Weiterer Band des Historischen Langzeitprojektes „Geschichte der Stadt Ingolstadt“ erscheint in diesen Tagen:
Die Entnazifizierung in Ingolstadt 1946 bis 1948
von Gerd Treffer
Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 16 - Ausgabe Nr.228 vom 01.07.2026
Wer war ein eingefleischter Nazi? Wer aber von denen, die man seit langer Zeit „der Partei“ zuordnete, war es nicht?
Mit einer umfangreichen Dokumentation auf fast 1300 Seiten, einer zweibändigen Ergänzung zum Band V der „Geschichte der Stadt Ingolstadt; Band V“ über die neueste Zeit schildert der Ingolstädter Historiker und Jurist Dr. Gerd Treffer an Hand der Spruchkammerakten , die sich im Stadtarchiv Ingolstadt erhalten haben, in einem „Repertorium“ in alphabetischer Reihenfolge die Spruchkammerverfahren gegen rund 2200 Ingolstädterinnen und Ingolstädter , die Mitglied in der NSDAP oder einer ihrer Organisationen wie SA, SS, Nationalsozialistisches Kraftfahrerkorps u.a. waren.
Nach dem zweiten Weltkrieg hatte auf Anordnung der US-Besatzungsmacht jeder Volljährige in Bayern einen Fragebogen auszufüllen, ob er, wann und warum Mitglied einer Nazi-Organisation war. Entgegen einer landläufig verbreiteten Meinung, bei dieser Umfrage hätten viele falsche Angaben gemacht, ist eindeutig belegt, dass damals genaue Gegenprüfungen mit anderen NS-Karteien und Übersichten aus Betrieben oder Organisationen, keinen Schwindel zuließen , und die Versuche dazu von den US-Behörden aufgedeckt und von US- Militärgerichtshöfen mit drakonischen und abschreckenden Strafen geahndet wurden.
In allen Fällen der nachgewiesenen Mitgliedschaften fanden dann in vor eigens eingerichteten „Spruchkammern“ Verfahren statt, in denen zu klären versucht wurde, auf welche Weise die jeweilige Person zur Partei oder ihren Gliederungen beitrat und in welche Kategorie ( Hauptschuldiger, Belasteter, Minderbelasteter, Mitläufer oder Nicht-Betroffener) sie einzustufen war. Wer in die ersten drei Kategorien eingestuft wurde oder noch auf sein Verfahren warten musste, hatte in Gefangenen- oder Straflagern mitunter Jahre-lange Haft zu erfahren und wurde mit einem Arbeits-Verbot in einer anderen Beschäftigung als in einfacher Arbeit belegt.
Alle in Ingolstadt (vor zwei Kammern) verhandelten Verfahren sind mit ihren „Urteilen“ und deren dahinterliegenden Begründung erhalten und wurden vom Autoren des Bandes, Gerd Treffer, einem promovierten Historiker und zuerworbenem Doktor der Rechtswissenschaft bearbeitet worden. Das Bayerische Staatsarchiv hat dazu die Signaturen der in seinem Haus zu den Namen vorliegenden Entnazifizierungs-Akten zur Verfügung gestellt, die bei jedem einzelnen Namen (soweit vorhanden) angeführt werden, so dass für die weitere Forschung wertvolle Erschließungsarbeit geleistet wurde.
Deutlich werden in der Dokumentation Treffers auch Strukturen, die dazu geführt haben, dass sich der Nationalsozialismus auf lokaler Ebene so rasch und nachhaltend durchsetzen konnte. Ein Beispiel: Die Nationalsozialisten besetzten konsequent das Arbeitsamt. Kamen Langzeitarbeitslose, die teils verzweifelt nach Brot und Lohn suchten, war die erste Frage: „Sind Sie Parteimitglied“. War die Antwort „Nein“, wurden die Betroffenen aufgefordert, diesen Makel zu beseitigen und erst dann bestünde die Chance auf Vermittlung. Andere traten der Partei bei, obwohl sie früher linken Parteien , Gewerkschaften oder Vereinen angehört hatten, um für sich oder Familienangehörige oder nahe Freunde den Schutz vor staatlicher Willkür und Verfolgung zu erhalten, der Parteimitglieder zustand.
Um gewissen Erwartungen an die Darstellung von vorneherein zu begegnen.
Diese Dokumentation stellt den Bestand der Spruchkammerakten dar. Sie ist geschichtswissenschaftlich angelegt und keine Beurteilung der Lebensläufe der genannten Personen ( mögen sie nun in welche Kategorie auch immer eingestuft worden sein). Die Frage, welche Rolle genannte Personen später im gesellschaftlichen Leben der Stadt spielten, spielt hier keine Rolle. Dieser Frage gehen die Autoren der „ Geschichte Ingolstadts“ aber nicht aus dem Weg: sie wird in den Nachfolgebänden abzuhandeln sein.
Der vorliegende Band ist Teil des großen von Siegfried Hofmann noch vor der Jahrhundertwende ins Leben gerufenen Historischen Langzeitprojekts, die Geschichte der Stadt nicht neu, sondern unter Berücksichtigung der jüngsten ( und wohlgemerkt: seriösen) Geschichtsforschung zusammenzufassen, ein Vorhaben, das von den bisherigen Oberbürgermeistern Peter Schnell, Alfred Lehmann und Christian Lösel, wie Christian Scharpf mitgetragen und gefördert wurde.
Dazu trägt der vorliegende Band sein Mosaiksteinchen bei.
Gerd Treffer; Geschichte der Stadt Ingolstadt; Bd. V 1918 – 1972 ; Entnazifizierung in Ingolstadt – 1946 – 1948 ; Hrsgb. von der Stadt Ingolstadt, Zentrum Stadtgeschichte, Stadtarchiv,
Ingolstadt, 2026;
1295 S.
ISBN: 978-3-9820770-3-1.
