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Wolfgang Zettel – Nichts geht über die Artistenfakultät
von Gerd Treffer

Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 16 - Ausgabe Nr.230 vom 15.07.2026

Wolfgang Zettel, vermeldete einst sein Epitaph an der Seitenwand der Corpus Christi-Kapelle im Ingolstädter Liebfrauenmünster, aus Altheim stammend, war „philosophiae magister, professor, cammerarius et emeritus Academiae Ingolstadiensis“ und starb „Anno MDLXXVI, die XV Julii…“, was zwar so in Stein graviert wurde, wohingegen papierene Quellen vom 17. Juli 1576 sprechen, was in der Tat nur einen geringen Unterschied ausmacht und nichts daran ändert, dass seines 450. Todestages zu gedenken ist.
Wann er geboren wurde ist allerdings unbekannt.
Bestätigt ist hingegen, dass er sich am (22. August) 1536 an der Universität Ingolstadt immatrikulierte, (im September) 1538 zum Baccalaureus und (im Januar) 1542 zum Magister befördert wurde.
Christoph Schöner vermutet (im Biographischen Lexikon der Ludwig-Maximilians-Universität), Zettel habe sich danach „einige Zeit als Privatpräzeptor durchgeschlagen“, ein Lebensabschnitt, der nachhaltige Bedeutung für sein späteres Leben bekommen sollte.

Im Oktober 1544 wird er auf die erste Philosophie-Lektur – aristotelische Physik – berufen und versieht zusätzlich auch noch die zweite Philosophie-Lektur – Ethik und Metaphysik -, die er bis zu seinem Tod, also mehr als dreißig Jahre, beibehalten wird. (Die erste Lektur hatte er wohl bis Anfang der 60er-Jahre inne.) Zettel zählt (neben Wolfgang Gotthard und Veit Amerbach) zu den„ wichtigsten Repräsentanten eines neuen artistischen Professorentyps, der von den 40er bis zu den 60er-Jahren die Fakultät prägt: „Dem Selbstverständnis nach auf einer Stufe mit den Professoren der höheren Fakultäten stehend, strebte er nie nach weiteren Graden, sondern sah in der artistischen Lehrtätigkeit…seine Lebensaufgabe“, war in der philosophischen Fakultät „die überragende Persönlichkeit“ (Schöner).

Insgesamt war er zwischen 1545 und 1574 sechzehnmal Dekan, aber nur einmal Rektor, ab 1570 Universitätskämmerer und Ende der 1570er Jahre einer der drei Gehilfen des Superintendenten Martin Eisengrein. Auch das zeigt, wofür sein Herz schlug: Weniger für das Gesamtgebilde Universität als für die grundlegende Fakultät der Artisten. Als Zettels Einfluss an der Universität - ab den 60ern – größer wurde, profilierte er sich zunehmend als Bildungspolitiker und verteidigte die in seiner Zeit errungenen Standards, machte sich zum Fürsprecher von Privatpräzeptoren, deren Existenz in der Tat bedroht war. Er stand ein für die Aufrechterhaltung einer von weltlichen Lektoren betriebenen, gleichberechtigt neben den höheren Fakultäten stehenden Artistenfakultät ,
„ohne allerdings, wie manche seiner Kollegen, gegen die Jesuiten zu polemisieren“ (Schöner), die sich gerade erst anschickten, sich in der Artistenfakultät zu engagieren. Von vergleichbarem bewahrendem, konservativem Geist ist Zettels „Oratio de rectoratu academico“ geprägt, die - 1567 in Ingolstadt gedruckt - auf seine Amtszeit als Rektor im Wintersemester 1565/1566 zurückgeht und in der er die Autorität dieses Führungsamtes der Universität verteidigt, das gerade in dieser Zeit an Bedeutung verlor. Letztlich aber, urteilt Schöner, „wirkten seine Aktivitäten nur retardierend“. Die Universität musste sich neu erfinden. Zettels Bedeutung für sie liegt in der Tat in seiner universitätspolitischen Tätigkeit, die ihn zu einer der zentralen Persönlichkeiten in den 50er bis 70er Jahre des 16. Jahrhunderts machte.

Im Wissenschaftsbetrieb hingegen spielte er kaum eine große Rolle. Vermutlich war er von Herzen Lehrer und nur in Maßen Forscher. Deshalb sind die von ihm überlieferten Werke auch überwiegend „Gelegenheitsreden bei Magisterpromotionen“ (dem typischen Aufgabenbereich der Artistenfakultät) , bei Beerdigungen ( so hielt er 1564 dem Kollegen Wolfgang Gotthard die Leichenrede). Sein „Erstlingswerk“ (es stammt von 1562: da hatte er schon mehr als ein Dutzend Jahre gelehrt) sind die „Causae ruentis reipublicae exemplis illustratae“, eine (moralphilosophisch geschwängerte) Beispielsammlung für den Bedeutungsverlust und letztlichen Zusammenbruch von Staaten seit der Antike, wohl eine Zusammenstellung von Passagen aus seinen Vorlesungen in Sachen Politik.

