Lieber Stadtphysikus als Professor.
Betrachtungen zu Johann Rudolf Albrecht – aus Anlass seines 350. Todestages
von Gerd Treffer
Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 15 - Ausgabe Nr.170 vom 01.03.2025
Man weiß nicht allzu viel über diesen Mann. Aber immerhin: Er hat es in das „Biographische Lexikon der hervorragenden Ärzte“ geschafft, und auch das Biographische Lexikon der Ludwig-Maximilians-Universität verzeichnet ihn als Professor der Bayerischen Landesuniversität Ingolstadt.
Wie auch immer: Johann Rudolf Albrecht kam am 21. Februar 1630 zur Welt, in Zürich. Sein Vater Hans Heinrich war dort Schuhmacher und mutmaßlich eine in seiner Zunft und in der Handwerkerschaft angesehene Persönlichkeit. Hans Heinrich war in der Stadt an der Limmat nämlich auch „Gerichtsweibel“, eine Amtsperson also, wenngleich auch kein Entscheider.
(Der Weibel war ein „Amtsdiener“, Bote, Saaldiener, Zeremonienmeister – im vorliegenden Fall wohl Gerichtsordner, Gerichtsbote und Gerichtsvollzieher. Das Wort kommt vom althochdeutschen „weibil“- dem sich hin-und-her-bewegen : „vor-und-zurück, links-schwenk, rechts-schwenk-marsch und so weiter - was daher im Deutschen den „Feld-Webel“ gebar. Jemand also der etwas zu sagen hat, was andere befahlen und dahineilt, es kundzutun. Übrigens: Bis heute ist im Schwiezerdütsch und im Schweizer Hochdeutsch der Begriff „herumweibeln“ gebräuchlich für geschäftiges Herumlaufen. In Bayern nennt man so etwas „Gschaftlhubern“ und im Discomoderndeutsch : „Netzwerken“.)
Damals allerdings war ein Gerichtsweibl eine Respektsperson. Wie auch immer: der Zürcher Schuhmacher war im Stande, seinem Sohn ein Studium zu zahlen, nicht nur bis zum einfachen Magister, sondern bis zum fertigen Mediziner.
Jedenfalls wird besagter Johann Rudolf (zunächst) Stadtphysikus in Ingolstadt. Das ist zwar nicht die Hauptstadt (will heißen die Stadt, in der der Landesherr residiert), aber immerhin die Stadt, die Sitz der einzigen Universität des Landes ist.
Hier nun bedarf es weiterer begrifflicher Klärungen. Stadt-Physicus : das ist ein akademisch gebildeter, also gelehrter Mann und zu unterscheiden vom Chirurgicus, dem Wundarzt, vulgo Knochenbrecher, der dem heutigen Unfallchirurgen nahekommt, während der Physikus dem in Forschungsprojekten schwebenden Chefarzt entspricht.
Der Stadtphysicus war dazumal ein vom Stadtrat (fest) bestellter (noch ein Sprachproblem: später hieß es : bestallter, sagen wir also: berufener und ) bezahlter Arzt., der durchaus in der Stadt eine private Praxis unterhalten mochte, zudem aber in den städtischen Spitälern und Einrichtungen ordinierte und gewissermaßen die Aufgaben eines neuzeitlichen Gesundheitsamtes wahrnahm und als Polizei-, Gerichts- und Armenarztes „amtierte“. – Natürlich beriet er den Rat der Stadt, war verantwortlich für die hygienischen Zustände, hatte die Apotheken, die Bader, die Hebammen zu überwachen. Hinzu kamen die gerichtsmedizinischen Pflichten, die Begutachtung von Verletzungen, die Leichenbeschau bei Mordverdacht, die Leichenöffnungen bei ungeklärten Todesfällen (eine Rolle, die dem heute in Fernseh-Reihen so beliebten Gerichtsmediziner sehr nahe kommt).
Es liegt auf der Hand, dass der akademisch ausgebildete Albrecht in der Universitätsstadt, in der Professoren neue, junge akademische Ärzte unterrichteten, beste Kontakte zu den Professoren hatte. Einer davon war Franz Ignaz Thiermair, seit 1656 Professor, zuständig für Pathologie und Anatomie, der 1664 zum kurfürstlichen Leibarzt in München bestallt wurde. Auf seine Empfehlung hin wurde Albrecht im Jahr des Abschieds Thiermairs aus Ingolstadt zum Professor berufen. Im oben genannten „Lexikon der hervorragenden Ärzte“ heißt es: Albrecht wurde „ordentlicher Professor dasselbst und setzte …bis zum Jahre 1671 seine Tätigkeit dort fort“. Der Forschung, der Wissenschaft, der Erkundung des Neuen scheint er allerdings nicht besonder zugeneigt gwesen zu sein. Publikationen aus seiner Feder sind nicht bekannt.
Sein Förderer Franz Ignaz Thiermair hatte als Mitglied des Münchner Medicinal-Collegs Einfluss auf den Lehrplan der Ingolstädter Medizinfakultät. In einem Gutachten empfahl er, dort ein Spital für kranke Soldaten zu errichten und darin die Studenten klinisch am Krankenbett zu unterrichten, eine Idee, die durchaus geeignet war, den Unterschied zwischen „akademischem Arzt“ und praktisch- chirurgischem Wundarzt zusammenzuführen, eine Idee, die gerade auch dem Stadt-Arzt Albrecht und nunmehrigen Professor hätte zukunftsweisend erscheinen mögen.
Sieben Jahre lang unterrichtete er. 1671 gab er seine Ingolstädter Professur auf und ging als Physicus der Stadt und der Fürstprobstei nach Ellwangen. Dort „praktizierte“ er während der ihm bis zu seinem Tod 1675 verbliebenen wenigen Jahre.
