Ein verloren-gegangenes Bild von Peter Apian im Prager Haus des Tycho Brahe
von Gerd Treffer
Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 16 - Ausgabe Nr.218 vom 01.04.2026
Der Astronom und Astrologe Tycho Brahe hatte sich ganz zu Beginn des 17. Jahrhunderts auf seinem Prager Wohnhaus im obersten Geschoss ein Observatorium eingerichtet und an den Wänden darin Gemälde anbringen lassen, die berühmte Vorgänger und die mächtigen Männer rühmten, die sie protegiert hatten. Einer davon war der Ingolstädter Professor Peter Apian, den Brahes Maler mit keinem geringeren zusammenspannte als Kaiser Karl V.
Tycho Brahe besaß um das Jahr 1600 sagenhaften Ruf. König Friedrich II. von Dänemark und Norwegen hatte ihm schon lange zuvor die Sternwarten Uraniborg und Stjerneborg auf der Öresundinsel Ven, vor Landskrona, finanziert, die er ihm zu Lehen überlassen hatte. Später hatte sich Brahe dann durch seinen Hochmut die Gunst von dessen Nachfolger, König Christian IV., verscherzt.
In Kaiser Rudolf II. – der vorzugsweise in Prag residierte – fand er einen neuen großen Bewunderer und hochmögenden Gönner, der, wie Brahe selbst, zwischen der neuen präzisen Wissenschaft einerseits und hergebracht archaischem Fühlen andererseits, zwischen Astronomie und Astrologie, zwischen Sternenkunde und Sterndeutung hin- und her-gerissen war. Kaiser Rudolf hat Brahe eine Stelle als Hofmathematiker angeboten.
Am Johannistag 1599 wird Brahe samt Söhnen und Studenten von Kaiser Rudolf in Prag willkommen geheißen. Er überlässt ihm, in der Nähe der Burg, das Haus des verstorbenen Vizekanzlers Curtius (später auch noch das unweit von Prag gelegene Schloss Benatek, wo Brahe 1600 mit Kepler zusammenkommt). Das Curtiushaus wird jedenfalls Brahes Prager Wohnsitz. Es heißt, „der Kaiser kam oft, um seine berühmten astronomischen Messinstrumente zu betrachten und ließ sich über Gebrauch und Nutzen belehren.“ Den höchstgelegenen Raum richtet Brahe sich als Observatorium ein und hängt dort seine Instrumente auf. Und er lässt vier Bilder an die Wände malen. Alle vier sind gewissermaßen höfische Schmeicheleien dem Gönner-Kaiser gegenüber. Nichts Ungewöhnliches. So halten es die Gelehrten der Zeit ja häufig, etwa bei der Zueignung von Druckwerken an die Mächtigen der Zeit. So hat ja auch rund 60 Jahre zuvor Peter Apian sein Meisterwerk der Sternenkunde und der Buchdruckerkunst Astronomicum Caesareum benannt und es Kaiser Karl V. gewidmet.
Alle vier hier in einem Wandbild bedachten Fürsten sind „Beschützer der Astronomia“.
Da sind:
- König Alfons X., der Weise, Herr über Kastilien – über Johanna die Wahnsinnige ein Vorfahr von Brahes neuem Schutzherrn Rudolf II. –, ein Förderer von Kunst und Wissenschaft. Er hatte durch ein Gremium von arabischen, jüdischen und christlichen Gelehrten die „Alfonsinischen Tafeln“ erstellen lassen, die sich auf Berechnungen von Ptolemäus und des Mohammed ibn Dschabir al Battani – genannt: Albategnius – gründeten, die hier beide zu Alfonsos Füssen abgebildet sind.
- König Friedrich II. von Dänemark und Norwegen, Brahes früherer Souverän und Gönner. Er ist der einzige, dem kein Sternenkundler zugeordnet ist; stattdessen ist Uraniborg abgebildet, das seit Brahes Wegzug verwaist ist, vielleicht ein subtiler Racheakt mit dem Hinweis, seit seiner Übersiedlung nach Prag spiele Dänemark in der Welt der Astronomie keine Rolle mehr, es habe mit Brahe sein Gesicht verloren.
