Ingolstadt in Burkina Faso - die Projektpartnerschaft mit Legmoin
Zeitzeugen-Interview mit Alt-Bürgermeister Dari Somé
von Gerd Treffer
Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 15 - Ausgabe Nr.165 vom 22.01.2025
Seit Juni 2013 unterhält Ingolstadt zusammen mit seiner französischen Partnerstadt Grasse eine Projektpartnerschaft mit Legmoin, einer Gemeinde in Burkina Faso. Von 2006 bis 2014 war Dari Somé deren Bürgermeister.
Im Rahmen des Zeitzeugenprojekts des Stadtarchives Ingolstadt und zur Veröffentlichung im Sonderband „Ingolstadts Geschichte mit seinen Partnerstädten“ in der Reihe „Geschichte der Stadt Ingolstadt“ (Band V) hat Dr. Gerd Treffer am 28. November 2024 in Ingolstadt ein Zeitzeugenporträt als Filmdokument aufgezeichnet, das in französischer Sprache geführte Gespräch ins Deutsche übersetzt und für den Abdruck von Teilen daraus in den Historischen Blättern redigiert und aufbereitet (Technische Assistenz von Bernt Betz, Sekretariat Irma Buschel).
(Die in eckige Klammern gesetzten Texten bezeichnen Stichworte, die Dari Somé beim Zeitzeugeninterview gegeben wurden).
[Entstehen der Projektpartnerschaft mit Grasse und Ingolstadt]
Dari Somé: „Es gab einen Sohn von Legmoin, der in Grasse arbeitete; er kam zu mir und sagte, die Stadt Grasse hätte gern eine Partnerschaft mit einer afrikanischen Stadt. Ich war 2006 gerade zum Bürgermeister gewählt worden. Er meinte, es würde helfen, wenn ich einen Brief schriebe, dass wir es begrüßen würden, mit Grasse in freundschaftliche Beziehungen zu treten – mit dem Ziel einer Städtepartnerschaft. Also habe ich Jean-Pierre Leleux, den Grasser Bürgermeister an geschrieben. Er hat geantwortet, das wohlwollend akzeptiert und mich zum Weihnachtsmarkt nach Grasse eingeladen. Da habe ich Vertreter all der Grasser Partnerstädte getroffen. Ich wußte nicht, daß Grasse so viele Partnerstädte hat. Im Jahr darauf wurde ich wieder eingeladen und habe da alle erneut getroffen. Vor meiner Abreise habe ich zu Jean-Pierre Leleux gesagt, ich lade Dich nach Legmoin ein, aber Du kommst nicht allein, sondern bringst Deine Freunde aus Ingolstadt und Carrara mit. Also ist eine Gruppe nach Legmoin gekommen – aus Grasse Jean-Pierre Leleux mit Anni Duval, aus Ingolstadt Albert Wittmann und Harald Kneitz, aus Carrara dessen Bürgermeister. Ich habe den Gouverneur der Provinz Ghana und den Bürgermeister von Ouagadougou dazu eingeladen.
[Legmoin damals]
Man muss sich eine Ortschaft vorstellen – ohne Wasser, ohne Strom, ohne Licht. Nach Sonnenuntergang bleibt man zuhause. Das Leben orientiert sich an der Sonne. Die Sonne ist das Licht, und Wasser kommt von weit her. Eine Kommune in gänzlicher Abgeschiedenheit. An Einwohnern hatten wir damals um die 6000. Heute (nach dem Umsturz), mit dem Zustrom von Flüchtenden, die von überall herkommen, sind es viel mehr. Es hat keine neue Volkszählung gegeben. Aber ich gehe davon aus, dass wir heute das Drei- bis Vierfache (an Einwohnern) haben.
[Bekanntschaft(en) mit den Grasser Partnerstädten]
Die Vertreter der Partnerstädte habe ich, wie gesagt, erstmals in Grasse beim Weihnachtsmarkt kennengelernt, und bin im folgenden Jahr erneut dort gewesen. Ich habe mir gewünscht, Freundschaft mit allen zu schließen, gehofft, ihrer aller Freund zu werden. Ich habe Statuetten mitgebracht, wie wir sie in Afrika haben: drei, vier, fünf Personen, die sich die Hände reichen. Ich habe zu Jean-Pierre gesagt, Deine Freunde sind meine Freunde und zum Dank dafür schenke ich jedem eine solche Statuette.
