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Ein Dichter von Adel - Marquard von Syrgenstein

Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 14 - Ausgabe Nr. 156 vom 01.10.2024

Ein Ingolstädter Student – Exponent des leichtfertig schuldenmachenden Adels – und ein begabter Gedichteschreiber

(Der Autor verdankt den Hinweis auf diesen „ehemaligen Ingolstädter Studenten mit literarischem Nachruhm“ Frau Doris Wittmann vom Stadtarchiv Ingolstadt).

Der „Reichsfreiherr“ (Johann) Marquard (Joseph Demetrius Xaver Aloysius Gottfried) von Syrgenstein, der am 22. Dezember 1768 auf Schloss Altenberg bei Dillingen zur Welt kommt, studierte 1788 bis 1791 in für ihn entscheidenden Schwellenjahren in Ingolstadt Rechtswissenschaft. Er ist dann ( unbezahlt, also) ehrenamtlicher Hofkavalier des Fürstabtes von Kempten. Er lebt auf seinen eigenen Gütern im Stil eines Rokoko-Adeligen, wie man ihn sich einen solchen gemeinhin in den Jahren des untergehenden Absolutismus vorstellen muss, der sich sehr wohl seines Schwanengesangs bewusst ist, ihn aber souverän übersieht. Die väterlichen Güter schwer mit Hypotheken belastet und verpfändet, gibt sich der junge Herr den Anscheine eines lustig – lockeren Adelsmannes, dem niemand etwas anzuhaben vermöchte. Während er in Ingolstadt studiert, schickt man in Frankreich Seinesgleichen auf die Holzgerüste, die „Tribünen“, die Podeste der Guillotinen, um sie – so bezeichnen es zynisch die Revolutionäre – in den Sack nießen zu lassen, wenn sie nicht gerade durch die Straßen ziehen und ebenso fröhlich wie lautstark in ihrem traditionellen Lied fordern, die „Aristokraten an die Laternenpfähle“ zu hängen.

Der junge Freiherr indess dichtet gern, tritt als Lyriker hervor. 1790 gibt er seine „Dichterischen Versuche meiner Jugend, meinen Freunden gewidmet“ heraus. Eine eher noble Geste, die kleineren Prosaschriften folgt, aber tatsächlich nur in 150 Exemplaren für seine Freunde erscheint. Monsieur möchte nicht um den Applaus eines vulgären gemeinen Publikums buhlen. 1798 allerdings erscheint ein Band mit seinen „Gedichten“ bei Tobias Dannheimer in Kempten. (Im Titelblatte bezeichnet sich Marquard dort als „Reichsfreiherr“. Er legt sich so einen Titel zu, den er gar nicht hat). Die gleichen Gedichte werden 1801 erneut bei J.B. Strobel in München erneut aufgelegt. Seine Lyrik trägt ihm immerhin ein, im „Literaturportal Bayern“ verzeichnet zu werden, auch im „Deutschen Literaturlexikon“, nicht zuletzt in der „Bayerischen Bibliothek“ mit Texten aus zwölf Jahrhunderten bayerischer Literatur , die ihn (im Dritten Band, in der Literatur des 18. Jahrhunderts : Zeitalter der Aufklärung) mit immerhin acht seiner Gedichte berücksichtigt und ehrt. In der „Bayerischen Bibliothek“ heißt es: „Seine Gedichte sind ein Beispiel für den kulturellen Freiraum an einem geistlichen Fürstenhof zu Ende des 18. Jahrhunderts“ – denn Marquard von Syrgenstein war, wie erwähnt, Hofkavalier eines Fürstabts.

Tatsächlich atmen manche seiner Gedichte die gesucht frivole Leichtigkeit, die schmetterlingshafte Flatterhaftigkeit , wie sie Fragonard in seinen Gemälden , etwa in seinem Zyklus von der Entwicklung der Liebe im Herzen einer jungen Frau ( Bildern, die heute in der Villa Fragonard, in seiner Geburtsstadt Grasse, der französischen Partnerstadt von Ingolstadt zu bewundern sind), so zauberhaft komponierte. Keiner hat es wie er verstanden, die Allegresse der Zeit Ludwigs XV., der Dubarry, auf Leinwand festzuhalten und musste doch wissen, dass der Naivität einer Marie-Antoinette ( die empfahl, dem Volk, das kein Brot hatte, doch Kuchen zu essen zu geben, ganz Tochter der Kaiserin Maria-Theresia) das Ende nahe war. Fragonard, der Dokumentalist einer Zeit, die die Revolution hinwegfegte, ging heim in seine Stadt Grasse und gestaltete – bis heute zu bewundernde – Fresken: bewunderndes Lob für die neue Zeit. Syrgenstein seinerseits trat in fürstlichen Dienst.

