Zur Verehrung der Heiligen Walburga: Kirchenbauten im französisch-sprachigen Raum
von Gerd Treffer
Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 15 - Ausgabe Nr.169 vom 01.03.2025
I. Vorspruch
In Verehrung der Heiligen Walburga hat der ehemals Ingolstädter Professor, Moritzpfarrer, Waisenhausstifter Peter Steuart, in seinen späten Lebensjahren in seiner Geburtsstadt Lüttich als Generalvikar des dortigen Bischofs eine Kirche zur Heiligen Walburga und ein daran anschließendes Nonnenkloster errichtet.
(Siehe dazu die Beiträge zu den Historischen Blättern Ingolstadt:
- Peter Steuart: Brillant in Wort und Tat (15. März 2024);
- Die Steuart-Epitaphe (1.April 2024);
- Ein Bild von Peter Steuart (1. Juli 2024) und
- Dem Peter Steuart seine Kirche und sein Frauenkloster zu Lüttich (15. September 2024)).
Um die Geschichte dieser Walburga-Kirche in Lüttich hat sich Michel Dusart verdient gemacht. Mitarbeiter der Lütticher Provinz-Bibliothek, Schriftsteller und Texter bekannter Comic-Strips (ein Kunstgenre für das Belgien weltberühmt ist), aber eben auch Heimatforscher, hat Dusart eine „Geschichte“ dieser Steuart-Kirche vorgelegt.
(Sainte Walburge.400e anniversaire de la paroisse Ste-Walburge, Liège -Belgique; o.O. (Lüttich), o.J ( 2013)).
Dusart hat sich dabei (auch) damit befasst, an welchen Orten in Belgien und dessen Nachbarländern zur Verehrung der Heiligen Walburga Kirchen errichtet wurden (,die heute noch bestehen).
Aufgrund der engen Verflechtung der Heiligen mit dem Bistum Eichstätt erscheint es von Interesse, seine Forschungsergebnisse ( auch wenn sie nicht immer den engen Normen der akademischen Geschichtsschreibung entsprechen, aber eine immense Arbeit darstellen), die bislang allein in französischer Sprache erschienen sind, in den Ingolstädter Historischen Blättern nachzuzeichnen.
II. Walburga-Kirchen in Belgien.
Im heutigen Belgien gibt es nach Dusart elf Walburga-Kirchen (,die erwähnte und beschriebene Steuart-Kirche in Lüttich eingeschlossen). Die zehn verbleibenden sind zu je fünf auf die flämische und die wallonische Region verteilt.
Anvers /Antwerpen
Seit dem 9. Jhdt. gab es dort eine von Mönchen errichtete, den Heiligen Amand und Eloi gewidmete Kapelle. Eine Bulle des Papstes Lucius II. (1181-1185) stellt sie unter den Schutz der Heiligen Walburga. 1249 in romanischem Stil neu gefasst, wird sie in Antwerpen zur „Hafenkirche“, Heimatkirche der Flussfahrer und Seeleute. 1492 wird sie Opfer eines verheerenden Brandes. In gotischem Stil neu erbaut, wachsen ihr im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte bedeutende Kunstwerke zu – vor allem Gemälde eines gewissen Rubens. Die Zeiten um die Wende vom 18. zum 19 Jhdt. bringt dem Gotteshaus Zerstörung und Plünderung, 1797 durch die Franzosen, 1816 durch die Holländer.
Die heutige Kirche wird ab 1936 neu gebaut und 1938 konsekriert.
Audenarde
Die Heilige Walburga ist die Schutzherrin der Stadt und Namensgeberin eines imposanten Bauwerks, dessen aufstrebender Turm die Stadt überragt. Die Ursprünge des Baus werden im 9 Jhdt. vermutet, der Epoche , so Dusart, „ der Hochzeit der Verehrung der Äbtissin von Heidenheim“. Das heutige Bauwerk ist eine erstaunliche Zusammenwürfelung von Baukörpern des 13. bis 16. Jhts.
