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Jakob Locher - der an die Macht des Denkens glaubt
von Gerd Treffer

Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 14 - Ausgabe Nr. 151 vom 01.08.2024

Ganz sicher gehört Jakob Locher zu den berühmten Ingolstädter Professoren. Ein Schriftsteller, ein Poet, der glaubt, die Welt des Geistes, die Macht des Wortes könne Einfluss auf Staatenlenker und den Gang der Geschichte gewinnen. An der Universität Ingolstadt ist er Nachfolger des vom Kaiser gekrönten poeta laureatus Konrad Celtis als ”lector poesiae'. 1498 eröffnet er so seine (erste, kürzere) Ingolstädter Lehrtätigkeit. 1501 wird er Mitglied des von Celtis, dem ”deutschen Erzhumanisten', gegründeten Humanisten-Zirkels ”Sodalitas litteraria Danubiana".

Locher, der auch Philomusus genannt wurde -Freund der Musen oder vielleicht gar Günstling der Musen - war gegen Ende Juli 1471 in Ehingen zur Welt gekommen. Ein Schwabe. Möglicherweise nahm ihn sein älterer Vetter Konrad, der ab 1481 (und bis 1515) Stadtamtmann in Ulm war, dorthin mit oder holte ihn nach. Jedenfalls besucht Locher die dortige Lateinschule. 1487 ist er in Basel, wo er Schüler von Sebastian Brant ist, des Autors des Narrenschiffes von 1494, das Locher (1497 und dann öfters erschienen) ins Lateinische übersetzt: Dort heißt das Schiff der Narren dann ”stultifera navis". Diese Ubersetzung, erstmals gedruckt kurz vor seinem Einzug in Ingolstadt, und der lateinkundigen Offentlichkeit zugänglich gemacht, wurde zur ”Grundlage der Bearbeitung in anderen Volkssprachen und macht Brants Werk erst zum europäischen Erfolg" (Jan-Dirk Müller im Biographischen Lexikon der Ludwig-Maximilians-Universität) Die Übertragung in die allgemeine Gelehrtensprache wird Lochers größter Bucherfolg. Man könnte auch sagen: Locher war durch seine Übersetzung der Geburtshelfer eines der frühesten europaweiten Bestseller.

Von Basel wechselt Locher im Sommer 1488 an die räumlich nicht allzu weit entfernte Universität Freiburg im Breisgau, im nächsten Sommer nach Ingolstadt.
Er begegnet dort dem Star der deutschen Humanistenschaft, der Dichter, der Erneuerer antiker Literatur, der ihn mit seinen Ansprüchen prägt. Es steht zu vermuten, dass sich Locher unter den fasziniert lauschenden (Zu-)Hörern befindet, als Celtis am 31. August 1492 seine berühmte Rede vor den Professoren und Studenten der Universität Ingolstadt hält, die als ”humanistisches Fanal" bezeichnet wurde. Nie zuvor, so Siegfried Hofmann, hatte man ”hierzulande einen eindringlicheren Appell an den Ehrgeit der jungen Männer" im (Hör-)Saal gehört. Celtis beschwor sie, er hielte es für an der Zeit ” und [Seite] nötig ”jetzt, deutsche Männer und hochachtbare Jünglinge, wenn ich heute in meiner Rede einen Stachel ansetzen, hineintreiben, nein sozusagen hineinbrennen könnte, um Ruhm und Ehre zu erwerben, auf dass Ihr die Unsterblichkeit vor Augen haltet, die in so hohem Maße aus dem Quell der Philosophie und der Beredsamkeit zu schöpfen ist". Da dies (heute) ein wenig verquast klingt, macht er es deutlicher; sagt: Wagt es, Eure ”eigene Erfindungskraft walten zu lassen", indem Ihr Euch ’ zum Beispiel ’um die hohe Dichtkunst und ihre mannigfachen Formen bemüht" und durch ”Abfassung geschichtlicher Werke Autorenruhm gewinnt', und Euch so ”Unsterblichkeit, dem Vaterland aber Ruhm und Ansehen" erringt. (Er meint: nehmt Euch auch antike Philosophen und Quellen vor, auch wenn sie Theologen von heute nicht genehm und angemessen scheinen).
Vielleicht hat Locher diese Kardinal-Hauptvorlesung auch versäumt, weil er im Juni 1492 eine Poetik-Dozentur in Tübingen gefunden hat -Celtis Ideen aber haben ihn längst infiziert.

