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Die Raths
von Gerd Treffer

Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 14 - Ausgabe Nr. 159 vom 15.11.2024

 I. Professoren-Dynastien

Es gab regelrechte Familien-Clans unter den Hochschullehrern an der Universität Ingolstadt -ganz abgesehen einmal davon, dass die Professoren, wenn sie nicht gerade dem geistlichen Stand angehörten, gern die Töchter von Kollegen heirateten. Da waren zum Beispiel die Canisii -voran der berühmte, der heilige Petrus Canisius, der zweite Apostel der Deutschen (1521 bis 1597), sein Neffe Heinrich Canisius (1548 bis 1610) und der Stiefbruder des Heiligen, Theodorich Canisius, der zwar kein Ingolstädter Professor war, wohl aber Rektor des Ingolstädter Kollegs.(Dabei sollte man nicht vergessen, dass sich 2021 der Geburtstag des Heiligen Petrus Canisius zum 50o mal jährt). Zum 350. mal jährt sich 2021 der Todestag des Arnold Rath, der ein Jahr nach dem Tod des Canisius geboren wurde. Auch die Raths tauchen in der Reihe der Ingolstädter Professoren mehrfach auf. Der erste Ist Hieronymus Arnold Rath (...bis 1625), der Arnold Rath (1598 bis 1671), seinen jüngeren Vetter, ihm nach Bayern zu folgen bewogen hat, und dann noch dessen Sohn lgnaz (... bis 1688), der auf Vaters Wunsch der Professorenschaft beitrat. Mit Ausnahme des Sohnes lgnaz, der wohl in Ingolstadt zur Welt kam, stammen die Raths und die Canisii aus der Ecke Brabant, Geldern, Nijmegen, bildeten also gewissermaßen ein belgisch-niederländisches Regional-Cluster.

II. Das Rath'sche Anwesen -Sterbehaus des Tilly

Vorweg: Berühmtheit erlangte das stattliche Haus, das Arnold an prominenter Stelle in der oberen Stadt besaß: keine zehn Meter von Hauskante zu Kirchenkante enffernt vom mächtigen Geviert des Kollegs im Schlagschatten der Liebfrauenkirche, das die Jesuiten 1576 bezogen hatten. Ein solche Haus musste man sich erst einmal leisten können. Als der Schwedenkönig Gustav Adolf im Dreißigjährigen Ringen den Krieg nach Süddeutschland trug, wurde der General der Katholischen Liga, Graf Johann Tserclaes von Tilly (auch er aus dem heutigen Belgien, da zu Villers-la-Ville, Brabant, geboren) in der Schlacht bei Rain am Lech schwer verwundet. Eine Kugel hatte ihm das Bein zerschmettert. Man brachte ihn hinter die schützenden Mauern von Ingolstadt, der einzigen Stadt von Bedeutung in Deutschlands Süden, die der ”Löwe aus Mitternacht" nicht einnehmen konnte, und quartierte ihn im Haus des Professoren Arnold Rath ein. Dort starb 1632 der bayerische Generalissimus. Der Krieg aber ging fort. Man setzte Tilly in der Gruft des Jesuitenkollegs bei (Erst 1652 überführte man seine sterblichen Überreste nach Altötting).

III. Ingolstadt, wo künftige Kaiser, Kurfürsten, Kardinäle studierten.

Hieronymus Arnold war wahrscheinlich mit dem ehemaligen Erzieher der bayerischen Prinzen Quirinus Leonius in näherer Bekanntschaft. Der ”Erbprinz, Maximilian (1573 bis 1651) hatte unter Leitung des in ganz Europa berühmten Gregor von Valencia in Ingolstadt Logik, Ethik, Mathematik und schließlich die Rechte studiert. Seine jüngeren Brüder Philipp Wilhelm und Ferdinand besuchten ebenfalls die Universität (1594 sandte ihnen Maximilian eine Weihnachtskrippe, die erste Erwähnung einer Krippe in Bayern überhaupt und für die Stadt, in der 1570 der älteste Christkindlmarkt Deutschlands erwähnt ist). Auch der junge Erzherzog Ferdinand von Habsburg erhielt damals an der Universität Ingolstadt seine grundkatholische Prägung. 1594 schloss er seine Studien in Ingolstadt ab. (1619 wird er Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.) Die beiden ehemals Ingolstädter Studenten, Ferdinand von Habsburg und Maximilian von Wittelsbach werden die zentralen Persönlichkeiten der Verteidigung des ”alten Glaubens" im Dreißigjährigen Krieg sein (und Tilly und Wallenstein ihre ausführenden Heerführer).

