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Jesuitenleben in Zeiten des Dreißigjährigen Krieges - Johann Manhart ad exemplum. Zugleich ein Beleg der Bedeutung der Ingolstädter Niederlassung der Jesuiten
von Gerd Treffer

Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 15 - Ausgabe Nr.194 vom 15.10.2025

Johann Manhart ist ein echter Bayer: Er kommt am 3. Mai 1571 in Egmating zur Welt, keine dreißig Kilometer vor den Mauern Münchens, die die Stadt gut 60 Jahre später nicht vor den Schweden-Truppen Gustav Adolfs schützen werden.

Als Manhart zur Welt kommt, sind die Jesuiten erst zwanzig Jahre in Bayern. Vom Herzog bei Ignatius von Loyola angefordert, waren drei prominente Vertreter des Ordens nach Ingolstadt gekommen, wo an der Hohen Schule die geistige Elite des Landes herangebildet werden soll: 1549 waren Petrus Canisius, Alphons Salmeron und Claudius Jajus in Ingolstadt angekommen, um an der 99 Jahre vor Manharts Geburt errichteten Landesuniversität, der elften Universität im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, der Philosophie und Theologie auf die Sprünge zu helfen. Noch vor dem Episkopat hatte Herzog Wilhelm IV. resolut die Initiative ergriffen, sein Land beim „alten Glauben" zu halten, nachdem der Augustinermönch Martin Luther der Kirche den Fehdehandschuh hingeworfen hatte. Nicht den Glauben, sagt man, wolle Luther „reformieren", er wolle „die Kirche" spalten.

Der Ingolstädter Streiter, Luthers großer Gegenspieler Professor Eck, hatte ihn in der Leipziger Disputation zum Schwur gezwungen und dann aus Rom persönlich die Bannandrohungsbulle „Exsurge Domine" mitgebracht (und sie in Ingolstadt drucken lassen). Das alles hatte „weltweit" (soweit die Welt halt seinerzeit reichte) Aufsehen erregt, aber nicht genügt. Nach dem machtvoll auftretenden Eck war selbst in Ingolstadt der Schwung erlahmt. Die Berufung der Jesuiten durch den Herzog zielte darauf, seine Ingolstädter Universität zu einem Zentrum der innerkirchlichen Erneuerung zu machen. Es gehört zu den traditionellen Fehl-Legenden bis heute zu glauben und zu verbreiten, die Jesuiten „als die Speerspitze des katholischen Glaubens" seien verknöcherte, reaktionäre Elemente einer bloßen Restauration überkommener Zustände gewesen. Ganz im Gegenteil: die Jesuiten waren intellektuell brillante Köpfe und Kämpfer für die Überwindung der Verknöcherung der Kirche, zur Beseitigung von Verkrustungen in der Herangehensweise ihrer klerikalen Amtsträger – aber all dies ohne eine Spaltung der Gemeinschaft.

Mit Petrus Canisius, dem „Zweiten Apostel der Deutschen", Verfasser des bis ins 20. Jahrhundert hinein bei bayerischen Schulkindern bekannten Katechismus dem „Kanisi", begann der erste Abschnitt jesuitischen Wirkens in Ingolstadt. Canisius hielt übrigens seine erste Predigt in deutscher Sprache von der Kanzel der Ingolstädter Liebfrauenkirche herunter.

Von Herzog Wilhelm IV. war den Jesuiten der Bau eines eigenen Kollegs zugesichert worden, der sich nach dessen Tod verzögerte, Canisius und seine Begleiter zogen daraufhin schlicht wieder ab. Man mag von einer Trotzreaktion des (späteren) Heiligen sprechen, vielleicht auch von einer angemessenen politisch inspirierten Erpressung. Stringenz im Denken und auch Konsequenz im Handeln würde man den Mitgliedern der Gesellschaft Jesu in der Folge nachsagen.

