Jesuitische Zwillingskarrieren. Urban und Friedl
von Gerd Treffer
Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 15 - Ausgabe Nr.196 vom 01.11.2025
Sie haben einiges gemeinsam:
Sie sind im selben Jahr, ja sogar im selben Monat geboren: im November 1725 - und hätten daher beide heuer 300. Geburtstag.
Beide sind Theologen.
Sie sind beide Jesuiten und müssen sich wohl schon im Landsberger Noviziat getroffen haben.
Beide waren sie nicht nur Professoren der Landesuniversität Ingolstadt, sondern lösten einander dort auf demselben Lehrstuhl ab.
Der um zwei Wochen Ältere der Beiden wurde im Wintersemester 1766 Inhaber der Professur für Dogmatik, übergab seinen Lehrstuhl aber bereits zum Sommersemester an seinen Ordensbruder. Der Jüngere machte sich durch seine scharfe Kritik an einem ausländischen Souverän unbeliebt und wurde vom bayerischen Kurfürsten Karl II. Theodor gefeuert. Rasch holte man daraufhin den Älteren zurück an die Lehrkanzel, um Alles wieder ins Lot zu bringen. Er blieb dann vom Wintersemester 1767 an im Amt, allerdings nur bis derselbe Kurfürst 1773 den Jesuitenorden aufhob und damit implizit auch ihn verjagte.
Die Geschichte der Beiden ist zu aufregend, um sie nicht zu erzählen.
„Der Ältere“ ist Georg Urban, aus Hahnbach in der Oberpfalz stammend. Er kam im September 1743 ins Landsberger Jesuitennoviziat. Später lehrte er in Fribourg und Regensburg Philosophie. 1759 nahm ihn die Universität Ingolstadt als Logik-Professor auf. 1762 dann unterrichtete er Dogmatik und Polemik in Dillingen. Ende 1766, als Dogmatiker nach Ingolstadt zurückgekehrt, übergibt er, wie oben bereits gesagt, zum nächsten Sommer-Semester an seinen Ordensbruder Franz Xaver.
Franz Xaver Friedl, „Der Jüngere“, aus dem schwäbischen Breitenbrunn, war schon im September 1741 zum Noviziat in Landsberg zugelassen worden, hatte 1743 bis 1746 in Ingolstadt den philosophischen Dreijahreskurs absolviert und dann dort auch (bis 1756) Theologie studiert. Danach hatte er, in jesuitischer Wanderschaft, die Pflicht zu lehren – in Neuburg an der Donau (sozusagen in Ingolstädter Nachbarschaft), in München (sozusagen am bayerischen Stammhaus), in den großen südlichen Niederlassungen, in Luzern und Porrentruy, ehe er – unmittelbar nach seiner Promotion im November – 1763 eine Professur für Dogmatik an der Universität Freiburg übernahm. Und als Dogmatiker wechselte er auch drei Jahre darauf nach Ingolstadt.
Seine Antrittsvorlesung fand am 12. Oktober 1767 statt, und man kann fast sicher sein, dass Georg Urban unter den Hörern war, denn er war in Ingolstadt geblieben und dort in einem neuen Amt tätig. Diese erste Lektion Friedls von seinem neuen Lehrpult herab löste einen Skandal und einen diplomatischen Eklat aus. Sie beinhaltete eine harsche Kritik an der gallikanischen Kirchen- und Religionspolitik und war eine Brandrede zur Verteidigung der Jesuiten in den bourbonisch geführten Ländern. Das missfiel naturgemäß den französischen Diplomaten in Bayern, die die Ehre hatten den großen König Ludwig, den Fünfzehnten dieses Namens, hierzulande und im Reich zu vertreten. In Frankreich gewannen die Jansenisten zunehmend an Gewicht, und nicht nur Ludwig, sondern auch den Majestäten in Portugal und in Spanien war die Tätigkeit der Jesuiten, insbesondere in den jeweiligen Kolonien, nun, wenig angenehm. 1764 hatte das Parlement de Paris (das kein Parlament im heutigen Sinne war, sondern ein Gerichtshof der „Sonderklasse Staatsaffairen“) einen Prozess gegen die Jesuiten eröffnet. In dessen Verlauf wurden die bisher geheimen „Constitutionen“ des Ordens publik. Mit (gebührender) Empörung ( oder gespieltem Entsetzen) erfuhr man (als hätte man es nicht gewusst) , dass die Jesuiten-Patres dem Papst mehr Gehorsam schuldeten als dem König von Frankreich. Das „Parlament“ verbot den französischen Patern jeglichen Kontakt mit ihren Oberen und zog ihren Besitz ein. Damit nicht genug: Im November erging ein königliches Edikt, mit dem Ludwig den Jesuiten einen Treueeid auf sich, den König, abverlangte, den keine Handvoll der vielen Jesuiten, die in Frankreich und den Bourbon-dominierten Gebieten, auch in Italien, in den überseeischen Ländern lebten, ablegte. Dies nun war allerdings das (vorläufige) Ende des Jesuitenordens in Frankreich und affilierten Gebieten. Gegen solche Politik nun wetterte zu Ingolstadt Franz Xaver Friedl.
