Sie nannten ihn Stiwa. Zum 100. Geburtstag des ehemaligen Ingolstädter Oberbürgermeisters
von Gerd Treffer
Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 15 - Ausgabe Nr.181 vom 15.06.2025
1925 in München geboren jährt sich heuer am 27. Juni der Geburtstag von Otto Stinglwagner zum 100. Mal.
Von 1966 bis 1972 war er Oberbürgermeister der Stadt Ingolstadt – nach dem legendären Josef Strobl wird er als der zweite SPD – OB der Nachkriegszeit wahrgenommen.
Am 24. Mai 1995 verlieh ihm – zu seinem 70. Geburtstag und in Anerkennung seiner Verdienste um die Stadt – der Ingolstädter Stadtrat die Goldene Bürgermedaille.
Seiner Tätigkeit als Oberbürgermeister war ein zehnjähriges Wirken, zunächst als „Juristischer Staatsbeamter“ am Landratsamt, dann als Landrat des Landkreis Ingolstadt vorausgegangen.
In München geboren, verbrachte Stinglwagner seine Jugend in Gmund am Tegernsee. Er besuchte das Realgymnasium in München, wurde zum Arbeitsdienst und mit 18 Jahren zum Wehrdienst einberufen. Als Soldat war er auf dem Balkan und in Italien eingesetzt und anschließend zweieinhalb Jahre in Kriegsgefangenschaft in Afrika.
Aus der Gefangenschaft heimgekehrt, studierte er in München Rechtswissenschaften, legte beide juristischen Examen ab und promovierte mit dem Thema „Die Neue Bayerische Gemeindeordnung im Vergleich zum Allgemeinen Deutschen Gemeinderecht“ zum Dr. jur.
Er arbeitete längere Zeit in einer Münchner Rechtsanwaltskanzlei und entschied sich dann für die Laufbahn des Verwaltungsjuristen. Er wurde Mitarbeiter der Bayerischen Versicherungskammer, Abteilung „Versorgungsverband der bayerischen Gemeinden“. Einer kurzen Tätigkeit im Kommunalreferat der Regierung von Oberbayern folgte 1955 die Versetzung als juristischer Staatsbeamter an das Landratsamt Ingolstadt.
Im März 1958 wurde Stinglwagner mit 32 Jahren als „Unabhängiger“ zum Landrat gewählt und 1964 im Amt bestätigt.
In dieser Zeit entstanden im Landkreis Ingolstadt zahlreiche Einrichtungen für Kinder und Jugendliche, so 1959 in Lenting die erste moderne Schule im Landkreis, der 17 weitere folgten.
Mit Unterstützung des Landkreises wurden Kindergärten neu gebaut und eingerichtet, so 1962/63 der Kindergarten von Stammham und der von Kösching.
Zusammen mit dem Gerolfinger Pfarrer Ladenburger überzeugte Landrat Stinglwagner den Kreistag, den Bau des Altenheims Gerolfing zu fördern.
Eine einmaligen Gemeinschaftsleistung von Gemeinden und Landkreis stellten zehn neue Turnhallen dar. Daneben konnten in vielen Gemeinden auch moderne Sportplätze angelegt werden.
Für seine Verdienste um den Sport wurde der Landrat mit der goldenen Ehrenplakette des Bayerischen Landessportverbandes ausgezeichnet.
Ein besonderes Anliegen Stinglwagners war der Erhalt alter Kulturdenkmäler. Das belegen das Rathaus von Gaimersheim und die Unterstützung des Landkreises bei der Renovierung des Kirchleins in Tolbath.
In seine Amtszeit fallen die Erweiterung des Köschinger Krankenhauses, die Sicherung des Landschaftsschutzgebietes Kalkofen bei Kasing.
Dem regionalen Verbund diente der Aufbau von Wasserleitungsnetzen zwischen Stadt und Landkreis. Neben der Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser wurde in einem weit verzweigten System von Kanalbaumaßnahmen die Abwasserfrage gelöst. Ausgebaut wurden über 100 Kilometer Kreisstraßen.
Bei der Kommunalwahl 1966 stellte sich der amtierende Landrat Stinglwagner mit als Bewerber der CW (Christlichen Wählerschaft), aber mit offener Unterstützung der SPD als Kandidat für das Amt des Ingolstädter Oberbürgermeisters zur Wahl. Dem bisherigen Oberbürgermeisters Dr. Josef Listl, war die Bewerbung zur Widerwahl aus Altersgründen nach der damals geltenden Rechtslage nicht möglich.
Die Kommunalwahl vom 13. März 1966 brachte eine Verschiebung des Kräfteverhältnisse im Stadtrat. Bislang hatten sich die beiden großen Parteien mit je 18 Stimmen die Waage gehalten. Nun verlor die CSU einen Sitz, die SPD gewann zwei hinzu. Der BHE hatte fortan einen Sitz, die UW errang einen Sitz hinzu und war mit vier Mitgliedern im Stadtrat vertreten.
