Haidelberger - Kontroverstheologe: "gewaltig als Donnerstimme"
von Gerd Treffer
Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 15 - Ausgabe Nr.193 vom 01.10.2025
Georg Haidelberger ist am 9. März 1622 in Sipplingen am Bodensee, nordwestlich von Überlingen, zur Welt gekommen. Das Dorf gehörte zur Landgrafschaft Nellenburg und damit zu Schwäbisch-Österreich; kirchlich war es dem Bistum Konstanz zugehörig.
Am 8. Januar 1640 tritt Haidelberger der Gesellschaft Jesu bei. 1654 bis 1657 hält er an der Universität Ingolstadt den dreijährigen philosophischen Kurs. Am Ende seiner Ingolstädter Zeit erscheinen dort 1657 seine «Quaestiones selectae ex omni philosophiae»
Immmer wieder kommt es im Lebensbericht des Geistlichen zu großen Lücken. 1664 bis 1678 ist er – immerhin 14 Jahre lang – als Domprediger zu Augsburg und streitbarer Kontroverstheologe nachzuweisen. Fabian Fechner hat sich mit letzterer Rolle Haidelbergers besonders auseinandergesetzt (Georg Haidelberger ,S.J…. und die Kontroverstheologie des späten 17. Jahrhunderts; in: Franz Bendler, Fabian Fechner, Anselme Grupp (Hrsgb.); Jesuiten in Ellwangen. Oberdeutsche Provinz, Wallfahrt, Weltmission; Stuttgart, 2012).
1674 publiziert er passend «Alte und neue Predicanten», die in Frankfurt erscheinen. 1676 erscheint, in Augsburg, eines seiner Hauptwerke als Verfasser von Streitschriften: »Lutherischer Parallel-Catechismus: Anti-dotum oder Gegenschenkung auf Jo.Fridr. Mayers Leiskirchnerisches Superintendanten neue Jahresgabe 1677 so er Papistischen Catechismus benannte»
1678 bis 1680 ist Haidelberger Rektor des Ellwanger Jesuitenkollegs und legt sich offfenbar gern und gründlich mit lutherischen Theologen an, denen er seine Schriften entgegenstellt oder auf die er antwortet. Da sind Johann Adam Wendts «Gründlicher Beweis, warum man lieber sich der Evangelischen als einig anderer Versammlungen bekennen soll…» (1679), mit Georg Haidelbergers Replik «Vergwißte Ungewißheit…» (1680), dann Gottfried Händels «Vest-gegründetes Luthertumb …» (1680), gefolgt von Haidelbergers «Posteriora Pejora Prioribus…» (1682) und Händels «Das je länger je vester gegründete Luthertum…» (1682).
In der Gesamtbetrachtung ist Haidelbergers Wirken sympthomatisch für eine Verschiebung der thematischen Schwerpunkte und der Argumente, die die interkonfessionellen Auseinandersetzungen prägten. «Anders als in der Reformationszeit (standen nun) nicht mehr die Themen Ablaß, Buße und Papstgewalt im Vordergrund, sondern vor allem die Rechtfertigungslehren und die Heiligenverehrung» (Fabian Fechner).
Festzustellen ist, »daß die theologische Wahrheitsfrage von politischer Seite her mittlerweile völlig ausgeklammert worden ist« . Schon 100 Jahre zuvor hatten namhafte Juristen den Ausweg aus der politischen Sackgasse, die die Zersplitterung in Konfessionen in die Legitimation fürstlichen Herrschaftsanspruches gerissen hatte, aufgelöste: Jean Bodin in Frankreich, Christoph Besold in Deutschland - Besold, der 1636 bis 1638 in Ingolstadt lebte und dort 1638 verstarb, der zu den bedeutendsten Staatsgelehrten Deutschlands zählt – mit dem Denkansatz der «Souveränität» (aus Bodins Sechs Büchern über die Republik 1572) und Besolds ähnllichem Ansatz in seiner «Synopsis politicae doctrinae» von 1623 und ihrer Hinführung zum absolutistischen, von religiöser Unterfütterung gelösten Fürstenherrschaft, letzlich aber auch der Hinführung zum rationalistisch begründeten Natur- und schließlich Vernunftrecht.
Letztlich war es ein streitbares Leben, das Haidelberger nach Abgabe des Rektorates 1680 als Superior des Jesuitenkollegs Ellwangen fortsetzte, bis er am 31. Dezember 1683, nur eine Stunde vor dem Glockenschlag zu einem neuen Jahr starb. (Siehe auch: Cajetan Cosmann im Biographischen Lexikon der Ludwig-Maximilians-Universität.)
Bestattet wurde er im Kreuzgang der Ellwanger Stiftskirche St. Vitus. Seine Grabplatte führt in lateinischer Sprache seine Verdienste so auf, wie er sich erhofft und vorgestellt hatte, der Nachwelt in Erinnerung zu bleiben, und die übersetzt so lautet: «Hier ruht und schweigt der auf den Kanzeln der heiligen Kirche sehr beredete hochwürdige Pater Georg Haidelberger aus der Gesellschaft Jesu, Superior der Ellwanger Residenz, einstmals ausgezeichnet als Lobredner göttlicher Wohltaten, gewaltig als Donnerstimme gegen die menschlichen Laster, heiß entbrannter Eiferer, um die Seelen zu gewinnen, fernerhin standhafter Verteidiger des wahren Glaubens, tatkräftiger Bekämpfer des falschen, sowohl durch die Bezeugung des lebendigen Wortes als auch durch die unermüdliche Feder, demnach ein wahrer Sohn der Gesellschaft (Jesu), würdig höherer Ämter, der sowohl am Tag vor Jesu Beschneidung (also dem 1. Januar) als auch im Namen Jesu die Seele aushauchte. Im Jahre des Herrn 1683, im 63. Lebensjahr, als Ordensmann im 43 Jahr. Er ruhe in Frieden. Amen.»
Bildunterschrift:
Gemälde in der Hohen Schule: Berufung der Jesuiten nach Ingolstadt, die Ankunft der ersten Jesuiten. Von Oskar Martin Amorbach, 1936 (Foto: Stadt Ingolstadt / Roessle)
