Conrad Herdegen – Professor, Traditionalist und „Volksmissionar“
von Gerd Treffer
Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 16 - Ausgabe Nr.238 vom 15.10.2026
Conrad Herdegen, dessen 300.Todestag sich im Juni jährte, stammt aus Amberg und einer angesehenen bürgerlichen Familie. Es kam am 23. August 1670 als Sohn des Tuchscherers Johann Georg Herdegen zur Welt, der dem Äußeren Rat der Stadt angehörte.
1687 den Jesuiten beigetreten, verbrachte er die erste Ordenszeit im Landsberger Noviziat und wurde 1689 nach Ingolstadt geschickt, wo er bis 1692 Philosophie studierte und zwar am Jesuitenkolleg und ohne an der Universität immatrikuliert zu sein.
Dem ordensinternen Philosophiestudium folgen zwei Lehrstationen. Er unterrichtet 1692 – 1695 in Regensburg und 1695 – 1697 im heimatlichen Amberg.
Dass ihn der Orden durchaus für höhere Aufgaben für befähigt hält, zeigt sich daran, dass ihm ein Theologie-Studium in Rom ermöglicht wird. Von 1697 – 1701 lebt Herdegen in der Heiligen Stadt du wird dort 1700 zum Priester geweiht.
Nach dem Tertiat in Altötting 1701/1702 und einer kurzen Lehrtätigkeit in Landshut stößt er 1703 als Professor für Logik zur Lehrerschaft der Bayerischen Landesuniversität.
Herdegens Ingolstadt-Aufenthalte fallen in Kriegszeiten, die für die Stadt – und die Universität – nicht unbedingt die glücklichsten sind.
Der erste Krieg, den Kurfürst Max Emanuel an Seiten des Kaisers wider die Türken mitmacht, hat auf die Stadt keinen besonderen Einfluss.
Der zweite Krieg Max Emanuels, für Frankreich und gegen Kaiser und Reich, war sowohl für ihn selbst als auch für ganz Bayern ebenso unglücklich wie traurig. Nachdem 1699 sein siebenjähriger Sohn, Joseph Ferdinand als bereits erklärter Prinz von Asturien und mithin Herrscher über Spanien gestorben war, hatte Max Emanuel in der Frage der spanischen Thronfolge die französische Partei ergriffen.
1703, Herdegen tritt seine Ingolstädter Professur an, rücken kaiserliche und Reichs- Truppen in Bayern ein. Teile davon stehen schon am 9. März vor der Stadt, streifen bis an die Festung heran, treiben das Vieh unter den Kanonen weg. Da die Stadt mit regulären Truppen nur schwach besetzt ist, tun sich „ bey 600 Bürger und Akademiker“ auf und unternehmen einen „Ausfall“, um die Österreicher, die Ungarn und sonstige Habsburger Angreifer zurückzuschlagen, was (naturgemäß) in einem Debakel endet, als ein „unversehens bei Haunstatt hervorbrechender Husarentrupp ihnen den Rückzug verlegt und eine ziemliche Anzahl derselben, man sagt bei anderthalb Hundert, niedermacht“.
Aber es kommt noch schlimmer, denn 1704 gerät Ingolstadt „noch mehr in die Enge und endlich gar auf längere Jahre in feindliche Hände“. Landgraf Ludwig von Baden rückt im August mit „einem zahlreichen Heere“ an und beginnt eine förmliche Belagerung. Aber der kaiserliche General-Feldmarschall Prinz Eugen fordert viele Truppen für seine eigenen Zwecke an. Die in der Stadt liegenden Kräfte unternehmen einen diesmal glücklicheren Ausfall, bei dem von 500 kaiserlichen Reitern 400 auf dem Felde bleiben. Im August 1704 dann aber kommt Prinz Eugen in Person vor Ingolstadt, um anzusehen, wie – einer vorausgehenden Vereinbarung zufolge – die bayerischen Truppen die Stadt verlassen. Eugen legt 4000 Mann in die Stadt. Ingolstadt und ganz Bayern kommen für zehn Jahre unter kaiserliche Administration.
Ob und wie das Alltagsleben von Herdegen von all dem betroffen ist, lässt sich nicht fassen. Dass die Universität beeinträchtigt wird, zeigt die Weisung des kaiserlichen Administrators von 1705, sie habe alle Studenten zu entlassen und nach Hause zu schicken, was nur mit Mühe abgewendet werden kann.
Von Herdegens Auftreten an der Universität weiß man: Er vertrat – so urteilt Siegfried Hofmann im Biographischen Lexikon der Ludwig-Maximilians-Universität – „gegenüber dem Descartes u.a. verpflichteten Atomismus seines Ordensgenossen Anton Kleinbrodt eine traditionelle philosophische Linie“. Laut Hofmann war er einer „der Begründer und Propagatoren der Volksmission nach der ‚italienischen Methode‘(…), darin gefördert von Anna M. Luisa, der Gemahlin des Pfalzgrafen Theodor Wilhelm…“ Zu dieser Volksmission ‚italienischer Art‘ schreibt Hofmann: „Die Bewegung begann in Düsseldorf und Jülich, griff auf die Pfalz und die Oberpfalz über und erfasste Schwaben und Tirol, klang aber in ihren extremen Äußerungen bald wieder ab.“
Herdegen war zweifellos Traditionalist, aber keineswegs ein Vertreter der harmlosen und freundlichen Richtung. Er war „ein Pionier der Exerzitienbewegung mit dreitägigen Standesexerzitien, zunächst wiederum mit Geißelungen und Busübungen verbunden…“
Die Erfolge Herdegens bei Volksmission und Exerzitien zeigen auch: Er muss ein außerordentlich begabter Prediger gewesen sein.
Die kaiserliche Herrschaft über Bayern bis zum Präliminarfrieden von Raststatt 1714 und zur Straßburger Konvention: in kurbayerischen Landen soll alles wieder in den vorherigen Stand versetzt werden.
Am folgenden 8. Januar wird München, am 25. Januar Ingolstadt von den kaiserlichen Truppen geräumt. General Mercy führt die bayerischen Regimenter in die Stadt und übernimmt von den Österreichern die Schlüssel der Festung. Kurfürst Max Emanuel befindet sich noch in Paris und wartet ab, bis die Ordnung in seinen Stammlanden wiederhergestellt sei. Die Verwaltung übernimmt in seiner Abwesenheit der Graf von Preysing.
Es folgt - abgesehen vom Türkenkrieg 1717/1718, zu dem Max Emanuel seinen Kronprinzen Karl Albrecht und dessen Bruder Ferdinand mit einigen Tausend Mann abschickt – eine Zeit „durchaus friedfertiger Regierung unseres durchlauchtigsten Kurfürsten“ (Mederer).
Nach seiner Ingolstädter Professorenzeit bezieht Herdegen, 1706 – 1709 den Lehrstuhl für scholastische Theologie an der Universität Freiburg im Breisgau, ist dann 1709 – 1712 Rektor des dortigen Kollegs und 1712 – 1714 Rektor des Kollegs von Trient.
Danach ist er vorwiegend für die genannte Volksmission tätig, vor allem in Pfalz-Neuburg mit Sitz in Neuburg an der Donau, ist 1718 – 1719 als Missionar in Innsbruck und 1720 -1721 in Niederbayern mit Sitz in Straubing zu finden. Dort stirbt er am 30. Juni 1726.