IV. Hieronymus Arnold

Dieser erste Rath hatte seine Studien in Leiden begonnen und wohl mit dem Magister gekrönt, da er 1589 in Ingolstadt als Lernender der juristischen Fakultät belegt ist. Er war mithin dem Kreis der Anfängerstudenten (der Artistenfakultat) entwachsen, bewegte sich in den Kreisen der höheren Fakultäten, auf dem Weg zum Doktorat und begegnete vermutlich hie und da den jungen Herrn des Hochadels, die man nach Ingolstadt geschickt hatte. Rar ist die Literatur allerdings, wenn es darum geht, wie sich das Leben der Prinzen von Geblüt an der Universität, noch mehr, wie sich ihr Verhältnis zu den ”gewöhnlichen Studierenden" gestaltete. Mitte November 1590 tritt Hieronymus Arnold unter dem Vorsitz des neu berufenen Heinrich Canisius (des Neffen des Heiligen) als Defendent einer Disputation auf. Wahrscheinlich Ende 1593 promoviert er zum Doktor beider Rechte. Im Juli 1994 wird er zum Professor der Institutionen ernannt, mit dem mickrigen Gehalt von 100 Gulden, was bemerkenswert gering erscheint und zudem bei einer vereinbarten Probezeit. Das deutet vielleicht auf Widerstände aus der Universitätshierarchie hin. Bis 1599 steigen seine Bezüge auf 300 Gulden. 1601 geht Rath als Hofrat nach München. Die Universität bietet ihm in der Folge wiederholt Professuren an, darunter 1610 nach dem Tod von Heinrich Canisius die kanonistische Lehrkanzel. Er lehnt die Angebote ab. Erst 1613 kehrt er (für ein Gehalt von 600 Gulden) doch noch nach Ingolstadt zurück. In den folgenden zwölf Jahren liest er den "Kodex" und Ist neun Semester lang Rektor der Universität. Bei den Studenten Ist er sehr beliebt; offenbar imponiert ihnen ein Mannsbild, das in Anfeindungen erprobt Ist, einer, den so leicht nichts aus der Bahn wirft, der keine Veranlassung sieht, ein Blatt vor den Mund zu nehmen, ein Mann, der mit den jungen Männern sympathisiert. Vor so einem hat man Respekt, verehrt ihn. Dieser Rath publiziert, sage und schreibe, 29 Disputationen, die aus seiner Lehrtätigkeit hervorgegangen sind, allesamt gedruckt in Ingolstadt. Rath war ein erstklassiger Kunde der Ingolstädter Verleger. Hieronymus Rath stirbt am 4. Januar 1625 in Ingolstadt.

V. Arnold

Fünf Jahre zuvor hat Hieronymus Arnold seinen Vetter nach Ingolstadt geholt. Arnold, am 26. Juli 1598 im brabantischen Herzogenbusch geboren, war als Kalvinist erzogen worden. Offenbar war ihm Ingolstadt eine Messe wert. Bis 1619 hatte er in Leuven Philosophie studiert, war 1620 zum Studium der Rechte nach Ingolstadt umgezogen, wo er 1623 den Doktortitel erwarb. Umgehend wurde er (im Oktober 1623) zum außer-ordentlichen Professor für Institutionen. Nach dem Tod seines Cousins stieg er zum Ordinarius der Institutionen auf. 1627/28 war er erstmals Rektor der Universität. Rebus sic stantibus nahm er 1632 den verwundeten Tilly in sein Haus auf. 1636 erhielt er die Pandekten-Professur, 1642 die des Kodex mit besonderer Berücksichtigung des Bayerischen Landesrechts. Dass er sich in der Differenzienliteratur führend betätigt, wird noch zu behandeln sein. Weitere fünf male steht er der Universität als Rektor vor (1644, 1651, 1657/58, 1663/64, 1666/67). Seine Tochter Maria Margaretha heiratet seinen Fakultätskollegen Kaspar Manz (wie oben erwähnt: Professorentöchter neigen zu Ehemännern aus der Schar der Kollegen ihrer Väter; besonders auffällig ist die Heirat des Professor Gailkircher (1543 bis 1621) mit der Tochter von Reisacher). Einkommen erwuchs Arnold Rath aus seiner Tätigkeit als Pfleger von Gerolfing (1651 bis 1671) und Pflegeverwalter von Vohburg. Dort war er allerdings auch an Hexenprozessen beteiligt und hat zumindest einen Justizmord zu verantworten: 1637 verfasst er ein Todesurteil gegen einen der Hexerei verdächtigen Mann. Im landesherrlichen Ratskollegium für Ingolstadt ist Rath ab 1631 als Rat, ab1645 als Direktor tätig.(1662 wird er aus Altersgründen mit einem Ehrengeschenk von 1000 Gulden vom Ratsbesuch dispensiert). Außerdem steht Rat als Konsulent ( sozusagen als rechtskundiger Berater) in den Diensten des Kölner Fürstbischofs -auch dies zeigt seine enge Verbindung zum bayerischen Herrscherhaus.1612 bis 1650 ist Ferdinand von Bayern (1557 bis 1610) als Nachfolger seines Onkels Ernst Erzbischof von Köln, Fürstbischof von Hildesheim, Lüttich, Münster und Paderborn. Ferdinand Ist ein Sohn Herzog Wilhelms von Bayern und Bruder des Herzogs (später Kurfürsten) Maximilian. Ferdinand war der, der mit seinem Bruder Philipp von Bayern (1576 bis 1598) in Ingolstadt studiert hatte und denen der große Bruder ( damals noch Erbprinz Maximilian) die oben erwähnte Weihnachtskrippe gesandt hatte. Philipp ist Bischof in Regensburg und wird zwei Jahre vor seinem frühen Tod Kardinaldiakon. Dem Ferdinand, Bischof von Köln, folgt Maximilian Heinrich, der dritte Sohn Herzog Albrechts VI. von Bayern-Leuchtenberg nach

