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Weitere Ingolstädter Professoren aus Lüttich. Die Fabricii, Reiner und Gotfridus - und von einem Heiligen namens Nikolaus Kostka
von Gerd Treffer

Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 15 - Ausgabe Nr.179 vom 01.06.2025

Im Beitrag zu den Historischen Blättern „Ein Lütticher Freundeskreis an der Universität Ingolstadt“ um Peter Steuart herum (vom 15. Mai des Jahres) wurden Simon Labrique und Johannes Gregor Harsaeus angeführt, die kurz nach 1600 in Ingolstadt wirkten. Peter Steuart selbst war schon 1571 an die Hohe Schule gekommen. Fast zur selben Zeit war dort ein weiterer in Lüttich geborener Flame angetreten, der zunächst für drei Jahre, dann ab 1585 bis 1609 an der Universität unterrichtete, den man also sicherlich dem Lütticher Freundeskreis zuordnen kann, obgleich er den anderen altersmäßig um eine Generation voraus war: Reiner Fabricius.

Reiner Fabricius war 1528 in Lüttich zur Welt gekommen. Das Menologium („Menologium. Oder Lebensbilder aus der Geschichte der deutschen Ordensprovinz der Gesellschaft Jesu“) gibt dieses Jahr an. (Die Allgemeine Deutsche Biographie lässt ihn 1532 zur Welt kommen; da die ADB das Sterbedatum vom März 1625 bestätigt und ihn 93 Jahre alt hat werden lassen, stimmt schon in sich die Geburtsjahresangabe nicht. Tatsächlich starb Fabricius am 9. März 1625 im Alter von 97 Jahren. Auch das Biographische Lexikon der Ludwig-Maximilians-Universität nennt 1528 als Geburtsjahr.)
Über Herkunft und Jugendzeit (so Florian Neumann in diesem Biographischen Lexikon der Ludwig-Maximilians-Universität) sei nichts bekannt. Auch die älteren Quellen geben dazu keine Auskunft. Da es in Lüttich zu jener Zeit zwei Gelehrte mit dem Namen Fabricius gab , die Gelehrte und Kanoniker bei St Paul waren und von denen bekannt ist, dass sie einen Neffen adoptierten, der 1520 geboren worden war und der später eine Ordenskarriere bei den Franziskanern begann und ebenfalls in Ingolstadt kurz Professor war, könnte man vermuten, dass Reiner etwas mit dieser frommen und in kirchlichen Kreisen bekannten Familie zu tun hatte.

Die Lütticher Diözese unterstand der Kölner. Am 4. Juni 1559 trat Reiner Fabricius in Köln der Societas Jesu bei. Da war er für einen Novizen betagt. 31 Jahre alt. Und es dauerte wieder bis er seine Gelübde ablegte. Nach Menologium: „1569 zu Augsburg die Profeß dreier Gelübde.“

Danach begann seine 40 Jahre währende – wenngleich unterbrochene – Lehrtätigkeit an der Universität Ingolstadt, als Professor der Rhetorik. Seiner Beschäftigung war zunächst allerdings keine lange Dienstzeit beschieden. Denn 1573 verlässt er nach einer Auseinandersetzung der Artistenfakultät, der er in diesem Sommersemester als Dekan vorsteht, mit dem Senat die Universität und die Stadt. Der Hintergrund: Herzog Albrecht V. hatte den Jesuiten die Fakultät übergeben, der Senat hingegen – diese Entscheidung übergehend – zwei Professoren ernannt. Es heißt: „Als Dekan führte Fabricius den Streit gegen den Senat des Universität, welcher die den Jesuiten von dem Herzoge Albert V. an der Universität eingeräumte Stellung verkümmern wollte…Auch wollten sie (die Jesuiten) den Eid auf die Statuten der Universität nicht leisten, weil sie schon durch ihre Ordensgelübde verpflichtet seien. Als sie damit nicht durchdrangen, ließen sie ihr Pädagogium und ihren Cursus eingehen und Fabricius zog nach München“.
Er unterrichtete dort am herzoglichen Gymnasium. Auch nachdem 1576 die Jesuiten an der Universität ihren Willen durchgesetzt hatten, kam Fabricius nicht sofort zurück. Es dauerte bis 1585, ehe er wieder nach Ingolstadt kam. „Großmütig vergaß er die früher erlittenen Unbilden und schnell waren aus früheren Gegnern Freunde geworden, denen er alle Liebesdienste erwies; manchen derselben hielt er sogar nach ihrem Tod die Leichenrede. Freundliches Wohlwollen war überhaut ein charakteristischer Zug des Paters und gewann ihm alle Herzen“.

Fabricii Beschäftigung mit den Bereichen der Politik dokumentieren seine Kommentare zur aristotelischen Ökonomie und Politik. Von seiner sonstigen Lehrtätigkeit zeugen vornehmlich Mitschriften seiner Schüler vor allem zur Rhetorik des Cicero. Bis 1591 lehrt Fabricius Dialektik und Rhetorik, danach Moralphilosophie und Politik. Unter seinen Schülern, heißt es im Menologium, „befanden sich manche Fürstensöhne Deutschlands“. Sein berühmtester Hörer (im Fach Moralphilosophie) ist 1592 Erzherzog Ferdinand von Österreich, der nachmalige Kaiser Ferdinand II., der bis 1594 in Ingolstadt studierte. Das war die Zeit als man in Ingolstadt dem großen Gregor von Valencia, Jakob Gretser und anderen begegnen konnte und Ingolstadt sich europaweite Bedeutung errang. Fabricius war der Senior der Artisten und zwischen 1586 und 1599 acht Mal Dekan der Fakultät. Bis 1609 setzte „ der Greis mit jugendlicher Kraft und Lebhaftigkeit seine Vorlesungen fort“, dann trat er in den Ruhestand, blieb aber weiterhin Mitglied der Fakultät und Altersdekan der Schönen Künste und Wissenschaften.