In den folgenden Jahren bereist Locher Italien, besucht die Universitäten von Padua, Pavia, Bologna, Venedig, Ferrara und Florenz. In diese Zeit fällt wohl auch der Beginn seiner literarischen Tätigkeit. 1495 bis 1497 hat er, über die Alpen heimgekehrt, in Freiburg, wo er studiert und Sebastian Brant kennengelernt hatte, eine Rhetorik- und Poetik-Lektur.

Anfang 1498 wechselt er nach Ingolstadt, wo man nicht unbedingt viel anfangen kann mit viel herumgereisten, schwärmerisch veranlagten Poeten-Professoren. Er verstrickt sich rasch in eine heftige Auseinandersetzung mit dem Theologen und Universitätsprokanzler Georg Zingel. Das gerät zu einer durch persönliche Beleidigungen und falsche Beschuldigungen vergifteten Kontroverse im italienischen Stil der Romeo- und -Julia-Clans, nur dass es hier nicht um ungewünschte persönliche Zuneigungen geht, sondern um die politische Bedeutung der Poetik und die Stellung ihres Fachvertreters in der universitären Hierarchie. Das Ganze weitet sich zu einer Debatte um die Zulässigkeit von Poesie ( und der ”heidnischen', also vor-christlichen Poeten und Philosophen) im ”Lehrstoff" aus, eigentlich um die Rolle der Theologie als Leitwerte-Wissenschaft.
Locher tritt als ”Redner und Publizist" für die neue ”Bildungsbewegung" ein (etwa in der ”oratio de studio humanarum disciplinarum", 1495/1496, noch in Freiburg erschienen) und beansprucht für Panegyrik, Dramen, Flugschriften und Reden ”in genere deliberativo" Beachtung und für den Schreiber oder Orator die Rolle eines Ratgebers der Herrschenden, für die Intellektuellen (vor den Theologen oder neben ihnen) die Beratung als Wegweiser in der Politik. Ein ehrgeiziges Ansinnen. Aber es wird Locher durch Kaiser Maximilian I. bestätigt, der ihn 1497 (in Freiburg) zum Poeten krönt und ihn 1502 zum Pfalzgrafen erhebt.