Ähnliches gilt für seine Schrift (von 1571) „Vita, facta, et res gestae Wilhelmi quarti ducis Bavariae“, mit der Zettel den Anspruch erhebt, die Lücke zwischen Aventins Bayerischer Chronik und der Jetztzeit zu schließen (also die Zeit von Anfang der 1520er Jahre an). Dabei unterscheidet sich Zettels „Konzeption grundlegend von Aventins Werk .(Zettels Buch ist) mehr eine durch Herzog Wilhelms Taten illustrierte fürstliche Tugendlehre als ein historisches Werk. (Zettel scheint ) damit eine Verbindung von Ethik und Geschichte vorwegzunehmen, wie sie fast 70 Jahre später bei Johann Bissel, Jakob Irsing oder Wilhelm von Gumppenberg (siehe Historische Blätter vom 15. April 2026) in Ingolstadt gepflegt wurde“ (Schöner).

In seiner Darstellung „Die Grabsteine der Ingolstädter Frauenkirche (1428 – 1829)“ im Sammelblatt des Historischen Vereins Ingolstadt ( 1925, Nr. 44) bezeichnet Johann Baptist Götz den Professor der Artistenfakultät Zettel als „einen eifrigen Geschichtsforscher, der sich auch viel mit der bayerischen Geschichte beschäftigte“.
Zu Zettels (untergegangenem) Epitaph schreibt Götz: „Das Grabmal befand sich an der Seitenwand der Corpus Christi-Kapelle , wo es noch Gerstner sah.“ (Gerstners „Geschichte der Stadt Ingolstadt“ erschien 1852.) “Zur Zeit Ostermairs - fährt Götz fort – war es aber bereits entfernt.“ (Franz Xaver Ostermair, Ingolstädter Rechtsrat und Mitbegründer des Historischen Vereins, lebte von 1830 bis 1905.) „Leider – beklagt Götz – hat uns Mederer die Inschrift nicht aufgezeichnet.“ (Johann Nepomuk Mederers „Annales Ingolstadiensis Academiae“ erschienen 1782).

Den Vorwurf an Mederer muss Johann Baptist Götz zumindest insoweit relativieren, als er (fünf Jahre später) in einem erneuten Aufsatz in den Historischen Blättern Ingolstadts (1930, Nr. 49) mit dem Titel „Ingolstadts Grabsteine, 4.Tl. : Das Grabsteinbuch des Ign. Dominikus Schmid“ ergänzend des Text des Epitaphs nachliefern muss:
„Wolfgangus Zettelius, Althamensis, philosophiae magister, professor, cammerarius et emeritus Academiae Ingolstadiensis , obyt Anno MDLXXVI, die XV Julii, cuius conjux prior Barbara Barthin Ingolstadiensis in fata concessit Anno MDLXV pridie quasimodogeniti, posterior eius conjux Margareta Hereszellerin Schrobenhusiana defuncta Anno Domini MDLXXXVII, 26 Junii, ex qua unica filia Anna Maria ex hac vita migravit Anno M…“

Wozu anzumerken ist,
- dass die Inschrift wohl fälschlich den 15. Juli als Todestag nennt, worauf eingangs bereits hingewiesen wurde;
- dass Zettel seine erste Ehefrau – Barbara Barth aus Ingolstadt – nach den Angaben des Biographischen Lexikons der Ludwig-Maximilians-Universität vor 1551 heiratete und sie am Vorabend des Weißen Sonntags, am 28 April 1565, verstarb;
- dass seine zweite Ehefrau – Margareta Hereszeller aus Schrobenhausen – ,die er am 25. Juni 1566 geehelicht hatte, am 26. Juni 1587 starb , ihren Mann also um 11 Jahre überlebt hat;
- dass das Epitaph - da dort das Todesdatum der zweiten Ehefrau eingraviert wurde – wohl ein Dutzend Jahre nach Zettels Tod entstand und in der Ingolstädter Liebfrauenkirche angebracht wurde;
- dass Auftraggeberin der Gedenktafel wohl die genannte Tochter Anna Maria war, deren Tod aber nicht abgewartet oder nicht berücksichtigt wurde, da ihr Todesdatum zwar vorgesehen war, aber nur ein „M…“ graviert wurde, um ggf. Raum für ein Todesdatum nach 1600 vorzusehen, dass es zum Eintrag selbst aber nicht mehr kam.