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Dem Peter Steuart seine Kirche und sein Frauenkloster zu Lüttich
von Gerd Treffer

Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 14 - Ausgabe Nr. 154 vom 15.09.2024

Wie in seinem Lebenslauf (Historische Blätter Nr. 136 vom 15. März 2024) beschrieben, ging Peter Steuart an seinem Lebensabend in seine Heimatsstadt Lüttich zurück und wurde in der dortigen Diözese (wie Beatrix Schönewald im Biographischen Lexikon der Ludwig-Maximilians-Universität darstellt) Generalvikar und errichtete eine Kirche, die den Namen der Heiligen Walburga trug.

Man könnte vermuten, dass Steuart für seine Kirche den Namen der Schwester des Bistumsgründers von Eichstätt wählte ( wo er gelebt hatte und sechster Präses des Willibaldinums sowie Pfarrer eine Kirche im Bistumssprengel war) und den Namen nach Lüttich mitgebracht hätte.
Tatsache ist, dass es schon 1078 in Lüttich einen „Weg zu Sankt Walburga“ gibt, der auf eine Anhöhe hinaufführt, von der aus man die Stadt überblickt und wo eine Kapelle steht, die im Laufe der Zeit für die ganze Hochfläche namensgeben wurde. Wann die Kapelle entstand, lässt sich nicht mehr mit Sicherheit feststellen. Die Verehrung der Heiligen Walburga in der Gegend breitete sich im Laufe des 10. Jahrhunderts aus. Um diese Zeit dürfte auch die Kapelle gebaut worden sein. Beleibt die Frage, warum sie auf dem Berg errichtet wurde und nicht, wie die anderen Kirchen unten im Tal.
Einer Legende des 14. Jahrhunderts zu Folge liegt dem eine Wunderheilung zu Grunde. Eine junge blinde Adelige namens Ode hörte von der Heilkraft des Heiligen Lambert, Bischof und Märtyrer, der in Lüttich bestattet liegt Ode und ihre Begleiter rasten an dieser Stelle, von der aus man auf die Stadt hinabblickt. Ode fällt auf die Knie, erfleht den Beistand des Heiligen und erlangt sofort das Augenlicht. Sie lässt am Ort der Wunderheilung eine Kapelle bauen und widmet sie der Heiligen Walburga, denn diese sei ihr vor der Reise im Traum erscheinen und habe ihr die Reise nach Lüttich zum Heiligen Lambert empfohlen. Ob man nun der frommen Sage glauben möchte oder nicht, das Umfeld der Kapelle hieß fortan gemeinhin „Walburga-Viertel“. Tatsache ist auch, dass es sich (nur) um eine Kapelle handelte, die , als Lüttich in Kirchensprengel eingeteilt wurde , der Pfarrei St. Servais ( mit einer altehrwürdigen Kirche des 10. Jahrhunderts) zugeteilt und von einem Kaplan betreut wurde.

Im 13. Jahrhundert wird Lüttich mit einer umlaufenden Stadtmauer umgeben, die auch auf den Hügel des Walburga-Viertels hinaufläuft, was fortifikatorisch bei einer Anhöhe, von der aus man die Stadt militärisch dominieren kann, Sinn macht. Die Mauer schließt das Plateau und die Kapelle in die Stadtbefestigung mit ein und erhält hier ein massives Stadttor, das „Walburgis-Tor“.
Um 1330 fügt ein gewisser Guillaume de Cangne dem ein Aussätzigen-Haus hinzu, das man später u.a. als Walburgis-Hospital bezeichnet ( aber auch Hospital St. Guillaume nennt). Über die administrative und finanzielle Fundierung der Einrichtung ist wenig bekannnt., die Ausdehnung der Gebäude über einen „Bonnier“ ( einen „Bunder“ – also 8700 Quadratmeter) spricht aber für eine gewisse Bedeutung.
Im 16. Jahrhundert – die großen Seuchen sind vorüber – rücken neue Wohnhäuser dicht an das Spital heran. Die Einrichtung selbst aber verliert trotz der Bemühungen des Pfarrers von St. Servais herunter und droht zu Ruine zu verkommen. Der Stadtvorsteher Carondelet lät 1604 die Kapelle schließen und plant den Bau eier neuen Kirche.

Um diese Zeit kehrt Peter Steuart (wohl öfters) in seine Heimatstadt zurück. Noch ist er mit einem Fuß in Ingolstadt, bereitet aber wohl schon seinen Umzug nach Lüttich vor. (Es steht zu vermuten, dass Steuart häufiger sich überschneidende Tätigkeiten ausübte. So zum Beispiel als er 1571 in Ingolstadt das Theologiestudium aufnahm, ihm aber der Eichstätter Bischof Martin von Schaumburg noch während des Studiums ein Kanonikat im Willibaldschor zuerkannte und ihm die Leitung des Willibaldinums anvertraute und ihm die Pfarrei Adelschlag übertrug. Erst 12 Jahre später wurde Steuart zum Doktor der Theologie promoviert und als Professor in Ingolstadt berufen). Jetzt ist Steuart noch Professor, wird Kanoniker in Köln und Generalvikar in Lüttich, 1618 auch noch Bürgermeister von Fosse-la-Ville , damals im Fürstentum Lüttich.
Er kennt das Lütticher Walburga-Viertel und freundet sich mit der Idee des Provost Carondelet, die geschlossene Kapelle durch eine neue Kirche zu ersetzen, an. Fürstbischof Ferdinand von Bayern-Wittelsbach erteilt ohne Zögern „seinem Berater Peter Steuart“ die Erlaubnis, eine neue Pfarrei zu gründen.
Steuart verfügt über hinreichende finanzielle Mittel und kauf das Hospital Sankt Walburga (Sankt Guillaume) auf. Er lässt das Gebäude, das sich in einem elenden Zustand befindet, abreißen und hat nun ein großes Grundstück zur Verfügung, das der Volksmund „Leprosen-Bunder“ nennt.