Der Streit wird öffentlich geführt und schlägt weit über die akademischen Zirkel der universitären Welt hinaus Wellen. Den Gepflogenheiten der Zeit entsprechend wird er vorwiegend mit den Mitteln streitbarer Druckschriften geführt (wenngleich später sogar von Handgreiflichkeiten die Rede ist). Locher ist nach seiner Poetik-Lektur in Ingolstadt nach Freiburg zurückgegangen, wo er 1503 bis 1505 lehrt. Von dort eröffnet er den literarischen Krieg mit seiner ”Apologia contra poetarum accerimum hostem Georgium Zingel theologum", seiner Kampfschrift gegen den erbitterten Feind der Dichter, den Theologen Georg Zingel. Der bereits betagte, aber nach wie vor streitbare Georg Zingel, der 1474 an die zwei Jahreszahlen zuvor gegründete Bayerische Landesuniversität gekommen war, war deren hochangesehenes Mitglied. 1475 hatte er schon das Dekanat der theologischen Fakultät übernommen und es fortan im halbjährigen Wechsel mit Johann Permetter von Adorf wahrgenommen -eine subtile Form des Machterhaits. Mit einer Eichstätter Domherren-Pfründe versehen, sich also in den Sphären wirtschaftlicher Unabhängigkeit in den Niederungen des universitären Geplänkels bewegend, war er 1477, 1479, 1482 und 1491 Rektor der Universität gewesen. Da kam nun ein Jungspund daher, dieser Poetik-Lehrer ( den erja hier in Ingolstadt kennengelernt hatte und der sich nun Gott sei Dank in Freiburg aufhielt) und bezeichnete ihn, der in Wien studiert, dort seinen Magister gemacht, der an der Wiener Artistenfakultät gelehrt hatte, als alten ”Scholastiker" und griff ihn als Feind der (heidnischen) Poeten an. Auf Lochers,, Invektive" -wie sonst sollte man eine solche freche Attacke nennen -’ respondiert Zingel im August 1505 mit einer namens des Rektors und der gesamten Universität herausgegebenen Rechtfertigungsschrift, der ”Expurgatio rectoris et consilii alme et celebris gymnasio IngoIstadensis pro domo Georgio Zingel". Dennoch: Lochers Ausfälle gegen die ”scholastische Theologie" verschärfen sich. Wohl auch sein, auf seiner ”Künstlernatur" basierendes, anmaßendes, rechthaberisches Auftreten schafft ihm auch in der Freiburger Professorenschaft Gegner. 1506 verliert er seine dortige Stelle. Aber Locher ist zu berühmt, als dass er fallen könnte. Es erstaunt aber doch, dass ihn Herzog Albrecht IV. nach Ingolstadt (zurück-)beruft, wohl wissend, dass sich dort erbitterte Gegner Lochers, Zingel voran» an den universitären Schaltstellen befinden. Und umgehend veröffentlicht Locher seinen schärfsten Angriff auf seine Gegner, ”Vitiose sterilis [Seite] mulae ad musam roscida lepidate predicam comparatio. Cursus sacrae theologicae triumphalis, Elegium quattuor doctorum ecciesiae", wohlweislich, 1506, in Nürnberg und ohne Namensangabe des Autors erschienen, und vergleicht die von Zingel als ”mauleselhaft unfruchtbar" gescholtene Poesie mit der Welt der ”unfruchtbaren Theologie". Zingel seinerseits macht in dieser Schrift nicht weniger als vierundzwanzig ”häretische" Thesen aus ( ungedruckt bleibt sein diesbezüglicher Text: ”Articuli partim de haeresi suspecti", 1506), was aber für den vom Landesherrn protegierten Locher keinerlei Folgen zeitigt. Es wäre verkürzend, den Locher-Zingel- Disput als rein persönliche Kontroverse zu betrachten. Er hatte durchaus eine weitergehend wissenschafts-geschichtliche Bedeutung. Das würde auch Zingels Position und Motivation ungebührlich verengen. Zingel war durchaus kein rigoristischer Gegner der studia humanitatis. Was er missbilligte, waren der prätentiöse Anspruch, das arrogante Auftreten und der unprofessorale Lebenswandel Lochers.

Bis zu seinem Tod (am 4. Dezember 1528) lebte Locher fortan in Ingolstadt und lehrte -wie Jan-Dirk Müller schreibt -unter großer Zustimmung der Studenten: Er war wohl einer der Querdenker, einer jener provozierenden Herausforderer des Establishments ( dem er gleichwohl angehörte) zugleich arriviert und, vom Landesherrn geschützt, unangreifbar, was jungen Männern gemeiniglich gefällt.

