Jakob Daxer - ein Ingolstädter zwischen allen Fronten der Reformationszeit
von Gerd Treffer
Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 15 - Ausgabe Nr.191 vom 15.09.2025
Mit dem „interessanten Lebensbild eines Ingolstädters in der unruhevollen Reformationszeit“ konfrontierte Ende März 1961 Pater Dr. Saalfeld die Mitglieder des Ingolstädter Historischen Vereins. In seinem Vortrag schilderte er die Lebensstationen des Jakob Daxer, dessen Eltern und Großeltern aller Wahrscheinlichkeit nach bereits in Ingolstadt ansässig gewesen waren und es zu einem gewissen Wohlstand gebracht hatten. Daxer wurde 1486 geboren und studierte an der Universität seiner Heimatstadt.
Christoph Schöner, der dem Biographischen Lexikon der Ludwig-Maximilians- Universität, das alle Professoren enthält, die In Ingolstadt und Landshut unterrichteten, verdienstvollerweise den wichtigen und umfangreichen Nachtrag „Die ‚Magistri Regentes‘ der Artistenfakultät 1472 – 1526“ angehängt hat, führt Daxer als einen Exponenten dieses „artistischen Lehrkörpers“ der – grundlegenden – philosophischen Fakultät auf. Demnach immatrikuliert Jakob Daxer am 2. August 1509, wird im März 1511 Baccalaureus, im Januar 1513 Magister. Den Bibliotheksschlüssel hat er im Sommersemester 1513, „Exercitium priorum“ im Wintersemester 1513/1514 und Sommersemester 1515. Er wird zum Priester geweiht, wirkte auch als solcher, doch fehlen Nachrichten darüber, an welcher Pfarrei. (Das wird ihn, wie unten ersichtlich, nicht hindern, später, Luther-gleich zu heiraten.) 1515, schreibt Schöner, „resignierte“ er vom Georgianum, ein zumindest ungewöhnlicher Schritt, zumal dieses Institut als fürstliche Stiftung hohes Ansehen einbrachte.
Der Landshuter Herzog Georg der Reiche, der Sohn des Universitätsgründers, war in besonderer Weise auf das Wohl der Hohen Schuler bedacht gewesen und schuf so (unter anderem) das Georgianum. Zunächst wollte er nur eine größere Studentenburse einrichten, gedachte damit insbesondere weniger bemittelte Studenten zu fördern. 1494 wurden die ersten Verhandlungen zur finanziellen Fundierung eines solchen Instituts geführt, ein Haus, dem Universitätssitz schräg gegenüber, gekauft. Am 14. Dezember 1494 wird die Stiftung errichtet. Ein Magister solle als Regens die Leitung haben – elf Städte sollen die dort unterzubringenden Stipendiaten vorschlagen. Der Regens wird vom Rat der philosophischen Fakultät gewählt. Dass das Georgianum ( schreibt Siegfried Hofmann im Heimatbuch, 1963) in erster Linie eine Bildungsstätte für angehende Geistliche wurde, lag wohl in der Absicht des Stifters, geht jedoch aus dem Wortlaut der Stiftungsurkunde nicht hervor.“
Wenn Daxer also 1515 das Georgianum verlässt („resigniert“, wie Schöner schreibt), ist das zumindest unerwartet, ungewöhnlich, fast unerhört.
Da war die Debatte zwischen Johannes Eck (1510 hatte er in Ingolstadt seine Antrittsvorlesung gehalten) und Martin Luther noch nicht einmal voll entflammt. Erst 1517 veranlassten Luthers Ablaßthesen Eck zu seinen kritischen Bemerkungen „obelisci“ und Luther zu den scharfen Repliken „asterici“. So kam es schließlich zur Leipziger Disputation (1520 !), bei der Eck „mit überlegener dialektischer Gewandtheit und kühler Berechnung“ (Schöner) Luther in die Falle trieb. Erst 1520 entstand die Bannandrohungsbulle Papst Leo’s X., die Eck als päpstlicher Nuntius und Pronotar nach Deutschland brachte und in Ingolstadt drucken ließ.
