Johann Peter Spring - Hofmedicus, der über den Tellerrand hinaussah
Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 14 - Ausgabe Nr. 157 vom 15.10.2024
Johann Peter Spring war sicher ein großer Arzt – sonst wäre er wohl kaum Kurfürstlicher Hof-Medicus in München geworden. Als solcher tritt er ins Bewusstsein der Geschichte. Über seine Ausbildung, seinen beruflichen Weg dorthin ist nichts bekannt, außer, dass er 1724 in Geisenheim am Rhein zur Welt kam. Zum Hofarzt hatte er es schon gebracht, ehe er (1758) in Ingolstadt den Doktortitel der Medizin erwarb.
Seine Doktorarbeit lautet:
Dissertatio inauguralis medica de malo hypochondriaco.
Respondent. Praeses ist J.L. Obermayr.
Sein Doktorvater ist also Johann Leonhard Obermay(e)r (,der ältere der beiden, fast berüchtigten Bruder aus Wemding, die beide Professoren der Medizin in Ingolstadt waren).
Johann Leonhard (1721-1759) hatten in Leiden, Göttingen und Paris studiert und war 1751 in Heidelberg zum Doktor der Medizin promoniert worden. Die Ingolstädter Fakultät betrachtete den gebürtigen Bayern wegen seiner Studien außerhalb des Landes skeptisch; er wurde trotzdem noch im Jahr seiner Promotion als Professor für Anatomie und Chirurgie ordiniert; was wohl auf eine gewisse Einflussnahme aus München hindeutet.
Nun bestand, für einen Anatomen bedauerlich, damals ein Mangel an Kadavern, trotz eines Erlasses, die Leichen von Hingerichteten aus vier benachbarten Gemeinden den Ingolstädter Anatomen zu übergeben. Das verleitete Joseph Anton (1734-1771), der 1752-1756 an der Universität studierte (und anschließend) mit einem Kurfürstlichen Stipendium auf große Bildungsreise und dem großen Bruder als Prosector zur Hand ging, wegen dieses zeitweiligen Mangels an Material auf dem Friedhof eine Kinderleiche auszugraben, was bekannt wurde und das Missfallen der Medizinprofessoren und des Eichstätter Bischofs hervorrief. Den Anfeindungen entging der Ältere, der Professor, dank seiner Ernennung zum Kurfürstlichen Leibarzt. In München wurde eigens für ihn ein anatomisches Theater zur Ausbildung junger Ärzte errichtet. 1754 kehrte er nach Ingolstadt auf dem Lehrstuhl für Anatomie und Philosophie zurück, 1758 übernahm er zu dem die Vorlesungen für Pathologie und Gerichtsmedizin. In diesem Jahr wurde Spring wie gesagt unter seinem Vorsitz Doktor der Medizin und Chemie.
Im Wintersemester 1758/59 lehrt Spring dann im Geiste des großen Hermann Boerhaave neben Medizin und Chemie auch Pathologie, Semiotik, Hygiene und Therapie. In seine Ingolstädter Zeit fällt eine Disputation, der er nun seinerseits vorsteht.
Dissertatio inauguralis medica de Phosphoro Anglicano Chymice ac Medice Considerato, in qua tuta ac mire efficax ejusdem in Corpus humanum assumpti virtus medica adstruitur quam auspice deo propritio in Alma Catholica & Electorali Universitate Ingolstadiana preside Praenobili, Excillentissimo ac Clarissimo viro D. Joanne Petro Spring philae, ac Med. Doct. Serenis. Elect. Bavar. Consiliar & Med. Aulico Actuali, Praxeos General ac Method. Melendi, Uti & Chymiae tam Theoricae, quam Practicae Profefs. Publ. & Ordin. saluberrimae facultatis Medical p.t. Decano Spectatissimo, nec non Academiae Electoral Bavar. Scienciarum Membro ordinario Fantore ac Promotore aestimatissimo Exantlantis de Rigore Examimibus, Pro Grado Doctorali summisque in Medicina Honoribus & Privilegiis legitimis impetrandis, publicae Eruditorum Disquisitioni Subjicit. Franciscus Josephus Kikinger, Pfarkirchensis Bojus, Medicinae Licentiatus, In Aula Academica Majore hora consueta Mense Julio 1759 Cum Facultate Superiorum.
Zum nächsten Wintersemester konnte Spring auf eigenen Wunsch hin, seinen Ingolstädter Lehrstuhl eintauschen und wurde so zugleich Leibmedicus am Kurfürstlichen Hof und Münz- und Bergrat am Bergwerkskollegium.
1759 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Bayerischen Akademie der Wissenschaft.
Er widmete sich nun (einerseits) chemischen Versuchen wie der Gewinnung von Erdöl aus alkoholischen Salzlösungen. Davon zeugt beispielsweise eine in den Abhandlungen der kurfürstliche baierischen Akademie der Wissenschaften abgedruckte Schrift.
Johann Peter Springs „Der Arzneywissenschaft Doctor, churfürstlichen Münz- und Bergraths, auch Hofmedici, Abhandlung von Erzeugung der bisher noch unbekannt gewesenen Naphtha aus dem gemeinen Kochsatz“ – in den Abhandlungen der kurfürstlich bayerischen Akademie der Wissenschaften 1765.
Andererseits nahm er als Mitglied des Medizinalgremiums an den brennenden medizinischen Fragen seiner Zeit und seines ursprünglichen Fachbereichs führend Anteil, wie seine den Pocken gewidmete Akademierede zeigt.
„Akademische Rede von einem der Inokulation entgegengesetzten neuen Rettungsmittel in und vor der Blätterkrankheit...“ – so der Titel, dann der ruhmvolle Anlass:
„Welche an dem höchsten Namensfeste seiner Churfürstlichen Durchleucht in Baiern im akademischen Saale gehalten wurde, von Johann Peter Spring, Churfürstlicher Leibmedicus, München, dem 11. Oktober 1770...“. Und für Interessenten:
„Zu haben bei Joh. Nepomuk Fritz, Buchhandler nächst dem schönen Thurme.“
Als Vertreter der Humoraltheologie – so Wolfgang Locher im Biographischen Lexikon der LMU – „lehnte er die Pockenimpfung durch Inokulation von Pustelinhalten als zu risikoreich und widernatürlich ab und glaubte, mit einer zur rechten Zeit eingenommenen Mischung aus Rhabarber, Glaubersalz und Quecksilber eine lebenslange Immunität zu erzielen.“
Es bleibt: Spring gehört zu einer Generation von Forschern, die die medizinische Fakultät mehr und mehr als „naturwissenschaftliche Fakultät“ betrachtet und ihre Hilfswissenschaften als ernst zu nehmende Forschungsfelder begreift: 1754 hatte man an der Ingolstädter Universität auch einen Lehrstuhl für Botanik und Chemie eingerichtet, deren erste Inhaber Joseph Anton Carl (1725-1799) und Spring waren (wie Andreas Kraus in seinem Werk über die naturwissenschaftliche Forschung an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften im Zeitalter der Aufklärung (München 1978) schreibt. Für Christa Habrich repräsentierte besonders Carl (aber es gilt nicht minder für Spring) „den Typus des nach dem Ideal der Enzyklopädisten vielseitig gebildeten modernen Mediziners, der sich an der französischen Schule und nicht mehr an der italienischen Tradition orientiert...“
Spring starb 1773 in München.
