Brem und Düler - Ärzte in Zeiten der Pest
von Gerd Treffer
Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 14 - Ausgabe Nr.160 vom 01.12.2024
Wolfgang Sigmund Brem war 1614 in Waldsassen zur Welt gekommen. Zum Studium war er nach Prag gegangen und hatte dort den Magistergrad erworben. Er vertauschte dann Prag mit Padua, wo er zum Doktor der Medizin promoviert wurde.
L Rossetti (Hrsgb.); Matricula Nationis Germanicae artistarum in Gymnasio Patavino; Padua, 1986; S.250
1637 wurde er Stadtphysikus in Amberg: Nach „ständigen Querelen mit Rat und Bürgermeister“ verließ Brem 1647 Amt und Stadt.
Richard A Müller; Brem; in: Biographisches Lexikon der Ludwig-Maximilians- Universität München; Berlin, 1998; S. 50 f.
G. Naber; Der Arzt als städtischer Amtsträger im alten Amberg (Diss.,masch.); Erlangen, 1967; S. 123
Die Universität Ingolstadt berief ihn auf eine Medizinprofessur. Er unterrichtete dort fortan während 27 Jahren. Aus dieser Zeit haben sich seine wissenschaftlichen Werke erhalten, die sämtlich aus diesen Anfangsjahren an der Universität stammen.
Von 1649 die: Instructionem pro medico, tempori contagiosi morbi; Ingolstadt 1649
und
von 1650: Suffitum plus quam aromaticus ,das ist lieblich…Rauchwerck, womit man sich jedermäniglich … wider allerhand anklebendes Gift und sonderlich wider jetzt regierende Pest … zu verwehren; Ingolstadt, 1650.
Sechsmal stand Brem der Universität als Rektor vor (1649, 1653, 1658, 1664, 1669 1672). Er war damit ungeachtet seiner lehrenden Tätigkeit an der Universität, ungeachtet auch seiner Rolle als Arzt in Pestzeiten und Berater der Stadtbehörde und des Landesherrn auch ein einflussreicher Hochschulverwalter und -politiker. Er bezog zuletzt „aufgrund seiner Verdienste als akademischer Lehrer“ ( Richard Müller ) ein stattliches Gehalt (von 500 Gulden). Das erlaubte es ihm immerhin, das Landgut Gumbrechtshofen aus der Pflegschaft Kösching zu erwerben. Es stellte einen der drei Edelsitze dar ,die in Kösching Edelingen gehörten, die wahrscheinlich auf die erste baierische Zeit ( der Agilolfinger und Karolinger) zurückgingen. Der Lohof, der Prandtenhof und der Gumbrechthof. Letzterer war im Besitz der Edlingen gleichen Namens, 1302 erstmals erwähnt. Im dreißigjährigen Krieg zogen wiederholt schwedischen und kaiserliche Truppen plündern und sengend durch den Markt 1632 – dem Jahr das Tilly die Schlacht bei Rain am Lech verlor und in Ingolstadt im Haus des Professors Arnold von Rath an seiner Verwundung starb- wurden neben anderen Höfen auch die Edelsitze Pandtenhof und Gumbrechtshof zerstört. Der letztere dann 1652 non Brem erworben. Er wechselte mehrmals den Eigentümer und wurde 1896 abgebrochen.
Von 1656 stammt ein von Brem verfasster Nachruf auf einen Professoren- und Medizinerkollegen, Johannes Düler
Oratio de vita et morte Joannis Dueleri; Ingolstadt 1656
Dabei muss dahingestellt bleiben, ob Brem damit eine Freundschaftspflicht erfüllte oder einer akademischen Pflicht kraft Amtes nachkam. Tatsache ist, dass es in den Lebensläufen der zwei Mediziner durchaus Parallelen gibt.
Düler war der ältere von beiden. Er war 1599 in Luzern geboren worden. Er hatte in Freiburg im Breisgau zum Magister studiert. Er hatte sich dann (wie Brem) eine andere Universität gesucht, um dort Medizin weiter zu studieren. Nach fünf Jahren in Paris wurde er 1630 in Pont-à-Mousson (in Lothringen) zum Doktor der Medizin. Wie Brem wandte sich Düler handfester ärztlicher Tätigkeit zu. Er praktizierte in Paris, dann am Spital San Spirito in Rom. Auffällig erscheint, dass er sich, wenn auch nicht ausschließlich, so doch vorwiegend, in seinem Leben in Städten mit starker jesuitischer Präsenz bewegte.
Weiter fällt auf, dass beide Männer als Mediziner, nach Studien bzw. Abschlüssen in herausragenden akademischen Zentren der damaligen Welt ( Brem in Prag und Padua, Düler in Freiburg und Paris) in die Dienste von Städten traten, die nicht unbedingt in der vordersten Reihe des Ansehens standen. Düler ging in seine Heimatstadt Luzern und trat dort im Juni 1633 das Amt eines Stadtarztes an, suchte jedoch „wegen der Konkurrenz dreier weiterer Stadtärzte bereits im August um seine Entlassung nach“.
