Raymund Bellosier – zum 300. Geburtstag
von Gerd Treffer
Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 16 - Ausgabe Nr.207 vom 01.01.2026
Raymond Bellosier hatte etwas kometenhaftes, tauchte kurz an unterschiedlichen Orten auf, vorwiegend solchen, an denen die Jesuiten Niederlassungen und damit Bedarf an geschulten Lehrkräften hatten und zog weiter zur nächsten Aufgabe.
Am 22. November 1724 war er in Augsburg zur Welt gekommen. Knapp 20-jährig war er in den Jesuitenorden eingetreten und hatte das Noviziat in Landsberg absolviert. Das Magisterium führte ihn an die Kollegien in Landshut (1748/1749) und Rottenburg (1749/1750).
Ingolstadt sah ihn dann etwas länger. Vier Jahre immerhin musste er hier (1750 bis 1754) ausharren, um Theologie an der Bayerischen Landesuniversität zu studieren.
Dann begann sein Hoping von einem Jesuitenkolleg zum nächsten. Er lehrte in raschem Wechsel in Hall, Altötting, Brieg, Feldkirchen, wieder in Hall, dann in Fribourg und schließlich 1761 in Landshut. Sieben Ortswechsel in sieben Jahren. Das heißt: siebenmal den Reisesack mit all den wenigen Reichtümern packen, die man mit sich trägt: „Omnia mea mecum porto“ – der wahre Besitz liegt in den eigenen Fähigkeiten und den eigenen charakterlichen Eigenschaften. Cicero hat den Spruch dem griechischen Philosophen Bias von Birene zugeschrieben, einem der sieben Weisen, aus Anlass der Flucht aus seiner Heimatstadt. Seneca hat ihn (später) dem Philosophen Stilpon nach der Zerstörung seiner Stadt Megara zugeschrieben, in der Variante „omnia mecum sunt“. Eine wieder andere Variante lautet: „Sapiens omnia sua secum portat“: Der Weise trägt das Seine mit sich – eine präzise auf Bellosier zutreffende Sichtweise. Dennoch: sieben Abschiede von Männern, mit denen man in den Kollegien das Leben teilte, sieben Abschiede von Schülern, denen man etwas geben wollte und vielleicht konnte – vor denen man nicht nur dozierte, sondern mit denen man kommunizierte, Kommunio pflegte. Sieben Ankünfte in neuen Orten. Auspacken des wenigen Materiellen, Mitgeschleppten und Ausbreiten des immateriell Mitgebrachten vor neuen Schülern, die Integration in einem neuen Konvent von ansässigen Ordensleuten...
Das bedarf einer robusten Natur.
Ein Schreiber eines historischen Romans könnte hier wort- und bilderreiche Ereignisse aus eines wandernden Mönches Leben von Kloster zu Kloster erfinden – er würde sich Szenen der Eifersucht der Alteingesessenen gegenüberüber dem Neuankömmling ausmalen, diesem vorpreschenden akademischem Dynamiker, der die kontemplative Besinnlichkeit stört, aber Novizen, die hin- und hergerissen sind zwischen Gott und der Welt und dem Wagemut des Denkens des Neuen.
Ein solcher Schreiber würde sich nur in der Zeit irren: Bellosier wandert längst nicht mehr im Zeitalter des „Namens der Rose“.
Bellosier lebt in der Zeit des ausklingenden, aber mächtigen Absolutismus – der phänomenalen Kunstwerke des Barock – der aufstrebenden Aufklärung – der neuen Wissenschaft – der Gründung gelehrter Gesellschaften und einer europäischen Akademiebewegung. 1758 hatte Johann Georg Lori die Baierische Gesellschaft gegründet, aus der 1759 durch Kurfürstliche Entschließung die Churbaierischen Akademie der Wissenschaft erwuchs. Dieses Lori war mit Johann Georg Weishaupt dem großen Ickstatt nach Ingolstadt gefolgt, der die Landesuniversität reformieren, für die neue Zeit fit machen soll – Ickstatt ist Patenonkel des jungen Weishaupt, Johann Adam, der 1776 den Geheimbund der Perfektibilisten gründet, der als Bund der Illuminaten weithin berühmt wird (allerdings weniger akademisch ausgerichtet war und politisch Wirkung entfalten sollte).
Bellosier ist längst an die steten Ortswechsel, sein Kometenleben, gewöhnt. 1762 leuchtet er (kurzzeitig) erneut in Ingolstadt auf. Er übernimmt zwar eine Professur für Kasuistik in Ingolstadt, beginnt aber noch im selben Jahr Rhetorik in Fribourg zu unterrichten.
Und wieder zieht er – in gleicher Funktion – davon und lehrt
- 1763/1764 in Landshut,
- 1764/1756 zu Burghausen,
- 1767/1770 in Amberg, wo er sich als Dichter entfaltet, wovon gleich noch zu reden sein wird; dann lebt er
- 1770/1772 in Straubing und schließlich
- 1772/1773 in Mindelheim.
In diesem Jahr hebt der bayerische Kurfürst den Jesuitenorden auf.
Als offenbar vielseitig begabter Mann stellte sich Bellosier auch in die Tradition der Jesuitendichter (ohne die, wie es Karl Bosl einmal formulierte, bayerische Theatergeschichte nicht denkbar wäre) ohne die Klasse eines Balde oder eines Biedermann zu erreichen, die mehr als hundert Jahre zuvor einen Höhepunkt erreicht hatten. Das Jesuitentheater hatte sich bis in Bellosiers Zeit hinein fortgesetzt, in Qualität und Anspruch recht unterschiedlich, aber mit dem durchlaufenden Merkmal der Lust und Neugier der Jesuiten auf neue Formen und Stoffe, sie auszuprobieren, damit zu irritieren, zu provozieren. So wurden sie ganz natürlich auch zu Kommunikatoren und Propagandisten. Bellosier, Lehrer der Rhetorik mußte einfach daran Interesse haben und Gefallen finden – obzwar er erst spät zum Theater fand und zwei Schauspiele in deutscher Sprache schrieb.
„Marcus Fabius, der Sohn des Quintus Fabius Maximus“ (Amberg, 1768) und
„Kaiser Leo IV., mit dem Zunahmen Philosophus, das Muster eines weisen Regenten“ (Amberg, 1769).
Dass beide Werke zu den angegeben Daten aufgeführt wurden, vermerkt Dominicus Mettenleiter in seiner Musikgeschichte der Oberpfalz (zugleich dem II. Band der Musikgeschichte Bayerns), die 1867 in Amberg erschienen ist (S. 103).
Über das Leben des Raymond Bellosier nach der Aufherbung des Ordens ist nichts bekannt, obgleich er noch 24 Jahre zu leben hatte, glaubt man dem Biographischen Lexikon der LMU, das ihn 1797 „vermutlich in Regensburg“ sterben lässt.