- Rudolf II. (selbst), der aktuelle Kaiser, sein Mäzen: der allerdings hat sehr wohl einen Mann der Astronomie an seiner Seite: Tycho Brahe und nur ihn. Brahe sitzt – allein – an einem Tisch.
Es bleibt das vierte Bild:
- Kaiser Karl V. und zwei große Astronomen, Kopernikus und Peter Apian.
Der Kaiser, in dessen Reich die Sonne nicht unterging, ist eng mit Rudolf II. verbunden. Er war der Großvater (mütterlicherseits) und der Großonkel (väterlicherseits) Kaiser Rudolfs.
Mit Kopernikus wird ihm der Begründer des heliozentrischen Weltbilds zur Seite gestellt, das eine der Zäsuren darstellt, die den Übergang in die moderne Zeit markieren. Kopernikus ist weltbekannt; Peter Apian ist brillant, aber weniger berühmt. Hier wird er eingereiht in die Gilde der größten Astronomen der Geschichte.
Apian (1495 – 1552), Hofmathematiker Karls V., war 1527 zur Universität Ingolstadt gestoßen. Er konstruierte astronomische Instrumente, verfasste Schriften über kartographische Methoden, veröffentlichte eine Liste der Längen- und Breitengrade. Nebenbei betrieb er (was eigentlich unüblich für einen Professor war) eine Druckerei. Eine der ersten Landkarten, auf denen der Begriff „America“ auftaucht entstammt einer Ingolstädter Offizin. In seiner Druckerei entstand auch das oben bereits erwähnte Wunderwerk, das Astronomicum Caesareum (das er 1540 Kaiser Karl widmete), das alle erdenklichen Planetenstände auf vielfarbigen, drehbaren Scheiben darstellbar machte. Verlockende Angebote an andere berühmte Universitäten (Leipzig, Tübingen, Padua, Ferrara) lehnte Apian ab und blieb in Ingolstadt.
Als Legende zu Kaiser Karl und Apian hat sich eine Episode aus dem Schmalkaldischen Krieg erhalten. 1546 lagen sich die kaiserlichen Truppen und das Heer des Schmalkaldischen Bundes vor Ingolstadt gegenüber. Offiziell war Bayern neutral geblieben, begünstigte aber den Kaiser, dem Herzog Wilhelm IV. gestattet hatte, Ingolstadt als Sammlungsort seiner Streitmacht zu nutzen. Das kaiserliche Lager lehnte sich gen Westen an die Stadtmauern an, und der Kaiser hatte dort sein Zelt. Dorthin beorderte er seinen Hofmathematiker, um mit ihm gelehrte Gespräche zu führen, was, so wird berichtet, Peter Apian in Angst und schrecken versetzte, der sich dem kaiserlichen Wunsch aber nicht entziehen konnte und zitternd und entnervt zum gelehrten Disput antrat.
Dennoch bleibt: Peter Apian (wie auch sein Sohn Phillip (1531 – 1589), der ebenfalls Ingolstädter Professor und Schöpfer der „Bayerischen Landtafeln“ wurde, auf Grund derer sich Bayern rühmen darf, der erste Staat der Welt zu sein, der auf genauer trigonometrischer Vermessung beruhende Landkarten besaß), war einer der herausragenden, großen Professoren der Bayerischen Landesuniversität.
Peter Apian zu sehen, wie ihn das Prager Wandgemälde in Brahes Haus darstellte, hätte gerade aus Ingolstädter Sicht seinen besonderen Reiz (gehabt).
Bedauerlicherweise hat sich das Curtius-Haus in seiner damaligen Form nicht erhalten und die Gemälde sind für immer untergegangen, wie die ehemalige, langjährige Mitarbeiterin des Ingolstädter Zentrums für Stadtgeschichte, Dr. Ivana Havelka, in Nachfragen bei den Prager Denkmalschutzbehörden festgestellt hat.