Brügge /Bruges
Die Walburga-Kirche in Bruges entstand (erst) 1642 in barockem Stil als Jesuitenkirche, zusammen mit ihrem Konvikt und wurde nach dem Verbot des Ordens dem Zerfall überlassen. Der Pfarrgemeinde wurde sechs Jahre später gestattet, das verlassene Gebäude zu nutzen. So wurde aus der vordem dem Heiligen Franz Xaver gewidmeten Jesuiten- eine pfarrliche Walburga-Kirche .Hier werden – nach Dusart - die Häupter der Heiligen Willibald, Wunibald, Walburga aufbewahrt, die der Überlieferung nach von Karl dem Kahlen seinem Schwiegersohn, Balduin I., „Bras-de Fer“/ Eisenarm, dem ersten Grafen von Flandern, übergeben worden waren.
Furnes/ Veurne
Am Ort der heutigen Kirche mit ihrem hochragenden Spitzturm stand schon im 7. Jhdt. ein heidnischer Tempel, der durch eine Marienkirche ersetzt und mehrmals von den Normannen zerstört wurde. Der schon im Zusammenhang mit den Reliquien von Brügge genannte erste Graf von Flandern Balduin „Eisenarm“, vergab (um 870) an die hiesige Benediktinerabtei Reliquien der Heiligen Walburga und ihrer Brüder. („Eisenarm“ hatte immerhin eine Ur-Enkelin Karls des Großen und Tochter eines Kaisers geheiratet. Warum gerade er über die Reliquien der Eichstätter Heiligen verfügen konnte, ist eine andere Geschichte). Dies ist nur eine der Versionen über den Ursprung des Walburga-Kultes in Furnes. Die Reliquien selbst sind heute aber sehr wohl vor Ort in einem wertvollen Schrein vorhanden. Im 12. Jhdt. wurde die „Sint Walburgakerk“ in romanischem Stil erweitert. Mehrere Versuche in gotischer Zeit, den Bau zu neuem Glanz zu führen, wurden unternommen, aber, aus finanziellen Gründen, nie vollendet. 1899 erfolgte eine neogotisch inspirierte Neugestaltung. 1901 bis 1904 baute man ein neues Querschiff, in dessen nördlichem Teil der Heiligen Walburga gedacht wird. Sie ist dargestellt ,flankiert von Statuen ihrer Brüder ( was sehr selten ist). Die Statue der Heiligen selbst aus Holz und vergoldet, mit einer Kirche zu ihren Füßen, stammt aus dem 19. Jhdt.
Eine Grünanlage, westlich der Kirche, trägt den Namen St-.Walburga-Park. Der frühere Friedhof der Kirche ist Teil davon.
Meldert (Teil der Gemeinde Alost/Aalst – Ostflandern, 30 Kilometer norwestlich von Brüssel)
Die Pfarrei Sankt Walburga dort ist vermutlich im 11. Jhdt. entstanden, eine urkundliche Erwähnung erbringt 1189 die Schenkung des Ortsbischofs eines „Altares von Meldert“ an die
Benediktinerabtei von Affligem.
Eine romanische Kirche wird 1356 durch die Söldnerhaufen des Grafen von Flandern zerstört, der mit dem Herzog von Brabant im Streite liegt. Ein Teil des Turms kommt der Zerstörung aus.
1363 entsteht ein gotischer Neubau, der im 16. Jhdt. niedergebrannt wird. Ein neuer Bau wird in den französisch-spanischen Auseinandersetzungen verwüstet. 1891/92 erhält die Kirche ihr heutiges Aussehen. Die Heilige Walburga ist dort als Statue, im Glasfenster und als Gemälde zu sehen. Die früher hier deponierten Reliquien wurden 1688 von deutschen Söldnern geraubt.