VI. Differenzienlehre und Herausgeber der Werke von Christoph Besold

In wissenschaftlicher Hinsicht war Arnold Rath einer der Begründer der sog. Differenzienliteratur in Bayern. In mehreren Publikationen ”legte er die Unterschiede zwischen dem bayerischen und dem gemeinen (römischen) Recht dar (Reinhard Heydenreuther im Biographischen Lexikon der Ludwig- Maximilians-Universität)., eine Methode, die durch das Herausarbeiten von Unterscheiden und Besonderheiten geschärftes Bewusstsein und Klarheit in Definitionen und Absichten schaffen sollte - im konkreten Fall auch ein frühes Element bayerischen Sonderbewusstseins. Rath Ist auch der durchaus verdienstvolle Herausgeber der bedeutenden historisch-politischen Schriften des Christoph Besold (1577 bis 1638), eines der bedeutendsten Staatsgelehrten Deutschlands in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, der 1636 an die Universität Ingolstadt berufen worden war. In nahezu 100 Werken hatte sich Besold nicht nur zu allen Gebieten des Rechts, sondern auch zu wirtschaftlichen und theologisch-philosophischen Fragen geäußert. Neben dem großen französischen Jurist Jean Bodin gehört er zu den Begründern der Idee einer (staatlichen) Souveränität; beide versuchen damit den Religionskriegen ein Ende zu bereiten und legen den Grund für die nachfolgende Epoche des Absolutismus. (dazu: Gerd Treffer; Christoph Besold ’Zum Inhalt der synopsis doctrinae politicae; Sammelblatt des Historischen Vereins Ingolstadt 1991). Rath gibt Besolds Werke 1639 in Ingolstadt heraus erweitert um ein Schriftverzeichnis und einen Nachruf auf den großen Juristen Arnold Rath selbst stirbt am 25. Mai 1761 in Ingolstadt und wird in der Liebfrauenkirche begraben. In seiner Darstellung der ’Grabsteine der Ingolstädter Frauenkirche" (von 1925 im Sammelbiatt des Historischen Vereins) schildert Johann Baptist Götz das Rath'sche Epitaph: eine Kalksteinplatte ’ die in der Mitte des Läutturmpflasters nur mehr in halber Breite erhalten und stark abgetreten Ist; als ganzen Schmuck hatte sie einen einfachen geradlinigen Umfassungsstreifen. Sie lag ursprünglich im Pflaster zwischen der Denichkapelle und dem Hochaltar. Mederer hat den Text erhalten, der ins Deutsche übersetzt lautete: ”Willst Du wissen, Wanderer, wer unter diesem Hügel ruht? Wende Dich an Arnold Rath um Rat. An ihn haben sich bisher alle gewendet, die etwas wissen wollten, und nicht ohne Grund. Denn unter allen Rechtsgelehrten hielt ihn der Erdkreis für den allergelehrtesten. Im Lehrberufe beinahe ein halbes Jahrhundert stehend erfüllte er durch seinen großen Namen Ewigkeit. Fromm gegen Gott und lieb gegen die Menschen hatte er alle Gesetze der Gerechtigkeit erfüllt, als der strenge Tod mit dem im Ruhestand lebenden Greis eine Verhandlung wegen des Depositums vereinbarte, damit er ihn nicht unvorbereitet fände. Damit also jeder das Seine erhalte, gab er den Leib der Erde, die Seele aber dem Himmel im Jahre 1671."

VII. lgnaz

Arnold Raths Sohn lgnaz, dessen Geburtsdatum unbekannt ist, schrieb sich im Juni 1651 an der Universität Ingolstadt ein und studierte die Rechte. Dann praktizierte er am Reichskammergericht. 1622 wird er auf Verwendung seines Vaters als außer-ordentlicher Professor für Institutionen tätig und im Zusammenhang mit dieser Berufung zum Doktor der Rechte promoviert. Zum ordentlichen Professor wird er erst 1671. Viermal war er Rektor der Universität ( 1667/68, 1671/72, 1676/77, 1684/85). Nach Kaspar Manz Tod (1677) hat lgnaz Rath auch die Leitung des Universitätsarchives inne. Schon im Wintersemester 1635/36 erkrankt, verhandelt er um seine Entpflichtung . Er stirbt am 19. Oktober 1688 in Ingolstadt. Heydenreuther bemerkt dezent, lgnaz Rath hätte ”öfters zu mehr Fleiß ermahnt" werden müssen, und er sei ”weder als Lehrer noch als Gelehrter besonders hervorgetreten'. Mit ihm fand die ”Professorendynastie der Rath in Ingolstadt ihr Ende"