1555 wurden dann die Verhandlungen über den Bau eines Kollegs unter Herzog Albrecht V. wieder aufgenommen und 1556 entsandte Ignatius 18 Ordensleute, die im Juli eintrafen. Bis 1576 stand im Schlagschatten des Münsters ein mächtiges Gebäude, dessen Bewohner (nach herzoglichem Stifterbrief) in die akademischen Rechte und Freiheiten, die richterliche Selbständigkeit und die Unabhängigkeit der Universität einbezogen wurden. Der riesige Bau mit der Heilig-Geist-Kirche bot den Professoren und rund 70 Ordensmitgliedern Platz.
200 Jahre lang erfüllte diese Niederlassung – Ignatius selbst nannte sie seinen „Benjamin" (das Ingolstädter Konvikt war das letzte, das er vor seinem Tode im Juli 1556 veranlasste) – ihre Aufgabe als „Pflanzschule des Ordens für den ganzen deutschsprachigen Raum". Unter Gregor von Valencia, der 1575 nach Deutschland kam, erreichte Ingolstadt in der Theologie einen Glanz und einen Rang ohnegleichen. Man nannte ihn den doctor doctorum, den Lehrer erstrangiger Professoren, die von ihm ausgebildet in die Welt hinausgingen.

Der große Moraltheologe der Zeit war Paul Laymann, dessen Rat von den Fürsten der Zeit gesucht war und der zum Beichtvater des späteren Kaisers Ferdinand Il. wurde, der in Ingolstadt studiert hatte. Zudem wirkte in Ingolstadt in diesen Jahren Jakob Gretser, der zur Unterstützung Gregors gerufen worden war und zum großen Dichter, zum Autor des Jesuitentheaters wurde.

So stehen die Dinge, als Manhart in München als Schüler das dortige Jesuitengymnasium besucht, als er 1590 in das Noviziat der Gesellschaft Jesu in Landsberg kommt, als er in Dillingen mit dem Logik-Studium startet, als er 1592 am Kolleg in Hall selbst zu unterrichten beginnt.

Dann beginnt seine Ingolstädter Zeit, 1593 bis 1595 absolvierter hier seine philosophischen Studien, 1596 bis 1599 die der Theologie.

In München wird in diesem Zeitraum (am 6. Juli 1597) die Michelskirche geweiht, die Jesuitenkirche, ein wahres Monument der Gegenreformation und nach dem Urteil vieler Nachgeborener das bedeutendste Renaissancebauwerk in Deutschland. Am 15. Oktober 1597 erklärt Herzog Wilhelm IV. den Bankrott und dankt ab. Am 2. Februar 1598 übernimmt Maximilian als Herzog die Regierung. Er baut die väterlichen Schulden ab und lässt München zugleich zu einem der prächtigsten Residenzzentren Europas ausbauen.

Am 5. September 1599 wird Manhart in Eichstätt zum Priester geweiht. Schon drei Monate zuvor (am 5. Juli 1599) hatte er als Professor den dreijährigen philosophischen Kurs begonnen. 1600 war er praeses monarchorum, und, wenn nicht verantwortlich, so doch wahrscheinlich begeisterter Zuschauer als Jakob Bidermann 1602 seinen Cenodoxus aufführte, ein wahres Stück Jesuitentheater, die Geschichte von einem gelehrten Doktor aus Paris, der zwar ein frommes Leben führt, doch vom Hochmut besessen ist und deshalb von Christus gerichtet wird, was auf die Zuschauerschaft größten Eindruck machte. Nach einer Cenodoxus-Aufführung 1606 trat der Hauptdarsteller den Jesuiten bei und vierzehn Adelige, die das Drama verfolgten, zogen sich zu Exercitien ins Kloster zurück.