Fragonard schuf seine bezaubernden Bilder einer jungen Frau auf einer Schaukel , die ein junger Kavalier so innbrünstig anschob, dass ihre multiplen Röcke ein ganz klein wenig gelüftet wurden. Da schrieb Syrgenstein in Ingolstadt ein Gedicht zum selbigen Thema: „Wie kommt es dazu, dass Leben entsteht“.
Nun gut, da war (malerisch) Fragonards Schaukel im idyllischen Garten und die natürliche Folge der Szene wenn ein Galan die bezaubernde junge Frau anschubst und anschmachtet.
Syrgenstein aber geht (literarisch) die Frage grundsätzlicher an, und zwar aus seiner eignen Menschwerdung. – Eigentlich sehr symphatisch:

„Ich wusste nicht, wie mir geschah,
Auf einmal war ich da.
Und wuchs vom Kinde bis zum Mann
Ohn‘ all meine Schuld heran“.

Diktion, leichtflüssiger Sinn, gemahnen an Wilhelm Buschs (spätere) Erzählweise:

„ Da bin ich, und von ungefähr,
Wohl nicht! – Wo sonst denn her?
Von einem Vater doch wohl ja !
Und dieser? – War von seinem Vater da!

So geht es durch Millionen Jahr –
Aber einer musste der erste sein : wie
Kam denn der erste zur Welt ?

Dazu dichtet der junge Adelssohn unbeschwert ( in einem Passus, der ihn noch hundert Jahre zuvor zu einem Tiefverdächtigen der Heiligen Inquisition gemacht hätte) seine Version von der Erschaffung des Menschen, die gänzlich andere Bilder im Kopf befördert als Michelangelos großartige Schöpfung in der Sixtinischen Kapelle. Bei Michelangelo springst der göttlich Funke auf den Menschen über. Bei Syrgenstein heißt es:

„Es nahm der große Künstler, Gott,
Einmal den Arm voll Koth
Und bildete ohn‘ allen Graus
Den allerersten Menschen draus

Da lag er nun, der Mann von Koth.
Ein Mensch gerformt und todt,
.
Jetzt haucht ihn der Schöpfer an,
Und , Wunder! Seht, es lebt der Mann!“

Er, „Gottes Kreatur“, hat Stärke, hat Verstand,

„Voll Majestät und Edelsinn
Schritt er nun durch die Schöpfung hin“.

Nun aber weicht Syrgenstein von der biblisch verbürgten Paradiesgeschichte ab – keine Rippengeburt, keine Schlangeneinflüsterung …viel einfacher:

„Da kam entgegen ihm ein Weib,
Geschenkt zum Zeitvertreib“.

In den Augen der seit der Jahrtausendwende herangewachsenen selbstbewussten jungen Frauen eine unsägliche Stoßseufzer-Passage ( „oh Mann“).
Und dann lächelt sie auch noch

„…den neuen Mann
So wie ein Engel Gottes an.
Er fühlte was wie nie zuvor.
Hoch schwoll sein Herz empor!
Sie nahte sich mit sanftem Tritt‘
Und spielte - - bald spielt‘ er mit.“

Die Menschen, schreibt der Ingolstädter Student

„Spielten nun fortan
Das Spielchen Weib und Mann!
Bis dass es endlich auch geschah,
dass ich ohn‘ meine Schuld bin da.“

Schwergewichtiger sind andere Gedichte, etwa „ Religion“

„Religion ist leicht und rein,
Wie der helle Sonnenschein;
Kömt sie dir verdunkelt für,
So liegt der Schatten nur vor dir.
Bey der Sonnenfinsternis
Glaubte man einst für gewiss
Dass die Sonne finster werde,
Da war’s Schatten auf der Erde.“

Oder: „Zuversicht auf Gott“:

„Er ist Vater, wir die Kinder…
Keines liebt der Vater minder.“

Die Brüche der Zeit sind Marquard Syrgenstein wohl bewusst. In seinem Vierzeiler „Erbadel“ geißelt er die Leichtlebigkeit mancher seiner Standesgenossen, die Arroganz jener, die ihre Privilegien von Geburt her für eine Selbstverständlichkeit halten ( dabei hätte er allen Grund sich an die eigene Nase zu fassen).


