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Kosmas Damian Klosner – zum Priester bestimmt, zum Arzt für die einfachen Leute geworden.
von Gerd Treffer

Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 16 - Ausgabe Nr.213 vom 15.02.2026

Kosmas Damian Klosner stammt aus einer Familie, die väterlicherseits musisch angehaucht und mütterlicherseits wirtschaftlich gut unterfüttert ist. Der Vater, Joseph Klosner, ist Hofmusiker in München, die Mutter, Maria Ludovica, geborene von Midan die Tochter eines Salinenvorstehers in Bad Reichenhall: Beste Voraussetzungen also für eine akademische Karriere eines Sprösslings, der am 18. Januar 1721 in der Haupt- und Residenzstadt München zur Welt gekommen ist. Für so einen liegt natürlich (nach den üblichen und vorgeschriebenen grundlegenden Studien bei den Artisten) eine solide Ausbildung bei den Juristen nahe – oder aber bei den Theologen: Domherrn, Kanoniker, Stadtpfarrer, Landpfarrer, Äbte, Verwalter haben in Baiern immer und in vielen Bereichen Konjunktur.
Hierzulande regiert Max Emanuel, der Blaue Kurfürst. 1726 folgt ihm Ferdinand Maria. Es ist die Zeit der Asam-Brüder, die in halb Baiern das Beste schaffen, was Barock- und Rokokokunst hervorzubringen vermag und die in Ingolstadt mit dem Oratorium Maria de Victoria (1732 – 1736) einen Schluss- und Höhepunkt ihres Schaffens und Könnens setzen. Es ist die Zeit des Effner, des Cuvillés. München blüht und wandelt sich von der Stadt der Neu-Veste zur Stadt der Paläste. Als Francois Cuvilliés d.Ä. den Innenausbau der Amalienburg im Park des neuen Schlosses Nymphenburg für die Kurfürstin dieses Namens vollendet, schließt Kosmas Damian Klosner (während Cosmas Damian Asam stirbt), seine Gymnasialzeit in München ab.

Er kommt zu „philosophischen Studien“ ins Lyceum von Freising , wo die höchsten baierischen kirchlichen Autoritäten residieren und besucht gleichzeitig theologische Vorlesungen. Kosmas Damian Klosner ist des Glaubens, zum klösterlichen Lebens berufen zu sein. Er wählt den Dominikanerorden, tritt ihm in Augsburg bei, studiert in Dillingen und erneut in Freising Theologie.
Dann, nach rund sechs Jahren der Vorbereitung auf eine geistliche Laufbahn, beendet er, aus heute nicht bekannten und wohl nicht mehr erforschbaren Gründen, sein auf den Priesterberuf orientiertes Studium.
(Wolfgang Locher fügt im Biographischen Lexikon der Ludwig-Maximilians-Universität an, diese Abkehr sei „plötzlich“ erfolgt.)

Klosner schreibt sich zum Studium der Medizin in Ingolstadt ein. Drei Jahre später (1749) wird er Doktor dieses Faches. Für zwei Jahre geht er dann nach Straßburg – damals für die Mediziner aus Ingolstadt ein offenbar begehrter Studienort im Ausland: Auch der jüngere der (Mediziner und) Brüder Obermayer (Joseph Anton), die dem kurfürstlichen Hause offenbar nahestehen, ist (um 1756) dorthin gezogen.

