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Ein Lütticher Freundeskreis an der Universität Ingolstadt: Steuart, Labrique, Harsaeus
von Gerd Treffer

Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 15 - Ausgabe Nr.176 vom 15.05.2025

In den Historischen Blättern wurde in diesem Jahr wiederholt über Peter Steuart berichtet, dem aus Lüttich gebürtigen Priester, der nach Ingolstadt fand, dort ein hochangesehener Professor und wiederholt Rektor der Universität wurde, Moritzpfarrer war und zu einem großen Wohltäter der Armen und Benachteiligten wurde. Er errichtete eine Stiftung für ein Waisenhaus schuf, die bis heute überdauert hat. 1619 resignierte er seine Ingolstädter Ämter und kehrte in seine Geburtsstadt Lüttich zurück. Er hatte dort ein Kanonikat zu St. Lambert inne, ist aber auch als „collegiatus ad Santos Apostolos praepositus“ in Köln bezeugt, dessen Erzbischof dem Bistum Lüttich vorstand. Steuart war unter dem Kölner Fürstbischof Ferdinand von Bayern Generalvikar in Lüttich und stiftete dort eine Kirche, die St. Walburga zur Patronin bekam, deren Wiederrichtung von dem ihm zugetanen Wittelsbacher ohne Zögern genehmigt wurde, und an die Steuart ein neues Frauenkloster anbaute. 1624 in Lüttich verstorben, wurde Steuart in dieser Kirche vor dem Hochaltar bestattet. Seinem Lebenswerk zufolge, musste er (wohl mütterlicherseits) aus einer geachteten Familie stammen. Seine Mutter war Catherine Hoen, Tochter eines Brauers aus Elmutz. Die Familie war wohl begütert, denn Steuarts Stiftungen, in Ingolstadt wie in Lüttich, setzen einen beachtlichen finanziellen Hintergrund voraus.

I.

Dies ist der Rahmen. Im Weiteren geht es um die offenbar bislang nirgends betrachtete Tatsache, dass während Steuarts fast fünfzigjähriger Zeit in Ingolstadt (von 1571 bis 1619) auch andere Flamen mit Geburtsort Lüttich nach Ingolstadt kamen und an der Universität Ingolstadt lehrten oder in ihrem direkten Umfeld wirkten.
Das gilt für Simnon Labrique de Lanoy, der 1656 in Lüttich zur Welt kam, dessen Vater und Bruder im Dienst des Kölner Erzbischofs (damals Ernst von Bayern) standen, der 1601 nach Ingolstadt kam und 1605 dort Professor wurde.
Das gilt auch für Johannes Harsaeus aus Lüttich, der 1593 nach Ingolstadt kam, dort unter Peter Steuart zum Doktor der Theologie promoviert wurde, lange Jahre dem Georgianum vorstand und 1619 nach Lüttich heimkehrte.

Im Überblick:

In Ingolstadt Rückkehr nach Lüttich Tod

Peter Steuart (1547-1624) 1571-1619 1619 1624
Harsaeus (?) 1604-1619 1619 ?
Labrique (1656-?) 1605-1622 - nach 1649.

Den Lebensläufen zufolge hat es in den Anfangsjahren des 17. Jahrhunderts an der Ingolstädter Universität eine (informelle) Gruppe von „Lüttichern“ um Peter Steuart gegeben, deren Mitglieder mutmaßlich der dortigen Führungsschicht entstammten, mit der fürstbischöflich bayerischen Herrschaft bekannt oder verbunden waren. Dass ihre Vertreter in Ingolstadt die Nähe zum quasi alteingesessenen Steuart pflegten (vielleicht auch seinetwegen nach Ingolstadt gekommen waren), steht zu vermuten. Auffällig an den Lebensdaten ist auch, dass alle drei fast gleichzeitg ( oder binnen weniger Jahre) nach Steuarts Rückkehr nach Lüttich Ingolstadt verließen.

II.

Zu Labrique:

Simon von Labrique hatte bereits den juristischen Bakkalaureus-Grad - niemand weiß, an welcher Hochschule er ihn erworben hatte - , als er sich im Mai 1601 als Student der Rechte an der Universität einschrieb und dort zum Doktor der Rechte promovierte. Er blieb danach nicht in der Stadt, wohl aber mit ihr in Verbindung. Er war vielmehr in Lüttich tätig, wo Ernst von Bayern, Erzbischof von Köln und Kurfürst die Herrschaft ausübte. Es mag den Anschein haben, dass Labrique den Aufenthalt in Ingolstadt und die akademische Würde, die er dort errang, als Durchlauferhitzer sah, und der Dienst als Jurist in Lüttich im Anschluss sozusagen (modern formuliert) als „Referendariat“ für weitere Verwendungen dienten.1605 jedenfalls ist Labrique zurück in Ingolstadt. Er wird zum außerordentlichen, dann ordentlichen Professor der Institutionen ernannt. Das übliche Gehalt beträgt 150 fl. Labrique richtet sich im professoralen Dasein ein; 1611 liest er (vertretungsweise) kanonisches Recht, 1612 (vorübergehend) den Kodex und 1613 (zusätzlich) auch die Pandekten. Seine Besoldung steigt im Laufe der Jahre auf 500 fl., was nun schon stattlich zu nennen ist. Man muss aber auch anerkennen, dass er ein überaus fleißiger Hochschullehrer und bei den Studenten beliebt ist. Er betreut die beachtliche Zahl von 16 Disputationen, von denen mehr als die Hälfte im Druck erschienen und erhalten ist. 1622 gibt Labrique seine Ingolstädter Professur auf und tritt in die Dienste Wolfgang Wilhelms von Pfalz-Neuburg.

