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Christoph Scheiner SJ. Spitzentechnologie und Premium-Astronomie aus Ingolstadt - zum 450. Geburtstag
von Gerd Treffer

Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 15 - Ausgabe Nr.183 vom 01.07.2025

Einer der berühmtesten Gelehrten, die an der Universität Ingolstadt forschten und unterrichteten ist Christoph Scheiner.
Am 25. Juli 1575 in Wald bei Mindelheim geboren, jährt sich heuer sein Geburtstag zum 450. Mal.
Scheiner ist in die europäische Wissenschaftsgeschichte eingegangen und steht für das hohe Niveau der astronomischen Forschung an der Ingolstädter Universität, die im Wettbewerb der Exzellenzuniversitäten in ganz Europa zu seiner Zeit in der ersten Liga vertreten war.

Vom Turm der Heilig-Geist-Kirche im Komplex des Jesuitenkonvikts aus, entdeckte er 1611 mit seinem Schüler und Nachfolger Johann Baptist Cysat (1587 – 1657) die Sonnenflecken und geriet darüber mit Galilei in einen erbitterten Prioritätenstreit. (Mutmaßlich hat Scheiner auch bei Galileis Prozess, der mit dessen Verurteilung und dem gemurmelten „Und sie bewegt sich doch“ endete, eine – nicht unbedingt freundliche - Rolle gespielt - aber kollegiale Zuneigung unter großen Entdeckern und Gelehrten war auch damals und gerade zu ihrer Zeit nicht sehr verbreitet)
Aus seinen Beobachtungen zog Scheiner Rückschlüsse auf die Umdrehungszeit der Sonne und die Lage des Sonnenäquators.

Scheiner zählt zu den Forschern, an denen der noch junge Jesuitenorden keinen Mangel hatte. Am 26. Oktober 1595 war er in das Noviziat der Jesuiten zu Landsberg eingetreten.
Der Orden hatte sich von seinem Anbeginn an für alle Zweige menschlichen Wissens interessiert. Es ging den Jesuiten darum, die Schöpfung, das All, den Himmel, die Erde, die Natur zu erforschen, zu erkennen und zu katalogisieren, was „verstehendes Ordnen“ bedeutet.
So entdeckte Scheiner die angeführten Sonnenphänomene, Christoph Clavius mehrere Mondkrater: Johann Baptist Cysat, Scheiners Ingolstädter Gefährte, beschrieb erstmals die Orionnebel. Anderorts schuf der Universalgelehrte Athanasius Kircher das „Urkino“, entwickelte kurz vor seinem Tod 1681 den Vorläufer des Computers, das „Organum Mathematicum“ und trug eine weltberühmte Sammlung in seinem naturwissenschaftlichen „Museo Kircheriano“ zusammen. Ihm eiferte – in Ingolstadt – Ferdinand Orban nach, dem der Orden 1725 im Hof des Jesuitenkollegs einen eigenen Museumsbau für seine umfangreiche Sammlung von mathematischen, physikalischen und astronomischen Instrumenten, Textilien, Waffen, Münzen, Mineralien, Muscheln, Insekten und allerlei Kuriositäten baute. Das Orban’sche Kabinett war eine europaweit bekannte Schau- und Lehrsammlung, die Besucher bis von Paris her anzog. Ingolstädter Jesuiten zogen nach China, wurden Direktoren der Kaiserlichen Sternwarte zu Peking, bauten phänomenale „Maschinen“ zur Beobachtung der Sphären im Auftrag (und zur politischen Stützung) des „Sohnes des Himmels“, wie sich die Kaiser Chinas zu betiteln beliebten.

Das zeigt: Die Jesuiten des 17. und 18. Jahrhunderts waren nicht nur scharfsinnige Beobachter der Phänomene des Universums und der Geschehnisse der Welt, die sie kategorisierten, sie wandelten sich als Wissenschaftler vom bloßen Beobachter und Beschreiber zum Ingenieur, betrieben angewandte und nutzbringende Wissenschaft-
Christoph Scheiner ist dafür ein Paradebeispiel.

