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Wilhelm von Gumppenberg - der Schöpfer eines europaweiten Atlas‘ von Mariengnadenbildern, welchselber in Ingolstadt verlegt wurde
von Gerd Treffer

Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 16 - Ausgabe Nr.219 vom 15.04.2026

I.

Als Wilhelm von Gumppenberg 1675 – vor gut 350 Jahren also – in Innsbruck im Rufe der Heiligkeit starb, war er weithin bekannt durch seine Sammlung von Gnadenorten und Gnadenbildern Mariens. Schon in seiner Zeit als deutscher Prediger und Professor für Kasuistik in Trient trug er seine Idee eines Marianischen Atlas – Marienbilder in ganz Europa zu sammeln, sie in Form eines Atlanten zu ordnen, sie zu beschreiben und so ein umfassendes Dokument der Marienverehrung zu publizieren – den zur Generalkongregation reisenden Patres seines Ordens, den Jesuiten, die auf dem Weg nach Rom in Trient Station machten, vor und bat sie, beim künftigen Ordensgeneral die Beauftragung eines Paters mit diesem Werk zu erwirken.
Dieser Auftrag erging an ihn.
1652 bat er alle Provinziale in Europa um ihre Unterstützung und schrieb alle Rektoren an. 1655 lies er seinen „Plan“ in Trient drucken.

(„Idea atlantis Mariani de imaginibus miraculosis B V Mariae“).

Der Atlas der wundertätigen Marienbilder sollte idealiter alle „weltweit“ bekannten marianischen Gnadenbilder umfassen.
Gumppenberg stützte sich dabei auf die länder-umspannende Organisation des Jesuitenordens und damit „einen Stamm von Mitarbeitern bzw. Zulieferern“ (Siegfried Hofamann im Biographischen Lexikon der Ludwig-Maximilians-Universität) von hoher Bildung einerseits, ordensbegründeter Solidarität und gleichen Glaubenseifers andererseits, die Hofmann aufzählt und deren Namen Klang und Ansehen in Europa hatten: „…in Italien Alphons Rodriguez, Athanasius Kirchner, Johannes Nadasius Johannes Paulus Oliva, in Frankreich Johannes Cordierius, Petrus Possinus, Thomas Le Blanc, Andreas Bagolus, in Belgien Johannes Baptist Engelgrave, Johannes Bollandus, Godefridus Hentschenius, Carolus Werpacius, in Deutschland Johannes Bildstein, Hermann Busenbaum Johannes Tanner und die Gebrüder Simon und Gottfried Wagnereck in München“.
Die Herausgabe eines solch umfassend angelegten Werkes konnte nicht „auf einen Satz“ erfolgen. Sie zog sich über viele Ausgaben und mehrere Jahre hin. Die ersten zwei Bände erschienen 1657 in Ingolstadt.

(Atlas Marianus sive de imaginibus deiparae per orbem christianum miraculis“, Bd. 1 und 2 Ingolstadt 1657 u.ö.; Bd. 3 Ingolstadt, 1657 u.ö.; Bd 1 bis 4 Dillingen 1691 bis 1694).

1657 erschien zu Ingolstadt zudem noch eine deutsche Ausgabe der ersten beiden Bände – was anzeigt, dass es auch eine Absicht des Verfassers gab, auf den breiteren Volksglauben Einfluß zu nehmen.

(„Marianischer Atlas. Das ist wunderthätige Marienbilder. So in aller christlichen Welt mit Wunderzaichen berhuembt“ Bd. 1und 2 Ingolstadt 1657, München 1657).

Alle Ausgaben enthielten Abbildungen der Gnadenbilder.


II.

