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Johann Megersheimer. Pestarzt - Stadtarzt - Leibarzt
von Gerd Treffer

Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 15 - Ausgabe Nr.175 vom 01.05.2025

Johann Megersheimer stammt aus Dinkelsbühl. Man weiß nicht, wann er dort geboren wurde. Man kennt aber sein akademisches Geburtsdatum: Am 7. August 1472 schreibt er sich an der Universität Ingolstadt ein, in deren Gründungsjahr. Er ist sozusagen ein Erstsemerster im ersten Semester, das je in Ingolstadt stattfand.

In der Artistenfakultät erwirbt er den Magistergrad. Im März 1481 wird er in deren Konzil aufgenommen. Der Erwerb des Magistergrades in der philosophischen Fakultät war Voraussetzung zur Aufnahme eines Theologiestudiums, aber auch die meisten Jura- oder Medizin-Studenten erwarben ihn. Aus diesen jungen Magistern rekrutierte sich der Großteil des Lehrkörpers der Artisten-Fakultät, denn die Promotion zum Magister Artium beinhaltete die Pflicht, anschließend zwei Jahre lang als Lehrender , als „regens“, tätig zu sein , sozusagen, das gerade Gelernte zu wiederholen, indem man es den Neuen vortrug. Davon konnte man sich entpflichten lassen – für manche aber war diese Lehrtätigkeit eine Chance, mit den Hörgeldern das Weiterstudium an einer der „höheren Fakultäten“ zu finanzieren. Bald kristallisierte sich unter diesen „lesenden Magistern“ eine Hierarchie heraus und eine Sonderklasse, die man als „konzilsfähig“ bezeichnete bildete künftig die Lehrer in den „Hauptvorlesungen“, eine Oligarchie des subprofessoralen Universitätsbetriebs. Zu dieser privilegierten Gruppe der Wissenschaftlichen Assistenten stieß Megersheimer also 1481.

Zu diesem Zeitpunkt war er bereits ein Jahr lang „Konventor“ der Drachenburse. Eine Burse war eine Mischung aus Studentenheim (Logis und Kot) und strengem Schüler-Internat (frühem Pauker-Wesen mit Nachhilfe). Meist recht junge Studenten lebten dort unter strenger disziplinarischer Aufsicht und bei akademischer Belehrung, unter der Fuchtel eines Internatsleiters, den man Konventor nannte. In Ingolstadt sind in den Anfangsjahren der Universität zehn Bursen bekannt. Einer davon , der Drachenburse, stand Megersheimer von 1480 bis 1484 vor, hatte also Kost, Logis und Bezahlung und konnte selbst weiterstudieren – in der medizinischen Fakultät.

Megersheimers Existenz an der Universität ist etwas verwirrend. Schematisch dargestellt sieht sie so aus:

1472 schreibt er sich ein und wird Magister.
1478 wird er in die medizinische Fakultät aufgenommen,
1480 wird er Konventor der Drachenburse,
1482 hält er bei den Artisten die Vorlesung Resumptio phisicorum.
1483 erfolgt seine Promotion zum Doktor der Medizin. Er erhält eine zunächst mit 55 fl. dotierte medizinische Lektur.
1484 wird er Rektor der Universität, bewirbt sich aber (erfolglos) als Stadtarzt in Frankfurt.
1489 wird er Kämmerer der Universität.
1497 endet seine Tätigkeit in Ingolstadt.

Nimmt man seine Studien-, Tutoren-, Lektoren-Tätigkeiten zusammen hat er sich in der Spanne eines Viertel-Jahrhunderts in Ingolstadt vom jungen Mann zum in Universitätsangelegenheiten erfahrenen Senior entwickelt. Und eigentlich war er Mediziner.

Über seine diesbezüglichen Fähigkeiten gibt es keine schlüssigen Erkenntnisse. Während seiner Ingolstädter Jahre hat die Pest die Stadt gleich zweimal heftig heimgesucht,1483 und 1485. Die Chroniken berichten unter Namensnennung nur von den prominenten Opfer unter den Universitätsangehörigen oder Stadtnotabeln – doch hat der „schwarze Tod“ zahllose Studenten und einfache Bürger dahingerafft. Nach einem Abflauen wütet die Pest erneute 1495 in der Stadt. Megersheimer ist zwischenzeitlich längst eine Autorität unter den Medizinern in der Stadt. Doch auch der geballten medizinischen Kunst an der Hohen Schule, der einzigen Universität in Bayern fällt kein wirksames Mittel gegen sie ein. (Zu ihrer Ehrenrettung muss gesagt werden, dass auch unter den Koryphäen an den großen auswärtigen Universitäten nur Kopfschütteln festzustellen ist und Ratlosigkeit vorherrscht). Wer kann ergreift schleunigst die Flucht – auch die Studenten und die Professoren. Der Universitätsbetrieb kommt weitgehend zum Erliegen. Erst wenn eine Zeit lang keine neuen Erkrankungen gemeldet werden, kehren die Geflohenen zurück. In den folgenden Jahrzehnten sind Flucht aus der Stadt und Rückkehr in die Hörsäle die Regel. Weder dem Rat der Stadt noch den Professoren der Medizin fiel ein Mittel gegen die Pest ein, und die Geistlichen hatten auch nur Prozessionen, Gebete und Pestgelübde anzubieten. Was man allerdings erkannte, war, dass Ballungen von Menschen, enges Zusammenleben der Pandemie wohl eher Vorschub gaben. So verzichtete man fortan auf die internatsmäßig engen Bursen, wodurch das Studentenleben nach der Pestzeit einen völlig neuen Zuschnitt erhielt.

Auch Megersheimer verabschiedete sich aus Ingolstadt und ging 1497 nach Würzburg. Er war dort ( bis zu seinem Tode 1516) Leibarzt des Fürstbischofs Lorenz von Bibra. 1510 verfasste er dort (so Helmut Zedelmaier im Biographischen Lexikon der Ludwig-Maximilians-Universität) eine kurze, ausdrücklich an den „gemainen man“ gerichtete Abhandlung über die Ursachen und Symptome der Pest mit Anweisungen für Kranke und Gesunde. Er wendet sich in seiner Schrift über die „yetzt regierende krankheyt“ auch an die „ gelerten erfarn Erzten“ und will ihnen anzeigen, was erforderlich ist und er „yeglieches gerundet und beschriben“ hat. Und wer mehr über die Pest und ihre Behandlung wissen wolle, könne ihn jederzeit aufsuchen.

Megersheimer starb 1516 in Würzburg. Vielleicht grämte ihn, dass man nicht so recht auf ihn hören wollte. Aber es dauerte noch bis die medizinische Wissenschaft der Pest auf die Spur und zu Mitteln, sie zu vernichten kam.