Zingel (1508 verstorben und in der Ingolstädter Franziskanerkirche bestattet) hatte die von Luther losgetretene Reformation nicht mehr erlebt. Locher erlebte sie voll und ganz und hat dessen großen Widersacher Johannes Eck zum Professoren-Kollegen, seit dieser 1510 erstmals an die Universität gekommen und 1511 erstmals zum Dekan der theologischen Fakultät gewählt worden war. Es war Eck, der 1519 bei der Leipziger Disputation,, mit überlegener dialektischer Gewandtheit und kühner Berechnung Luther in der Frage nach dem göttlichen Recht des Papsttums und nach der Autorität der allgemeinen Konzilien in die Enge trieb und auf die Aussage festlegte, dass er ein verbindliches kirchliches Lehramt nicht anerkenne.. . Eck war mit der erste, der erkannt hatte, dass es Luther letztlich nicht um Ablass und Ablassmissbrauch (um kirchliche Reform) ging, sondern um einen Angriff auf die überlieferte Struktur der Kirche" (Christoph Schöner im Biographischen Lexikon der Ludwig-MaximiliansUniversität). Wie Eck und Locher miteinander auskamen ist eine ganz andere Frage. Klar ist zunächst: Obwohl Locher für eine Reform der Kirche eintrat, vollzog er den Schritt zur Reformation nicht. Er vertrat vielmehr einen ”christlichen Humanismus", der die Theologie pragmatischer ausrichte, auf ihre patristischen Strukturen zurückführen wollte. Gegener war für ihn die in der Ingolstädter Fakultät verkörperte ”scholastisch nominalistische Observanz, ihre ’barbarische ’Sprache ’ ihre unsinnigen Problemstellungen und selbstzweckhaften Dispute" (Jan-Dirk Müller). Was Manchen (wie J. Hehle in den ”Geschichtlichen Forschungen über Ehingen und Umgebung" von 1925) vorkommt wie der Versuch einer ”Emanzipation des Humanismus von theologischer Bevormundung", ist eine zu weit gehende Interpretation (und mutet zu prä-aufklärerisch an). Locher hatte sich Celtis' IngoIstädter Appell zu Herzen genommen, dass man aus dem Studium der (alten) Philosophie und (eigener) Beredsamkeit Ruhm erwerben möge. Deshalb wehrte er sich gegen Versuche der (scholastischen) Theologie, den Kanon antiker Schriften und den ”mythologischen Ornatus" (Jan-Dirk Müller) durch christliche Dogmen einzuschränken. Er wollte sich sozusagen nicht vorschreiben lassen, worüber man dissertieren, debattieren und daraus Lehren für die heutige Welt ziehen darf und dies auch in der Beratung für das politische Handeln der Fürsten). Er verwahrte sich dagegen, die Mythologien des Altertums, die Form der Darstellung von Geschichte und Denken einer ablehnenden Zensur zu unterwerfen.

Eine vergleichbare Problematik ergibt sich übrigens später im 17. und beginnenden 18, Jahrhundert mit dem berühmten Ritenstreit zur Akkomodations-Methode der Jesuiten in der China-Mission -auch hier stand die Frage fremder philosophischer Konzepte als Gegenstand intellektuellen Denkens und als Reibefläche für ein Nachdenken über christliche (kirchliche) Gewissheiten zur erbitterten Debatte, und - als weitere Parallele -die Frage der Präsentation von Inhalten des christlichen Glaubens in der ”Übersetzung" in eine gänzlich andere -eigenen Denkmustern und ”Bildern" folgenden -Sprache. Selbst den reformwilligen, hochqualifizierten Jesuiten gelang es letztlich nicht, die dogmatische Verkrustungen ( und die Angste der Verteidiger) zu durchbrechen.

Auch für Locher war dies ein zentraler Punkt: Ohne den Schultheologen ihre grundsätzliche Forderung nach geistig-moralischer Führung bestreiten zu wollen, ging ihm deren Alleinvertretungsanspruch, ihre Weg-Bissigkeit alternativer Denkansätze auf den Geist. Locher forderte einen Geltungsanspruch der ”Poesie" neben der Theologie. [Seite] Ideengeschichtlich Ist Lochers Ansatz (man muss auch über Dinge jenseits der dogmatischen Lehre reden, sie berücksichtige, sie bedenken) aus einer vom ”Florentiner Neuplatonismus" beeinflussten lnspirationslehre vorgeprägt. Ihr zufolge beruht Poesie nicht auf ”ars" und ”exercitium". Das Werk der ”Dichter" - in moderner Denkart: der Literaten und Intellektuellen -verdanke sich vielmehr einem ”furor divinus', einer göttlichen Inspiration. Nach dieser Denkform ist der Dichter ein ”vates', ein (biblisch betrachtet) Prophet, ein (mythologisch gesehen) Seher.

Lochers Werk ist reich an Lehrbüchern, rhetorischen Kompendien zu einzelnen klassischen Texten: Cicero (wohl 1494), Claudian (1518), Seneca tragicus (1520), Plinius dA. (1520), Fulgenius (1521). Von Locher stammt die früheste Horaz-Ausgabe in Deutschland (1498). Er übersetzte aus dem Griechischen ins Lateinische (Athanasius, 1500), in metrischer Bearbeitung Phocylides(1500).

Locher starb am 4. Dezember 1528 in Ingolstadt, in dem er - in mehreren Abschnitten -fast 30 Jahre lang gelebt hatte.