Chiny (Provinz Luxemburg)
980 erwirbt Graf Arnold (Arnulf) von Chiny, ein Abkömmling Karls des Großen, den Ort am Fluss namens Semois durch Heirat und errichtet eine Grafschaft.Sein Sohn baut auf einem Felsvorsprung eine Burg und zieht eine Wallmauer um den Ort. Der fünfte Graf (Arnold II.) lässt eine Burgkapelle einrichten , die als Priorat St-Walburga genannt wird, stattet es mit reichlich Besitz aus und schenkt sie 1097 dem Kloster Sankt Arnulf zu Metzt. Im 17. Jhdt. zerstören französische Truppen die Burg samt Kapelle. Das Gelände wird zum Friedhof, darauf wird eine Kapelle errichtet, die 1829 durch die heutige Kirche ersetzt wird.
Sart (Stadtviertel von Lierneux, Provinz Lüttich)
Eine Walburga-Kapelle wird im 14.Jhdt. in lehensrechtlichen Verzeichnissen von Stavelot erwähnt. Die Gründung des (mithin) damals schon bestehenden Gebäudes wird nach einer Überlieferung einem Herrn von La Bedinne zugeschrieben, der ihm zum Unterhalt die Mühle von Sart zueignete. Die Kapelle wird Teil der Pfarrei von Lierneux und von einem Kaplan betreut, von einer kurzen Zeit (1660 bis 1669) abgesehen, als Maximilian-Heinrich von Bayern, Bischof von Lüttich eine eigene Pfarrei dort einrichtet, was aber umgehend widerrufen wird. Es bleibt dann bis ins 19.Jhdt. bei der Kaplanie. Unter französischer Herrschaft, und dem Konkordat von 1801 entsprechend, wird Sart dauerhaft eine eigene Pfarrei und umfasst die Bereiche Grand-Sart, Petit-Sart und Joubieval.
Der heutige neo-klassizistische Bau entstammt der zweiten Hälfte des 19. Jhdts. Er ahmt die räumlichen Verhältnisse nach, die für die Architektur an der Maas im 11. und 12 Jhdt. charakteristisch sind. Ein alter Friedhof umgibt die Kirche.
Stockem – ein Weiler bei Arlon
In Stockem wird 1624 eine Kapelle erwähnt, die dem Heiligen Marcus gewidmet (aber mutmaßlich viel früher errichtet worden) war. Bis 1842 gehört Stockem zur Pfarrei Freylange und ist nur ein Vikariat – dessen Inhaber die Aufgabe hat zu predigen und Katechismus-Unterricht zu erteilen, und - im 18. Jhdt. – Schullehrer zu sein.
1840 beschließt der Gemeinderat (von Heinsch, auf dessen Grund Stockem liegt), die Kapelle wegen Baufälligkeit zu schließen und eine neue Kirche zu bauen. Der Bezirksarchitekt legt zwei Jahre darauf, eine Planung für eine Kirche vor, die angesichts des Bevölkerungswachstums größer ist als ihre Vorgängerin. Sie wird in gut einem Jahr bis Juli 1843 gebaut. Der Bischof beschließt im Juli 1844, den Kirchensprengel zu teilen, Stockem zur eigenen Pfarrei zu erheben und sie unter das Patronat der Heiligen Walburga zu stellen.
1966 bis 1972 wird das Bauwerk restauriert. Es erhält einen neuen Altar, und seine Orgel wird instandgesetzt.
In der Kirche befindet sich eine originelle Walburga-Statue mit der Anmutung der Heiligen als Wegweiserin.
Weris (Stadtteil von Durbuy, Provinz Luxemburg)
Die erste Walburga-Kirche, im 11.Jhdt. nach dem klassischen Muster für romanische Pfarrkirchen erbaut, hat – von allen belgischen Walburga-Kirchen – am eindrucksvollsten ihr ursprüngliches Aussehen bewahrt (und wurde 1938 in die Denkmalliste Belgiens aufgenommen). Älteste Teile des Bauwerks sind der 14 Meter hohe Turm und die massiven Mauern der früheste Zeit. Das Kirchenschiff wurde im 16.Jhdt. verlängert, was es möglich machte, beiderseits des Chores Kapellen anzubauen. Zwei Statuen der Heiligen Walburga werden hier aufbewahrt, eine aus Holz aus der Mitte des 16. Jhdts. , die zweite, ebenfalls aus Holz und farbig bemalt, im 17. Jhdt. entstanden.