Ich wurde dann eingeladen – nach Ingolstadt, nach Opole, Carrara und habe im Rahmen dieser Freundschaft diese drei Städte besucht. Erstmals in Ingolstadt war ich zur Zeit von Alfred Lehmann als Oberbürgermeister. Seitdem bin ich öfters mit Delegationen aus Legmoin nach Ingolstadt gekommen.
[Was mich hier am meisten beeindruckt hat]
Ich habe das oft erzählt. Ich habe hier Leute getroffen, die ganz anders sind, als man sich bei uns die Weißen vorstellt. Weiße sind nach unserer hergebrachten Vorstellung Leute, die die Schwarzen nicht leiden können. Wir haben das im Kopf – und man kennt das ja aus manchen anderen europäischen Ländern. Ich bin nun nach Ingolstadt gekommen, und es war ganz anders; es war das Gegenteil. Ich fand Leute, denen ich sympathisch war, Leute, denen die Hautfarbe gleichgültig ist. Ich habe keine Fremdenfeindlichkeit erlebt. Das hat mich beeindruckt. Jedes Mal, wenn ich gekommen bin, bin ich Menschen voller Sympathie begegnet. Auf der Straße: Leute, die mich grüßen, Leute, die sich Zeit nehmen mit mir reden; auch im Hotel, Leute, die uns begrüßen, mit uns frühstücken. Das ist schon etwas Seltenes. Ich habe in Ingolstadt tolle Feste erlebt – ich war beim Bürgerfest und bei anderen Festen in den Städten rundum – wie beim Renaissancefest in Neuburg…
[Wie entstanden die Ideen und die Planungen für die Hilfsprojekte in Legmoin]
Da kam die erste Delegation der europäischen Partnerstädte nach Legmoin (, die Bürgermeister). Da musste man nicht viel erklären. Sie haben gesehen, dass wir im Finstern leben, mit eigenen Augen gesehen, dass wir, sobald die Sonne unterging, nicht einmal im Rathaus Licht hatten und keinen Strom am Markt. Aber wir haben Sonne. Sie meinten: Wir sind ökologisch eingestellt. Interessiert Euch Solar-Energie? Sie interessierte uns; wir sagten: Wir warteten (gern), denn das wird uns retten. Dann hat man die Techniker geschickt samt dem nötigen photovoltaischen Material. Das ging nach Mali, und ich bin mit einem jungen Mann dorthin gefahren. Wir haben alles nach Legmoin gebracht. Der Ingolstädter Techniker ist gekommen, hat alles zusammengebaut. Bis heute funktioniert die ursprüngliche Anlage: Wir haben Licht aus Sonnenenergie. (Unter diesem Licht) machen abends die Kinder ihre Hausaufgaben, lebt der Markt. Es gab Strom – ganz von Ingolstadt organisiert. (Das war die Voraussetzung für) eine Erste Hilfe-Station, die uns Grasse gebracht hat. (Dort konnten nun Seren gekühlt gelagert werden gegen) Schlangenbisse, die viele Opfer forderten: Da man nachts im Finstern ging, war so ein Biss schnell passiert (und häufig tödlich).
[Die Brunnen, die Wasserleitungen]
Dann kamen die Brunnen, die Grasse bohren ließ und die Zuläufe für die Trinkwasser-Versorgung. Bislang hatte man Wasser aus Pfützen getrunken. Wenn es regnete wurde alles Mögliche hineingeschwemmt. Es gab viele Kranke.
[Die Schulen und neue Projekte]
Dann kamen die Schulbauten. Einige in Zusammenarbeit mit UNICEF. Ingolstadt war ein Jahr lang deutsche UNICEF-Kinderstadt. Da wurde viel Geld gesammelt, und davon wurden neue Schulen in Legmoin gebaut.
Aktuelle Projekte sind das Berufsbildungs- Zentrum (ganz von Ingolstadt finanziert) und das Frauenhaus mit Werkstätten (eine Grasser Initiative).
Beim Berufsbildungszentrum steht ein Internatsgebäude an, für Jugendliche, die weite Wege zum Zentrum haben – zwei Wohnblöcke, einer für Mädchen, einer für Jungen, samt einer „Mensa“ für ihre Verpflegung.
[Probleme mit den Planungen, Widerstand gegen Projekte, die von außen kommen?]
