Der slowenische Premierminister in Ingolstadt
Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 15 - Ausgabe Nr.164 vom 15.01.2025
1972 - die Welt steckt noch im Kalten Krieg, der Eiserne Vorhang teilt Europa - besucht ein hochrangiger Politiker aus der Führung des jugoslawischen Teilstaats Slowenien Ingolstadt, Stane Kavcic, der Premierminister Sloweniens. Sein offizieller Titel ist "Vorsitzender des Vollzugsrates der Sozialistischen Republik Slowenien".
Er erwidert, so die offizielle Sprachregelung, einen Besuch von Ministerpräsident Alfons Goppel ( drei Jahre zuvor) in Slowenien und sucht, in Bayern mit der Staatsregierung und der Leitung der führenden bayerischen Industriebetriebe und der Arbeitnehmerorganisationen Kontakte zu knüpfen. Nach Gesprächen in München und einer Besichtigung des Olympiageländes, wo in einem Vierteljahr die Sommerspiele 1972 stattfinden werden, kommt Kavcic am 9. Mai 1972 nach Ingolstadt. Begleitet von weitere Mitgliedern des Vollzugsrates besucht er die Essoraffinerie.
Dann setzen sich die Slowenen mit den führenden Männern der Audi NSU Autounion AG zusammen. Es scheint wahrscheinlich, dass dies ein wegbereitendes Element dafür war, dass der bayerische Automobilhersteller in Slowenien eine Anwerbestelle für - was man damals gefahrlos als Verwender diskriminierender Sprache geziehen zu werden - "Gastarbeiter" (nannte) schuf, die dann insbesondere aus der Gegend um Murska Sobota kamen, was später (1979) zur vierten Ingolststädter Städtepartnerschaft führte, an der auch der slowenische Kulturverein Lastowka besonderen Anteil hatte, von der IG Metall, der Stadt und Audi gefördert.
Am Tage seines Eintreffens in Ingolstadt jährte sich die Amtszeit Kavcics zum fünften Jahrestag. 285 Abgeordnete des slowenischen Parlaments (die alle der kommunistischen Partei angehörten) hatten ihn gewählt. Die Einheitspartei nannte sich " Bund der sozialistischen Werktätigen Sloweniens" . Sie umfasste Organisationen und Interessenverbände, "deren aller Ziel das nationale Programm und der Aufbau des Sozialismus ist", diktierte Kavcic dem Donaukurier in den Stenoblock, der nichts daran kommentarbedürftig fand.
Die Karriere des 53-jährigem begann, als der 17-jährige "gewöhnliche Arbeiter" in der Gewerkschaft aktiv wurde. Im Krieg schloss er sich den Partisanen der Widerstandsbewegung an. Nach 1945 wurde er Minister für Industrie in Slowenien, Vizepräsident der Regierung und Präsident der Gewerkschaften.
Der Donau Kurier berichtet von seinem hiesigen Aufenthalt und vom Redaktions-Besuch des Premiers ( 10. Mai 1972).