Am 3.März 1613 wird der Grundstein zur neuen Sankt-Walburga-Kirche gelegt. Noch im selben Jahr steht der Rohbau und am 7. September 1614 wird die Kirche von Steuart selbst geweiht.
Der Bau hat 460 Quadratmeter Fläche Der Innenraum wird von zwei Säulenreihen in drei Schiffe geteilt und misst 22 x 16,5 Meter, der Chor 10 x 7 Meter. Der Zugang erfolgt durch einen quadratischen Turm von 6 Metern Kantenlänge und etwa 30 Meter Höhe , von einem Glockenturm gekrönt. Backsteinmauern setzen auf Steinfundamente auf, die auch die Gebäudeecken verstärken.
Die Größe der Kirche entspricht der Einwohnerzahl des Viertels, das 160 bis 170 Häuser zählt, also etwa 600 Personen umfasst. Um die Kirche herum entsteht ein Friedhof. Die erste Abbildung der Kirche erfolgt 1618, vier Jahre nach ihrer Einweihung auf einem Stich von Marichal (Abbildung nach Dusart)

Die Kirche hatte ein eigenes Taufbecken – ein Privileg, das nur noch vier andere Lütticher Kirchen besaßen. Es hat sich in der heutigen Kirche erhalten ( und ist das einzige Objekt, das in die Denkmalliste aufgenommen wurde). Es besteht aus einem steinernen Becken, das auf einer Steinsäule aufsitzt und von einem hohen Zinndeckel geschlossen wird. Peter Steuarts Wappen ziert die Säule und seinen Name ist zusammen mit einer Reproduktion seines Wappens in die Zinnabdeckung eingraviert. Das erste Mädchen, das hier getauft wurde, erhielt den Namen Walburga.

Im Inneren, rechts des Ausgangs, hängt heute ein alter, verwitterter Gedenkstein, in dessen Text sich kurioserweise die Kirche sozusagen selbst vorstellt und von ihrer Gründung berichtet:
„Dem sehr gütigen und sehr großen Gott.
Die Kirche der Heiligen Walburga an die Wanderer:
Wißt, daß ich am 3. März 1613 begonnen und am 7. September 1614 von meinem Stifter Peter Steuart , einem Lütticher von (der Pfarrei) St. Severin geweiht wurde“
Der Stein trägt das Wappen Steuarts.

Um seine Rolle als Gründer der Pfarrei und Stifter der Kirche zu würdigen, erklärt der Bischof Steuart zum Pfarrherrn auf Lebenszeit. Er erhält damit das Recht, den ersten Pfarrer zu berufen. Er wählt seinen Neffen Bartélemy Jamar, der das Amt bis zu seinem Tod 1658 bekleidet.

1622 lässt Steuart neben der Kirche ein Kloster errichten, in das Schwester vom Orden des Heiligen Grabes einziehen. Es hat einen Garten, eine Brauerei - seine Mutter entstammt einer Brauerfamilie und sicher hat Steuart in Bayern die Tradition der Klosterbrauereien erfahren. Das Kloster hat eine Schule, die die Schwestern leiten. Es hat keine eigene Kirche Dazu dient ihnen die Pfarrkirche, in die sie, ohne die öffentliche Straße betreten zu müssen, kommen. Mit Pfarrkirche, Kloster, Schule und Brauerei ist das Ensemble auf dem besten Weg zu Prosperität

Peter Steuart ist am Ende seines Lebensweges angelangt. Er stirbt , fast blind, 1624.Er wird vor dem Hochalter der Sankt Walburga-Kirche begraben. Eine große Grabplatte aus schwarzem Marmor zeigt ihn lebensgroß im Priesterornat. Eine umlaufende Inschrift teilt mit:
„ Grab von Peter Steuart , Doktor der Heiligen Theologie. Professor und Rektor der Akademie von Ingolstadt. Chorherr und Generalvikar der Diözese Lüttich. Stifter dieser Pfarrkirche , der im Alter von 77 Jahren nach Erledigung vieler Aufgaben am 27. April 1624 im Herrn entschlafen ist.“

Als am 1877 die Kirche abriss und sie durch die heutige ersetze, die 2003 bis 2010 in zwei Etappen saniert wurde, wurde die Grabplatte Steuarts erhalten und im linken Seitenschiff angebracht.