Nein, es gab keine Schwierigkeiten. Bei uns ist das anders als in Europa. Ich war gestern (Zuhörer) im Stadtrat von Ingolstadt. Ich weiß, dass man in Europa eine detaillierte Planung, eine Beteilung der Anlieger, das Einholen der Meinung und die Zustimmung von Gott und der Welt braucht.
Wir sind (da in einer anderen Ausgangslage) in einem Stadium, wo Mangel an Allem herrscht und jeder alles und sofort braucht. Wenn bei uns ein Vorhaben angepackt wird, klatschen Alle Beifall und sind glücklich. Es gibt Leute, die ihre Grundstücke kostenlos zur Verfügung stellen, wenn man eine Schule darauf baut. Das Berufsbildungszentrum und das Frauenhaus stehen auf Grundstücken, die uns die Grundeigentümer zur Verfügung gestellt haben und deren Bau und Einrichtung die Gemeindeverwaltung besorgt hat.
[Was bleibt zu tun?]
(Dari Somé lacht lauthals) Bei uns sagt man, die Lippen, die fordern, hören nicht auf, sich zu bewegen. Es gibt so vieles. Ich weiß nicht, womit ich anfangen müsste. Wichtig, ein prioritäres Anliegen, sind die Fragen der Gesundheitsfürsorge. Es gibt nicht genügend sanitäre Einrichtungen in Legmoin. Aber: Ingolstadt kann nicht Alles anpacken.
Ich denke, man sollte sich auf Bildung konzentrieren.
[Ziele]
Ziel ist vor allem die Ausbildung junger Menschen, damit sie lernen, auf eigenen Füßen zu stehen, dann braucht es kleine Handwerksbetriebe, in denen sie ihre Geschäfte eröffnen können. Wir sollten kleine Läden bauen, die ihnen zur Verfügung gestellt werden, in denen sie arbeiten können. Dafür sollten sie uns eine angemessene Miete zahlen. Und wenn es bei einem nicht klappt, kann ein anderer den Raum übernehmen. Das sollte man fördern. Läden für Frauen, die weben, die Stoffe färben, die nähen, die schneidern. Läden für junge Männer, die löten, schweißen, lernen, für Metallarbeiten aller Art – für Schreiner – es gibt viele Möglichkeiten. Im Berufsbildungszentrum bieten wir solche Berufsbilder an. Am Ende bekommen sie ihr Zeugnis – ein Diplom erfolgreicher beruflicher Ausbildung – und damit sollten sie sich ihr Geld verdienen können.
Es liegt mir fern, die Stadt Ingolstadt damit zu drängeln, würde sie aber gerne fragen, ob sie uns (wenn die Schlafsäle für das Berufsbildungszentrum fertiggestellt sein werden) nicht in diesem Sinne unter die Arme greifen kann.
[Sollte der Dienstleistungssektor gefördert werden, z.B. Friseure u.a. Servicetätigkeiten oder landwirtschaftliche Projekte]
(Dari Somé lacht erneut) Haare schneiden – eher Luxus. Und kaum wichtig. Die Leute brauchen Anderes. Etwas zum Anziehen. Ein Auskommen zum Leben. Die Unterstützung für landwirtschaftliche Projekte? Hier sind alle Bauern – das ist die primäre Tätigkeit der Bevölkerung. Alle haben ihren Gemüsegarten vor der Tür. Er ist ihre einzige Arbeitsmöglichkeit.
[Arme und Reihe, eine Wohlhabenheitsschere in Legmoin]
Es gibt keine Unterschiede (gemeint ist: da es kaum Leute mit „Einkommen“ gibt). Alle sind arm. Unterschiede gibt es da nur wenig. Ein Beispiel: wir, die Beamten (Dari Somé war früher Lehrer und damit Staatsbeamter), haben eine Pension zusätzlich zur Landwirtschaft, die wir betreiben.
[Sorgen?]
Wir bedauern, dass sich (unsere Freunde in Grasse) Sorgen in Bezug auf die direkte Finanzierung machen, was die Trägerschaft vor Ort betrifft. Man muss sich daher überlegen, wie man das künftig regelt. Das betrifft vor allem das Berufsausbildungszentrum, das wir mit Ingolstadt verwirklicht haben und die Zuleitung von Wasser, das die Jugendlichen dort zu trinken bekommen. (Die Wasserleitungen sind Teil des Grasser Beitrags zum Projekt).
