Sebastian Heiß - Streiter und Historiker
von Gerd Treffer
Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 15 - Ausgabe Nr.185 vom 15.07.2025
Sebastian Heiß ist ein bayerischer Schwabe. 1571 in Augsburg geboren.
Im Oktober 1591 tritt er dem Jesuitenorden bei. Spätestens fünf Jahre später ist er in Ingolstadt nachweisbar. Denn er unterrichtet („aushilfsweise“) an der philosophischen Fakultät. 1599 wird er in der Matrikel als Magister und als Philosophieprofessor genannt.
Vorübergehend verirrt er sich 1607 nach Dillingen, kehrt aber zum Jahresende 1609 nach Ingolstadt zurück, in akademischen Begriffen aufgestiegen in die höheren Sphären, denn nun ist er Professor der theologischen Fakultät.
Ohne Zweifel ist Heiß ein eifriger Sucher, fleißiger Forscher und fruchtbarer Schreiber. Er trägt ein überaus umfangreiches Werk zusammen. Walter Popp verzeichnet in seiner Dissertation ( über Philosophie und Medizin in Ingolstadt ), in der er die Ingolstädter Professoren der Artistenfakultät von 1560 bis 1640 schildert und ihre Werke auflistet, 25 Druckwerke von Sebastian Heiß, beginnend mit der „Disputatio theologica de vera Christi in terris Ecclesia“ von 1600, die 1610 eine Ingolstädter Ausgabe bei Sartorius erfährt, bis hin zu „De tripoli baptismo“ von 1613, die eine spätere, posthume Edition im Jahre 1638 erfährt, aber ebenfalls aus Ingolstadt stammt.
Karl Faßner und Robert Larsson-Folger heben (im Biographischen Lexikon der Ludwig-Maximilians-Universität) vor allem seine „kontroverstheologischen Disputationen und Invektiven gegen protestantische Polemiker hervor“ und fügen an, dass gerade diese seine „hohe Reputation begründeten“. Als typisches Werk dafür werden Heiß‘ „Volumen acatholicorum XX. articulorum confessionis augustanae“ bezeichnet, die 1608 in Dillingen zum Druck kamen (,wo er sich, wie oben geschildert, in dieser Zeit aufhielt). Dieses „Volumen“ und andere seiner Schriften übersetzte sein jesuitischer Ordenskollege Konrad Vetter ins Deutsche, damit es – abgesehen von den lateinkundigen Gelehrten – auch andere (zwar nicht unbedingt das gemeine Volk, aber vielleicht Beamte, Hofbedienstete und sonstige des Lateinischen unkundige Zeitgenossen, die nicht bereit waren, zuzugeben, dass ihnen dieses lateinische Geschreibsel irgendwie fremd und schwierig geblieben war) zu lesen, und günstigenfalls zu verstehen und würdigen vermochten. Übersetzt lautet der Titel der Volumen dann „Behobelung des unkatholischen Pabsttums“ und wandte sich vor allem gegen den Tübinger Jakob Heilbrunner.
Nun darf man sich nicht unbedingt wegen der Verwendung von fachsprachlichen Begriffen wie „Kontrovers -Theologie“, „Disputationen“ ,und „Invektiven“ eine unflätige Beschimpfungsorgie vorstellen. Auf höherem (akademischem) Niveau ging es dabei durchaus um ein Florettfechten mit Argumenten, obgleich man zugeben muss, dass selbst unter Geistlichen gelegentlich ein rustikaler Ton herrschte, der auf landwirtschaftliche Sprachbilder zurückgriff, etwa wenn Luthers Partei den Ingolstädter Widersacher Professor Eck als die „Sau aus Ingolstadt“ bezeichnete. Nicht zuletzt mit den Jesuiten aber zog dann ein anderer sprachlicher und intellektueller Stil in die immer noch „kontrovers“ geführte Debatte ein.
Von 1609 , dem Zeitpunkt von Heiß‘ Rückkehr nach Ingolstadt, stammt ein weiteres bedeutendes und speziell auf seinen Orden reflektierendes – als sammelndes und systematisierendes opus typisch jesuitisches – Werk: „ Ad aphorismos doctrinae ievsitarum aliquorum pontificorum , ex dictis ,scriptis actisque publicis collectos . Eine Sammlung sozusagen von bon-mots , von guten Worten , von Argumenten, die man sich zu Gemüt und Geiste führen sollte, um über die wesentlichen Dinge des Lebens nachzudenken .
Darüber hinaus war Heiß ein echter Historiograph, ein Sammler von vergangenen Fakten. Seine Biographen bestätigen ihm eine breitgefächerte historische Forschung, die in sein Werk ebenso einging wie deren Erkenntnisse von seinem Ordensbruder, dem großen Jesuitendichter Jakob Gretser genutzt wurden.
Gretser war 1586 nach Ingolstadt gekommen, 1588 Professor geworden. 1592 war er an die theologische Fakultät gewechselt, wo er zunächst den berühmten Gregor von Valencia (den „doctor doctorum“ – wie man ihn nannte, da er eine ganze Generation Gelehrter („doctores“) für Deutschland heranbildete) als Fachvertreter der scholastischen Theologie unterstützte.
1609 wechselt Gretser dann zur Moraltheologie - und Heiß kommt als sein Professorenkollege an die theologischen Fakultät Ingolstadt zurück (ohne jede Frage: an eine der führenden Theologie-Anstalten unter allen Universitäten der seinerzeit bekannten Welt).
Für Gretser waren dies Jahre intensiver schriftstellerischer Tätigkeit. Er trat – literarisch und rhetorisch hoch begabt - mit einem breiten, gegenreformatorisch angelegten Schrifttum vor die Welt. Um ihm dafür mehr Raum und Zeit zu verschaffen, wurde er 1605 – 1609 (und später erneut: ab 1616 ) von Vorlesungen entpflichtet.
Seine größte (Breiten-)Wirkung erzielte Gretser mit seinen Dreh- und Regiebüchern für das Jesuitentheater. 23 seiner Stücke wurde an Bühnen in Süddeutschland und in der Schweiz aufgeführt, darunter Stücke mit Legendengeschichten von Lokalheiligen. Man mag sich vorstellen, wie Gretser und Heiß im Ingolstädter Konvikt die Köpfe zusammenstecken: Der eine berichtet von seinen historischen Forschungen, der andere von seinen Überlegungen, wie man das Schul-Theater in den Dienst der Verkündung des Glaubens stellen könne; beide dabei (fröhlich) nachsinnend, welch dramaturgische Effekte, wie Weihrauchnebel, Donnerschläge, von der Kirchenkuppel herabschwebende Tauben man einsetzen könnte, um die Leute zu beeindrucken …
Schon im Sommer 1613 zwingt Heiß eine Krankheit zur Aufgabe seiner Lehrtätigkeit.
Mit nur 43 Jahren stirbt er am 20.Juli 1614 in Ingolstadt.