1605 lehrt Manhart Moraltheologie in München, kehrt aber 1607 als Vizerektor an das Ingolstädter Kolleg zurück. Im Oktober dieses Jahres begleitet er den Ordensprovinzial nach Rom, ist aber 1609 wieder in Ingolstadt.
Am 10. Juli dieses Jahres schließen sich in München unter Herzog Maximilians Führung die Bistümer Würzburg, Augsburg, Konstanz, Regensburg und Passau und die Abteien Kempten und Ellwangen zur Katholischen Liga zusammen, der in der Folge fast alle katholischen Reichsstände (außer Österreich und Salzburg) beitreten.

Von 1609 bis 1618 – neun volle Jahre – ist Manhart dann Rektor des Ingolstädter Jesuitenkollegs. Es sind die Jahre, die hineinführen in den Krieg, der dreißig Jahre dauern wird.
In diese Zeit (1611) fällt: Christoph Scheiner beobachtet, identifiziert von seinem Himmelsbeobachtungsstand auf dem Turm der Hl.-Kreuzkirche, der Ingolstädter Jesuitenkirche, die Sonnenflecken. Nach dem Tode Ernsts von Bayern wird sein Neffe Ferdinand (ein Sohn Herzog Maximilians) Bischof von Lüttich, Münster und Hildesheim, Erzbischof und Kurfürst von Köln. Ernst hatte zusammen mit seinem Bruder Philipp in Ingolstadt bei Professor Mayle „privatim" Philosophie studiert. Ihr großer Bruder, der Erbprinz, später dann Herzog und selbst Kurfürst, hatte ihnen 1594 ein „schöns Weihnachtskrippl' geschickt (und einen Schreiner gleich mit, um es aufzubauen) – die erste Erwähnung einer Krippe in Bayern und vermutlich in Deutschland. Ingolstadt wird in der Tat Zentrum des Krippenbaus mit dem Jesuitenbruder Joseph Brandstetter, dem „Urheber der Krippen", die in den Kollegien des ganzen Ordens aufgestellt wurden.

1613 tritt der lutherisch erzogene Pfalzgraf Wolfgang-Wilhelm von Pfalz-Neuburg in München zum katholischen Glauben über. Während seiner langen Regentschaft (bis 1653) führt er Pfalz-Neuburg mit harter Hand, aber ohne größere Kämpfe zum alten Glauben zurück. Natürlich werden ihn die Jesuiten dort mit einer eigenen Niederlassung kraftvoll unterstützen. Als 1614 im Vertrag von Xanten der Jülich-Klevesche Erbfolgestreit beendet wird, erhält Brandenburg Kleve, Mark und Ravensberg, Wolfgang-Wilhelm gewinnt Jülich und Berg hinzu.1616
legt Herzog Maximilian nach Auseinandersetzungen in der katholischen Liga sein Bundesoberstenamt nieder. 1617 gründet er mit Würzburg, Bamberg, Eichstätt und Ellwangen die neue katholische Liga.

Nach einer Versammlung der böhmischen Stände werden zwei katholisch-kaiserliche Ratsherrn demonstrativ aus einem Fenster des Prager Hradschin geworfen. Der Akt gilt gemeinhin als Auslöser des Dreißgjährigen Krieges. Die böhmischen Stände wählen den evangelischen, in der Oberpfalz geborenen Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zum König, nachdem sie den Kaiser Matthias als König von Böhmen für abgesetzt erklärt haben. (Seiner kurzen, erfolglosen Amtszeit wegen wird man Friedrich den „Winterkönig" nennen). Nach Matthias Tod wird sein Vetter Ferdinand (ll.) zum Kaiser gewählt. Der hat eine solide Ausbildung zum verlässlichen katholischen Fürsten bei den Ingolstädter Jesuiten hinter sich. 1594 nach Abschluss seines Studiums dort hat er der Universität einen prunkvollen „Schiffspokal" geschenkt, ein Meisterwerk der Goldschmiedekunst, das sich bis heute erhalten hat.
Nachdem ihm die böhmischen Stände die Huld verweigert haben, schließt sich Kaiser Ferdinand mit Herzog Maximilian und der katholischen Liga zu einem Bündnis gegen Böhmen bzw. die Kurpfalz zusammen.