Nach der Rückkehr nach München erhält Klosner die Arztstelle am Hofkrankenhaus in Giesing, später am Josephsspital, einer der größten Krankenanstalten der Hauptstadt, zu der Zeit, da von der kurfürstlichen Obrigkeit nicht nur erkannt, sondern auch zunehmend akzeptiert wird, dass, ärztliche Fürsorge auch den einfacheren Volksschichten zu verabreichen, ein Gebot auch der politischen Vernunft sei. Und dazu brauchte es neue Ärzte wie in Ingolstadt den älteren der Obermayer-Brüder (Johann Leonhard).
1759 wird Klosner unter der Titulatur ordentlicher Professor der medizinischen Praxis und Landschaftsphysikus des Ingolstädter Bezirks an die Landesuniversität berufen. Zu seinem Lehrgebiet gehört die Rezeptier- und medizinische Formellehre. Schließlich geht es auch darum, was man den einfachen, des Lesens und Schreibens unkundigen Menschen „aufschreibt“ - und wie man solches sinnvollerweise „verordnet“.
(Noch nach dem Zweiten Weltkrieg war es in Bayern Sprachgebrauch, sich „vom Arzt etwas aufschreiben zu lassen“, wenn man ein Medikament brauchte – das erforderte vom Arzt die Kunst des Verordnens, nun war zu Klosners Zeit nicht unbedingt gesichert, dass alle Ärzte so wirklich recht mit der Verordnung, dem „Aufschreiben“ (vielleicht nicht einmal dem blanken „Schreiben“) zu recht kamen, insoweit war sein Lehrgebiet darauf ausgerichtet, die praktische Ausbildung zu fördern, während der Kollege Joseph Anton Obermayer die Grundlagen der Anatomie und Chirurgie lehrte, aber auch bereits auf die Praxisseite umgeschwenkt war. Als noch junger Prosector (also jemand, der dem Professor assistierte, wenn er zu Übungs- und Demonstrationszwecken an Leichen die menschliche Anatomie vorführte) hatte er seinerzeit (wohl 1752,1753) für seinen großen Bruder - als ein gewisser Kadavermangel bestand, obwohl vier umliegende Kreise per Regierungserlass verpflichtet worden waren, die Leichen von hingerichteten Verbrechern an die Ingolstädter Anatomen zu liefen) eine Kinderleiche auf dem Friedhof ausgegraben, um für Autopsien Studienmaterial zu beschaffen.
Man mag sich fragen, ob solch spektakuläre Aktionen der jungen Mediziner in Ingolstadt (die Ausgrabung einer Kinderleiche auf dem Ingolstädter Friedhof hatte durchaus hohe Wellen geschlagen) nicht in der späteren Nachbetrachtung dazu geführt haben könnten, dass Mary Shelley (1818) ihren Frankensteinroman ausgerechnet in Ingolstadt ansiedelte. Die Ausbildung junger Ärzte direkt am Krankenbett, das Kümmern um Leute in Armen-Quartieren hatte etwas Revolutionäres, ein Ungestümes, das den aufgeklärten Spitzen der Verwaltung nicht unwillkommen ist. An der Spitze des Staates, bei Hofe, in der Ministerialbürokratie sind solche Initiativen willkommen. Für den älteren Obermayer hatte man, nach dem Kinderleichen-Skandal, um ihn vor dem Klerus und der empörten Kollegenschaft in der medizinischen Fakultät zu schützen, sogar in München ein eigenes Theatrum Anatomicum gebaut, um junge Ärzte auszubilden, dann hatte man ihn unter kurfürstlichem Schutz wieder zurück an Universität Ingolstadt geschickt.

1788 werden Klosner die „gerichtsmedizinischen“ Vorlesungen übertragen. Das praktische Kollegium hingegen fällt dem Heinrich Palmatius Leveling zu, den heute Medizinhistoriker als den Superstar der Ingolstädter Medizinfakultät betrachten, der eine „medizinische Ortsbeschreibung“ Baierns erstellte und aus der hervorgeht, dass Ingolstadt vielfältige soziale Einrichtungen aufweist: ein Waisenhaus, ein Bürgerspital, ein Krankenhaus , zwei Apotheken, sieben Ärzte plus fünf Professoren der Medizinischen Fakultät und je einen Garnisons- und Stadtarzt.
Mit Levelings Auftauchen, dem Überflieger der Medizin an der Universität, dem (schreibt Locher) 1789 das erste Klinikum der Stadt (und die Ausbildung junger Ärzte am Krankenbett) zu verdanken sei, ist der Wegbereiter Klosner (sind seine Vorreiter) „abgelöst“, sozusagen „abgewickelt“.

Dreimal war Klosner zwischen 1762 und 1772 Dekan der medizinischen Fakultät, zweimal war er (1762 und 1772) Rektor der Universität. Bemerkenswert: in den universitätsinternen Auseinandersetzungen 1773 – 1776 stand er auf Seiten der Ex-Jesuiten, offenbar in der Strömung jener, die Wissen und Können vor persönlichen Ehrgeiz und Gewissensterror setzten.

1789 kam die Französische Revolution.
Entgegen der landläufigen Schulmeinung waren die Jesuiten eben gerade nicht die sturen Verteidiger des alt-Hergebrachten , sie waren die „Speerspitze“ des alten Glaubens, indem sie ihn zu reformieren, zu erneuern suchten und dazu auch die Wissenschaft und ihre Methoden neu zu definieren suchten. Und jene, die sie mit Acht und Bann belegten, die die Zeichen der Zeit, der Aufklärung und der Enzyklopädie nicht erkannt hatten, hatten es bitter zu bereuen.

Kosmas Damian Klosner, der aus der Zeit des Barock und Rokoko herausgewachsen nun die Stürme erlebt hatte, von denen Goethe unter den Flügeln der Mühle von Valmy sagen würde, von hier und heute ginge eine neue Zeit aus (und manche könnten sagen , sie seien dabei gewesen), hatte sie vielleicht kommen sehen: Ihre Auswirkungen konnte er nicht mehr erleben.
Kosmas Damian Klosner starb am 12. Februar 1792 in Ingolstadt.