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Steeb und Steinhart - zwei Ingolstädter Professoren aus der Zeit des Spanischen Erbfolgekrieges
von Gerd Treffer

Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 16 - Ausgabe Nr.211 vom 01.02.2026

1669 ist das Geburtsjahr zweier Jesuiten, die in die Wirren des Spanischen Erbfolgekrieges, der Bayern beutelte, hineingeboren wurden. Ulrich Steeb aus Speyer und Franz Steinhart aus Spalt bei Schwabach in Franken. Beide sterben in Neuburg an der Donau, der eine, der 1700 – 1703 Professor in Ingolstadt war und 1703 als Kriegsgeisel genommen wurde, schon 1704. Der andere, der 1706 – 1709 in Ingolstadt Professor für den philosophischen Jesuiten-Dreijahreskurs und später Rektor von fast allen bedeutenden Kollegien des Ordens im süddeutschen Raum geworden war, lebte bis 1746. Der eine kam mit 35 Jahren um, der andere war bis zu seinem 77. Lebensjahr tätig.

Steeb gehört zu den Ingolstädter Professoren, die sich lebensgeschichtlich kaum fassen lassen. Man weiß, dass er am 10. März 1669 in Speyer geboren wurde, dass er 1685 in den Jesuitenorden eintrat, dass er unter anderem an der Universität Ingolstadt studierte. 1690 ist er in Dillingen, wo er fünf Jahre lang Grammatik und Humaniora unterrichtet. 1699 wird er in Eichstätt zum Priester geweiht. Ab 1700 ist der Professor für Mathematik und Hebraistik an der Universität Ingolstadt. Winfried Müller fügt (im biografischen Lexikon der Ludwig- Maximilians- Universität) an "ohne dort auffallende Aktivitäten zu entfalten", bezogen auf seine drei Jahre als Professor in Ingolstadt.
1703 hält er sich in Neuburg auf. Neuburg ist im Zuge des Spanischen Erbfolgekriegs heftig umkämpft.

Kurfürst Max Emmanuel hat sich im Spanischen Erbfolgekrieg positioniert, nachdem sein Sohn, der Kurprinz Joseph Ferdinand, 1699 gestorben ist. An Pocken heißt es offiziell, an Gift aus Wien, sagen die Franzosen. Das spanische Erbe, das dem bayerischen Kurprinzen zufallen sollte, geht nun an Philippe von Anjou, der ein Enkel König Ludwigs XIV. Von Frankreich ist, aber auch ein Neffe von Max Emmanuel. Auch die österreichische Linie des Hauses Habsburg beansprucht den Titel, und zwar für den Sohn von Kaiser Leopold I., den Erzherzog Karl. Der bayerische Kurfürst stellt sich auf die Seite Frankreichs, und die Koalitionen sind fortan klar: Bayern und Frankreich gegen das Habsburger Kaiserreich, das mit England und den Generalstaaten verbündet ist. 1702 hat Kurfürst Maximilian noch einmal seine Pläne überprüft. In einer Unterredung mit dem Kaiser forderte eine Vergrößerung seines Landes und die Königskrone. Wien lehnt ab.
Damit ist die letzte Entscheidung gefallen. Im Herbst 1702 erklärt der Kaiser den Reichskrieg gegen Philippe V. Schon vorher, am 8. September hatte Kurfürst Max Emmanuel mit der Einnahme Ulms die Kampfhandlungen eröffnet. 