Im November 1619 befindet sich René Descartes als Soldat der Tilly-Armee im Winterlager in Neuburg. Im Traum findet er den philosophischen Weg, der schließlich zu seinem „Discours de la méthode" und damit zu einem Wendepunkt der Philosophiegeschichte führt. (Der junge französische Philosoph verlässt allerdings wohl auch deshalb bald das bayerische Heer, um sich ganz seiner rationalistischen Philosophie widmen zu können). In Privatbesitz in Neuburg befindet sich heute ein philosophisches Werk, das laut handschriftlicher Widmung von einem Jesuiten namens Molitor dem Cartesius geschenkt wurde, als er sich damals in Neuburg aufhielt, das er aber offenbar bei seiner Abreise nicht mitnahm.

Die von Herzog Maximilian und Johann Tserclaes von Tilly geführten Truppen des römisch-deutschen Kaisers Ferdinand besiegen am 8. November 1620 in der Schlacht am Weißen Berg, westlich von Prag das Heer der böhmischen Stände vernichtend, Maximilians königlicher, aber protestantischer Wittelsbacher Verwandter Kurfürst Friedrich flieht aus Prag und wird am 29. Januar des Folgejahres in Acht getan. Damit wird zugleich der Weg frei für die Kurfürstenwürde, die am 25. Februar 1623 dann im Rittersaal des Regensburger Rathauses vom ehemals Ingolstädter Studenten Ferdinand an den früheren Ingolstädter Studierenden Maximilian verliehen wird.

Manhart hat Bayern inzwischen kurzzeitig verlassen, ist ab November 1621 Vizerektor, dann 1622 Rektor des Jesuitenkollegs in Ensisheim im Elsass. Der große Jesuitendichter und Ingolstädter Professor Jakob Balde ist dort 1604 zur Welt gekommen, 1623 tritt er dem Jesuitenorden bei. In Ingolstadt wird Balde die Belagerung durch die Schweden und den Tod Tillys in seinen Mauern erleben, der ihn zu seinem rhapsodischen Werl Tillii parentalia inspiriert; 1635 bis 1637 wirkt Balde mit großem Erfolg als Professor der Rhetorik und begrüßt mit einer stürmisch bewegten Rede die aus langer Haft zurückkehrenden „Schwedengeiseln" und begründet 1637 mit seinem biblischen Drama Jephtias seinen Ruf als Dichter.

Manhart leitet also die junge Jesuitenniederlassung in Ensisheim, in der „Hauptstadt der Habsburgischen Vorlande“, die zur oberdeutschen Provinz gehört und sich im Aufbau befindet. Möglicherweise war er es, der den „Jesuitenbaumeister" der Provinz dorthin ruft. Bruder Jakob Kurrer ist ein gebürtiger Ingolstädter, hat die Jesuitenbauten in Eichstätt (1617 bis 16201) und in Innsbruck (1619 bis 1621) geleitet; sein Hauptwerk wird die Jesuitenkirche von Luzem (1633 bis 1639) werden. Am Rande: Auch Kurrer gehört zu den bemerkenswerten Ingolstädter Persönlichkeiten, von denen in Ingolstadt nicht nur niemand spricht, sondern die nahezu vergessen wurden.