Weltpolitisch war die Antrittsrede eines Ingolstädter Professors nun sicherlich kein Großereignis, schien aber wohl den französischen „Ministern“ auf Auslandsposten eines Protestes wert. Der kam prompt von Hubert Follard ( 1709-1803), der seit 1756 (und dann noch bis 1776) am Münchner Hof akkreditiert war und der zu Ende seiner Dienstzeit als Diplomat als der beste Kenner des Kurfürstentum Bayerns und des Alten Reiches galt. Unterstützt wurde er von Louis Gabriel du Buat-Nancay (1732-1787), einem später renommierten Dramatiker, Historiker und politischen Schriftsteller , der seine Karriere als Assistent von Follard begonnen hatte ( und später „Minister“ - also Botschafter- in Dresden und Regensburg wurde). Beide Diplomaten protestierten gegen solcherart Verunglimpfungen ihres Dienstherrns, und der bayerische Kurfürst verwies Friedl – der auch innerhalb der Fakultät und der Kollegenschaft der Professoren nicht nur Freunde hatte – der Universität und des Landes.
Friedl hielt sich danach als Dozent für Kontroverstheologie in Dillingen auf . 1774 übernahm er die Pfarrei Schönberg. 1784 wurde er Stadtpfarrer von Dillingen, starb aber nur wenige Monate nach seiner Instituierung.
Urban hatte, wie gezeigt, seinen Lehrstuhl an Friedl abgegeben und das Amt des Studienpräfekten übernommen. Da nun aber sein Nachfolger vom Kurfürsten außer Landes getrieben worden war, hatte man ihn reaktiviert. Die Ordensleitung hatte ihn auf den Lehrstuhl seines Nachfolgers gesetzt, „um öffentlich die unautorisierte Polemik von Friedl zu dementieren“ „ K Faußner und R Larsson-Folger im Biographischen Lexikon der Ludwig-Maximilians-Universität). Sechs Jahre lang, bis zu Aufhebung des Jesuitenordens auch in Bayern 1773 war Urban als Dozent in Ingolstadt tätig. Wie man seinerzeit munkelte, war es Karl Theodor nicht unrecht , den Orden aufzulassen und dessen Vermögen für seine Zwecke einzusetzen. Urbans akademische Karriere aber war damit zu Ende. Das einzig bekannte Werk aus seiner Feder erschien just in diesem Jahr 1773, verlegt in Ingolstadt, die „De Benevolentia Dei infinita“ , ein Titel, der klingt wie ein gottergebener, resignierter Abschluss eines Lebens und ein Schlussstrich unter eine universitäre Aera. Kurzzeitig kam Urban bei seinem Bruder in Amberg unter, versah den Gottesdienst in Kastl, ehe er 1775 und bis zu seinem Tode im Mai 1780 als Beichtvater der Amberger Salesianerinnen wirkte.
Um gut vier Jahre hatte „der Jüngere“ Friedl den zwei Wochen vor ihm geborenen „Älteren“ Urban überlebt. Und z.B. beiden waren wohl die Jahre nach ihrem erzwungenen Abschied aus dem akademischen Leben zu Ingolstadt Last und Bürde gewesen.