Richard A Müller; Düler; in: Biographisches Lexikon der Ludwig-Maximilians-Universität München; Berlin, 1998; S. 88
M Studer; Das ärztliche Medizinalwesen im alten Luzern; in: Der Geschichtsfreund 11/1958; S. 173 f.
Er ging nach Sursee – dann nach Fribourg ( auch dies ein Ort einer wirkungskräftigen Jesuitenniederlassung).
1639 erhielt er einen Ruf an die Bayerische Landesuniversität. Düler wurde Professor für Anatomie und blieb dies 17 Jahre lang, bis zu seinem Tod.
Auch sein wissenschaftliches Oeuvre ist eher überschaubar und stammt – wie das von Brem – vom Anfang der Ingolstädter Lehr-Zeit ( es scheint, die Herrn Professoren hatten es bald nicht mehr nötig, zu publizieren).
Düler schrieb1652: Assertiones medicae de humani foetus formatione ac illus in utero materno animatione; Ingolstadt, 1652
Beide waren sie wohl mit Fragen zu Pest befasst.
Immer wieder war Ingolstadt von der Pest heimgesucht worden, erstmals 1347/1348. Die Chroniken berichten zwar nur von den prominenten Verstorbenen an der Universität. Doch dürfte der Schwarze Tod zahllose Opfer unter Studenten und Bürgern gefunden haben.
Michael Klarner; Die Pestkirche des Hl. Sebastian ; in: „Wir“ 14/2003 – Tobias Schönauer; Ingolstadt in der Zeit des 30jährigen Krieges
1495 wütete die Seuche besonders heftig. Wer konnte floh, der Universitätsbetrieb kam weitgehend zum Erliegen. 17 Gelehrte und eine nicht in Zahlen wiedergegebene Gruppe von Studenten musste in diesem Jahr begraben werden. Weder dem Rat der Stadt noch der an der Universität geballten Kunst der Medizin standen ausreichend Kenntnisse zur Verfügung um der Epidemie wirksam zu begegnen.
Gerd Treffer; Die Sebastianskirche zu Ingolstadt; Ingolstadt/Wolnzach, 2016; insbesondere Kapitel 10: Die Pest. Als der Schwarze Tode an die Stadttore klopfte; S. 39 ff.
Den Ratsprotokollen zufolge wurden an den Stadttoren Reisende abgewiesen, die aus Gegenden kamen, in denen Pest grassierte. Auf Holztafeln vor den Stadttoren wurden die Namen der entsprechenden Orte verkündet.
Man erkannte den Zusammenhang von Menschenansammlungen und Ansteckungsrisiken, sagte Jahrmärkte ab. Die Pest führte auch zur Abschaffung des hergebrachten Bursen-Systems , der internatsmäßigen Unterbringung der Studenten in Wohngemeinschaften. Man isolierte Kranke, stellte sie unter Hausarrest, bestellte zusätzliche Bader und Aderlasser. Der Rat forderte von der medizinischen Fakultät Handlungsempfehlungen ein und erließ ( 1521 schon) eine erste Pestordnung. Sie untersagte Gesunden, dasselbe Bettzeug zu nutzen wie die Befallenen. Wäsche von Siechen durfte nur außerhalb der Stadt gewaschen werden. Die Straßen wurden wöchentlich gesäubert, die Totengräber angewiesen, die Leichen tiefer in der Erde zu bestatten. 1599 war wohl eines der schwersten Pestjahre für Ingolstadt.
Im dreißigjährigen Krieg führten Hunger, Mängel, Kriegsfolgen zu fürchterlichen Epidemien 1632 bis 1634 starben allein der Oberen Pfarr 2000 Menschen. Wie ein Leichentuch legte sich die Pest über die Stadt. 1639 kam Düler nach Ingolstadt, 1647 Brem, beide ehemalige Stadt-Physici. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass man sich von ihren Erfahrungen in Amberg, in Luzern und von den mitgebrachten Lehren aus Padua oder Paris auch Handlungskonzepte für Ingolstadt erwartete. Dem nunmehrigen Kurfürsten jedenfalls lag Ingolstadt am Herzen . Die Quarantäne 1649, die Schließung des Getreide- und des Weinmarktes waren vorsorgliche Maßnahmen.
Auch Düler war in die Hochschulleitung involviert. Wie Brem war er mehrfach Rektor der Universität - fünf Mal: 1644, 1646, 1647, 1651, 1655.
Seine Ingolstädter Tätigkeit, schreibt Richard Müller sei „allerdings von zahlreichen Zwistigkeiten mit Kollegen überschattet“ gewesen.
Düler starb im August 1656 in Ingolstadt. Er wurde in der Franziskanerkirche bestattet.
Brem überlebte ihn um 18 Jahre. Er starb, auch er in Ingolstadt, im November 1674.
