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20.03.2026

Juwel im Fleißer-Archiv

Übergabe eines seltenen Buchumschlags

Einen originalen und sehr seltenen Buchumschlag zur Erstausgabe von Marieluise Fleißers Roman „Mehlreisende Frieda Geier“ (1931) konnte Klaus D. Gültig, Neffe der Ingolstädter Literatin und testamentarischer Verwalter ihres Nachlasses, in seiner Familie ausfindig machen. Die Rarität hat er nun dem Marieluise-Fleißer-Archiv zukommen lassen.

Zur Übergabe im Fleißerhaus kamen Kulturreferent Marc Grandmonagne, Kuratorin Doris Wittmann, der Vorsitzende der Fleißer-Gesellschaft Andreas Betz sowie Prof. Dr. Gustav Frank von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dabei berichtete Andreas Betz, dass im Nachlass von Marieluise Fleißer nur ein einziges ihrer Bücher einen solchen Schutzumschlag besaß und dass ebendieses Juwel nun wieder zurück in Ingolstadt sei.

Ein Buchumschlag, der in der heutigen Zeit nichts Ungewöhnliches ist, war vor 100 Jahren noch etwas Besonderes. Vorreiter auf diesem Gebiet war Georg Salter. Er brillierte in den 1920er Jahren als Designer mit seinen Buchumschlägen in Berlin, ehe er aufgrund seiner jüdischen Wurzeln in die USA emigrieren musste. Er arbeite unter anderem für den Kiepenheuer-Verlag, bei dem auch Marieluise Fleißers Erzählband „Ein Pfund Orangen“ und der Roman „Mehlreisende Frieda Geier“ erschienen.

Zum Schutzumschlag von Georg Salter für Marieluise Fleißers „Mehlreisende Frieda Geier“ hat Prof. Dr. Gustav Frank recherchiert und Folgendes herausgefunden: „Im Oktober 2021 wurde in Berlin ein Exemplar von Marieluise Fleißers Mehlreisende Frieda Geier. Roman vom Rauchen, Sporteln, Lieben und Verkaufen versteigert. Ausdrücklich heißt es im Auktionskatalog: „(mit SU)“, also mit Schutzumschlag. Der Zuschlag erfolgte für € 2600. Nicht zuletzt wohl deshalb. Eine immerhin signierte Erstausgabe des Romans war dagegen vor einiger Zeit für ‚nur‘ € 280 auf dem Markt. Schon dieser Erstdruck von 1931 im Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin, ist eine Rarität. Das ist auch den Zeitumständen geschuldet. Fleißers Buch taucht auf den „Listen des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ der Nazis nach den Bücherverbrennungen seit dem 10. Mai 1933 auf. Das hat seiner Verbreitung, seiner Aufbewahrung und Sammlung sicher geschadet. Ebenfalls, dass er sich einer kulinarischen Lektüre entzieht. Dass der Roman damit ein Meilenstein, ein ganz spezifisch Ingolstädter Meilenstein der modernen Stadt-Literatur ebenso ist wie Joyces Ulysses ein spezifisch Dubliner Meilenstein, ist heute unstrittig.

Die Auktionspreise sind ein deutlicher Hinweis darauf, dass auch das ganze Buch in seiner medialen Gestalt ein Monument des Büchermachens um 1930, ja ein Kunstwerk darstellt. Der Leineneinband, der Schutzumschlag und wohl auch die Typographie stammen vom Buchgestalter Georg Salter. Er war es, der den ursprünglich tatsächlich zum Schutz des modernen Gebrauchsbuchs der 1920er Jahre gedachten Papierumschlag nicht nur zum multifunktionalen Werbeträger für Autor und Verlag, sondern zum einzigartigen Kunstgegenstand erhebt. Vor seiner erzwungenen Emigration in die USA gestaltet Salter in Deutschland gut 300 Umschläge, danach bis 1967 für die renommiertesten Verlage und Autoren dort weitere gut 700 Umschläge. Alle sind heute bei Sammlern geschätzt und gesucht. Am bekanntesten ist sein Umschlag für Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz 1929. Im selben Jahr verantwortet er auch die erste Buchpublikation der Autorin bei Kiepenheuer: Ein Pfund Orangen und 9 andere Geschichten der Marieluise Fleißer aus Ingolstadt.

Salters gestalterische Fantasie besonders angeregt scheinen die Titel von Marieluise Fleißer zu haben. Davon zeugt, dass er für die Mehlreisende sogar zwei Entwürfe macht. Die schlichtere Variante, die das Buch als Mehlpäckchen mit dem Kurztitel als Bauchbinde präsentiert, wird jedoch zugunsten der raffinierteren fallengelassen: Bei ihr kommen die vier Buchstaben von „Mehl-“ jeweils als ein roter Sack mit weißem Aufdruck daher, während darunter die „reisende“ auf einem blauen Dampfzug mit Lok und zwei Waggons geschrieben fährt.“