Bei Erscheinen der ersten beiden Bände ist Wilhelm Gumppenberg 48 Jahre alt. Im Juli 1609 ist er in München zur Welt gekommen. Sein Vater war bayerischer Kämmerer (Kammerrat), Vizedom, Pfleger und Hauptmann. Die Mutter Anna Jacobe ist eine gebürtige von Rechberg. Die Familie zählt zu den vornehmsten und verdienstvollsten Beamtengeschlechtern im Lande.
Der junge Wilhelm besucht das Münchener Jesuitengymnasium, das er im Alter von 15 Jahren abschließt. Zusammen mit anderen adeligen Jünglingen wird er an die Universität Ingolstadt geschickt, um dort höheren Studien zu obliegen.
Schon in Ingolstadt, heißt es im Menologium (einer Darstellung besonderer Männer aus der oberdeutschen Jesuitenprovinz), habe er „zu den eifrigsten Mitgliedern des einige Jahre zuvor von Pater Rehm eingeführten Marianischen Kolloquiums (gehört). Dieser Verehrung der Himmelskönigin verdankte er auch, wie er selber erzählt, seinen Beruf. ‘Nirgendwo‘, also schreibt er in seinem Atlas Marianus,‘ lässt sich mit größerer Sicherheit der Wille Gottes in Betreff der Standeswahl erkennen, als vor dem Bild der drei Mal wunderbaren Jungfrau, das zu Ingolstadt in dem Kongregationssaal verehrt wurde. Dafür könnte ich auf das Zeugnis Anderer hin viele Beweise anführen, die ich glaube, aber einen auch, den ich weiß‘. Das spielt an auf seinen eigenen Entschluß, dem Ruf der Gnade zu folgen.“
Schon nach einem Jahr ging er von Ingolstadt als „Rhetoricus“ ab. Er verließ „die glänzenden Verhältnisse seiner Familie“ ( und manches lässt vermuten, dass er sogar gänzlich mit ihr brach) und trat 1625 im Alter von 16 Jahren in das Noviziat der Jesuiten ein. Danach studierte er 1628 bis 1631 in Ingolstadt: das Grundstudium der Philosophie (in Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs). Einer kurzen Lehrtätigkeit im Rahmen des Magisteriums am Augsburger Gymnasium folgt das Theologiestudium (möglicherweise auch in Rom). Nach dem Tertiat und weiteren Lehrtätigkeiten in Neuburg und Landsberg wird er zum Wintersemester 1639/1640 nach Ingolstadt berufen – als Professor für Ethik. Er bleibt bis 1642.
Rechnet man Gumppenbergs Studien- und Professorenzeit in Ingolstadt zusammen, kommt man auf gut sechs Jahre, Zeit genug, auch mit den mit der Universität verbundenen Druckern vertraut zu werden, was die Herausgabe der ersten Bände seines Mamut- Werkes in einer Ingolstädter Offizin erklärbar machen könnte.
1642 wechselt er als Domprediger nach Regensburg, 1649 als Münsterprediger nach Freiburg, 1651 bis 1659 als deutscher Prediger nach Trient, wo er, wie oben geschildert, die zur Generalkongregation durchreisenden Ordensbrüder bittet, sich für seinen Plan eines Marienatlas‘ zu verwenden. Er selbst wird 1656 Domprediger in Augsburg, 1659 Prediger an der Stadtpfarrkirche in Dillingen,1660 Prediger in Innsbruck. Dass Gumppenberg ein „begnadeter und vielbegehrter Prediger“ (Hofmann) ist, bestätigt auch das Menologium, das feststellt: 33 Jahre seiner Lebenszeit waren „dem Predigeramt in verschiedenen Teilen Oberdeutschlands und schriftstellerischer Arbeit zu Ehren der allerseeligsten Jungefrau gewidmet. Überall, wohin er als Prediger kam, trat er mit dem ganzen Eifer seines liebevollen Herzens für die Ehre seiner himmlischen Mutter ein“.
Als er in München predigte, heißt es, „war er nicht zu bewegen , seine vornehmen Verwandten zu besuchen. In der Kirche, so sprach er, könnten sie ihn zur Genüge über die nützlichsten Dinge reden hören. Wäre aber jemand krank, so würde er bei Tag und Nacht bereit sein, ihm beizustehen“.
1661 bis 1665 ist er als Poenitentiar in Rom. Dann wirkt er von 1665 bis 1673 als Prediger von Sankt Michael in München und zuletzt 1672/1673 erneut in Innsbruck.


III.

1672 erscheint eine von ihm selbst besorgte Folio-Ausgabe des Marienatlas‘, auf 1200 Nennungen erweitert (aber ohne Abbildungen).

(„Atlas Marianus quo sanctae Dei genitricis Mariae imaginum miraculosarum origines duodecim historiarum centuris explicatur“, München 1672).

Sie wird 1673 auch in deutscher Sprache erschinen.

(„Marianischer Atlas Von Anfang und Vrsprung zwoelffhundert Wunderthaetiger Maria-Bilder. Beschrieben in Latein von R.P. Guilielmo Gumppenberg. Anjezto durch R.P. Maximilianum Wartenberg in das Teutsche versetzt beede der Societet Jesu, 4 Tle“ , München 1673).

Zusammenfassend schreibt Siegfried Hofmann: „Der ‚Atlas Marianus‘ ist ein frömmigkeits- und volkskundlich hoch bedeutsames Werk , das nicht zuletzt durch seinen weltumspannenden Anspruch und die organisatorische und editorische Leistung beeindruckt“.

IV.

Davon abgesehen war Gumppenberg ein Propagator der Loretokapellen und betrieb den Bau solcher in Regensburg/Stadtamhof (1643) und Fribourg (1647). Ein „wichtiges Dokument der Begegnung mit Rom und der Wallfahrtsgeschichte (DS. Hofmann) ist ferner sein Werk zum Besuch von 365 römischen Kirchen, 1665 in Rom erschienen.

(„Sexdecim perigrationes per 365 Ecclesias Romae,“ 1665 – „Sedici pellegrinacci per le 365 Chiese di Roma. Per Rvdolfo Grimming Bavar. Misurate a passi ordinarii. In favore de pellegrini et ammalati ad honor di S. Pietro“, Rom 1665).

Gumppenberg starb am 8. Mai 1675 in Innsbruck. Im Menologium heißt es : „Ein erbaulicher Tod beschloß sein frommes Leben… angekleidet auf einem Stuhl sitzend und die Sterbekerze in der Hand haltend, seiner selbst bis zum letzten Atemzug mächtig“.


V.

Die Gumppenbergstraße in Ingolstadt wurde aber nicht direkt nach ihm benannt. Das Adressbuch verweist vielmehr auf Christian Gumppenberg, der ab 1514 Statthalter und auf Stephan von und zu Gumppenberg, der 1604 Verweser der Statthalterei war – Mitglieder der hochvermögenden Adelsfamilie, der Wilhelm entstammte. Der Freiherr L A von Gumppenberg hat ihm in seiner „Geschichte der Familie von Gumppenberg“ in der zweiten Auflage von 1881) fünf Seiten gewidmet.