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Löscher, Abraham, Multitalent. Zum 450 Todestag
von Gerd Treffer

Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 15 - Ausgabe Nr.173 vom 15.04.2025

Kein Zweifel, der Mann ist vielseitig begabt.

Er beherrscht die klassischen Sprachen, übersetzt Pausanias Geschichte der Griechen und zwar ins Lateinische.
Er unterrichtet Poetik, ist Dichter und Schriftsteller. Die nachgeborenen Kunstbetrachter billigem ihm „große Stärke in der Dichtkunst“ zu.
Er ist Doktor beider Rechte, aber nicht nur so ein Verfasser gelehrter juristischer Traktate, er praktiziert das Recht tatsächlich und ist Beisitzer am Reichsgericht in Speyer.
Er ist Verwalter, denn er wird Rechtskonsulent, übt also eine Tätigkeit aus, die Elemente des Rechtsberaters und des Stadtrechtsrats umfasst – und dies in einer Stadt von der Bedeutung Nürnbergs, in der er offenbar Wurzeln schlägt, sodass seine Kinder und Enkel dort in seine Fußstapfen treten.
Der Lebenslauf lässt einen Mann vermuten, dem intellektuelle Qualität nicht abzusprechen ist, der als Verfasser von Gedichten eine schöngeistige Ader vermuten lässt, der in persönlich-politischen Beziehungen zu empathischen Regungen fähig ist, sich aber, in späteren Jahren, auch im harten juristischen Tagesgeschäft zurechtfindet und sich Ansehen und Respekt in einer anspruchsvollen Stadtgesellschaft zu verschaffen versteht.
Im Nachruhm: Die Allgemeine Deutsche Biographie bezeichnet ihn als „Humanist und Rechtsgelehrten“ und an anderer Stelle als „Polyhistor““.

Es steht fest: Er starb in der Reichsstadt Nürnberg (und zwar am 30. April 1575).

Dies nur, weil Disput besteht, wo er zur Welt kam. Nach einigen Biographen soll er in Zwickau geboren sein. Dem widerspricht er sozusagen selbst: In einem Widmungsgedicht zu seinen in Basel (mutmaßlich 1551) erschienen „Threnien“ nennt er Meißen als seinen Heimatort und beschreibt dort auch seinen Werdegang: Mit zwölf Jahren sei er nach Zwickau zur Schule gekommen. Ohne nun hier (post mortem) die Frage entscheiden zu wollen, scheint ein Vorschlag akzeptabel: in Meißen geboren, mit der Einschulung in Zwickau zum Menschen geworden.

Wie man der alten Allgemeinen Deutschen Biographie entnehmen kann, gehörte Löscher einer sächsischen Familie an, aus welcher “tüchtige protestantische Theologen hervorgegangen“ sind. Das scheint auf Abraham abgefärbt zu haben. Als er in schwungvollen Distichen den Kampf („Monomachie“) Davids mit Goliath beschrieben, also verdichtet, hatte und in Basel bei Oprin (wohl 1551) veröffentlichte, widmete er das Werk dem sächsischen Hofprediger Stolz. Das Alles klingt nach recht protestantischer Gesinnung. Und erscheint kurz ehe Löscher an die lupenrein katholische Universität Ingolstadt kommt, die Universität des Professor Eck.

Noch ein Mosaiksteinchen: In den genannten Threni (seu lamentationes Iremie prophetae, wie gesagt, wohl 1551 erschienen) sprach Löscher in wohl-gewählter Dichtung nach der Niederlage von Mühlberg den Söhnen des geschlagenen Kurfürsten Johann Friedrich Trost zu.
(Zur Erläuterung, da sich außer einigen Historikern kaum jemand zur Schlacht bei Mühlberg einen Knopf ins Gedächtnis gemacht hat: In der Schlacht bei Mühlberg , 24. April 1547, besiegte das Heer Kaiser Karls V. die Truppen des Schmalkaldischen Bundes. Der Führer des protestantischen Bundes, Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen geriet in Gefangenschaft. Die protestantischen Truppen hatten sich von Meißen her auf dem Weg zu den gut befestigten kursächsischen Städten Torgau und Wittenberg befunden, die sie nun nicht mehr erreichten.
Vermutlich war Löscher damals in der Nähe. In Wittenberg. Denn nach seinem Schulbesuch in Zwickau war er an die Universität Wittenberg gekommen. Und, um dies nicht zu übersehen : Die Niederlage von Mühlberg beendete den Krieg zwischen der kaiserlichen Partei und den protestantischen Reichsfürsten. Die Wittenberger Kapitulation (19.Mai 1547) beschließt den schmalkaldischen Krieg. Johann Friedrich verliert die Kurwürde und große Teile seiner Länder).
Es scheint, dies war ein Grund für Löscher, den Söhnen des Geschlagenen Mut zuzusprechen - und dem Land seiner Herkunft den Rücken zu kehren und – anderswo – zu studieren. Eine Universität mit protestantischer Anmutung bevorzugt.

