Aemilius Romanus - aus der Reihe der Ingolstädter Hebraisten
von Gerd Treffer
Historische Blätter Ingolstadt - Jahrgang 15 - Ausgabe Nr.168 vom 15.02.2025
Dass Ingolstädter Gelehrte sich unschätzbare Verdienste um die hebräische Sprache und Literatur und die Bewahrung jüdischen Kulturgutes vor dem Furor christlicher Eiferer erworben haben, ist nicht so bekannt, wie es die Leistungen der Leuchten der Bayerischen Landesuniversität verdienten.
Hier steht Johannes Reuchlin (1455-1522) an der Spitze.
Seine literarische Begabung drückte sich zunächst in seinen philologischen Arbeiten zum Lateinischen und Griechischen aus. Seine im Laufe der Jahre erweiterten Kenntnisse der hebräischen Sprache und Literatur brachten ihm den Ruf ein, der erste „vir trilingus“ nördlich der Alpen zu sein. Den Ehrentitel als „Begründer der christlichen Hebraistik“ erwarb er sich vor allem durch die „Rudimenta Hebraica“ von 1506, eine Grammatik mit Wörterbuch. „Nach der kursorischen hebräischen Grammatik von Konrad Pelikan (gedruckt 1504) stellen die Rudimenta die erste umfassende Darstellung der hebräischen Sprache aus christlicher Feder dar und bildeten die Grundlage für den universitären Hebräisch-Unterricht“ (Stefan Rhein im Biographischen Lexikon der Ludwig-Maximilians-Universität). Beeindruckend war Reuchlins Einsatz für den Erhalt der hebräischen Literatur, als er 1510 in einem Gutachten gegen den durch Johannes Pfefferkorn angestoßenen Plan votierte, alle Schriften der Juden im Kaiserreich zu vernichten und einredete, man müsse sich zuvor intensiv mit der jüdischen Literatur auseinandersetzen, sie prüfen und beurteilen, was naturgemäß entsprechende Sprach- und Kulturkenntnisse erfodere. Die Folge war ein fast zehn Jahre dauernder Prozess, der bis vor die römische Kurie getrieben wurde und in akademischen und politischen Kreisen in ganz Europa Beachtung fand und Reuchlin auch persönlich existentiell belastete. Von seiner Prozessniederlage (das Urteil erging im Juli 1520) erfuhr Reuchlin in Ingolstadt: „Die Universität Ingolstadt hatte – offensichtlich auf Betreiben des Herzogs – dem durch den Prozess auch finanziell sehr belasteten Reuchlin eine neue Aufgabe als Griechisch- und Hebräisch-Lektor angeboten“ (ebenda). Er wurde je zur Hälfte vom Herzog und von der Universität besoldet. Er wohnte im Hause des großen Theologen Johannes Eck, des Gegenspielers von Martin Luther. Bei Reuchlins Vorlesungen zu griechischen Autoren, seinem Sprachunterricht anhand von Moses Kimichs hebräischer Grammatik hörten ihm nach eigenen Angaben zwischen 300 und 400 Studenten zu. Dann verlies Reuchlin Ingolstadt wieder und gab eine starke Epidemie als Grund für seinen Wegzug an. Er kehrte nach Württemberg zurück und lehrte bis zu seinem Tod im Juni 1522 Griechisch und Hebräisch an der Universität Tübingen.
Während sich Reuchlin also nur vergleichsweise kurz in Ingolstadt aufhielt, war Aemilius, einer anderen Generation zugehörig, dann dreißig Jahre lang in Ingolstadt tätig.
Aemilius Romanus, mit Vornamen Paul, stammt nach eigenen Angaben aus einer jüdischen Familie in Rödelsee in Unterfranken, einem Ort mit einer bedeutenden jüdischen Gemeinde (Lorenz Böninger im Biographischen Lexikon der Ludwig-Maximilians-Universität). Mit Unterstützung des späteren Bischofs von Augsburg und künftigen Kardinals von Santa Sabina, Otto Truchsess von Waldburg , reist Aemilius nach Rom.
( Otto Truchsess von Waldburg-Tauchberg (1514 – 1573) förderte Wissenschaft und Kunst, stand mit führenden Gelehrten seiner Zeit in Kontakt und gab viel Geld für den Ausbau seiner Schlösser, Bibliotheken und Kunstsammlungen aus; als Kardinal (ab 1544) nahm er an fünf Konklaven teil und war an der Gründung des Collegium Germanium sowie an den Vorläufereinrichtungen der späteren Universität Dillingen beteiligt.)
In Rom nimmt Aemilius den christlichen Glauben an und gibt sich einen neuen Namen, dessen Bestandteil „Romanus“ auf den Ort der Glaubensänderung hinweisen soll.
Aemilius steht im Dienste der Farnese, Castro und Gradoli. Er kopiert für den bayerischen Humanisten und Orientalisten Johann Albrecht Widmannstetter (drei) kabbalistische Handschriften. (Siehe dazu: H Striedl; Paulus Aemilius an J.A. Widmannstetter. Briefe von 1543/44 und 1549. Aus dem Hebräischen übersetzt und kommentiert; in: Horst Leuchtmann u.a. (Hrsgb.); Ars iocundissima…; Tutzing, 1984, S. 333ff.)
Nach Bayern zurückgekehrt, tritt Aemilius, nun Romanus, 1542 in Augsburg „mit dem jüdischen Wanderdrucker Chajjim Schwarz in Verbindung. Die Pläne, als dessen Teilhaber im gleichen Jahr nach Ferrara zu reisen, um dort gemeinsam eine Drukerei für hebräische Werke aufzubauen, zerschlugen sich“ (Böninger). Noch 1542 wird Aemilius als Buchdrucker bei St. Ursula in Augsburg tätig, wo er 1543 auf Hebräisch das Melochim-Buch, 1544 das Schemuel-Buch und einen hebräisch-deutschen Pentateuch druckt.