Scheiner kommt nach dem Noviziat in Landsberg 22jährig nach Ingolstadt und studiert 1597 bis 1600 Philosophie – mit anderen Worten: er absolviert das unumgängliche Grundstudium, das die Voraussetzung darstellt für die Zulassung zu den höheren Fakultäten (Recht, Medizin und, im Fall Scheiners naturgemäß, Theologie).
Üblich ist auch, dass die aus er philosophischen Fakultät hervorgegangen Magister zunächst selbst unterrichten.
Scheiner tut dies in Dillingen, lehrt Humaniora und aushilfsweise Mathematik.
1605 kehrt er an die Universität Ingolstadt zurück und studiert Theologie.
1610 wird er Professor für Mathematik und Hebräisch.
Sechs Jahre lang ist er Ingolstädter Hochschullehrer.
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Seine Qualität als Astronom ist häufig beschrieben worden. Sein 450. Geburtstag ist daher vielleicht eine Gelegenheit, mehr auf seine Tätigkeit als begnadeter Ingenieur einzugehen.
Er ist der Erfinder des ersten Kopier-Gerätes der Weltgeschichte – des Pantographen. Der auch unter seiner deutschen Bezeichnung bekannte „Storchenschnabel“ war aber nicht nur ein Kopiergerät, er ermöglichte auch präzise Abbildungen in verkleinertem und vergrößertem Maßstab. Es heißt: man habe auch dreidimensional damit „kopieren“ können.
Um die oben angestellten Überlegungen zur Entwicklung von der spekulativen zur angewandten Wissenschaft fortzuführen: der Storchenschnabel war die Übertragung mathematischer Theorien in eine nützliche Anwendung.
Für eine Untersuchung der Kegelschnitte konstruierte er den Ellipsenzirkel.
Und: Er war mit seinen Beobachtungen und Versuchen auch im Bereich der Optik (einer Spielart der Physik) bahnbrechend. In seinem Werk „Oculos“ gelang es ihm, die Anpassung des Auges an verschiedene Lichtverhältnisse und Entfernungen zu erklären. Er entdeckte die Netzhaut als wesentliches Werkzeug des Sehorgans. Wobei man berücksichtigen sollte, dass sich die universitären Mediziner der damaligen Zeit eher mit Büchern und Traktaten befassten -die Forschung an Kranken und die Lehre am Krankenbett ließ noch hundertfünfzig Jahre auf sich warten – den Umgang mit Patienten und Schmerzleidenden überlassen die Doktoren der Medizin den Badern und Knochenbrechern – insoweit ist Scheiners Forschung am lebenden Objekt durchaus rar und innovativ.
Sein Augenbuch („Oculos: hoc est fundamentorum opticum“), 1619 in Innsbruck erschienen, widmete er Kaiser Ferdinand II., der wie auch der bayerische Herzog Maximilian (und spätere Kurfürst) in Ingolstadt studiert hatte.
Das Werk enthält zahlreiche Entdeckungen zur physiologischen Optik des Auges („so die Messung des Krümmungsradius der Hornhaut und die Lichtreaktion der Pupille“).
Er beschrieb die Anatomie des Auges („Er entdeckte, dass der Sehnerv nicht am hinteren Pol des Auges, sondern nasenwärts abgeht“ – „Er entdeckte den Grauen Star“ – Er „entwickelte ein gläsernes Augenmodell“ – „Er befasste sich mit dem Gesichtswinkel und dem Augendrehpunkt“).
Der „Scheiner – Versuch“ (zum Nachweis einer Fehlsichtigkeit) „wird heute noch in der Augenheilkunde gelehrt: sticht man in ein Blatt kleine Löcher eng nebeneinander, hält es nahe vors Gesicht und blickt so nach einer Lichtquelle, so sieht man vor derselben ebenso viele Bilder des anvisierten Gegenstandes entstehen als Löcher vorhanden sind“
(alle Zitate nach Rita Haub).

1616 hatte Scheiner seine Ingolstädter Professur aufgegeben und war bis 1620 als Berater von Erzherzog Maximilian III., dem Sohn Kaiser Maximilians II. in Innsbruck, dessen astronomisches Fernrohr, das die Gegenstände seitenverkehrt und auf dem Kopf stehend darstellte, Scheiner mittels einer dritten Linie zu einem terrestrischen Fernrohr umbaute, so dass der Tiroler Landesfürst die Landschaft aufrecht betrachten konnte.
Mit dem Teleskopbau war Scheiner schon länger vertraut. 1613 hatte er nach Angaben von Johannes Kepler ein astronomisches Fernrohr gebaut, dessen Linsen er selbst geschliffen hatte. Und er entwickelte eigene Messverfahren.
So entstanden seine Bücher „Sol ellipticus“ (Augsburg 1615) und „Refractiones Coelestes seu solis elliptici phanomenon illustratus“ (Ingolstadt, 1617). Letzteres Werk war Maximilian III. zugewidmet.

Als Dank für die Umarbeitung von Maximilians Fernrohr erbat sich Scheiner ein Grundstück für den Neubau einer größeren Jesuitenkirche.
Der Grundstein wurde im März 1619 gelegt. Da gab es viel zu rechnen. Angewandte Mathematik sozusagen. Es galt, schwere Lastarbeit zu erleichtern und Bauliches möglich zu machen, das bisher als nicht bewältigbar galt. Es brauchte innovative Ingenieur-Architekten. Scheiner war als solcher für seinen Orden tätig.
In Innsbruck leitet er den Bau der Jesuitenkirche und legte Details der Bauausführung 1621 in einer „Denkschrift für den Kirchenbau“ nieder: Er gibt darin Anleitungen für den Bau von Fenstern, das Decken des Daches, die Gestaltung des Vorplatzes , wie Rita Haub in ihren Buch „ Sonne, Mond und Sterne – Jesuiten als Entdecker“ beschreibt: Er setzt sich vor allem mit den Bauwerkzeugen auseinander und liefert eine „Beschreibung etlicher Zeug für den Bau“ samt Zeichnungen: „ Das Hebezeug zieht mittels Welle und Seil einen gefüllten Kübel hoch und lässt den leeren zu Boden, es eignet sich für Mörtel etc. Das andere ist ein Flaschenzug, der über eine Antriebswelle eine Last hebt und über die anderen senkt.
Das dritte ist ebenfalls ein Flaschenzug mir Umlenkrollen.“

