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Von der Kunst des Redens - zu Professor Sebastian Reisacher
von Gerd Treffer

Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 14 - Ausgabe Nr. 158 vom 01.11.2024

Sebastian Reisacher - dessen Todestag sich 2021 zum 450. mal jährte - gehört zu den frühen Professoren der Universität Ingolstadt. Er hat etwas Unbestimmtes an sich. Offenbar liebte er es zu unterrichten und fand Genuss am Vortrag. Er lehrt Griechisch, Physik, Rhetorik, geht aber dann doch in den Staatsdienst und wird herzoglicher Rat. Er studiert die Rechte wir Dr. jur, behält aber dennoch zunächst weiterhin seine Lektur in der Artistenfakultät, bei den Philosophen (deren Fakultät als die mindere gilt, die alle Studenten bis zum Magister als ”Grundstudium" zu absolvieren haben). Seine Herkunft wirkt verschleiert -dennoch bringt er es (C Schöner sagt: ”recht jung") zum Rat, ein Amt, das er in der nicht unbedeutenden Verwaltungsstadt Burghausen antritt.

Er selbst gibt an, aus Öttingen zu stammen. Recht viel mehr wird nicht bekannt, bis er sich am 14. April 1548 an der Hohen Schule Ingolstadt einschreibt. Im März 1550 erreicht er die Beförderung zum Bakkalar, im Juni 1551 zum Magister. Ende Mai 153 wird er in das ”Gremium" der ”lesenden Magister" aufgenommen -das bedeutet praktisch eine besoldete Universitätsanstellung. Er unterrichtet die neuen Studenten im Grundstudium. Im April 1554 wird er als Nachfolger von Abraham Löscher mit der Griechisch-Lektur betraut. Man besoldet ihn mit 60 Gulden. In die Oberklasse, unter die Mitglieder des Consiliums steigt Reisacher dann im Oktober 1556 auf. Er wird genannt als Künder der Philosophie; dazu gehört auch die ”aristotelische Physik", die ihm Ende September 1557 nach Veit Amersbach Tod übertragen wird. Sein Jahresgehalt klettert auf 80 Gulden. Es ist ihm anzurechnen, dass er im Gegenzug den Griechisch-Kurs an den Jesuiten Theodor Peltanus abgibt. ( Der zählte zu den 18 Jesuiten, die auf Bitten des Herzogs in der zweiten Welle sozusagen nach Ingolstadt gesandt wurden . Er war um 1511 in Pelta im Bistum Lüttich geboren, hatte in Rom und Neapel studiert, dann dort Griechisch, Latein und Hebräisch unterrichtet und übernahm nun das Griechische von Reisacher -Peltanus war übrigens der erste Jesuit, der in Ingolstadt zum Doktor der Theologie promoviert wurde.)

Dreimal war Reisacher in den Folgejahren Dekan der Philosophischen Fakultät, immer in den Wintersemestern: 1557/58, 1561/62 und 1563/64. Die graue Eminenz des Lehrbetriebs in Ingolstadt war seinerzeit Wolfgang Zettel, der dreißig Jahre lang zusätzlich zur ersten auch noch die zweite Philosophie-Lektur anbot .Er war ( so Schöner im Biographischen Lexikon der Ludwig-Maximilians-Universität ) ”der wichtigste Repräsentant eines neuen artistischen Professorentyps. . . dem Selbstverständnis nach auf einer Stufe mit den Professoren der höheren Fakultäten stehend, strebte er nie nach weiteren Graden ’ sondern sah in der artistischen Lehrtätigkeit -wobei (er) lange zwei Lekturen gleichzeitig versah- seine Lebensaufgabe". Und so war Zettel an der Artistenfakultät ” zur überragenden Persönlichkeit" geworden -sechzehn mal war er ihr Dekan, einmal Universitätsrektor Er war ( von 1544 bis 1576 wirkend ) das Gesicht der Philosophie in Ingolstadt.

Sein Engagement bezog sich weitgehend auf Lehre und Universitätsverwaltung (weniger auf die Forschung). Und ähnlich hielt es wohl auch Reisacher. Lieber unterrichtete er in der philosophischen Fakultät, bei den Artisten statt bei den ”höheren Professoren" (der Theologie, der Medizin, der Rechtswissenschaften) sich belehren zu lassen. Als Artistenprofessor fühlte man sich, nach Zettel, denen ebenbürtig. So mag es auch kaum zu verwundern, dass Zettel den Reisacher ”in einem Eintrag in die Matrikel der artistischen Bruderschaft überschwänglich lobte". Es erstaunt auch nicht, dass Reisacher (neben seiner eigenen Lehrtätigkeit, die er 1554 begonnen hatte) zwar Rechtswissenschaft studierte, dies aber (wie Zettel sich beeilt, festzuhalten) weitgehend autodidaktisch besorgte. 1562 promovierte er zum Doktor der Rechte. Dennoch ging er weiterhin seiner Lehrtätigkeit bei den Philosophen nach. Es wird offen bleiben, ob er sich nach seiner unkonventionellen Art des Jurastudiums und seiner Promotion unter Umgehung der Koryphäen der Juristerei ’ (ohne große Kämpfe) keine Chancen auf eine Karriere in der juristischen Fakultät ausrechnete. Vieles deutet darauf hin, dass er seine Zukunft durchaus im Bereich von Recht und Verwaltung sah, aber eben nicht innerhalb der Universität. 1564 jedenfalls (zwei Jahre nach der juristischen Promotion) verlässt er die Universität und geht nach Burghausen in die herzogliche Administration.

Er muss ein guter Redner gewesen sein. Als sein wichtigstes erhaltenes Werk gilt eine undatierte Rede über das Reden. ”De optimo dicendi genere" -eine Anleitung sozusagen ’ wie man eine Rede aufbaut und hält. Sie hat seinen Professoren-Kollegen Valentin Rotmar -der selbst 1576 nach Humanistenart zum poeta laureatus gekrönt wurde - veranlasst, Reisachers rhetorische Untersuchung in seine 1571 erscheinende Sammlung von Orationen Ingolstädter Professoren aufzunehmen.

In diesem Jahr starb Reisacher. Er wurde in Burghausen bestattet.