Wolfgang Wilhelm (1578-1653) ist der älteste Sohn des Pfalzgrafen und Herzogs von Neuburg, Philipp Ludwig. Gegen den Willen des Vaters, der ein überzeugter Lutheraner ist, konvertiert Wolfgang Wilhelm zum Katholizismus und macht dies 1614 in Düsseldorf bekannt. Der Schritt ermöglicht ihm den Wechsel von der Protestantischen Union zur Katholischen Liga. Nach dem Tod seines Vaters hält er, von fünfzig Schützen begleitet, Einzug in Neuburg. Seine Aufmerksamkeit gilt allerdings besonders den mütterlicherseits ererbten Herzogtümern Jülich und Berg, was hier aber außer Betracht bleiben soll. In seinem Stammland, dem Herzogtum Neuburg führt Wolfgang Wilhelm eine strenge Rekatholisierung durch. 1618 übergibt er die Neuburger Hofkirche den Jesuiten. Die katholisches Konfession wird zur verpflichtenden Landesreligion. Zahlreiche Protestanten verlassen die Stadt. Wolfgang Wilhelm, Pfalzgraf bei Rhein, Herzog in Bayern und zu Jülich, Kleve und Berg, Graf zu Veldenz, Sponheim, Mark, Ravensberg und Moers, Herr in Ravenstein – so seine Titel – starb 1653 und wurde in Düsseldorf bestattet. Sein Herz allerdings ruht in der Hofkirche in Neuburg an der Donau.

In dieses Fürsten Dienste also tritt Labrique, nachdem er die Universität Ingolstadt verlassen hat und wird zu Neuburg Vizekanzler, Geheimer Rat. Er ist Pfleger von Burgheim, das seit 1509 zum Fürstentum Pfalz-Neuburg gehört und damit Grenzort zum Herzogtum Bayern wurde , das hinter der Brücke nach Staudheim anfängt. Für seinen Landesherrn führt Labrique die Rekatholisierung in Sulzbach, in Hilpoltstein und in Heideck durch. Er ist mehrfach Mitglied von Gesandtschaften des Herzogs Wolfgang Wilhelm - unter anderem nach Paris. Und es gibt viel zu verhandeln in den diplomatischen Wirren und militärischen Wendungen des Dreißigjährigen Kriegs wenn man Herzog in Bayern, bei Rhein und den Herzogtümern Kleve und Jülich ist.
1628 erhebt der Kaiser Labrique in den Reichsritterstand. 1637 bis 1645 übt Labrique von Neuburg aus das Amt des Landrichters von Burglengenfeld und ab 1649 von Parkstein aus.
Käuflich erworben hat er die Hofmarken Kollersried und Lauf(f)enthal – heute Teil der Stadtgemeinde Hemau im Landkreis Regensburg – und als Inhaber dieser Sitze ist er Mitglied der Landstände des Fürstentums Pfalz-Neuburg.
Er starb am 3.März 1656 und wurde in der Pfarrkirche von Kollersried bestattet.

III.

Zu Harsaeus:

Der Dritte in diesem vermuteten Lütticher Kreis in Ingolstadt ist Johannes Gregor Harsaeus, der sich 1593 an der Universität Ingolstadt einschrieb. Elf Jahre später, 1604, wird er Regens des Georgianums. Dieses in der Welt der Universität durchaus bedeutsame Amt übt er fünfzehn Jahre lang aus, ohne ein Lehramt an der Universität zu versehen. Er erwirbt aber Anfang 1605 (13. Januar) das Lizentiat der Theologie, und Ende des Jahres (16. November) wird er unter dem Vorsitz des Peter Steuart zum Doktor der Theologie promoviert.
Als Regens des Georgianums ist er im Wintersemester 1612 Rektor und im Sommersemester (unter dem Adelsrektorat des Johannes Graf Edödy) Vize-Rektor.

1619 kehrt Harsaeus nach Lüttich zurück. In einer Ergänzung des Matrikeleintrags wird angefügt: „Canonicus Sancti Matini Leodii designatus est“ – Sankt Martin, eine der bedeutendsten Kirchen Leodii, Lüttichs also, war vor der ersten Jahrtausendwende in romanischem Stil als neue Kathedralkirche gedacht, in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in gotischer Form als Stiftskirche neu gebaut worden. Dort also ist Harsaeus als Domherr ernannt. Er lebt nun wieder mit dem im selben Jahr wie er heimgekehrten Peter Steuart in derselben Stadt.