Scheiner leitet den Bau nach dem Tod Erzherzog Maximilians auch unter dessen Nachfolger Leopold V. von Österreich –Tirol.
1621 aber wird er als Professor für Mathematik an die Universität Freiburg im Breisgau berufen.1623 bis 1633 ist er in Rom.
Dort schließt er sein Hauptwerk „Rosa ursina“ ab.
1633 geht er nach Wien, 1639 erneut nach Neisse.
Er schreibt dort an seinem gegen die Theorie des Kopernikus und Galilei gerichteten Werk „Prodromus pro sole mobile“, das erst (ein Jahr) nach seinem Tod erscheint.
Er stirbt am 18. Juli 1650 in Neisse.

Im Menologium („Oder: Lebensbilder aus der Geschichte der deutschen Ordensprovinz der Gesellschaft Jesu“), einer Sammlung der Lebensgeschichten herausragender Jesuiten aus vier Jahrhunderten seit der Gründung, heißt es zu Scheiner: Er stand im „Ruf großer Gelehrsamkeit, aber noch größerer Tugend. P. Scheiner verstand es nämlich wie kein anderer, sein reiches Wissen mit liebenswürdiger Einfalt und Aufrichtigkeit zu vereinen, so dass sein Umgang lieb und wert war. Ein Wink seiner Oberen war für ihn auch in seinen wissenschaftlichen Arbeiten Befehl.
Was ihn aber vor allem auszeichnete, war zarte Andacht zur Allerseeligsten Jungfrau und große Hochachtung vor dem Gebet.
Bis in sein hohes Alter hinein erhob er sich täglich eine oder mehrere Stunden vor den anderen von seinem Lager, um seine geistlichen Übungen zu verrichten und so die übrige Zeit für die Abfassung seiner gelehrten Werke zu gewinnen.“


Der Mathematiker, Physiker, Astronom und Jesuit, der sich sein Erwachsenenleben lang mit Astronomie beschäftigte und das geozentrische Weltbild vertrat, „stand mit anderen am Beginn des modernen naturwissenschaftlichen Forschens und Erkennens“. Er war nicht nur einer der berühmtesten unter den an der Hohen Schule zu Ingolstadt wirkenden Naturwissenschaftler und „Ingenieur“, er war weit darüber hinaus berühmt und unter den Gelehrten Europas als Koryphäe anerkannt.

Wissenschaftliche Arbeit erfordert „Lust, Ausdauer, Umsicht, Findigkeit – Scheiner war mit diesen Gaben in hervorragender Weise ausgestattet. Und er besaß, das Talent, mathematische Kenntnisse in praktische Verwertbarkeit umzusetzen. Als Theologe schließlich versuchte Scheiner frühzeitig, die neuen Naturwissenschaften mit dem christlichen Weltbild in Einklang zu bringen. (Rita Haub)


Gerd Treffer; Ingolstadt. Kleine Stadtgeschichte; Regensburg; 3. Aufl. 2018;
S. 83 ff., insb. S.91 f.

ADG (Allgemeine Deutsche Biographie XXX 718 ff.)

DBA (Deutsches Biographisches Archiv) NF

Carlos Sommervogel; Bibliothèque de la Companie de Jésus; Neue Aufl.
Bd. VII 734 und IX 842

Rita Haub; Sonne, Mond und Sterne. Jesuiten als Entdecker; Kevelaer, 2008; S. 19 ff.

Heinrich Thoelen, Menologium. Oder: Lebensbilder aus der Geschichte der deutschen Ordensprovinz der Gesellschaft Jesu. Roermond, 1901 S. 412 f.

Andreas Kraus; Scheiner in: Biographisches Lexikon der Ludwig-Maximilians-Universität München (hrsgb. von Laetitia Boehm, Winfried Müller, Wolfgang J. Smolka, Helmut Zedelmaier); Berlin, 1998; s. 371 f.

E. Hoppe; Geschichte der Optik, Leipzig, 1926; S. 34 f. u.ö.

E. Zinner; Geschichte der Sternkunde; Berlin, 1931; S. 507 u.ö.

W. Ley; Die Himmelskunde; Düsseldorf, Wien, 1965; S. 133 ff. u.ö.

H. Wussing; Geschichte der Naturwissenschaft; Köln, 1983; S. 245 u.ö.

F. Daxecher; Christoph Scheiner, Untersuchungen zur physiologischen Optik des Auges; in: Sammelblatt des Historischen Vereins Ingolstadt; 102/103 (1993/1994), S. 385 ff.