Im Januar 1703 standen dann auch bayerisch-französische Truppen in Sichtweite des Neuburger Herzogsschlosses. Neuburg war mit den Habsburgern verbandelt. Der bayerische Kurfürst kontrollierte bereits die Donauübergänge von Ingolstadt und Donauwörth, nur den in Neuburg nicht. Aus Angst, über die Brücke könnten gegnerische Truppen in sein Reich einfallen, schickte er 600 Mann, um Neuburg zu erobern. Bayern hatte gefordert: Entweder die Brücke würde zerstört oder man würde sie sich holen. Die Neuburger lehnten ab, beschossen die bayerisch- französischen Truppen; die zogen sich nach Ingolstadt zurück. Max Emmanuel schickte im Gegenzug 10.000 Mann, den Oberbefehl führte Feldmarschall Johann Baptist Graf von Arco. Am 30. Januar 1703 war die Stadt eingeschlossen.
Nach Chronistenberichten war es eine Mond-helle Nacht, als das Bombardement begann. Karmeliterkloster und der Dachstuhl von St. Peter fingen Feuer. Das Jesuitenkloster blieb verschont. (Daran erinnert ein Kleinod: der Belagerungskelch, gefertigt aus vergoldetem Silber; mit Edelsteinen und Perlen besetzt, ist er ein Dankesbeweis der Jesuiten gegenüber ihrem Schutzheiligen Franz Xaver, nicht von den bayerisch französischen Kanonenkugeln getroffen worden zu sein. Sechs detailreiche Emaille-Medaillons zeigen Bildszenen aus dem Neuen Testament, am Fuß-Rand die lateinische Inschrift – dem Heiligen Franz Xaver vom Neuburger Kollegium infolge eines Gelübdes gewidmet, zum Dank für seinen Schutz vor zahlreichen frevelhaften Brandgeschossen.)

Wie gesagt hält sich Ulrich Steeb zu diesem Zeitpunkt in Neuburg auf. Es heißt, er wird dort von französischen und bayerischen Truppen als Geisel gefangen gehalten. Die Frage, warum ein Ingolstädter Jesuit sich zu diesem Zeitpunkt im zwar benachbarten aber feindlichen Neuburg aufhält, wird ebenso wenig dokumentarisch belegbar bleiben, wie die Frage, warum ausgerechnet bayerische Truppen einen Professor der Universität Ingolstadt als Geisel nehmen sollten. Und es wird auf Dauer auch ungeklärt bleiben müssen, warum Steeb am 27. März 1704 in Neuburg zu Tode kam.

Kurfürst Max Emanuel war der Reichsacht verfallen, sein Herzogtum sollte an Österreich übergehen. Schon am 9. März 1703 rückten kaiserliche und Reichstruppen in Bayern ein. Anfang Dezember 1704 war Prinz Eugen in Eichstätt, drohte München zu überfallen, wenn ihm nicht am 7. Dezember Ingolstadt eingeräumt werde. Etwa 150 Franzosen und die bayerische Besatzung ziehen daraufhin aus Ingolstadt ab. Die Stadt gerät auf rund zehn Jahre unter kaiserliche Administration, und das Ingolstädter Jesuit Kolleg konnte nur mit Mühe vor der Plünderung bewahrt werden.

Der andere hier zu behandelnde Ingolstädter Professor, Franz Steinhart, kommt aus Spalt, tritt am 2. oder am 25. September 1685 ins Landsberger Noviziat ein (zwischen diesen beiden Daten liegt auch der Eintritt von Steeb, am 16. September 1685). Steinhart unternimmt 1687 – 1690 philosophische Studien an der Universität Ingolstadt, unterrichtet 1690 in Solothurn, 1692 am Jesuitengymnasium in Luzern, wo er bis 1694 bleibt und auch als Katechet im Spital wirkt. 1695 setzte er sein Studium in Ingolstadt, in der theologischen Fakultät, fort. Er wird am 13. Juni 1699 (zum gleichen Zeitpunkt wie Steeb) in Eichstätt zum Priester geweiht. Während Steeb nun, ganz klassisch und traditionell, als Philosophieprofessor an die Universität Ingolstadt kommt, folgt für Steinhart (wie es Michael Schaich, maßgeblich an der Redaktion des Biografischen Lexikons der Ludwig-Maximilians-Universität beteiligt, schreibt) ein „für jesuitische Karriereverläufe ungewöhnlicher“ Schritt: er wechselt die Ordensprovinz. Er verlässt Germania superior und geht in die niederrheinische Provinz, nach Hildesheim, an das dortige Gymnasium. Es ist das Jahr der Zuspitzung des spanischen Konfliktes. Insoweit stellt sich die Frage, ob die Jesuiten ihn (und vielleicht andere) aus dem Herrschaftsbereich der französisch-bayerischen Allianz herausnehmen und aus möglicherweise kriegerischen Konfliktgebieten fernhalten wollten. Steinhart ist also Professor in Hildesheim, wo auch ein von ihm 1702 verfasstes Theaterstück, die Declamatio de Christo patiente scenia aufgeführt wird. Dann kehrte er aus Hildesheim wieder zurück in den süddeutschen Raum, lebt wahrscheinlich zunächst in Regensburg, leitet 1704 – 1706 als Professor den philosophischen Kurs an der Universität Innsbruck und ab dem 15. Oktober 1706 und bis 1709 den gleichen n der Universität Ingolstadt. Dann übernimmt er Lehrtätigkeit 1710 – 1711 in Luzern, in Freiburg im Breisgau. Im Oktober 1711 zum Doktor der Theologie promoviert, bleibt der an der theologischen Fakultät der dortigen Universität. Er ist dreimal Dekan (1712/1713 – im Sommersemester 1714 – und 1717).