Weit früher hatte Daxer das Georgianum verlassen. Vermutlich konnte er sich nicht (und da war er nicht der Einzige) mit dem harten, konfrontativen Kurs der Ingolstädter Hierarchie den Lutherischen gegenüber anfreunden und schien daher dieser als Weichling mit nicht hinreichendem Impetus im Kampf gegen die aufkeimende Häresie. Der Pfarrer Saalfeld hebt in seinem erwähnten Vortrag hervor: „Als 1523 ein Webergesell vor der Sebastians-Kirche sich für die lutherische Kirche einsetzte, wurde u.a. auch Daxer verhaftet, vermutlich weil man ihn des Sympathisantentums mit der neuen Lehre verdächtigte“. Ungeklärt: Hatte Daxler mit dem Webergesellen, der sich zur Wehr zu setzen intellektuelle nicht hinreichend gerüstet war, Mitleid und ergriff seine Partei? Oder aber, war sein Eintreten nur ein willkommener Vorwand, den lästigen Diskutanten, den unbequemen Querdenker loszuwerden? Es bleibt als Merkposten.: Wann immer die Hierarchie sucht, Unbequeme, die sich das Recht reservieren, eigenständig zu denken, verfolgt, öffentlich an den Pranger stellt, verachtet, ist man aus moralischer Selbstgerechtigkeit nicht weit von totalitärem Denken und Handeln entfernt. Es bleibt: Daxer lebte in einer Zeit, in der es in Bayern nicht ungefährlich ist, sich nicht eindeutig für die alte Religion auszusprechen oder gar Sympathien für die Lutherischen zu zeigen. Von der gelehrten, wenn gleich wortgewaltigen Disputation war man zur handfesten Konfrontation mit Beschimpfungen, schlimmer noch mit juristisch begründeten Schlägen und verwaltungsrechtlichen Schikanen übergegangen. Eine Zeit der Eiferer war angebrochen. Die Auseinandersetzung wurde bis aufs Messer geführt. Man kannte keine Gegner mehr, nur Feinde. Und gelegentlich ging die Trennlinie quer durch Familien (wie bei den Burckhards, wovon gleich die Rede sein muss).
Tatsache ist, wegen „Äußerungen im Geiste M Luthers“ wird Daxer von Franz Burckhard und Leonhard Marstaller verhört.
Beide muss man sich genauer ansehen.
Der Burckhard (Franz), vor dem Daxer sich zu verantworten hatte (1482 in Ingolstadt geboren – die beiden Männer mussten sich sozusagen von Kindesbeinen an kennen), hatte hier studiert ( wie auch Daxer- sie waren quasi Kommilitonen gewesen), war 1513 Doktor beider Rechte geworden, war Stadtschreiber ( was dem Rang eines Stadtrechtsrates entspricht), ehe er 1515 seine Laufbahn als Rechtsprofessor an der bayerischen Landesuniversität aufnahm. Zugleich war er Advokat am Reichskammergericht. In diesen Stellungen kämpfte er an der Seite Ecks gegen die Reformatoren „und gab entscheidende Impulse zum Erlass. Zwei Jahre später war er Mitglied des ersten bayerischen Religionsediktes“ (Doris Wittmann, Ingolstadt). Zwei Jahre später war er Mitglied einer Kommission von Äbten und fürstlichen Räten, betraut mit Klostervisitationen und Sanktionen für Glaubensabtrünnige geistlichen wie weltlichen Standes – eine nahe der Inquisition anzusiedelnden Mentalität; mit anderen Worten: Aus stärkstem Holz der Gegenreformation geschnitzt.
Nachdenklicher, überlegter dagegen war sein ältere Bruder (Peter) (1465 in Ingolstadt zur Welt gekommen), der 1484 ins Gremium der Lesenden Magister aufgenommen worden war und es 1497 zum Doktor der Medizin gebracht hatte und 1484 eine medizinische Lektur erhalten hatte (1500 bis 1503 war er der Universität Kammerer). 1504 verließ er Ingolstadt, amtierte als Leibarzt des Eichstätter Bischofs bis 1506, war danach Physikus in Nürnberg, Ulm, Regensburg.