(Siehe: Paul Geissler; Neues vom hebräischen Frühdruck in Augsburg; in: Guttenberg-Jahrbuch 42/1967; S. 118 ff. – Moshe Nathan Rosenfeld; Der jüdische Buchdruck in Augsburg in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ;1985 – Hans-Jörg Künast; Chajjim Schwarz und Paulus Aemilius; in: Fördern und Bewahren; 1966, S. 157 ff. – ders.; „Getruckt zu Augspurg“. Buchdruck und Buchhandel in Augsburg zwischen 1468 und 1555; 1997).
Ab (spätestens) Mai 1545 und bis 1575 lehrt Aemilius dann an der philosophischen Fakultät der Universität Ingolstadt Hebräisch (mit einer Besoldung von 40 fl., ab 1555 von 5o fl.).
Christoph Schöner hat festgestellt, dass von den Inhabern der Hebräisch-Lekturen in Ingolstadt nie einer dem Konzil der artistischen Fakultät angehörte. Er führt dies darauf zurück, dass keiner den Magistergrad vorweisen konnte, der in Ingolstadt unausgesprochene Voraussetzung für die Mitgliedschaft im Konzil war. Das trifft zu für die konvertierten Juden Werner von Bacharach ( ab 1523) und David Leonhard (seit 1529). (Juden war der Zugang zum Studium verwehrt und beider Konversion erfolgte spät). Nicolaus Wittmann (1536 – 1538) und Wilhelm Weinus (ab 1538) besaßen nachweislich keinen Magistertitel. Bei Aemilius Romanus sind die Angaben nicht ganz eindeutig. Aber auch er scheint für die Aufnahme ins Konzil nicht hinreichend qualifiziert gewesen zu sein. Bei seiner Immatrikulation, die erst längere Zeit nach seiner Anstellung als Lektor erfolgte, ist kein akademischer Titel genannt. (Christoph Schöner; Mathematik und Astronomie an der Universität Ingolstadt im 15. und 16. Jahrhundert; Berlin, 1994, S. 386 u.ö.).
Leonore Liess schreibt in ihrer Geschichte der medizinischen Fakultät in Ingolstadt von 1472 bis 1600 (München, 1984; S.183), Aemilius Paulus sei seit 1547 (Matrikel-Nr. 636) an der Universität eingeschrieben gewesen (angekommen war er, wie oben erwähnt 1545 ,und wie ebenfalls genannt erst später eingeschrieben worden) und habe in diesem Jahr das medizinische Bakkalaureat (Fakultäts-Matrikel Nr. 119) erworben. Es wäre dann sein einziger akademischer Titel gewesen.
In Ingolstadt verfasst Aemilius „eine gelehrte Bekehrungsschrift und Auseinandersetzung mit jenen jüdischen Glaubensartikeln, die den christlichen Glauben ablehnen“(Böninger), die
„Widerlegung und ablainung etlicher fürnemster Articul und Ursachen darumb die Juden iren und der gantzen Welt rechten und wahrhaftigen Messiam Jesum Christum nit annhmen“ (Ingolstadt,1548 u.ö.).
In Ingolstadt erscheint ferner 1562 die Übersetzung „ Die zway ersten Bücher der Könige, welche Samuelis genanndt werden, in aine schöne Form begriffen, die nit allain dem Leser anmutig ist, sundern auch den Biblischen Text leichtert, und besser verstehn lernt, auß dem Hebraischen buchstaben mit fleiß in unser Hochteutsch gebacht“ (Ingolstadt,1562).
!575 beginnt Aemilius mit der „Katalogisierung der hebräischen Handschriften und Drucke der Münchener Hofbibliothek“ (Böninger), eine Aufgabe, die er nicht mehr zu Ende bringen kann.
Verheiratet war Aemilius mit Anna Pflanzmann und hatte insgesamt 17 Kinder.
Er starb am 9. Juni 1575 in Ingolstadt und wurde im Münster Zur Schönen unserer Lieben Frau bestattet.
Johann Baptist Götz berichtet in seinem Beitrag zum Sammelblatt des Historischen Vereins Ingolstadt (1925, S.29 f.) über die Grabsteine der Ingolstädter Frauenkirche von einem „verwitterten Kalkstein-Epitaph an (deren) äußerer Südwand, östlich des östlichen Südportals unter dem zweiten Fenster“. Die Grabplatte habe sich ursprünglich im Kircheninneren, in der Barbarakapelle befunden. Sie sei dann an den genannten Platz im Freien verbracht worden, „wo (sie) vollständig zu Grunde ging“. Den Text allerdings hätten alte Historiker überliefert (wie z.B. Ostermair – ebenfalls im Sammelblatt des Historischen Vereins, Nr. XVI):
„(Anno) 1575, den 9. Juni starb der
(Ernveste) und wolgelert Herr M
(Paulus Aemilius)Romanus, (der) heil.
(Sprach) Professor allhie.
Anno 15.. (den…starb die)
Ehrentugend(same Frau)
(Anna) Pflanzmann(in)
(deren Seelen Gott genade Am(en“.
Über der Schrift befand sich ein Relief, die Bekehrung des Paulus darstellend , darunter die Familie des (ebenfalls bekehrten Paulus Aemilius) in der üblichen schematischen Darstellung : sechs Söhne und elf Töchter. Auf dem Stein befand sich auch ein Wappen, das aber völlig abgeblättert ist.