Es wird berichtet: „Das Alles aber hinderte den mehr als achtzigjährigen Gelehrten nicht, mit eigener Hand sein Zimmer zu kehren und in Ordnung zu bringen, wie er überhaupt für äusserliche Reinlichkeit bis an sein Ende ängstlich besorgt war, weil er darin das Bild innerer Reinheit und Ordnung erblickte.“

Von 1615 an lebte er in Biburg. Dort legte er täglich, solange er es vermochte, „den Weg von fast einer Stunde zurück, um die Kapelle der allerseligsten Jungfrau zu Allerdorf zu besuchen, so dass man hätte zweifeln können, ob er nach Biburg geschickt worden sei, mehr um der Ruhe zu pflegen oder um der Andacht zur Himmelskönigin nach Herzenslust obliegen zu können.“
In den letzten Wochen seines Lebens wurde er - der Pflege wegen – nach Ingolstadt zurückgebracht: „Allein hier, an der Stätte seiner unermüdlichen ehemaligen Wirksamkeit, war seinem langen Leben die Grenze gesteckt“. Er starb dort am 9. März 1625 im Alter von 97 Jahren.

Stanislaus Kostka

Besondere Erwähnung findet in den Lebensbeschreibungen des Reiner Fabricius seine Reise mit dem Heiligen Stanislaus Kostka, den er – zu Fuß – von Dillingen bis Rom begleitete, und von der er selbst als einem großen Glück sprach.
Kostka aus polnischem Adel stammend, hatte das Jesuitenkolleg in Wien besucht und war ins Noviziat eingetreten. Die Aufnahme in den Orden aber wurde ihm verwehrt (weil der Orden die Intervention der Eltern befürchtete). Stanislaus floh und wanderte zu Fuß in Richtung Rom. Auf dem Weg kam er in das Jesuitenkonvikt Dillingen. Dort fand er in Petrus Canisius einen Unterstützer Auf dem weiteren Weg wurde ihm offenbar Reiner Fabricius zur Seite gestellt. Sie kamen im Oktober 1567 in Rom an. Kostkas wurde in den Jesuitenorden aufgenommen. Nur ein Jahr später starb er an einem Fieberanfall. 1605 wurde er seliggesprochen. (1726 erfolgte die Heiligsprechung durch Papst Benedikt XIII.) Durch den näheren Umgang mit dem jugendlichen Heiligen – heißt es im Menologium – (habe Reiner Fabricius) große Fortschritte in der Liebe und Verehrung der seligsten Jungfrau Maria gemacht“.

Gottfried Fabricius – ein akademisches Wunderkind, auch er Professor in Ingolstadt

Wie oben einleitend erwähnt, gab es in Lüttich eine Familie Fabricius, der bedeutende Kleriker angehörten. Nach den „Annales Ingolstadiensis Academiae“ waren zwei Gottfride Fabricci Onkel und Großonkel eines Buben , den sie seit dessen sechstem Jahr in den „litterae“ unterrichteten. Der Großonkel, berichtet Helmut Zedelmaier im Biographischen Lexikon der Ludwig-Maximilians-Universität) soll den Jungen, der nach seinem Vater Matius (Vorname ebenfalls Gottfried) hieß, adoptiert und ihm den Namen Fabricius gegeben haben.
Nachdem der Junge in Lüttich Latein und Griechisch gelernt hatte, schickte ihn der Großonkel an die Universität Löwen (Louvin), wo er – mit noch nicht einmal 17 Jahren den Magister erwarb, danach den Doktor der Rechte. Er scheint dann an seiner Universität nicht nur Philosophie sondern auch Jura unterrichtet zu haben.
1545 trat er 25jährig in den Franziskanerorden ein. Elf Jahre lang lehrte er in Löwen und Mechelen (Malines) Theologie. 1566 floh er vor den durch den niederländischen Freiheitskampf verursachten Unruhen nach Spanien, ließ sich von Universität zu Universität treiben. Danach war er in Frankreich , in Italien, im Heiligen Römischen Reich Deutscher, zeitweise im Auftrag des Generalministers seines Ordens am Innsbrucker Hof Erzherzog Ferdinands. 1581 wurde er auf Vermittlung des Probstes des Kollegiatstiftes Öttingen von Herzog Wilhelm IV. als Professor für Exegese an die Theologische Fakultät der Universität Ingolstadt berufen. Er las dort über die Apostelgeschichte, starb aber noch im selben Jahr.
Zu früh für den Lütticher Freundeskreis der Professoren, aber sicherlich im persönlichen Umgang mit Peter Steuart. Reiner Fabricius, der 1570 bis 1573 seine erste Professorenzeit in Ingolstadt hatte, hielt sich nun in München auf und kam erst vier Jahre nach Gottfried Fabricii Tod zur zweiten Vorlesungsperiode zurück.

Es bleibt bei der Feststellung: Die Diözese Lüttich war eine Bestückerin der Ingolstädter Professorenschaft.