[Wer soll hier der Träger sein, der Grasser Ansprüchen genügt?]
Wir haben einen Gemeinnützigen Verein, Zofadaa, der schon gegründet wurde, ehe ich Bürgermeister war, um Leute zu retten, die bedürftig sind – eine lokale und nur in Legmoin wirkende Organisation – speziell tätig im Bildungsbereich als Hilfe zur Alphabetisierung, um Lesen und Schreiben zu lernen. Die ersten Gemeinderäte, die das nicht konnten, lernten bei Zofadaa Lesen und Schreiben. Wir haben bald verstanden, dass man Kindern handwerkliches Wissen und Können vermitteln muss, speziell den Kindern, die nicht in Schulen gehen und die man auf den Straßen findet. Von daher stammt die Idee einer Berufsausbildung. Zofadaa finanziert sich aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen, und es wird gelegentlich vom Staat unterstützt
(Legmoin selbst hat kaum die Möglichkeit, etwas aufzubauen) wie alle Kommunen in Burkina Faso; sie können nicht einmal ein oder zwei Schulen errichten. Das müsste der Staat machen – aber wie viele Gemeinden, wie viele Dörfer gibt es in Burkina Faso?!
[Gibt es noch die Kinder, die in den Goldminen arbeiten?]
In Legmoin weniger. Aber es gibt genügend Kinder, die von den Minen anderswo gehört haben und wie die Vögelchen davongeflogen sind. Der Staat muss solche Dinge verbieten. Sie führen auch zu Schulabbrüchen – weil einige Kinder, die zu den Minen gehen, schon in den Schulen waren.
Natürlich gibt es (auch bei uns) noch die „handwerklichen“ Minen: Da gräbt jemand im Staub, findet etwas, dann laufen Alle hin und graben. Da frägt niemand um Erlaubnis. Man gräbt nach Gold. Und: solange die Armut besteht, wird sich daran nichts ändern.
[Altersstruktur in Legmoin]
Legmoin hat eine sehr junge Bevölkerung. Ich würde sagen, zu 85 Prozent haben wir junge Leute. Nicht viele Alte – die sind dann aber wie jedermann. Sie arbeiten, meist, wie die Anderen auf den Feldern – außer sie haben eine Behinderung, die sie am Gehen hindert. Sonst arbeiten alle. Man sagt bei uns: man arbeitet bis ans Grab. Es gibt keine Renten oder Pensionen, keine Versicherungen. Landleute müssen einfach arbeiten.
Wenn Du nicht arbeitest, ißt Du nicht. Die Familien sind da – Große, Kleine und Alte, gemischt. Man ißt im großen Kreis zusammen. Aber solange Du arbeiten kannst, arbeitest Du.
[Persönlichkeiten in der Partnerschaftsbeziehung zu Legmoin]
Da steht an erster Stelle Jean-Pierre Leleux. Er war der große Architekt des Ganzen. Er hat das Netzwerk geknüpft. Grasse-Ingolstadt-Opole-Carrara. Er hat die Bürgermeister zusammengeführt, sie dazu gebracht, die Freundschaft von Legmoin anzunehmen.
Er hat sie sogar bewegt, nach Legmoin zu kommen. Für sie war das ein Risiko, weil sie Menschen sind, die keine Erfahrungen mit Afrika hatten und nicht wussten, wie das ablaufen würde. Sie waren ängstlich. Es brauchte Mut. Sie sind gekommen. Auch wenn es ungefährlich war, (zum Gesprächspartner) wie Du ja selbst erlebt hast. Du bist gekommen. Und Du lebst noch.
Hier in Ingolstadt und in Grasse gibt es so viele Leute mit Sympathien für Legmoin. Ich möchte keine Liste, keine Rangordnung davon aufstellen. Es gibt viele Personen und viele Behörden, die für Legmoin sensibel geworden sind. (Trotzdem: Besondere Freunde) sind aus Grasse Annie Duval, aus Ingolstadt Albert Wittmann, Gabriel Engert und Harald Kneitz, die unsere Arbeit begleiten…
[Zur Person Dari Somé]
Ich bin in Legmoin geboren, in Legmoin aufgewachsen, in Legmoin zur Schule gegangen. Damals waren hier alle Bauern. Ich bin nach Bobo-Dioulasso geschickt worden, in die zweitgrößte Stadt von Burkina Faso, im Westen des Landes und dort aufs Gymnasium gegangen. In unserer Gegend gab es keines. Nach dem Gymnasium war ich Lehrer, zunächst an Grundschulen. Dann habe ich mich auf Erwachsenenbildung spezialisiert, bis ich pensioniert wurde. In Burkina Faso geht man mit 58 Jahren in Pension. Danach kam die Zeit als Bürgermeister.