Nach dem Rektorat auf dem Vorposten zum französischen Königreich hin holt der Orden Johann Manhart 1623 ins Zentrum des Jesuitentums zurück. Er wird die nächsten fünf Jahre Rektor des Münchner Jesuitenkollegs sein, 1628 bis 1629 Socius des Provinzials (also Stellvertreter des höchsten Amts und Würdenträgers der oberdeutschen Provinz, eine Position, die er auch 1635 bis 1636 wieder einnehmen wird), nahe am Hofe des Kurfürsten, nahe der Schaltzentrale, die in diesem ungeheuren politischen und militärischen Ringen des europäischen Religionskriegs Pol und Entscheidungszentrum ist.
Manhart steht vermutlich nicht nur als stiller Zuschauer am Rand, er wird die Geschehnisse aufmerksam verfolgt und kommentiert haben, wenngleich nicht klärbar scheint, ob man seinen Rat suchte, ernstnahm oder das Wirken der vor Ort tätigen Jesuiten ein eher hintergründig, zweifellos aber einflussreiches war.
1625 greift König Christian IX. von Dänemark zugunsten der protestantischen Fürsten Norddeutschlands Partei. So beginnt der niedersächsisch-dänische Krieg. Kaiser Ferdinand ernennt Albrecht von Wallenstein zum Oberstkommandierenden General. Manhart wird mit seinen Ordensbrüdern sicher erörtert haben, was es bedeutet, dass der Generalissimus des Kaisers in der Schlacht bei Dessau das Heer des protestantischen Feldherrn Ernst II. von Mansfeld völlig aufgerieben und der Feldherr der Katholischen Liga Tilly, die dänischen Truppen bei Lutter am Barenberg geschlagen hat.
Mit einer gewissen Genugtuung mag Manhart zur Kenntnis genommen haben, dass man in Neuburg (1627) die Hofkirche vollendet hat – als man 1607 mit ihrem Bau begonnen hatte, war sie als „Trutzmichel" als evangelischer Gegenpart zur Jesuitenkirche St. Michael in München, geplant gewesen. Unbekannt wird bleiben, was Manhart von jenem unsäglichen kaiserlichen Dekret hielt, das (am 21. Januar 1627) katholischen Ärzten die Behandlung von protestantischen Patienten untersagt oder vom „Restitutionsedikt" des Kaisers (vom 6. März 1629), an dem Kurfürst Maximilian maßgeblich beteiligt war und demzufolge alle seit 1552 von den Protestanten eingezogenen Gütern, zu rekatholisieren sind.

1630 findet in Regensburg der Kurfürstentag statt. Auf Druck der Kurfürsten – und Maximilian ist ihr Wortführer – entlässt der Kaiser Wallenstein. Nur drei Tage später landet Gustav Adolf von Schweden in Pommern – die dritte Phase des Dreißigjährigen Krieges, der „schwedische Krieg" beginnt. In der Schlacht bei Breitenfeld (in der Leipziger Gegend) besiegen am 17. September 1631 schwedische und kursächsische Truppen Tillys Armeen.
Der „Löwe aus Mitternacht" stößt nach Süddeutschland vor. Am 31. März 1632 kommt er nach Nürnberg, besiegt am 15. April das Heer der katholischen Liga in der Schlacht bei Rain am Lech. Ihr Befehlshaber Johann Tserclaes von Tilly wird schwer verwundet. Eine Kugel zerschmettert ihm den rechten Oberschenkel. Man bringt den Feldherrn in die Sicherheit der stark befestigten Stadt Ingolstadt, in das Haus des Universitätsprofessoren Arnold von Rath in dem er stirbt, in Steinwurfweite des Konvikts und der Kirche der Jesuiten, wo Tilly auch in der Gruft bestattet wird, bis man seine sterblichen Überreste 1653 nach Altötting verbringt.