Zum neuen Oberbürgermeister wurde mit 54 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen der bisherige Landrat des Landkreises Dr. Otto Stinglwagner gewählt.
Umstritten – bis hin zum Auszug der CSU-Fraktion aus der Stadtratssitzung am 9. Mai – war die Wahl der Weiteren Bürgermeister. Aus der geheimen Abstimmung gingen Hermann Egermann (SPD) als zweiter und Sepp Mißlbeck (UW) als dritter Bürgermeister hervor.
Oberbürgermeister Dr. Josef Listl legte seinem Nachfolger in der konstituierenden Sitzung des Stadtrats am 5. Mai 1966 die Amtskette um.
In seiner eigenen Sicht ging es Stinglwagner in den Jahren 1966 bis 1972 um „entscheidende Schritte auf dem Weg zur Großstadt“. Er verweist auf eine „Vielzahl von Kommunalaufgaben, die in dieser Stadtratsperiode gelöst oder begonnen wurden.
Dazu zählt die Inangriffnahme der Planung des neuen Zentralkrankenhauses, die er als säkulare Aufgabe der Stadt für ihre Bürger einstuft – dabei kommt ihm das Verdienst zu, den Krankenhausbau angestoßen zu haben, während sein Nachfolger Peter Schnell den Wechsel des Standorts vom Volksfestplatz hinaus auf die grüne Wiese bei Friedrichshofen vollzog.
Hervorgehoben zu werden verdient der Bau von neuen und immerhin noch preisgünstigen Wohnungen, der Bau von Schulen und Sportanlagen in bisher unbekanntem Ausmaß und der Ausbau aller Infrastruktur- Einrichtungen.
In seiner späteren Amtszeit wurde die heftig umstrittene Gebietsreform wirksam. Elf Gemeinden mit 15 500 Einwohnern wurden in die Stadt eingegliedert. Durch die Eingemeindungsverträge war sichergestellt, dass die Bürger dieser bislang selbstständigen Gemeinden gleichberechtigte Stadtbürger wurden.
Zugleich war es dem Oberbürgermeister ein Anliegen, die Teilhabe der Bürger anzuregen- So entstanden im April 1967 (fünf) Bezirksausschüsse, wurden die Bürgerversammlungen nicht mehr zentral, sondern gesondert für die einzelnen Stadtbezirke abgehalten, wurden ein telefonischer Bürgerdienst und eine Bürgerhilfe eingeführt.
Generelle Zielstellung Stinglwagners war es, die Stadt zum Oberzentrum der Region, zum Mittelpunkt für das gesamte Umland zu entwickeln und die dafür notwendigen Planungsgrundlagen zu schaffen.
So kamen der Gebietsentwicklungs- und der Altstadtstrukturplan mit der dazugehörigen Verkehrsplanung zum Abschluss. Perspektivisch konnte damit die erste, große, zusammenhängende Fußgängerzone in Aussicht genommen werden, weil die entsprechenden großzügigen und kostspieligen Straßenbaumaßnahmen, den Verkehr um die Altstadt herum zu leiten, abgeschlossen wurden. Zugleich wurden damit die Voraussetzungen für die Sanierungsmaßnahmen an veralteter Bausubstanz und unzumutbaren Wohnungen in der Innenstadt geschaffen und Ingolstadt in das Programm nach dem Städtebau Förderungsgesetz aufgenommen.
Auch auf anderen Gebieten setzte Dr. Stinglwagner Akzente. So rief er 1967 den Kulturbaufonds „Alt Ingolstadt“ ins Leben, der sich der Erhaltung und Sanierung historischer Baudenkmäler widmete. Dieser Initiative Stinglwagners ist es zu danken, dass die Alte Anatomie zum 500. Gründungsfest der Universität im Jahr 1972 renoviert, der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht werden und sie das Deutsche Medizinhistorische Museum aufnehmen konnte. Stinglwagners Leistung fand gebührende Anerkennung: Er wurde zum Ehrensenator der Ludwig - Maximilians - Universität München ernannt.
In der Laudatio zur Verleihung der Goldenen Bürgermedaille 1995 stellte sein Nachfolger Peter Schnell fest: „Dr. Stinglwagner hat während seiner Amtszeit außergewöhnliche Leistungen vollbracht, die weit über das Maß an Verantwortung hinausgehen, die ohnehin vom Inhaber eines derartigen kommunalpolitischen Amtes als selbstverständlich erachtet werden.“
Als Auszeichnung erhielt er dafür auch das Bundesverdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.
Otto Stinglwagner war Oberbürgermeister der Stadt Ingolstadt bis zum 30. Juni 1972.
Zur Wahl am 11. Juni 1972 trat er nicht an. Er überließ die Kandidatur für die SPD seinem bisherigen Stellvertreter Hermann Egermann, der dem CSU-Kandidaten Peter Schnell, der mit 58,6 Prozent der Stimmen abschnitt, unterlag.
Ab 1. Juli 1972 war Stinglwagner dann Geschäftsführer der Wohnungsbaugesellschaft Neue Heimat in München.
Er starb am 7. Juli 2013.