„Sagt, läßt sich nach des tugendhaften Mannes Sterben
Mit dessen Hab und Gut auch seine Tugend erben?
Nein, spricht die ganze Welt aus einem Munde. Nein!
Wie kann denn, (frag ich nun), der Adel erblich sein?“

Noblesse oblige, muss sich durch Haltung und Verhalten erworben werden und erhalten bleiben. Und er preist das Stammschloss der Familie ( Schloss Syrgenstein bei Eglofs nahe Wangen im Allgäu) hingebungsvoll:

„ So oft ich mich in deinen gothischen Hallen befinde, Schutzort biederer Ahnen! ist mir als wär‘ ich im gefahrfreien Hafen gelandet nach langer Fahrt im stürmischen Ozean – Und groß und stolz in dem Bewußtsein durchwandle ich hier die felsendicken Gewölbe: Ein Mensch und frey, wie der Gedanke des schweigenden Weisen.“

Braucht er eine „ Zuflucht“, sieht er den Umsturz kommen? Als Hofkavalier eines ( Kemptener) Fürstabts hat man in der Säkularisation keine wirkliche Zukunftsperspektive.
Kaum übersehen werden kann allerdings, dass Marquard von Syrgenstein-Altenberg seinen eigenhändig beschriebenen Ansprüchen von Seriposität und Tugendhaftigkeit nicht gerecht wird. Schon sein Vater (Johann) German (1741 bis 1821) führt ein leichtfertiges, fröhliches Leben und häuft solche Schulden an, dass ihn ein Reichsritterratsbeschluss unter Verweisung seines Lebenswandels als Verschwender rügt und ihm Kaiser Josef II. einen Kurator zur Seite stellt. Die Verwaltung der Herrschaft übernahm der Kanton Hegau-Allgäu-Bodensee der Reichsritterschaft.

Nach seiner Ingolstädter Studienzeit und nachdem er (1790) als adeliger Hofrat ohne Einkünfte in die Dienste des Kemptener Fürstabts getreten und er volljährig geworden war, begehrt Marquard die kaiserliche Erlaubnis, die väterlichen Güter selbst verwalten zu dürfen. Aufgrund unsäglich verwirrter Familienverhältnisse ( bis hin zu einem ihm verschwiegenen Stiefbruder aus zweiter Ehe des Vaters, der Unterhaltspflicht für weibliche Verwandte und vieles mehr, nicht zuletzt aber auch wegen ungedeckter Ausgaben des beschwingt lebenden jungen Mannes mehren sich die Schulden zu nicht mehr zu deckenden Verpflichtungen Als Ausweg blieb allein der Verkauf der Herrschaft Altenberg. Erwerber ( aber säumiger Zahler) war der Fürst zu Oettingen-Wallerstein.

Besonders hart von Marquards Misswirtschaft waren seine Frau und seine Tochter betroffen (wie Ludwig Zenetti in seiner Schilderung der Lebensläufe von Vater German und Sohn Marquard in der Schwäbischen Genealogie festhält). In einem (französisch abgefassten) Brief vom Juli 1799 schreibt seine Ehefrau ( eine gebürtige Freiin von Eptingen aus der Baseler Gegend): Seit der Zeit, da „Eure Hoheit“ uns die erste Rate zahlen sollte (aus einem von Kaiser Franz II. gebilligten Fideikommiss) „sind wir genötigt, Silber zu verkaufen, um leben zu können .Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie Frau und Kind in diesem großen Elend lassen. Der geringe Preis, für den Sie den Besitz gekauft haben, vermehrt sich nicht in der Zeit, wohl aber unsere Schulden.“
Der Konsulent des Ritterschaftsdirektoriums verfasste einen über 100 Folioseiten langen ( vom 19. Mai1800 datierten) Bericht, der „Marquards Schuldenwirtschaft unbarmherzig geißelte“. Im November unterstellte ein Reichshofratsbeschluss Marquard (erneut) der ritterschaftlichen Administration.

