Geschichte der Stadt
Band über die Entnazifizierung in Ingolstadt
Mit einer umfangreichen Dokumentation auf fast 1.300 Seiten schildert der Ingolstädter Historiker und Jurist Dr. Gerd Treffer anhand der Spruchkammerakten, die sich im Stadtarchiv Ingolstadt erhalten haben, die Spruchkammerverfahren gegen rund 2.200 Ingolstädterinnen und Ingolstädter, die Mitglied in der NSDAP oder einer ihrer Organisationen wie SA, SS, Nationalsozialistisches Kraftfahrerkorps u.a. waren.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte auf Anordnung der US-Besatzungsmacht jeder Volljährige in Bayern einen Fragebogen auszufüllen, ob er, wann und warum, Mitglied einer Nazi-Organisation war. Entgegen einer landläufig verbreiteten Meinung, bei dieser Umfrage hätten viele falsche Angaben gemacht, ist eindeutig belegt, dass damals genaue Gegenprüfungen mit anderen NS-Karteien und Übersichten aus Betrieben oder Organisationen, keinen Schwindel zuließen, und die Versuche dazu von den US-Behörden aufgedeckt und von US- Militärgerichtshöfen mit drakonischen und abschreckenden Strafen geahndet wurden.
In allen Fällen der nachgewiesenen Mitgliedschaften fanden dann in vor eigens eingerichteten Spruchkammern Verfahren statt, in denen zu klären versucht wurde, auf welche Weise die jeweilige Person zur Partei oder ihren Gliederungen beitrat und in welche Kategorie (Hauptschuldiger, Belasteter, Minderbelasteter, Mitläufer oder Nicht-Betroffener) sie einzustufen war. Wer in die ersten drei Kategorien eingestuft wurde oder noch auf sein Verfahren warten musste, hatte in Gefangenen- oder Straflagern mitunter jahrelange Haft zu erfahren und wurde mit einem Arbeits-Verbot in einer anderen Beschäftigung als in einfacher Arbeit belegt.
Akten aus Archiven als Grundlage
Alle in Ingolstadt (vor zwei Kammern) verhandelten Verfahren sind mit ihren „Urteilen“ und deren dahinterliegenden Begründung erhalten und wurden vom Autor des Bandes, Gerd Treffer, einem promovierten Historiker und Doktor der Rechtswissenschaft, bearbeitet. Das Bayerische Staatsarchiv hat dazu die Signaturen der in seinem Haus zu den Namen vorliegenden Entnazifizierungs-Akten zur Verfügung gestellt, die bei jedem einzelnen Namen (soweit vorhanden) angeführt werden, so dass für die weitere Forschung wertvolle Erschließungsarbeit geleistet wurde.
Deutlich werden in der Dokumentation Treffers auch Strukturen, die dazu geführt haben, dass sich der Nationalsozialismus auf lokaler Ebene so rasch und nachhaltend durchsetzen konnte. Ein Beispiel: Die Nationalsozialisten besetzten konsequent das Arbeitsamt. Kamen Langzeitarbeitslose, die teils verzweifelt nach Brot und Lohn suchten, war die erste Frage: „Sind Sie Parteimitglied?“. War die Antwort „Nein“, wurden die Betroffenen aufgefordert, diesen Makel zu beseitigen und erst dann bestünde die Chance auf Vermittlung. Andere traten der Partei bei, obwohl sie früher linken Parteien, Gewerkschaften oder Vereinen angehört hatten, um für sich oder Familienangehörige oder nahe Freunde den Schutz vor staatlicher Willkür und Verfolgung zu erhalten, der Parteimitglieder zustand.
Um gewissen Erwartungen an die Darstellung von vorneherein zu begegnen: Diese Dokumentation stellt den Bestand der Spruchkammerakten dar. Sie ist geschichtswissenschaftlich angelegt und keine Beurteilung der Lebensläufe der genannten Personen (mögen sie nun in welche Kategorie auch immer eingestuft worden sein). Die Frage, welche Rolle genannte Personen später im gesellschaftlichen Leben der Stadt spielten, spielt hier keine Rolle. Dieser Frage gehen die Autoren der „Geschichte Ingolstadts“ aber nicht aus dem Weg: Sie wird in den Nachfolgebänden abzuhandeln sein.
Historisches Langzeitprojekt
Der vorliegende Band ist Teil des großen, von Siegfried Hofmann noch vor der Jahrhundertwende ins Leben gerufenen, historischen Langzeitprojekts, die Geschichte der Stadt nicht neu, sondern unter Berücksichtigung der jüngsten Geschichtsforschung zusammenzufassen. Ein Vorhaben, das von den Oberbürgermeistern seit Peter Schnell mitgetragen und gefördert wurde.
Dazu trägt der vorliegende Band in Mosaiksteinen bei.
Gerd Treffer; Geschichte der Stadt Ingolstadt; Bd. V 1918 – 1972;
Entnazifizierung in Ingolstadt – 1946 bis 1948;
Hrsgb. von der Stadt Ingolstadt, Zentrum Stadtgeschichte, Stadtarchiv
Ingolstadt, 2026. 1.295 Seiten. ISBN: 978-3-9820770-3-1
