Franz Xaver Sautermeister. Ein Lebensbild. Opfer einer Seilschaft, die sich für politisch allein-seligmachend hielt. Zum 300. Geburtstag.
von Gerd Treffer
Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 16 - Ausgabe Nr.212 vom 15.02.2026
Dies ist die Geschichte eines Professors für Moral, der von Politikern, Ministerial- und Universitäts-Bürokraten geschasst wurde, die zum zeitüberdauernden Typus egomanischer Fanatiker gehör(t)en, die überzeugt waren (und sind), das Gute, zu verkörpern und das Beste zum Nutzen des gemeinen Volkes zu tun. Dem folgt eine polemische Betrachtung damaliger (und heutiger) Parteifrauen, Parteimänner und Parteienkoalitionen, die erklären, dass ihnen alle zustimmen müssen, die „anständiger“ Gesinnung seien. Das aber reiche nicht. Wer wirklich Anstand habe, müsse sich vielmehr „aktiv“, tatenvoll in ihrem Sinne engagieren. Denn sie verkörperten (glaubten und glauben sie,) den Mainstream, und wer nicht begreife, dass dies auch die Denke der Mehrheit der Menschen sei und ihre Politik der einzige Weg zur Rettung, sei mit Blindheit und/oder Dummheit geschlagen und eben ein unanständiger Schädling. Denn nur sie wüssten (ganz sicher), wo es lang zu gehen habe.
Sautermeisters Lebensweg
Am 24. November 1725 in Mindelheim geboren, tritt Sautermeister im Oktober 1744 dem Jesuitenorden bei. Es steht zu vermuten, dass er zu dieser Zeit bereits Magister war oder den Titel erwarb. Jedenfalls sind von ihm Lehrtätigkeiten bekannt, die ihn u.a. nach Luzern führen. Und : 1750 studiert er (bis 1754) an einer der „höheren Fakultäten“ – in seinem Fall naturgemäß an der theologischen . Nach dem Tertiat 1755/1756 legt er 1759 Profess ab und wird im Anschluss an diversen, den Jesuiten zugeteilten Bildungseinrichtungen eingesetzt.
Er liest
1759/1760 in Feldkirch Philosophie, dann
1760/1761 in Rottweil Philosophie,
1761/1762 in Solothurn Philosophie,
1762 bis 1764 in Brieg Theologie,
1764/1765 in Freiburg Theologie und
1765 bis 1769 in Solothurn Theologie.
1770 wird er als Professor für Moraltheologie an die Universität Ingolstadt berufen. Zu spät, um dort noch nachhaltige Wirkung entfalten zu können. Der Jesuitenorden wird in Bayern aufgehoben. Dem Landesherrn ist das recht. Er kann aus dem jesuitischen Vermögen andere Dinge finanzieren, die ihm am Herzen liegen. Und der Universitätsdirektor Johann Adam von Ickstatt (dessen nepotistische Neigungen hier in den Historischen Blättern schon wiederholt dargelegt wurden) sucht, die Zahl der Ex-Jesuiten in Ingolstadt zu beschränken. Der mächtige Herr Universitäts-Direktor ,
in einem prachtvollen Haus mitten in der Stadt residierend, will in seinem (und der Universität) Umfeld keine Leute haben, die (wie er sicher wusste) brillante Wissenschaftler waren, die aber nicht zu seinen Anhängern zählten, wenn es um seine liberalen Ansichten , Denkweisen, Lehrinhalte ging.
Davon wird Sautermeister ein Opfer. Er soll aus Ingolstadt verschwinden. Im Dezember 1773 wird er in die theologische Sektion des Lyzeums München versetzt und hat Unterricht an der Kadettenanstalt zu halten. Kein ernsthafter, unvoreingenommener Beobachter wird sich täuschen lassen. Es handelt sich um eine Beseitigungs-Versetzung, die den Anschein der Rechtlichkeit wahrt, aber den hehren Ansprüchen moralischer Integrität, die das „illuminative“, „aufklärerische“ Umfeld Ickstatts, für sich behauptet, kaum gerecht wird. Eigentlich würde man Sautermeister gern veranlassen, den Staatsdienst zu quittieren. Der aber bleibt bis 1775 in dieser sonderbaren Art der Lehre tätig bis er 1775 ausscheidet.
