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Zur Städtepolitik der Ingolstädter Herzöge
von Gerd Treffer

Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 16 - Ausgabe Nr.237 vom 01.10.2026

Den Ingolstädter Herzögen war bewusst, sie würden sich im Konzert der Mächtigen, im Wettstreit der Fürstentümer nur dann behaupten, wenn sie dem Potential ihres Landes zur Entfaltung verhalfen. Bei diesem „Landesausbau“ räumten sie den Städten Vorrang ein. Politische Macht, wirtschaftliche Kraft, militärische Stärke waren eng verbunden mit urbaner Qualität. Aber auch als Orte der höfischen Kultur, der Kreativität und Kunst waren sie Quell des Renommees, des Ansehens und zunehmend auch als Sitz der Schulen, Hohen Schulen Orte des Denkens, Debattierens, Disputs und Darlegens von Ideen für die Zukunft.

Die Herzöge Stephan der Kneißl und vor allem Ludwig der Gebartete betrieben eine bewusste Stadtpolitik, die im ganzen Herzogtum einen spätmittelalterlichen Aufschwung mit von ihnen geprägten Zügen zur Folge hatte.


Vor allem Herzog Ludwig, der lange Jahre am Hof seiner Schwester zu Paris gelebt hatte, im Zentrum eines der mächtigsten Reiche der Zeit, und eng in die politische Führung einbezogen worden, mit den Strukturen der Verwaltung vertraut war, lag daran, sein Land zu „ertüchtigen“, zu „entwickeln“, „zukunftsfähig“ zu machen, nicht zuletzt, um aus einer Position der Stärke und des Erfolges heraus, anderen Mächtigen – Kaiser und Papst, Nachbarfürsten und Zeitunbillen – trotzen zu können.


Viele haben im Hinterkopf: Die Fürstlichkeiten des späten Mittelalters waren stets turnierende, Rüstung tragende, prachtvoll gekleidete Galane und Stutzer, die sich auf ihren Burgen bei üppigen Gastmahlen die Bäuche vollschlugen und Wein aus Scheffeln soffen.
Weit gefehlt. Die (meisten großen) Fürstlichkeiten genossen mutmaßlich zwar gern die Freuden des Lebens, waren aber durchaus darauf bedacht, „ihr Land“ bestens zu führen.


Die herzogliche Förderung bestand nun nicht in der Erweiterung städtischer Rechte auf Kosten der Landesherren. (Korrekterweise sei angemerkt: die hergebrachten Rechte der Städte wurden, gelegentlich, mit Abstrichen, bestätigt.)
Der Landesherr bestand auf seiner Stellung, behielt seinen Anspruch, Quell der Gesetze und Herr der Verwaltung zu sein. In Frankreich schrieben die Könige ans Ende ihrer Urkunden „denn dies ist unser gutes Plaisir“, es wird gewährt.
Die herzogliche Förderung der Stadt zeigte Wirkung in großzügigen und fortifikatorischen Maßnahmen.

So wurden in dem halben Jahrhundert des Bestehens des Herzogtums Ingolstadt (1392 – 1447) großangelegte neue Stadtbefestigungen vorgenommen, alte Stadtmauern verstärkt, mit dem Bau fester Burgschlösser in den herzoglichen Städten begonnen. In Neuburg etwa ließ Herzog Ludwig ein Burgschloss errichten. Neuburg war fortan einer der sichersten Orte im Herzogtum.


Nicht selten wurden der Bau einer Mauer und die Anlage von Gräben davor zum Anlass einer Stadterweiterung genommen, wurden außerhalb früherer Stadtmauern gelegene neugewachsene Viertel, Klöster, Handwerkersiedlungen einbezogen. Im Kern wurde häufig die urbane Qualität durch Pflasterung der Straßen verbessert.
Die Herzöge erkannten die Baumaßnahmen (speziell bei den Befestigungen) als Gewinn für „den Staat“ – der Begriff war damals noch nicht geboren, also eher als Vorteil für das Herzogtum – an und waren bereit, den Städten dazu monetäre Unterstützung zu gewähren, indem sie ihnen Markt- und Stapelrechte zubilligten, ihnen Maut- und Zolleinnahmen überließen.

So wurden sie in Stand gesetzt, sich als wehrhafte, befestigte Stadtzentren auszubauen (und schon durch die Wehrbaumaßnahmen ihr Handwerk zu fördern), ihr Ansehen als Stützen des Herzogs in der Abwehr feindlicher Bedrohungen zu steigern und sich – Stadtluft macht frei – sich als lebenswertes Umfeld attraktiv für Handel und Gewerbe zu präsentieren, als Orte, an denen man auch als Arbeiter im Stapel-Geschäft, als Lastkahn-Zieher, als Fischer, Metzger, Bäcker, Maurer, Zimmermann, Schlosser, Schmied – die brauchte jeder – aber auch als Zinn- oder Glockengießer Auskommen fand.
Damals wie heute: Nichts ist für die Stadt attraktiver als wirtschaftlicher Aufschwung.


Große Stadtkirchen wurden gebaut, um in ihnen vermittels gesammelter kostbarer Reliquien Heil für Land und Städte zu erwirken. Voran die Liebfrauenkirche im Mittelpunkt des Herzogtums, in der Hauptstadt, Ingolstadt. Da setzte Herzog Ludwig der Gebartete 1425 zu einem gewaltigen Kirchenbau an, in dem 9000 Menschen Platz finden konnten. Dabei zählte Ingolstadt damals kaum 4000 Einwohner.

Das zeigt: das Ingolstädter Münster sollte nicht etwa eine (neben St. Moritz) zweite Ingolstädter Pfarrkirche sein. Es war vielmehr geplant als Herrschaftskirche, wie Ludwig der Gebartete, solche Königs-Kathedralen (zu Notre-Dame) oder als Krönungs-Dome (zu Reims) kennengelernt hatte oder eben als Kathedralen, in denen der Schatz des Herrschers, die von ihm gesammelten Reliquien aufbewahrt wurden (wie in der Sainte-Chapelle in Paris). Und letztlich sollte die Ingolstädter Kathedrale Grablege der Dynastie Bayern-Ingolstadt werden (wie Saint Denis bei Paris, der Ort, an dem die französischen Könige – und übrigens auch die Ingolstädterin Isabeau de France – traditionell bestattet wurden).


Zentren der städtischen Förderung – neben der Landeshauptstadt Ingolstadt – wurden:

• Im Ingolstädter Umfeld Neuburg, Schrobenhausen, Aichach, Rain am Lech und Friedberg,

• im westlichen Landesteil die Donaustädte Höchstädt, Lauingen, Gundelfingen und Giengen, dazu kam noch Weißenhorn,

• im Landesteil „Land vorm Gebirge“ hatte den führenden Platz Wasserburg

• Im „Land im Gebirge“ lagen Kufstein, Kitzbühel und Rattenberg.

• Hinzu kamen 1429 aus dem zugefallenen Anteil am Straubinger Ländchen Dingolfing und Schärding


Sie alle profitierten von der fürstlichen Förderung des zu Ingolstadt residierenden Landesherrn.