[Wie wird man Bürgermeister in Burkina Faso]
Das ist im Kern eine Frage der Glaubwürdigkeit einer Person. Sicher spielt Politik dabei eine Rolle. Aber wir leben in einem überschaubaren Raum, wo jeder jeden kennt. Da wird gefragt, wessen Kind bist Du, was hast Du für eine Ausbildung, wie benimmst Du Dich in der Gemeinschaft, bist Du ernsthaft, vertrauenswürdig, interessierst Du Dich für das Leben in der Gemeinde? Das fragen alle und entscheiden dann: der interessiert uns am meisten.
(Bei mir war das damals, 2006, so:) Ich habe mich nicht um das Amt bemüht. In meiner Gemeinde Legmoin haben sich, als der Wahltermin für einen neuen Bürgermeister anstand, die Alten, die Weisen zusammengesetzt und über alle geredet, die die Fähigkeit hätten, die Gemeinde zu leiten. Dabei ist mein Name gefallen. Und was ist mit Dari? Da hieß es: Das ist ein netter Bursche. Er ist immer da. Ich will hier nicht über mich selbst reden. Aber es hieß: Er ist redlich. Ich will nicht sagen: Er ist gut. Sie hatten so ihre Kriterien. Der damalige Bürgermeister und der Gemeindesekretär haben sich dann an mich gewandt. Sie haben eine Abordnung zu mir, nach Gaoa geschickt, wo ich damals arbeitete. Sie wollten, sagten sie, mit mir in Sachen Rathaus reden. Ich habe gezögert. Ich hatte keine Erfahrung damit. Sie haben erklärt: Sie hätten mich gern zum Ersten Bürgermeister. Wahlen sind alle fünf Jahre. Aber, wie gesagt, sie sind lokale bestimmt, und deshalb stimmen die Leute massiv ab. Es gibt einen Gemeinderat – zwei Gemeinderatsmitglieder pro Dorf. Wir haben 46 Dörfer, also 92 Ratsmitglieder – ziemlich viele. Sie treten nach einem festen Terminplan zusammen: drei Mal im Jahr zu ordentlichen Sitzungen und zusätzlich zu Sondersitzungen je nach Themenstellung und Arbeitsanfall.
[Verhältnis zur regionalen und nationalen Verwaltung]
Es gibt keine hierarchischen Beziehungen, aber die (Provinz-) Regierung übt die Rechtsaufsicht aus. Vor allem wenn Beschlüsse finanzielle Auswirkungen haben, bedarf es der Zustimmung der Aufsichtsbehörde, ehe sie vollziehbar sind. Der Gemeinderat beschließt in diesen Fällen und legt den Beschluss der Regionalverwaltung in der Person des Gouverneurs vor. Die Aufsicht hat ein Monat Zeit darauf zu antworten; erfolgt binnen dieser Frist kein Widerspruch, ist der Beschluss automatisch vollziehbar.
Zur Zentralregierung gibt es keine direkten formellen Beziehungen. Natürlich gibt es politisch Kontakte über Parteien und ihre Ziele, die man mitträgt oder ablehnt. Aber das sind politische Entscheidungen.
2014 habe ich meinen Abschied genommen. Ich wurde zum Ombudsmann für die Region ernannt, zum „Mediator“. Und später dann wurde ich Abgeordneter im nationalen Parlament. Dann kamen der Staatsstreich des Militärs, und wir (Abgeordnete) wurden rausgeworfen. Mein Abgeordneten-Mandat sollte fünf Jahre dauern. Eines davon war ich im Amt. Jetzt gibt es keine Abgeordneten mehr, keine Bürgermeister mehr – nichts. Auch keine gewählte Gemeindeverwaltung. Wir leben im Ausnahmezustand. In Legmoin gibt es einen Staatskommissar, einen „Präfekten“.
[Eine Militärdiktatur?]