Adels-Streitfälle hatten die Tendenz, sich hinzuziehen - zumal im vorliegenden Fall ein veritabler Fürst (Wallerstein) nicht zur Zahlung des vollständigen Kaufpreises zu bewegen war, um die Gläubiger Syrgensteins zu befriedigen. Und endgültig scheiterte die Option eines rigorosen Durchgreifens von Kaiser und Ritterkanton, als die Ideen der französischen Revolution nicht mehr nur gedanklich, sondern real-politisch die überbrachten deutschen kleinstaatlich reflektierenden Strukturen beiseite fegten. Der Abschluss des Rheinbundes (1806) beseitigte die selbständigen reichsunmittelbaren Fürstentümer, nahm den Ritterschaften ihre administrative und judikative Selbständigkeit samt der internen Disziplinar- und Standesordnung. Konkret: Weder Kaiser noch Ritterschaft konnten den Fürsten Wallerstein zwingen, dem Syrgenstein aus dem Verkauf von Altenberg welche Zahlungen auch immer zukommen zu lassen.

Nach dem Verkauf von Altenberg schied Marquard ( 1799) aus dem Kemptener Hofrat aus. Er ging nach München – schließlich hatte er an der Landesuniversität, in Ingolstadt, studiert und glaubte folglich, mit einer Anstellung im kurfürstlich staatlichen Dienst rechnen zu dürfen. Er wohnte dort in der Weinstraße, ganz in der Nähe der Alten Burg. Auch solche Wohnungen ( „ im Bilohaus über drei Stiegen“) waren Teil des Eigentums- und Rechtepaketes eines Adelsbesitzes. (Hier konkret war das Wohnrecht nach dem Verkauf von Altenberg verloren gegangen und es bedurfte umständlicher Verhandlungen). Vermögensrecht und Anspruchsbegründungen in Adelskreisen waren nicht nur komplex, sondern auch die Freude beratender Rechtskundiger – an der Landesuniversität gab es sogar Dozenturen, die sich ausschließlich damit befassten.

Wie auch immer: Im August 1804 tritt Marquard Syrgenstein als Wirklicher Hof- und Regierungsrat in den Dienst des Fürsten Wallerstein. Zunächst ohne Honorierung. Erst am Ende des folgenden Jahres (1805) wird er besoldet. Eine Abfindung? Dann macht die „Mediatisierung“ der Tätigkeit Syrgensteins für Wallerstein ein Ende. 1807 aber erhält Syrgenstein eine wallerstein’sche Pension (von jährlich 300 Florint), die der bayerische Staat – zwischenzeitlich ein Königreich – (1812) (wegen der dringend erforderlichen Ordnung der Wallerstein-Finanzen) mit 225 Gulden übernimmt.

Marquard war – da man ihm einen Posten im kurfürstlichen Dienst in München nicht anzubieten gewillt war – nach Kempten zurückgekehrt. Er half unentgeltlich dem ihm befreundeten Generalkommissar des Iller-Kreises, August von Reisach. Wo immer Syrgenstein auftaucht gilt das Sigel „Unentgeltlich“. Man nahm ihn auf, zahlte ihm nichts. Er lebt dort mit seiner „Haushälterin“ Crescentia Denzel. Sie scheint eine recht verbindliche Person gewesen zu sein. Ludwig Zenetti, der mit bewundernswerter Zähigkeit den erbrechtlichen Verquickungen nachgespürt hat, gibt zu, dass es „ermüdend wäre, den Streit um die Hinterlassenschaft Marquards in seinem unschönen Hin- und Her schildern zu wollen…“ und tut es dennoch.

Marquard starb am 29. September 1812 in Kempten. Der Totengräber bescheinigt: „Vor Titel ( das Französische ci-devant) seelig gnädigem Herren von Sürgenstein ist das Grab gemacht worden und bey Nacht beerdigt“, was administrativ bestätigt wird: „Vor Grabgebühr 2 fl.“
Er ruhe in Frieden. Mit der Ruhe hat er sich in seinem gleichnamigen Gedicht beschäftigt:

„Welchen Zweck hat unser Tun?
Immer recht bequem zu ruh’n!
Daß wir ja nicht fürchten müssen,
Daß uns einstens das Gewissen
Oder die verscherzte Ehre
In der süßen Ruhe störe,
Oder in den alten Tagen
Uns der Hunger möchte plagen;
Darum tun wir brav und viel.
Ruhe nur ist unser Ziel.“