Nun war Freiburg im Herbst zu 1713 von französischen Truppen besetzt. Die Jesuiten waren nach Konstanz ausgewichen. Steinhart bemüht sich, mit einem dortigen Bruder zu Beginn 1714 in die okkupierte Stadt zurückgekehrt, einen rudimentären Unterricht aufrechtzuerhalten, ein zum Scheitern verurteiltes Vorhaben. Erst zum Jahresende 1714/1715 konnten den Jesuiten den Lehrbetrieb in Freiburg wieder aufnehmen. In dieser schweren Zeit, im Sommersemester 1714, ist Steinhart Dekan und ab November 1715 zudem Vizedirektor des Kollegs und legt eine wichtige Urkundensammlung an. "Angesichts der herausragenden Rolle, die Steinhart in Freiburg gespielt hatte, verwundert es nicht, dass er in der Folgezeit vom Orden mit verschiedenen Leitungsfunktionen betraut wurde."

In Ingolstadt endet in diesem Jahr 1715 auch wieder die österreichische Besatzung. Am 25. Januar, um zehn Uhr morgens, wird Ingolstadt von den kaiserlichen Truppen geräumt. Der bayerische General Mercy führt die Garnison wieder in die Stadt. Am 10. Februar findet ein großes Dankesfest mit Gottesdienst in der Kreuzkirche der Jesuiten statt, gefolgt von einer glänzenden Beleuchtung der Stadt in der folgenden Nacht. Die Jesuiten der Oberdeutschen Provinz feiern die Rückkehr ihres Kurfürsten Max Emmanuel durch ein großartiges Druckwerk von Gedichten mit kostbaren Kupferstichen und Ahnenbilder, „Descriptio histor. utriusque fortunae Max Emanuelis".

Steinhart übernimmt in den folgenden Jahren die Rektorate der Kollegien Fribourg (1718 – 1721), Feldkirch (1721 – 1724), ist Kanzler der Universität Dillingen (1724 – 1726), dann wieder Rektor in Augsburg (1726 – 1728), Eichstätt (1728 – 1731), Amberg (1731 – 1734). In diesen Jahren erscheinen im Druck mehrere Werke Steinharts, die sich zeitlich kaum einem bestimmten Entstehungsort zuordnen lassen, von denen aber bekannt ist, wann und wo sie erschienen sind (Sacra veterum temporum tum etiam evangelica et apostolica historia in epitomen contracta, Augsburg 1727 und Ingolstadt 1734 – Historische allen Christen nuzliche Fragen und Antworten von Glaubens-Spaltungs-Sachen, Stadt am Hof 1738).

65-jährig kommt Steinhart für die letzten zehn Jahre seines Lebens nach Neuburg an der Donau, wo er 1734 – 1741 Kirchenpräfekt und 1741 – 1745 Präfekt am Ordenskolleg ist.1745 lässt er sich aus gesundheitlichen Gründen amtslos stellen und stirbt am 21. September 1746 in Neuburg.