Er widmet sich fortan der Seelsorge. 1775 ist er Pfarrer in Dachau , vermutlich eine kurzzeitige Ausstiegs- und Überbrückungzeit.1776 geht er dann als Pfarrer nach Schongau – eigentlich eine Art von Heimkehr – sein Geburtsort Mindelheim liegt selbst für damalige Verkehrsverhältnisse ganz in der Nähe (und als braver Ordens-Soldat ist Sautermeister schon ganz andere Strecken gewandert). Ein Viertel-Jahrhundert ist der ehemalige Professor der Bayerischen Landesuniversität nun „simpler Pfarrer“ auf dem Lande. Aber eine solche Kategorisierung verbietet sich, es sei denn, sie verweise darauf, welch potentielle akademische Karriere sich dem Betroffenen ggf. eröffnet hätte. Was ,moderner formuliert, die Frage nach sich zieht, mit welchem waste an human capital der „Umbau“ der Universität auf „modern times“ durch Ickstatt, Gönner, Montgelas und Co einherging.
Auf seiner Austragsstelle im Bergland vor München hat der Dorfpfarrer Franz Xaver Sautermeister, wohl auf einer Bank vor dem Pfarrhaus sitzend, im Abendlicht der untergehenden Sommersonne die Bergwelt bewundernd, einen Rosenkranz durch die Finger gleiten lassend, über die Nachrichten nachgesonnen, die da aus Frankreich zu ihm dringen. Dass die Franzosen einen blutigen Aufstand anzetteln – nun gut. Da sind sie nicht die einzigen, die sich so etwas wünschen. Hochwürden, Professor emeritus, ist besser als viele andere in Schongau, befähigt, die Lage zu deuten und vorherzusagen, wohin solche Erhebungen führen – aber nicht bereit, sich darüber aufzuregen. Außerdem hat ihn schon lange niemand mehr von Hofe und Adel nach seiner Meinung gefragt, und am Stammtisch der Schongauer Honoratioren , wo man ihm mit Respekt begegnet, wäre es vergeudet, den Lauf der Dinge aufzudröseln.
Als Verfasser theologischer Werke ist er schon in seiner Universitätszeit nicht hervorgetreten Jetzt will er damit auch nicht mehr beginnen. Allerdings hat er 1782 als Alterswerk ( vielleicht auch gegen das Vergessenwerden) eine Reihe geistlicher Reden in Kempten in Druck gegeben: „Sammlung auserlesener Lob- und Ehrenreden“. Franz Xaver Sautermeister stirbt am 27. April 1801 in Schongau.
EINE AN DIE LEBENSGESCHICHTE DES UNIVERSITÄTSPROFESSOR UND DORFPFARRER FRANZ XAVER SAUTERMEISTER ANGEFÜGTE POLEMIK – MIT DER ZUGEGEBENEN LUST AN ZÜNDELEI
Es wäre durchaus verdienstvoll, einmal zu untersuchen, warum Johann Adam von Ickstatt und Maximilian von Montgelas in Ingolstadt bis heute ein so fabelhaftes Renommée genießen. Der eine gilt als bayerische Lichtgestalt im siècle des lumières, der den finsteren, lichtscheuen Sumpf retrograden Denkens und Strebens in Ingolstadt ausleuchtete und austrocknete und dafür sorgen wollte, dass Ingolstadt, Ort der Obskuranz unter jesuitischer Dominanz (wie es sein Adept Nikolaus Thaddäus von Gönner verbreitete), nicht länger kulturelles Zentrum Bayerns bleiben solle und man daher in dieser Clique mit aller Kraft die Wegverlegung der Universität betrieb.
