihm dort angebotenen Lehrstuhl für vergleichende Anatomie lehnte er mit (freundlichem) Bedauern ab, kehrte 1784 nach Ingolstadt zurück und nahm seine Vorlesungen wieder auf – und wurde zum Begründer der Tierheilkunde.

Die Geschichte Ingolstadts steckt voller „Kluger Köpfe“, die zu entdecken sich die Historischen Blätter bemühen, auf der man viele „unglaubliche aber wahre“ Stories, zu Ingolstadt findet.

Bildunterschriften:

  • Johann Anton von Wolter (1709 - 1787),  Professor der Medizin, Kurfürstlicher Leibarzt
  • Palmatius Leveling (1742 - 1798), Professor der Medizin