Am 17. Mai 1633 zieht Gustav Adolf in München ein und nimmt in der Residenz Quartier. Kurfürst Maximilian zieht sich mit den geschlagenen Truppen hinter die Ingolstädter Mauern zurück. Tatsache ist: während Gustav Adolf von Schweden alle beachtenswerten Städte in Süddeutschland einnimmt, bleibt allein Ingolstadt unerobert. Es ist die einzige Stadt, die ihm widersteht und vor der er die blamable Erfahrung machen muss, dass ihm vermittels einer von der Kugelbastei aus abgefeuerten Kugel sein Schimmel unter dem Leib weggeschossen wird. Soweit die beliebte Legende. Die Umstände sind anders zu bewerten. Es kam nicht, wie häufig geschildert und von den Ingolstädtern so gern behauptet, zur „ Belagerung der Stadt" durch den Schwedenkönig. Gustav Adolf lag wenig daran, die Stadt einzunehmen. Er wollte vielmehr die Donaubrücke und den erst jüngst zu ihrem Schutz erstellten Brückenkopf zerstören, was der bayerischen Armee ihren wichtigsten Donauübergang genommen und die Festung nach Süden hin abgeschnitten hätte. Wäre es Gustav Adolf, wie von ihm beabsichtigte auch noch gelungen, Regensburg in die Hand zu bekommen, hätte das wohl seinen Sieg bedeutet.

Ingolstadt hielt stand. Ingolstadt war Gustav Adolfs erster militärischer Rückschlag. Ingolstadt war der Wendepunkt in seinem Soldatenglück. Mit dem Spruch „zu München will ich nähren, zu Ingolstadt mich wehren" umschrieb Kurfürst Maximilian die Sonderrolle der Stadt als Zentrum der bayerischen Landesverteidigung. Die arme Bevölkerung im Lande hatte es aber nicht nur mit den drückenden Kriegslasten zu tun, mit Plünderung und Brandschatzung. Sie musste sich nicht allein der schwedischen Schwadronen und Söldnerscharen erwehren oder sie über sich hinwegfluten lassen. Sie litt gleichermaßen unter der Seuche des Schwarzen Schreckens. Allein in München forderte die Pest zehn- bis fünfzehntausend Menschenleben. Sie wütete 1634 im ganzen Land. In Oberammergau wird erstmals das Passionsspiel aufgeführt, in Ingolstadt flüchtet die halbe Universität die Stadt.

1635 erklärt Kaiser Ferdinand dem mit Schweden verbündeten Frankreich den Krieg, womit die grausamste Phase dieses Krieges beginnt und in deren Verlauf bayerische Truppen unter Feldmarschallleutnant Johann von Werth durch die Pfalz und Lothringen gegen Lüttich ziehen. Dann befiehlt ihnen der Kaiser zusammen mit seinen eigenen Truppen und jenen des spanischen Kardinals-Infanten, straks nach Frankreich zu marschieren. Die Bayern ziehen voran, dahinter der Rest des 35.000-Mann-Heeres. Schon ist man bei Compiègne (September 1636), dann zögern die politischen Führer. Frankreich gewinnt Zeit, 50.000 Mann zu sammeln. Frankreichs politisches Gehirn, Kardinal Richelieu, hat nüchtern die Gefahr erkannt, von (und seien sie katholisch) konfessionell befreundeten Feinden bedroht zu werden. Da beschließt der Kirchenfürst (treuer Diener des Landes, das als die älteste Tochter der Kirche bezeichnet wird) dann doch lieber auf Seiten der protestantischen Schweden zu stehen.

Manhart gehört, vielleicht schleichend, möglicherweise länger zum führenden Beraterkreis. 1637 bis 1639 ist er Rektor des Amberger Kollegs der Jesuiten, bei allem Respekt, ein ehrenvoller
Austragungsposten. Dann, so heißt es, „befreit" man ihn von weiteren Führungsämtern und überträgt ihm die Beichtvateraufgaben...

1640 legt Kurfürst Maximilian mit den „Hofkammerinstruktionen" die Grundlage für eine moderne, tragfähige zentrale Finanzgestaltung. Beim Regensburger Reichstag (1640/1641) beschließen die Reichsstände, mit Frankreich und Schweden Friedensverhandlungen aufzunehmen.
Manhart wird das vielleicht nicht mehr in dem früher gewohnten Ausmaß verfolgt haben. Er stirbt am 9. Juni 1642 in Amberg.
Der Krieg geht fort.

Bildunterschrift:

Jesuitenkolleg mit Orbansaal
Karl Emil von Schafhäutl, 1856