Gönner wurde übrigens unter dem Leitenden Minister Graf Montgelas mit der Ernennung zum Kurfürstlich-Bayerischen Hofrat belohnt, der den „aufgeklärten Juristen“ (den Zeitgenossen als den fähigsten Intriganten unter Gottes weitem Himmel bezeichneten und den andere Gelehrte als „chef des brigands“ – als Räuberhauptmann titulierten) als fähigen Partner der Reformregierung einstufte. Gemeinsam mit Franz von Paula Schranck war Gönner einer der Haupt-Initiatoren der Translokation der Universität nach Landshut, wo er als Haupt des antiklerikal gesinnten Aufklärungslagers großen Einfluss übte und seine landespolitisch bedeutsame Rolle genoss. Nie auch nur vom Hauch des blässesten intellektuellen Zweifels angefressen und bedingungslos von der eigenen Bedeutung und Notwendigkeit seiner Überzeugungen angefressen. Der Stoff, aus dem auch heute (noch oder schon wieder wie wiederholt) mancher Politiker und manche Politikerinnen geschnitzt (wenn sie originell sind) oder gegossen sind.
Zu Montgelas: Dass Montgelas‘ Politik (nachdem man die Stadt der Universität beraubt hatte und sie überdies auch noch die Festungseigenschaft verloren hatte) Ingolstadt verwaltungstechnisch in seiner Stellung im Staatsaufbau nachgerade deklassierte, zur Landstadt herabstufte und ihren wirtschaftlichen Ruin wenn nicht herbeiführte aber wohlwollend billigend in Kauf nahm, ist heute nicht mehr geschichtskundig und der sonst so rührigen Ingolstädter Erinnerungskultur entschlüpft.
Augenscheinlich hat (auch heute) niemand Lust oder nur allein Interesse, sich mit der Politik der Ickstatt-Gönner-Montgelas-Zeit zu befassen.
Die grande dame der Schreibung der bayerischen Universitätsgeschichte, Laetitia Boehm, spricht in Bezug auf Gönner von der „Kompliziertheit seines Charakters“ und den „Opportunismen eines liberalen Fortschrittsdenkens“. Weiter hält sich die maßgebende Geschichtsschreibung (wie es sich nach akademischer Pflege des Stils zu recht gebührt) zurück. Dennoch sollte man nicht übersehen: Gönners Profil, wie es Laeticia Boehm u.a. schildern, stellt ein polit-psychologisches Grundmuster dar, das über die Jahrhunderte hin immer wieder auftaucht. Politiker ( und Parteien), die von ihrer Weltsicht her glauben, sie allein seien geeignet, das Land in eine Zukunft des Lichts zu führen. Denn sie wüssten, wie man Volk und Land zu führen habe. Und wer sich ihrer Meinung und Analyse des Zustands der Welt und der daraus notgedrungen und unabweisbar erkannten Politik nicht anschließe, sei einfach denkunfähig, unbelehrbar, widerborstig und entbehre des Anstands. Es wird dann gern gefordert: Nun aber müssten sich alle Anständigen im Lande auf „unsere Seite“ stellen. Nur ist man damit nicht zufrieden : És genüge nicht mehr , sich gedanklich und inhaltlich ( will heißen in der der Wahlkabine) anzuschließen, nein: es sei vielmehr geboten, dass jederfrau sich „proaktiv“ betätige – mitmache. Eine Aufforderung zum Mitläufertum, eine Drohung der Ausgrenzung ansonsten. Eine Denkform, die heute wieder im Zunehmen begriffen ist. Und wer sie bestimmten Parteien zuordnen möchte hat die Wahl.
Insofern scheint eine Betrachtung der Handlungsmotivationen und der Vorgehensweisen der zentralen Personen der seinerzeitigen Ächtung und Vertreibung „andersdenkender“ Führungskräfte von der Universität, die Hintergründe der „Translokation“ nach Landshut, der Persönlichkeitsstrukturen und ihrer Bewusstseinsbildung als exemplarische Studien angebracht.