Ich weiß nicht, ob man es so bezeichnen kann. Bei uns spricht man von einer „Transition“ – einem Übergangsprozess, von einer Militärregierung zu einem neuen Parlament. Sie sagen, es brauche zuvor eine Befreiung vom Terrorismus. Ein großer Teil des Landes wird von Terroristen beherrscht, diese Landesteile müssten erst zurückerobert werden, damit die, von dort vertriebene, Bevölkerung zurückkehren und das gesamte Staatsgebiet wieder zusammengeführt werden könne. Dann würde es Wahlen geben. Man muss also warten. Man weiß nicht wie lange.
[Sicherheitslage in Burkina Faso und Legmoin]
Die Sicherheit (hier: die individuelle personelle Sicherheit) ist in der Tat ein ernstes Problem. Früher gab es damit keine Schwierigkeiten… galt Burkina Faso als eines der sichersten aller Länder. Man konnte von morgens bis zum nächsten Morgen sicher reisen, quer durch das ganze Land, ohne sich fürchten zu müssen, nicht einmal vor Banditen.
Heutzutage sind wir leider eines der am meisten von Terrorismus betroffenen (afrikanischen) Länder. Und wir wissen nicht, warum es die Terroristen besonders gerade auf Burkina Faso abgesehen haben.
Niemand ist hier vor ihnen sicher. Wenn Du in ihren Fokus geraten bist, haben sie alle Macht, Dich nachts aufzusuchen und Dich umzubringen.
Sie suchen gezielt Leute aus und töten sie. Und Personen, die ihre Komplizen waren und nicht mehr bei ihnen mitmachen wollen, entführen und liquidieren sie.
[Jihadisten?]
Sie nennen sich Jihadisten. Dahinter steckt eine bewusste Politik. Wir denken, es handelt sich um einen organisierten Terrorismus für den ganzen Sahel, nicht nur für Burkina Faso: Nigeria, Mali, Burkina Faso, diese drei Länder. Wir sind die zentrale Feuer-Zone des Terrors. Die anderen Länder, die am Meer liegen, die Elfenbeinküste, Togo, Benin etc. interessieren die Terroristen nicht. Man weiß nicht, was die Terroristen so sehr am Sahel interessiert.
Jetzt greifen diese Jihadisten gezielt auch Zivilisten an, töten drei, vier Leute, die auf den Feldern arbeiten, damit sie sie nicht mehr bestellen können, um uns auszuhungern.
Als sie ins Land kamen, zu Beginn des Terrors, haben sie wissen lassen, sie hätten es gerne, wenn man vom Jihad (Heiligen Krieg) spräche, den sie in Burkina Faso führen wollen.
Das war zu Anfang.
Es gab damals Mitläufer, die Menschen, die nicht hinreichend informiert waren, es gab die Fanatiker, die den Jihadisten folgten, weil sie ihre Prediger gut fanden. Erst später haben sie erkannt, dass es hier nicht um Glauben und Religion ging, sondern um Mord und Totschlag. Als sie zurückgeschreckt sind, war es zu spät. Sie waren die ersten, die die Jihadisten umbrachten.
Danach haben sie versucht, junge Leute anzusprechen. So kamen sie zum Beispiel in die Gegend von Legmoin, schnappten sich junge Männer führten sie fort – verführten sie zu Drogen, veränderten ihr Leben und drohten: Wenn Du abtrünnig wirst, töten wir Deine Familie. So zwangen sie sie, Jihadisten zu sein. So rekrutierten sie die Jugendlichen und machten sie gegen ihren Willen zu Jihadisten.
[In der Folge des „internen Krieges…“]
… gibt es, in der Tat viele Flüchtlinge, die in Legmoin gestrandet sind, aber keine Spannungen mit den Einheimischen. Die Lage ist nicht neu und die (verwurzelte) Vorstellung von Gastfreundschaft, die wir haben, gilt gegenüber Menschen, die Not leiden und zu uns kommen. Manche teilen mit ihnen ihre Häuser, ihre Schlafplätze – sie teilen das Wenige, das sie haben. Umso willkommener war die Hilfe aus Ingolstadt, die wir 2023 und 2024 – drei Mal – erfahren haben, als uns Nahrungsmittelspenden aus Ingolstadt erreichten, die wir an Familien verteilten. Sie haben Vielen das (Über-) Leben erleichtert.