1518 wurde er Medizinprofessor in Wittenberg (,wo er übrigens die erste medizinische Promotion durchführte). Man merke: Vor dem Bruch , vor der Leipziger Disputation, vor der Bulle Exsurge Domine und ehe Wittenberg und Ingolstadt zu den Zentren der Feindeslager wurde. 1520 wurde Peter Rektor der Universität Wittenberg, „war dort aber wegen seiner Verbindung zu Johannes Eck in schwieriger Position“ (Rainer Müller, Eichstätt). Man mag sich fragen, ob ihm dortige Eiferer das Leben vergällten. Im Pestjahr 1521 kehrte er nach Ingolstadt zurück, half als Mediziner der Bevölkerung und war, nachdem der Lehrbetrieb wieder aufgenommen werden konnte, mehrfach Dekan der medizinischen Fakultät – Eine andere Lebenseinstellung als die Zeloten hie wie da sie hatten, eher Leidtragender als Treiber der konfessionellen Auseinandersetzung.
Der andere Richter, vor dem Daxer zu erscheinen hatte, war Michael Marstaller aus der Oberpfalz (1486 gebürtig), der ebenfalls in Ingolstadt das Doktorat beider Rechte erworben hatte. Und zeitgleich (1515) mit Franz Burckhard an der Universität zu unterrichten begann ( und zugleich Advokat in der Reichsstadt Nürnberg war). Im Wintersemester 1517/1518 war er Vizerektor für den Adelsrektor Karl Schenk von Limburg. Da Marstaller kein Kleriker war, „kam es zu der an der Universität bisher noch nie dagewesenen Situation, dass mit Schenk von Limburg der Adelsrektor selbst die Jurisdiktion über die Geistlichen ausübte“ (Michael Scharch, München). 1518 gab Marstaller seine universitären Ämter auf (wohl wegen seiner Anstellung als juristischer Rat in Nürnberg); er kehrte nur noch einmal kurz nach Ingolstadt zurück, um zusammen mit seinem Prorektor, Johannes Eck, dem neuen Rektor Rechnung zu legen.
Von Burckhard (Franz) und Marstaller gehört, verhört, wurde Daxer an den Bischof von Eichstätt verwiesen. Er wurde in der Willibalds-Burg verwahrt, konnte aber nicht zu einem eindeutigen Bekenntnis zur alten Kirche bewogen werden, deshalb aus der Kirche ausgestoßen und (im Mai 1523) der Diözese verwiesen.
Nach kurzem Aufenthalt in Wien kehrte er nach Ingolstadt zurück und heiratete Ottilia (, deren Mädchennamen unbekannt ist). Das Paar siedelte nach Augsburg über. Jakob schloss sich dort den Wiedertäufern an, bei denen er Meister, Lehrer und Prediger wurde, was , rein technisch, bei seiner Vorbildung und seiner berufliche Erfahrung nicht wirklich verwundern kann. Er schrieb ein kleines Buch über das Wiedertäufertum , das 1527 (anonym) erschien, als dessen Urheber er erst 400 Jahre später nachgewiesen wurde. „In ihm (so Saalfeld) entwickelte er das Programm der Wiedertäufer ohne verletzende Worte gegen andere Konfessionen; es ist in bildhafter Sprache abgefasst und immer wieder durch Gebete unterbrochen“.
Als (1527) die Wiedertäufer in Augsburg verboten wurden, stellte er sich und kam (wieder ins Gefängnis), aus dem er erst 1531 wieder freikam, nachdem er in Latein sein Bekenntnis zum Wiedertäufertum widerrufen hatte.
Zum zweiten Pfarrer von St. Ulrich berufen, blieb er zwanzig Jahre (1532-1552) in Augsburg, bis er gezwungen war, Stadt und Pfarrstelle zu verlassen. Er zog ins protestantische Neuburg: Über 65 Jahre alt, wurde er dort Diakon bei St. Peter. Mit 70 Jahren übernahm er die ( damals zu Neuburg gehörende) Pfarrei Manching. 1567 besuchte er seinen Bruder in Augsburg – verstarb dort, wurde dort begraben.
Was Pfarrer Saalfeld beeindruckte, waren Daxers seelische und geistliche Grundeinstellungen, die er (auch darin) festmachen will, dass er während seiner (zweiten) Gefängnishaft die Psalmen ins Deutsche übertrug und die Übersetzung, die er nach seiner Entlassung herausgab ( in Teilen) noch 1584 in das Gesangsbuch von Frankfurt übernommen wurde.