1548 schrieb sich Löscher an der Universität Basel ein. Dort erwarb er (mutmaßlich) auch den Magistergrad. Zumindest konnte er ihn vorweisen, als er sich am 19. Juli 1551 in Ingolstadt immatrikulierte.

Die Frist zwischen Löschers Aufnahme in Basel und einer dort erworbenen Magister-Eigenschaft scheint in der Tat kurz und geht vermutlich auf die Anerkennung vorhergegangener Studien in Wittenberg zurück, was man aber in Ingolstadt als eher abwegig betrachten mochte.
Wenn Christoph Schöner – im Biographischen Lexikon der Ludwig-Maximilians-Universität - überlegt, ob das Geburtsdatum (1520) Löschers kompatibel mit einer Magistereigenschaft (1551) ist, scheint dies im Kern nicht erheblich, ist aber ein wichtiger Verweis darauf und bezeichnend dafür, dass umgehend Zweifel an Löschers ehelicher Geburt erhoben wurden. Ein seinerzeit unfehlbares Todschlags-Argument, wenn man schon jemand nicht der Falschgläubigkeit überführen konnte, war man bemüht, ihn als unehelichen Bastard zu stempeln. Dem Vorwurf war Löscher 1522 und juristisch wirksam 1553 ausgesetzt.


Wie auch immer: Nach seiner Ankunft in Ingolstadt 1551 wird ihm unverzüglich die gerade unbesetzte Griechischlektur, die aus Mitteln der Artistenfakultät finanziert ist, übertragen. Schließlich hatte er schon in Basel mit der Übersetzung der Beschreibung Griechenlands von Pausanias seine Befähigung dazu belegt ( Pausanias. De tota Graecia libri decem, Basel 1550).

Allerdings nährte man, wie gesagt, in Ingolstadt „Zweifel an seiner ehelichen Geburt“ und dann „an seiner katholischen Gesinnung“. Man hat gelegentlich einen schweren Stand angesichts der an Universitäten so beliebten Intrigen. Löscher wurde dennoch ins Konzil der Artistenfakultät aufgenommen und 1556 und 1556/1557 zum Dekan der Fakultät bestimmt. Zuvor hatte er die beiden Lekturen (1554) – Griechisch und Poetik – gegen die mit 80 fl. dotierte universitäre Poetiklektur eingetauscht, und - statt sich aufzureiben - lieber selber noch ein Fachstudium angehängt. So promovierte er 1558 zum Doktor beider Rechte – und verließ die Universität.

Da bleiben noch ein paar Kleinigkeiten zu klären. Etwa: von wem er die Poetiklektur übernahm. Schöner meint, er habe sie nach dessen Tod von Professor Gotthard übernommen. Das mit dem Tod kann nicht ganz stimmen, da Wolfgang Gotthard in Ingolstadt erst 1564 starb, wohl aber 1551 (und das würde genau hinkommen) die Poetiklektur aufgab und sich anderen Aufgaben zuwandte, wozu übrigens das Amt als Rat der Stadt Ingolstadt gehörte.
Die Allgemeine Deutsche Biographie mutmaßt, er habe die Poetik von dem Humanisten und gekrönten Laureaten Johannes Lorichius übernommen – der aber hatte sich tatsächlich – ebenfalls zum Doktor der Rechte vorgedrungen – von der Universität verabschiedet.

Wie erwähnt war Löscher nach seinem Abgang von der Universität dann zu Speyer am Reichskammergericht - als Beisitzer – tätig. 1565 wechselte er dann nach Nürnberg als städtischer Rechtsconsulent. „In welcher Eigenschaft er – so die ADB – im 56. Jahr seines Alters mit Hinterlassung von Frau und Kindern das Zeitliche segnete“ und in Nürnberg bestattet wurde. Die in „Roetenbeccii monumentis“ wiedergegebene Grabinschrift bestätigt, er sei ein „vir pietate, integritate vitae,iurium, linguarium, historie et poesos cognitione praestantissimus“ gewesen.
Sein Sohn Johann Erich, Doktor der Rechte und Sachwalter von Nürnberg, wurde 1589 unter die „Genannten“ des Großen Rates aufgenommen, und dessen Sohn Johannes Wolfgang, Ratsschreiber, wurde 1631 ebenfalls Mitglied des Äußeren Rates.