III. Walburga-Kirchen in Luxemburg und in den Niederlanden
Dusart verweist zu Luxemburg auf die Kirchen in Steinfort und Contern, für „Holland“ auf die imposante und architektonisch komplexe gotische Anlage von Zutphen.
IV. Walburga-Verehrung in Frankreich
Dusart führt an, dass es eine Walburga-Verehrung in nahezu zwanzig französischen Départements gibt, mit einem Schwerpunkt im nord-östlichen Landesteil.
Er verweist insbesondere darauf, dass die (Klein-)Gemeinde Walbourg (im Département Bas-Rhin in der Region Grand-Est, im Arrondissement Hagenau-Wissembourg) ihren Namen der Heiligen verdankt.
Im 10.Jhdt. war von bayerischen Mönchen im Elsaß ein Walburgis-Kloster errichtet worden. Manche Quellen geben 1074 als Gründungszeitpunkt an und erwähnen das Wohlwollen des örtlichen Lehensherren, Graf Thierry de Montbéliard. Das Kloster pflegte enge Beziehungen zu den Mächtigen der Zeit und erhielt Privilegien und Hilfen.
Der Ort entwickelte sich um die Benediktinerabtei Sankt Walburga herum, in der Friedrich II., Herzog von Schwaben und das Herz seiner Ehefrau Judith von Bayern (wohl 1130/31) bestattet wurden – die Eltern von Kaiser Friedrich Barbarossa,.
Der Kaiser Rotbart, lobesam, gewährte dem Kloster, in dem seine Eltern letzte Ruhe fanden , zahlreiche Privilegien und erhob es in den Rang einer kaiserlichen Reichs-Abtei.
Die gotische Kirche Sankt Walburga (1456 bis 1462 erbaut), Elemente eines romanischen Vorgängerbaus einschließend, wurde schließlich namensgebend für den Ort.
Ende des 14. Jhdts. besitzt die Abtei Güter und Rechte in rund dreißig Dörfern. Von Papst und Kaiser protegiert bauen die Benediktiner den Besitz aus, vergrößern die Kirche, bereichern ihre Innenausstattung, evangelisieren die Umgebung, betreuen die Pilgernden.
In den Bauernkriegen wird das blühende Kloster zerstört, werden die Mönche vertrieben – allein die Kirche bleibt verschont. Der Dreiig-jährige Krieg setzt der Walburgis-Tradition eine Ende. Aber Ludwig XIV. mit seinem besonderen Ehrgeiz für das Elsaß gibt der Abtei neuen Auftrieb. 1685 wurde, was übrig geblieben war, dem Straßburger Seminar übergeben und von den Jesuiten geleitet. Die allerdings werden 1764 als Orden aufgelöst und das große Straßburger Seminar führt die Institution fort. Die französische Revolution macht all dem ein Ende. Die Abtei wird konfisziert, wird Eigentum des Staats und versteigert, 1796 an einen reichen Industriellen. 1946 kommt sie an das Bistum Straßburg zurück
Andere Beispiele des Walburga-Kultes, die Dusart aufführt, sind die ihr gewidmete Kirche in Leonville (Meuse) - ein eigener Altar in der Krypta von Verdun – die Kirche in Vesly (Manche), in der Walburga verehrt wird, ihre Statue ( aus Stein, 16. Jhdt.) aber in die dortige Peterskirche verlegt wurde – die Kirche in Chaudeney-sur-Moselle (Meurth-et-Moselle) bei Tours (, wo eine farblich gefasste Holzstatue der Heiligen aus dem 17. Jhdt. gestohlen wurde und 2008 nach vergeblichen polizeilichen Nachforschungen durch eine neue Statue ersetzt wurde, wenigstens blieb das Glasfenster mit der Abbildung der Heiligen erhalten).
